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Juggernaut, Seite 1

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Prolog

Meril genoss den wunderschönen Anblick, den der Park im silbernen Mondlicht darbot. Der volle Mond stand tief über den dunklen Baumwipfeln und ließ sie den dumpfen Schmerz in ihrem Bein für eine Zeit nahezu vergessen. Eigentlich hätte sie schon vor Stunden zuhause sein sollen, aber der Anblick, der sich ihr hier bot, hatte sie gefesselt. Was sollte ihr Vater schon groß tun, wenn sie zu spät kam?
Es war zwar ein wenig schade, dass Beggar, der kleine Streunerhund, der hier im Park lebte und mit dem sie gerne spielte, heute abend nicht aufgetaucht war, aber so konnte sie sich wenigstens zurücklehnen und völlig auf die Aussicht konzentrieren.
Auf einmal durchbrachen gedämpfte Stimmen die völlige Stille, die sie zuvor genossen hatte. Genervt sah sie in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Es waren schon vereinzelt Leute vorbei gekommen, doch bisher waren alle schön ruhig gewesen.
Sie sah einen jungen Mann, der sich mit einer etwa gleich alten Frau unterhielt. Der Mann stand sehr nah an der Frau und sagte mit gedämpfter Stimme etwas, das Meril nicht verstehen konnte. Die Frau sah sich nervös um, doch schien Meril nicht zu bemerken.
Vermutlich ein junges Liebespaar, dachte das Mädchen. Wollen wohl nicht gesehen werden.
Meril wandte sich wieder von ihnen ab, doch nach wenigen Sekunden hörte sie, wie der Mann der Frau etwas zu zischte. Obwohl sie nicht verstand, was er gesagt hatte, klang es alles andere als freundlich, also sah sie noch einmal zu den beiden hinüber.
Der Mann hatte sich etwas versteift, rückte näher an die Frau heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr, dann sah Meril einen älteren Mann um die Ecke kommen. Er stockte für einen Moment, als er das Paar sah und nickte ihnen kurz zu, dann trafen seine Augen kurz auf Meril und er ging auf sie zu. Der andere Mann wandte sich wieder der Frau zu.
Mit schnellen Schritten kam er auf das sitzende Mädchen zu.
Meril erinnerte sich, dass ihr Vater sie davor gewarnt hatte, nachts unterwegs zu sein und sie spürte, dass sie sich anspannte. Doch als der Mann näher kam, stellte Meril fest, dass er nett aussah und sie entspannte sich wieder.
Als er direkt vor ihr stand, öffnete er den Mund. „Ich leih mir die eben aus!“
Er griff nach einer der Krücken, die neben Meril an der Bank lehnten.
Sie wollte gerade protestieren, doch er gebot ihr mit einem Finger an den Lippen, leise zu sein. Irgendwie wirkte der Mann vertrauenswürdig auf Meril, also blieb sie ruhig und sah ihm nur fragend nach, als er mit ihrer Gehhilfe in beiden Händen zurück in Richtung des Paares schlich. Erst als er fast direkt neben den beiden stand, bemerkte die Frau ihn. Meril konnte ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, doch sie machte keinen Versuch, ihren Freund zu informieren.
Dann plötzlich riss der ältere Mann Merils Krücke in einer schnellen Bewegung nach vorne, sodass der harte Metallfuß gegen den Hinterkopf des anderen Mannes schlug. Der Mann sackte sofort auf dem Boden zusammen und eine im Mondlicht glänzende Messerklinge fiel aus seiner Hand auf den Kiesweg.
Erschrocken sprang Meril auf, doch als ihr rechter Fuß den Boden berührte und der Schmerz durch ihr Bein zuckte, brach sie zusammen. Sie versuchte, sich an der Bank festzuhalten, doch das einzige, das sie erreichte war, dass sie ihre Krücke mit sich umwarf.
Sie spürte, wie das Blut ihr vor Scham in die Wangen schoss, als sie versuchte, sich wieder aufzurichten, doch bevor sie wieder stand, war der ältere Mann neben ihr und bot ihr seine Hand an. Ihren Blick abgewandt ergriff Meril sie und ließ sich hoch helfen, sorgsam darauf bedacht, ihren rechten Fuß nicht zu belasten. Als sie wieder stand, gab der Mann ihr ihre Krücke zurück.
„Tut mir leid.“, erklärte er. „Ich wollte nicht, dass du dir wehtust. Ich brauchte nur etwas um den Überfall zu stoppen.“
Überfall?, wollte Meril fragen, doch dann wurde ihr die Situation klar. Die beiden waren gar kein Paar gewesen, sondern der Mann hatte die Frau ausrauben wollen. Deshalb hatte er auch das Messer gehabt.
„Kein Problem!“, versicherte Meril, die sich dumm fühlte, weil sie die Situation nicht durchschaut hatte.
„Es ist schon spät!“, wechselte der Mann plötzlich das Thema. Er deutete auf den bewusstlosen Räuber „Ich muss zwar noch ihn hier wegbringen, aber wenn du willst, kann ich dich bei dir zuhause absetzen.“
Meril warf noch einen Blick auf den silbernen Mond. Es wäre vermutlich am besten, wenn sie wirklich langsam nach Hause käme. Außerdem würde sie zu Fuß bestimmt noch eine halbe Stunde brauchen, bis sie dort ankäme. Sie nickte.
„Ich heiße übrigens Meril. Meril Takagi.“, stellte sie sich vor.
„Duncan Warden!“

Kapitel 1

Entspannt verließ Duncan den Aufzug und bog nach rechts in den Gang zu seinem Büro ein. Als er an der nächsten Wegkreuzung links abbog, erwartete Ivy ihn schon.
Ivy Potter war vor zwei Jahren in die HF-Universität für neue Marines in Florida eingetreten, aber hatte bereits nach zwei Monaten aufgegeben.
Weniger als zehn Prozent aller Bewerber überstanden die dreijährige Ausbildung dort und etwa sechzig Prozent traten schon im ersten Semester aus.
Anschließend hatte sie sich bei ihm für die Stelle als seine Assistentin beworben und er hatte sie eingestellt, da ihm seit seiner Beförderung zum Lieutenant ihm eine Hilfe zustand.
Ivy hatte gewellte, zu einem Pferdeschwanz gebundene blonde Haare und trug tiefroten Lippenstift. Ihre cremefarbene Bluse und der schwarze Rock saßen wie immer perfekt, als sie auf ihn zukam.
„Lange Nacht, hab ich gehört!“, begrüßte sie ihn. Dann fiel sie in sein Schritttempo ein und folgte ihm in sein Büro. Sie schloss die Tür hinter sich.
„Ich konnte nicht schlafen, also habe ich einen Spaziergang im Park gemacht. Konnte sogar noch einen Überfall verhindern.“
„Sergeant Cooks vom Police Departement hat angerufen. Sie brauchen noch deine Aussage, soll ich einen Termin ausmachen?“, fragte Ivy mit einem Blick auf das Tablet in ihrer Hand.
Duncan nickte. „Du hast meinen Terminkalender besser im Kopf als ich.“
Er dachte an das arme Mädchen, das er vergangene Nacht getroffen hatte. Ihre Augen hatten asiatisch ausgesehen, aber er war sich aufgrund der Narben auf ihrer Wange nicht sicher gewesen, bis sie ihren Namen gesagt hatte. Auch die Haut auf ihren Armen hatte vernarbt ausgesehen, wenn er aufgrund des schwachen Mondlichtes auch nicht hatte erkennen können, was genau das Problem war. Und dann waren da noch die Krücken gewesen. Er fragte sich, was wohl geschehen war, das zu diesen Verletzungen geführt hatte.
„Also, gibt es neue Informationen zum Juggernaut?“
Ivy scrollte schnell auf dem Touchpad ihres Tablets, dann stellte sie sich neben ihn, so dass sie beide auf den Bildschirm sehen konnte. Duncan fiel auf, dass Ivys Nägel in dem selben Rot lackiert waren, das sie auch als Lippenstift trug. „Das Video wurde gegen zwei Uhr von einer Überwachungskamera nahe der Zentralbank aufgezeichnet.“
Auf dem Bildschirm sah Duncan eine breitschultrige Gestalt, gekleidet in einen schweren, bodenlangen Rock und einen Ärmellosen Hoodie, auf dessen Rücken sich ein großer Aufnäher befand, der ein auf den Kopf gedrehtes Friedenszeichen darstellte. Auf dem rechten Oberarm des Jungen war die kleine Narbe zu sehen, die darauf hindeutete, dass er sich seinen ID Chip hatte entfernen lassen.
Dystopia, dachte Duncan. Wer immer das ist, er gehört zum Juggernaut.
Er ging auf die Wand zu, die sich direkt im Sichtfeld der Kamera befand und zog eine Spraydose heraus. In großen, gelben Buchstaben schrieb er eine Uhrzeit und ein einzelnes Wort an die Wand.
2 pm Sickle
Sickle Industrial Corporation war der Entwickler der optischen Interfaces, die die Bots der Hero Factory verwendeten und somit ein wichtiger Zulieferer.
„Wie spät ist es?“, wollte Duncan wissen.
„Halb eins.“, antwortete Ivy. „Aber es geht noch weiter.“
Erneut blickte Duncan auf das Display. Nachdem der Mann fertig war, wandte er sich zur Kamera um und ging einige Schritte auf sie zu. Ein schwarzes Tuch mit einem sandfarbenen Rautenmuster verdeckte die untere Hälfte seines Gesichtes, doch Duncan bemerkte eine auffällige Warze über seinem rechten Auge. Die Augen des Jungen waren hellgrün und eine lange, braune Locke lugte aus seiner Kapuze heraus. Zusammen mit der etwas schiefen linken Augenbraue hielt Duncan das für genug Informationen, um sein Gesicht wiedererkennen zu können, wenn es auch nicht genug sein dürfte, um vor einem Gericht standzuhalten.
Er hob die Hand mit der Sprühflasche und drückte auf den Auslöser. Daraufhin färbte sich der Bildschirm erst gelblich, dann wurde er schwarz und die Aufnahme endete.
„Ernstzunehmen?“, fragte Ivy nach seiner Meinung. Es hatten sie in der Vergangenheit schon öfter Drohungen erreicht, die scheinbar das nächste Ziel von Dystopia angaben und obwohl sich die meisten davon als falsch herausgestellt haben, waren einige wenige davon tatsächlich echt gewesen.
Duncan wusste nicht mit Sicherheit, warum Dystopia ihre Ziele manchmal im Voraus bekannt gab, aber er vermutete, dass es ihnen darum ging, zu beweisen, dass sie in einem Kampf gegen die Hero Factory bestehen können. Etwas, das nicht viele von sich behaupten konnten.
„Ich werde auf jeden Fall mit ein paar Leuten da sein. Sonst noch etwas?“
„Kammer P-4 wird heute gewartet.“
P-4 war die Botkammer, die Duncans Büro am nächsten lag und die er deshalb meistens verwendete, wenn er in der Gestalt seines Bots unterwegs war.
Duncan nickte die Information ab. Das war zwar unpraktisch, stellte aber kein Problem dar. „Havering Sr. will ein Update zum Juggernaut.“ William Havering war ein guter Freund von Duncan gewesen, als die beiden sich in der Ausbildung kennengelernt hatten, doch während Duncan sich weiter als Marine vorgearbeitet hatte, hatte Havering es geschafft, in den Vorstand der HF einzutreten und inzwischen war er sogar Teil der doppelten Führungsspitze der Firma. Seitdem war der Kontakt zwischen ihm und Duncan fast ausschließlich professionell gewesen. Inzwischen sprachen sie außerhalb der Arbeit so wenig miteinander, dass Duncan ihn nicht einmal mehr wirklich als Freund bezeichnen würde.
„Nach dem Einsatz, dann habe ich ihm etwas konkreteres zu sagen. Außerdem muss ich mich noch vorbereiten.“
„Morgen kommen die Viertsemester von der Uni zu Besuch. Sie hatten sich bereiterklärt, sie herumzuführen.“
Duncan seufzte. Havering hatte verlangt, dass er aufgrund der relativen Bekanntheit, die er sich verdient hatte, als er einige Monate zuvor einen großen Drogenring hatte auffliegen lassen, die Führung übernahm. „Ja, ich weiß. Ist das alles?“
Ivy warf noch einen letzten Blick auf ihr Tablet, dann bejahte sie seine Frage.
„Danke, Ivy, ich sag dir Bescheid, wenn ich noch was brauche!“
Seine Assistentin nickte knapp, dann verließ sie den Raum. Duncan lauschte dem sich entfernenden Klacken ihrer Absätze auf dem harten Boden. Als die Geräusche verstummt waren, ließ er sich in seinen Schreibtischsessel fallen. Ausgerechnet heute, wo er vielleicht eine Möglichkeit hatte, dem Juggernaut gegenüber zu treten, hatte er kaum Schlaf gefunden. Er schloss die Augen. Besser er döste noch eine Stunde, als dass er übermüdet zu einer Mission startete.

Kapitel 2

Mit mechanischen Augen inspizierte Duncan ein letztes Mal seine Waffensysteme, während die Plattform, auf der sein Bot stand aus dem Lager transportiert wurde.
Sein Interface zeigte ihm an, dass alle Waffen vollständig geladen waren und keine technischen Defekte vorlagen und auch seine manuelle Inspektion hatte nichts anderes ergeben. Lieber zu vorsichtig als tot, dachte er sich. Er erinnerte sich noch genau an den Vorfall vor einigen Monaten, bei dem ein Rookie versucht hatte, einen ausgemusterten Bot zu steuern und infolge einer Überladung im Kontrollkern der Maschine für zwei Wochen im Koma gelegen hatte. Duncan hatte kein Interesse daran, einen solchen Vorfall zu wiederholen, weshalb er seinen Bot sowie die Steuereinheit, die er verwendete, vor jedem Einsatz mindestens einmal prüfen ließ und sie fast jedes Mal auch noch einmal selbst überprüfte.
„Boss?“ Ivys Stimme war klar und deutlich, als würde sie neben ihm stehen. Duncan wusste, dass der Empfang bei zunehmender Entfernung von der HF schlechter werden würde, doch innerhalb der Stadtgrenzen, die dieser Einsatz nicht überqueren würde, dürfte es keine wirklichen Kommunikationsschwierigkeiten geben.
„Ivy?“ Seine eigene Stimme klang schwer und erneut bemerkte Duncan, wie die leichte Verzögerung zwischen dem Akt des Sprechens und der Tonausgabe seines Sprachmoduls ihn schwach lallen ließ.
„H. ist bereits vor Ort. Noch kein Zeichen des Juggernaut, aber Control Room hat schwache elektromagnetische Signale im Umkreis von Sickle wahrgenommen. Die unmittelbare Umgebung wurde evakuiert.“
Duncan bestätigte. Jim Havering war der Sohn von Will Havering und ein aufstrebender junger Mann, der es in der Rekordzeit von nur zwei Jahren geschafft hatte, vom Rookie zum vollwertigen Marine zu werden. Da er sich seinen Namen mit seinem Vater teilte, nannte ihn inzwischen fast jeder in der Hero Factory nur H.
Die Bewegungen der Plattform, auf der Duncan stand, wurden langsamer, dann stoppten sie unter einem kuppelförmigen Dach. Nach einer guten Sekunde öffnete sich die Kuppel und Duncan fand sich im strahlenden Sonnenschein wieder. Er stand auf dem Dach von einem der HF Lagerhäuser, die sich nur zwei Querstraßen von dem Hauptquartier entfernt befanden. Neben ihm öffnete sich eine weitere Kuppel und ein zweiter Bot erhob sich. Natalie Dimmer, wie Duncan an dem matten Dunkelblau des Bots erkannte, eine dekorierte Marine, die mit sechsundvierzig Jahren langsam auf den Ruhestand zuging. Sie war ebenfalls dieser Mission zugewiesen worden und war in der gleichen Botkammer zugestiegen wie Duncan.
„Funkkontakt?“ Dimmers Stimme hatte einen angenehmen, weichen Klang, auch wenn ihre Ausdrucksweise sich meist zwischen unhöflich im besten und vulgär im schlechtesten Fall bewegte.
„Hergestellt.“, erwiderte Duncan, dann sprang er mit seinen mechanischen Beinen ab. Hinter ihm schloss sich die Blase wieder, doch Duncan schenkte ihr keine Beachtung. Dicht gefolgt von Dimmer nutzte er die übermenschliche Stärke und Beweglichkeit seines Bots um von Dach zu Dach zu springen und so dem in seinem HUD angezeigten Ziel so effektiv wie möglich näherzukommen.
Duncan bemerkte, dass einige Passanten auf den Straßen unter ihnen sie mit ihren Blicken verfolgten, doch aufgrund der schnellen Bewegungen der Bots und der Sichthindernisse, die die Häuser darstellten, würde kaum jemand sie länger als ein paar Sekunden im Blick haben. Behielten sie ihre Geschwindigkeit bei, würden sie in weniger als fünf Minuten bei Sickle sein.
„Mission Control an Lt. Warden und Sgt. Dimmer, empfangen Sie?“, die fremde Stimme überraschte Duncan. Normalerweise wendete sich Mission Control immer zuerst an Ivy, die dann die Informationen an Duncan weitergab.
„Was gibt es?“, fragte er.
„Dystopia hat sich zu erkennen gegeben, sie greifen das Gebäude von vier Seiten an. Havering verteidigt die Nordostseite, die Sicherheitskräfte haben sich aufgeteilt und verteidigen die anderen drei Seiten. Sie müssen sich beeilen und sie ablösen, damit sie sich auf eine Seite konzentrieren können.“
„Bastarde! Wir sind unterwegs. Ich nehme die Ostseite“, erklärte Dimmer mit gewohnt ruhiger Stimme.
„Ich nehme Westen!“, erklärte Duncan. Das Team hatte die Karte der Fabrik vor der Mission studiert und die Südseite verfügte über die besten Verteidigungseinrichtungen, weshalb sie diese den hauseigenen Sicherheitskräften überließen.
Obwohl die Marines nach dieser Warnung ihr Tempo noch weiter erhöhten, kam es Duncan wie eine Ewigkeit vor, bis sie sich aufspalteten und die gegenüberliegenden Seiten des Gebäudekomplexes erreicht hatten. Erst als Duncan am Westeingang des Gebäudes zum Stehen kam, bemerkte er, dass er allein war. Keine Sicherheitskräfte, keine Widerstandskämpfer.
„Mission Control? Ich befinde mich am Zielpunkt, aber es findet kein Kampf statt.“
Er erhielt keine Antwort, also rief er den Status seines Kommunikationsmoduls auf. Es war aktiv und verbunden. Erst auf den zweiten Blick fiel Duncan auf, dass die Frequenz nicht stimmte. Der zwanzigstellige Code, der für die Kommunikation während dieser Mission zugeteilt worden war, entsprach nicht demjenigen, den sein Modul anpeilte.
Eine Falle, dachte Duncan, dann gab er dem Funkmodul den mentalen Befehl, die Position seines Verbindungspartners zu bestimmen. Wenn er schon in eine Falle getappt war, dann wollte er doch zumindest vorbereitet sein, wenn sie zuschnappte.
Doch plötzlich, noch bevor die Suche, die er veranlasst hatte, abgeschlossen war, hörte er ein Motorengeräusch, höchstens hundert Meter von ihm entfernt. Er drehte sich ruckartig zu der schnell näher kommenden Quelle des Geräusches um und sah im letzten Moment, wie ein großer, gepanzerter LKW auf ihn zugerast kam. Er schaffte es gerade noch über den Wagen hinweg zu springen und der kritischen Kollision zu entgehen, doch in der Luft stellte er fest, dass das Dach des Anhängers, der an den LKW gekoppelt war, fehlte und das schwere Geschütz darin direkt auf ihn gerichtet war. Sofort brach eine Salve von Maschinengewehrfeuer auf ihn los. Da Duncan sich mitten im Sprung befand, hatte er keine Möglichkeit auszuweichen und riss stattdessen die gepanzerten Arme hoch um die empfindlichen Sensoren, die sich an Kopf und Körper des humanoiden Bots befanden zu schützen. Da er damit jedoch seine Sicht blockierte, war das leise Zischen ihrer Antriebe die einzige Warnung, die Duncan erhielt, bevor zwei Raketen ihn trafen.
Wie hatte ich diesen LKW nur übersehen können? Ich wusste doch, dass das hier eine Falle war!, verfluchte Duncan sich selbst.
Mehrere Systeme meldeten Schaden, doch die Schnellüberprüfung des Bots versicherte ihm, dass alle Geräte noch problemlos funktionierten, also sah Duncan keinen Grund vor einem Kampf zu fliehen. Sobald er wieder Bodenkontakt hatte, stürmte er auf den LKW zu. Dieser fuhr gerade eine enge Kurve und beschleunigte erneut in dem Versuch ihn zu rammen, während auf dem Anhänger die Seitenwände heruntergefahren wurden. Duncan hatte nicht viel Zeit, bevor das Geschütz ihn auch auf dem Boden angreifen konnte, also musste er kurzen Prozess machen. Er richtete seinen in den Unterarm integrierten Granatwerfer auf den sich nähernden Wagen und feuerte.
In einer grellen Explosion wurde das Führerhaus zerstört und der Wagen verlor schlitternd an Fahrt. Duncan war dennoch gezwungen, dem auf ihn zukommenden Wrack auszuweichen und begab sich damit erneut ins Schussfeld des noch funktionierenden Geschützes. Die meisten der Kugeln, die das Maschinengewehr auf ihn abgab verursachten keinen oder nur marginalen Schaden, doch eine Kugel traf in eine seiner vier optischen Kameras und schränkte sein Sichtfeld so ein wenig ein. Eine weitere Kugel die sich in den Wärmesensor in seiner Brust verirrt hatte, sorgte dafür, dass die in seinem HUD angezeigte Kamera alle Informationen über Wärmequellen in der Umgebung verlor, bevor es Duncan gelang, eine weitere Granate auf das Geschütz abzugeben und auch dieses damit zu zerstören. Der Kugelhagel endete und Duncan ließ das System erneut einen Kurzcheck durchführen. Neben den beiden sensorischen Defekten war das Metall an seinem linken Schultergelenk verbogen, was seine Bewegungsfreiheit jedoch kaum einschränken würde. Außerdem hatten die Raketen die Panzerung über seinem Energiespeicher etwas gelockert. Solange diese noch vorhanden war, musste er sich keine Sorgen machen, aber das zu reparieren würde seine oberste Priorität sein, sobald er in die HF zurückkam.
Als er das Kommunikationsmodul öffnete um Mission Control mitzuteilen, dass er die Mission abbrechen musste, lieferte ihm ein Pop-Up die Antwort auf die Suche, die er vor dem Kampf aufgegeben hatte. Der Ursprung des Signals, das ihn in diese Falle gelockt hatte, befand sich nur wenige Meter hinter ihm.
Auf dem Dach des flachen Gebäudes von Sickle.

Kapitel 3

Er fuhr herum und für einen kurzen Moment wurde er von dem hellen Sonnenlicht geblendet, das vom polierten Metall des Juggernaut reflektiert wurde.
Als die zwei Meter große, humanoide Metallgestalt das erste Mal zutage getreten ist, war man davon ausgegangen, er sei ein Bot, so wie diejenigen, die die Hero Factory verwendete, doch inzwischen hatte die HF die Wahrheit herausgefunden. Der Juggernaut war in Wirklichkeit eine Hightech-Rüstung, die von einem Piloten, der sich tatsächlich darin befand, gesteuert wurde.
Die massive Gestalt aus glänzendem Blau und Orange machte einen Schritt vorwärts und ließ sich von dem flachen Dach fallen. Der dumpfe Aufprall zeugte von dem beeindruckenden Gewicht, das der Anzug haben musste.
„Hero Factory Lieutenant Duncan Warden, nehme ich an?“, die Stimme, die über das Funkgerät übertragen wurde, war nicht elektronisch verzerrt worden. Es handelte sich um eine tiefe, leicht nuschelnde Männerstimme, aber Duncan konnte nicht sagen, ob der Juggernaut seine Stimme nicht vielleicht selbst verstellte.
„Der bin ich. Dürfte ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“ Der Marine erwartete nicht, dass der Juggernaut seinen Namen preisgeben würde, aber es konnte nicht schaden, es zumindest zu versuchen.
Ein knappes Lachen tönte durch sein Funkgerät, aber sonst folgte keine Antwort. Dann schritt der Juggernaut ohne weitere Warnung auf Duncan zu. Gleichzeitig hob er die Arme und feuerte einige harte Salven aus den an ihnen montierten Gewehrläufen. Duncan sprang zur Seite und schaffte es, die Salven zu vermeiden. So mächtig der Juggernaut war, so schwerfällig war er auch.
Nun war es an Duncan, seinen Granatwerferlauf auf seinen Gegner zu richten. Er feuerte, doch der Juggernaut machte keine Anstalten, auszuweichen. Stattdessen ließ er die Haftgranate seine Brust treffen und verschwendete dann keine Zeit, sie abzureißen und zurückzuwerfen. Duncan, der nicht mit so etwas gerechnet hatte, versuchte zurückzuspringen, wurde jedoch trotzdem von der Druckwelle der Explosion getroffen und fiel zu Boden. In einem schwerfälligen Lauf kam der Juggernaut auf ihn zu. Er zog ein orangefarbenes Breitschwert aus einer Scheide an seinem Rücken und holte zu einem kräftigen Schlag aus. Duncan gelang es gerade noch, wieder auf die Füße zu kommen, bevor die massive Klinge dort zu Boden sauste, wo gerade noch der Kopf seines Bots gewesen war.
Er war bereits gewarnt worden, dass der Juggernaut im Nahkampf höchst gefährlich war, doch Duncan hatte vor, das gegen ihn zu verwenden. Mit Sicherheit kannte wer immer der Pilot des Exo-Suits war seinen Ruf und würde überheblich werden. Solange Duncan es nur schaffte, seinen schwerfälligen Hieben auszuweichen, sollte es ihm möglich sein, den Terroristenanführer zu besiegen.
„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte er den Mann in blau-orange, der den Schwung seines fehlgeschlagenen Hiebes nutzte, um direkt noch einmal zuzuschlagen.
„Euer Kontrollzentrum versucht seit einiger Zeit, ihre beiden gesandten Marines zu kontaktieren. Da die Frau gerade am Ostende dieser Fabrik beschäftigt ist, war es nicht schwer, herauszufinden, wer du sein musst.“
Duncan hatte keine Zeit zu antworten. Trotz der Schwerfälligkeit des Juggernaut teilte dieser in nicht zu unterschätzender Geschwindigkeit Hiebe aus, sodass es schwerer und schwerer wurde, diesen auszuweichen; Für einen Gegenangriff hatte Duncan erst recht noch keine Gelegenheit gehabt.
„Was habt ihr hier vor?“ Duncan hatte es geschafft, die leichte, ausfahrbare Klinge zu ziehen, die in seinem Ärmel aufbewahrt wurde. Er hieb nun zwischen den Schlägen seines Gegners selbst zu, doch dieser machte nicht einmal einen Versuch, diesen auszuweichen, so wenig schienen sie seiner Rüstung zu schaden.
Duncan fragte sich, aus welchem Material wohl seine Rüstung bestand, denn nach dem, was Marines aus vorherigen Kämpfen mit ihm berichtet hatten, musste sie um einiges stabiler sein als ein Hero Factory Bot.
„Das wirst du in Kürze erfahren!“, versprach die nuschelnde Stimme des Terroristen.
Dieser veränderte nun sein Schlagmuster. Zuvor hatte er immer abwechselnd von beiden Seiten zugeschlagen, doch nun schuf er mehr Variabilität. Mal kam ein Schlag von oben, mal ließ er die Klinge zurück federn und schlug ein zweites Mal von der selben Seite zu.
Es dauerte nicht mehr lange, bis einer der Hiebe Duncans Bein traf. Es war zum Glück nur ein Streiftreffer gewesen, sonst hätte er es wohl sauber abgetrennt, aber auch so durchtrennte er mehrere künstliche Nervenleitungen und machte den Fuß damit unbrauchbar. In einer für so einen massiven Körper blitzschnellen Bewegung schlug der Juggernaut ein zweites Mal zu und trennte beide Hände von Duncans Bot ab. Wehrlos versuchte dieser zurückzuweichen, doch mit einem harten Bodycheck warf sein Gegner ihn zu Boden.
Dann bohrte sich die breite Klinge seines Schwertes in die empfindliche Elektronik von Duncans Brust.
Von dem Schwert seines Gegners an den Boden geheftet, blieb Duncan nichts anderes übrig, als wehrlos mit anzusehen, wie hinter dem Rücken des Juggernaut eine gewaltige Explosion die Fabrikhalle erschütterte.

Kapitel 4

Mit der linken Hand auf ihre Krücke gestützt und halb auf die Küchentheke gesetzt, stand Meril fast bequem. Ihre Beine, vor allem das rechte, schmerzten natürlich wie immer und ihr linker Arm wurde langsam taub, aber dafür, dass sie tatsächlich stand und nicht lag oder zumindest saß, fühlte sie sich gut. In ihrer rechten Hand hielt sie ein großes Glas, von dem sie immer wieder vereinzelte Schlucke nahm und das inzwischen noch zu etwa einem Drittel gefüllt war. Durch die offene Tür der Küche und die nur angelehnte Tür seines Arbeitszimmers konnte Meril den Rücken ihres Vaters sehen, der an seinem Schreibtisch saß.
Er arbeitete an seinem Computer, der jedoch außerhalb ihres beschränkten Sichtfeldes stand, und unterhielt sich angeregt mit jemandem am Telefon. Meril fragte sich, mit wem und worüber er sprach, denn er redete weder Englisch noch Japanisch. Das Mädchen hatte bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal gewusst, dass ihr Vater eine dritte Sprache beherrschte doch in dieser Zeit hatte sie ihn oft dabei gehört, wie er in dieser irgendwie hart klingenden Sprache telefonierte.
Sie setzte das Glas noch einmal an ihre Lippen und trank das, was noch von ihrem Saft übrig gewesen war, in einem Schluck aus.
Sie setzte das Glas auf der Küchentheke ab und griff nach ihrer zweiten Krücke, dann erhob sie sich und humpelte langsam auf die Treppe zu.
Sie hatte Angst vor der Treppe.
Zwar war sie sie seit fast einem Jahr nicht mehr heruntergefallen, doch das letzte Mal hatte sie sich dabei ihren linken Arm gebrochen, die einzige ihrer Gliedmaßen, die noch ohne Einschränkungen funktionierte. Der Arm war zwar nach der Zeit im Gips noch immer genau so beweglich und belastbar wie zuvor, aber es war schwierig für sie gewesen, monatelang nur einen Arm zur Verfügung zu haben, vor allem, weil sie eigentlich schon zum Laufen beide brauchte.
Auch hatte Meril nie verstanden, warum ihr Vater darauf bestand, dass sie weiterhin oben wohnte. Er meinte, er wolle ihr Zimmer nur nicht neben seinem Büro oder Schlafzimmer haben, da er oft bis spät in die Nacht arbeiten musste und sie dann nicht wecken wollte, doch manchmal hatte Meril das Gefühl, er verheimlichte ihr etwas.
Gerade als sie die Eingangstür ihres Hauses auf dem Weg zur Treppe passierte, ertönte der sanfte Gong ihrer Haustürklingel. Ohne nachzudenken streckte sie ihre Hand nach der Türklinke aus und öffnete die unverschlossene Tür.
„Meril, geh auf dein Zimmer! Ich öffne die Tür.“, rief die Stimme ihres Vaters aus Richtung seines Arbeitszimmers. Dann fügte er hastig hinzu: „Mach nicht auf!“ Er klang nervös, als wäre es gefährlich für sie, die Tür zu öffnen, doch als sie aufschwang, standen dort nur drei Männer und eine Frau. Keiner von ihnen sah besonders gefährlich aus.
Einer der Männer war sehr jung, höchstens zwanzig. Er hatte lockiges braunes Haar und kräftige grüne Augen. Neben ihm stand ein Mann, der aussah wie sein Vater. Er hatte die gleichen Haare, auch wenn der graue Ansatz verriet, dass seine nur noch so braun waren, weil er sie färbte. Auch seine Augen waren grün, doch er war nicht mit der großen Warze über seinem Auge gestraft, die sein Sohn hatte. Der dritte Mann war ebenfalls im Alter des Vaters, vielleicht sogar noch ein paar Jahre älter. Er hatte dunkelbraune, von grauen Strähnen durchsetzte Haare. Auch sein Bart zeigte Anzeichen von Grau. Das auffälligste an ihm waren jedoch die Augen. Sein linkes Auge war hellblau, das rechte von einem dunklen Braun.
Wie ein Husky!, dachte Meril. Doch sonst wirkte der Mann nicht wie ein Hund. Er stand sehr aufrecht und strahlte eine Autorität aus, die selbst ihr Vater als Bürgermeister nicht erreichte.
Links neben diesem stand schließlich die Frau. Sie war um einiges jünger als ihr Begleiter – Meril schätzte sie auf ende zwanzig ein – und hatte rotblonde Haare.
Hektisch kam hinter Meril ihr Vater um die Ecke geeilt und setzte zu sprechen an, vermutlich um sie zu vertreiben, doch bevor er etwas sagen konnte, hielt der ältere Mann ihr die Hand hin.
„Du musst Meril sein, nicht wahr? Mein Name ist Harold Craw, ich bin ein Freund deines Vaters“, stellte er sich vor.
Meril sah unsicher auf seine Hand herunter, doch als er sie nicht zurück zog, löste sie ungelenk ihre Hand vom Griff ihrer rechten Krücke und ergriff die ausgestreckte Hand ungeschickt. Mit dem Ellenbogen stützte sie sich auf ihre Gehhilfe, damit diese nicht umfiel.
„Ja, ich bin Meril“, erwiderte sie. „Dad hat Sie nie erwähnt.“
Der Händedruck des Mannes war sehr fest, doch er schüttelte ihre Hand kaum, offenbar ebenfalls darauf bedacht, ihre Krücke nicht zu Boden fallen zu lassen. Als er ihr direkt in die Augen sah, senkte Meril den Blick und löste den Händedruck wieder. Die Augen des Mannes schüchterten sie aus irgendeinem Grund ein.
„Schön, dass ihr zwei euch jetzt kennengelernt habt!“, knurrte ihr Vater plötzlich. „Meril, geh auf dein Zimmer. Jetzt!“
Meril nickte, den Kopf noch immer gesenkt.
„Sei doch nicht so streng zu dem armen Mädchen, Hideo!“, tadelte Harold Craw ihn mit einem amüsierten Unterton. „Es ist doch nett, dass wir deine hübsche Tochter mal sehen durften.“
Meril spürte, wie ihre von den Narben unversehrte linke Wange errötete. Sie wusste, dass niemand bei klarem Verstand ihr verunstaltetes Gesicht hübsch nennen konnte, doch trotzdem fühlte es sich gut an, ein Kompliment zu erhalten. Selbst wenn es sarkastisch gemeint war.
Sie griff wieder nach dem Griff ihrer Krücke und machte sich langsam an den schwierigen Aufstieg der Treppe. Hinter ihr traten die vier Besucher ein und schlossen die Tür. Zusammen mit ihrem Vater entfernten sie sich in Richtung seines Büros.

Kapitel 5

„Was ist da genau passiert?“, Haverings Stimme klang gereizt, was Duncan gut nachvollziehen konnte. Der Einsatz, von dem das Team vor etwa fünf Stunden zurückgekehrt war, war ein kompletter Fehlschlag gewesen. Nicht nur war Duncans Bot zerstört und von den Terroristen mitgenommen worden, die Dystopianer hatten es auch noch geschafft, trotz der Anwesenheit von Hero Factory Marines einen wichtigen Teil der Produktionsanlagen von Sickle zu zerstören und damit einen essentiellen Teil der Botkonstruktion für die nächste Zeit lahmzulegen.
„Sir, die Terroristen haben uns mithilfe eines gefälschten Funkspruchs getrennt und einzeln lange genug aufhalten können, um eine Bombe zu deponieren und zu zünden. Außerdem haben sie Baupläne und Prototypen verschiedener Interfacesysteme gestohlen“, erläuterte Dimmer.
Havering schien nicht zufrieden mit der Erklärung. „Das weiß ich, Sergeant. Ich will wissen, wie das passieren konnte? Warum ward ihr nur zu dritt?“
„Mit allem Respekt, Sir, aber wir erhalten fast täglich falsche Drohungen. Wir sind davon ausgegangen, dass es sich hierbei nur um eine weitere handelte. Drei erfahrene Marines hätten eigentlich ausreichen sollen.“
Duncan hielt sich zurück, während Dimmer das Reden übernahm. Theoretisch war es als höchstrangiges Mitglied des Einsatztrupps seine Aufgabe, den Einsatzbericht abzugeben, doch da er nach der Zerstörung seines Bots nichts mehr mitbekommen hatte, war es Dimmer zugefallen, das Statement abzugeben.
Inzwischen hatte er erfahren, dass H., der unsicher im Hintergrund stand und versuchte, seinem Vater nicht aufzufallen, es kurz vor der Explosion geschafft hatte, die Panzer an der Nordseite zu zerstören und dann zur Westseite aufgebrochen war. Dort hatte er jedoch niemanden mehr vorgefunden. Der Juggernaut war schon mit Duncans Bot entkommen, als er eingetroffen war. Auch Dimmers Gegner hatten das Weite gesucht, als sie von der Explosion abgelenkt gewesen war.
„Warden, Sie haben gegen den Juggernaut gekämpft. Gibt es neue Informationen, die uns helfen können?“ Es fühlte sich merkwürdig an, von Havering gesiezt zu werden und normalerweise verzichtete er auch auf die Höflichkeitsform. Nur, wenn er wütend war, verwendete er das Sie.
„Ich habe über Funk mit ihm gesprochen. Der Funkspeicher sollte seine Stimme aufgezeichnet haben.“
„Der Funkspeicher Ihres Bots, nicht wahr? Desjenigen, den Dystopia mitgenommen hat?“
Duncan nickte. Er war nicht stolz darauf, aber er hatte einen Fehler gemacht, als er davon ausgegangen war, dass er den Juggernaut im Zweikampf besiegen konnte.
„Das bedeutet, wir haben nichts.“, fasste Havering zusammen. Er seufzte resigniert, dann fügte er mit etwas freundlicherem Tonfall hinzu: „Duncan, du kannst dich morgen nach der Führung mit den Studenten bei den Technikern melden. Sie werden dir einen neuen Bot zuweisen, aber es wird fürs Erste wahrscheinlich ein Rookie-Bot sein. In den nächsten Wochen können wir voraussichtlich einige Upgrades durchführen, aber im Moment werden unsere Techniker bei Sickle gebraucht.“
Duncan nickte, dann wandte Havering sich seinen Begleitern zu: „Ich erwarte eure Berichte bis morgen Abend auf meinem Schreibtisch. Versucht, etwas aus dem Einsatz zu lernen.“ Nachdem die beiden das bestätigt hatten, erlaubte er Duncan und Dimmer, sein Büro zu verlassen, bat seinen Sohn aber, noch einen Moment zu bleiben. Nachdem die beiden Marines die Tür hinter sich geschlossen hatten, blieb Dimmer stehen. „Wie bist du auf die beschissene Idee gekommen, den verdammten Juggernaut mit 'nem Schwert anzugehen?“
Duncan spürte, wie ihm ungewollt ein schwaches Lächeln auf die Lippen schlich. Es war amüsant, zu hören, wie Dimmer in ihrer ruhigen und sanften Stimme fluchte.
„Das ist nicht lustig, wenn du zwei Minuten länger gegen ihn durchgehalten hättest, wäre dir H. zu Hilfe gekommen. Zusammen hättet ihr eine Chance gehabt, ihn zu überwältigen.“
„Denkst du, das weiß ich nicht. Er wirkte so langsam! Ich dachte, ich würde es schaffen, ihn zu treffen.“
„Da bist du nicht der erste. Du hast doch die Berichte gelesen. Wir haben schon fast zehn Bots gegen diesen Bastard verloren.“ Sie verzog das Gesicht, dann meinte sie: „Wie auch immer, morgen kriegst du ja die Belohnung für deine Heldentat. Viel Spaß mit 'nem Rookie-Bot.“
Dimmer klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, dann machte sie sich auf den Weg zu ihrem Büro.
Duncan blieb noch einen Moment in dem Flur stehen, dann ging auch er los.
Als er um die Ecke zu seinem Büro bog, kam ihm Ivy schon entgegen.
„Perfektes Timing, Boss!“, begrüßte sie ihn. „Es ist ein Anruf für dich da. Willst du ihn in deinem Büro annehmen?“
„Ein Anruf?“, fragte er nach, als er die Tür zu seinem Vorzimmer, in dem Ivy arbeitete, öffnete. „Von wem?“
„Eine gewisse Meril Takagi. Sie sagt, ihr kennt euch?“
Duncan nickte es ab, obwohl er noch ein paar Sekunden brauchte, um dem Namen ein Gesicht zuzuordnen. Das Mädchen aus dem Park. Er hatte ihr seine Karte gegeben und ihr gesagt, sie könne ihn anrufen, wenn sie etwas brauchte.
„Ich nehme den Anruf hier drinnen an!“ Duncan war inzwischen weitergegangen und setzte sich an seinen Schreibtisch.
Ivy drückte eine Taste auf dem Telefon auf ihrem Tisch, woraufhin das in Duncans Büro begann zu klingeln.
Er hob ab.

Kapitel 6

Duncan schämte sich dafür, dass sein erster Gedanke, als Meril zu ihm ins Auto gestiegen war, der war, wie sehr das Mondlicht im Park ihr geschmeichelt hatte. Das helle Licht der Sonne zeigte jeden ihrer Makel, die ihm in der Nacht nicht aufgefallen waren, deutlich.
Ihr mit Abstand auffälligstes Merkmal neben den Krücken war das raue Narbengewebe, aus dem ihre linke Wange und Teile ihres Kinns bestanden.
Sie trug ein dünnes, langärmeliges Hemd, doch anhand der Narben, die er auf dem Stück entblößtem Unterarm sah konnte Duncan erahnen wie der Rest ihres Körpers aussehen musste.
Er versuchte, den Blick auf der Straße zu behalten, doch er ertappte sich immer wieder dabei, wie er verstohlene Blicke zu seiner Beifahrerin warf und sich fragte, was wohl mit dem Mädchen geschehen war.
„Warum kann dein Vater dich nicht ins Krankenhaus fahren?“, wollte er von Meril wissen.
Sie lächelte ihn schief an. Duncan bemerkte wie ihr rechter Mundwinkel zuckte, als wäre es schmerzhaft, ihren Mund zu bewegen.
„Er ist in einer wichtigen Sitzung. Vor ein paar Stunden ist er zu einem Bekannten gefahren und selbst, als ich ihn angerufen habe, nachdem ich gestürzt bin, wollte er nicht nach hause kommen um mich ins Krankenhaus zu bringen.“
Meril hatte ihn angerufen, weil sie die Treppe heruntergefallen war. Sie hatte gesagt, es ginge ihr gut und sie fühlte sich nicht, als ob irgendetwas gebrochen war. Trotzdem hatte sie gerne ins Krankenhaus gewollt. Natürlich hatte Duncan sich bereit erklärt, sie zu fahren, doch genauso natürlich fragte er sich, was für eine Sitzung wichtiger für den Bürgermeister sein konnte, als seine eigene Tochter ins Krankenhaus zu fahren.
„Was für Leute?“, fragte er.
„Weiß ich nicht. Mein Dad ist halt der Bürgermeister. Ich glaube, es ist irgendetwas wichtiges passiert.“
Duncan nickte nur. Natürlich war etwas wichtiges passiert. Dystopia hatte erneut zugeschlagen und die HF hatte es erneut nicht geschafft, sie aufzuhalten, doch das war eigentlich nichts, mit dem der Bürgermeister sich beschäftigen würde. Es sei denn, er hatte vor, Konsequenzen für ihr Versagen folgen zu lassen. Duncan entschied, Havering bei der nächsten Gelegenheit davon zu erzählen.
„Einer der Männer war irgendwie komisch.“, durchbrach Meril nach einem kurzen Moment wieder die Stille, die entstanden war.
„Inwiefern?“
Meril zögerte einen Moment, während sie versuchte, es in Worte zu fassen. „Ich weiß auch nicht. Er hatte so seltsame Augen. Und er hat mich hübsch genannt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Ich bin nicht hübsch.“
Duncan wollte ihr widersprechen, ihr ein Kompliment machen, doch er wusste, dass sie es durchschauen würde, darum fragte er stattdessen: „Was ist eigentlich passiert? Woher kommen deine Verletzungen?“
Es folgte wieder ein Moment der Stille, bevor Meril antwortete: „Ich habe meinen Onkel besucht, den Bruder meines Vaters, in Japan. Er ist Hochseefischer, mit einem eigenen Boot, und hat mich mitgenommen.“ Sie pausierte, wobei sie sich gedankenverloren mit ihrer dreifingrigen linken Hand durchs Haar strich. „Weißt du, ich habe mir danach mal die Statistiken angesehen. Von einem Hai angegriffen zu werden, ist fast so unwahrscheinlich wie im Lotto zu gewinnen!“ Sie machte eine weitere Pause, in der sie auf ihre linke Hand hinuntersah. Duncan bemerkte, dass es Zeige- und Ringfinger waren, die fehlten. Dann fuhr sie fort: „Das Boot wurde von einer Welle getroffen und ich bin ich über Bord ins Fangnetz gefallen und wurde von den beiden darin gefangenen Haien angegriffen. Mein Onkel meinte, es wäre großes Glück gewesen, dass alles im Netz passiert ist, denn so hatten sie es geschafft, die Haie schnell zu töten und mein Bein aus dem Magen des Hais zu bergen. Der Bordarzt hat es sogar geschafft, es wieder anzunähen, auch wenn es nicht von allzu großem Nutzen für mich ist.“
Sie sah auf ihr rechtes Bein herunter. Durch die weite Stoffhose konnte Duncan nicht viel erkennen, aber ihm war bereits aufgefallen, dass sie es beim Laufen vermied, damit den Boden zu berühren.
„Zumindest lebst du noch.“, versuchte Duncan sie zu ermutigen, obwohl er wusste, dass sie genau diesen Spruch wahrscheinlich schon hunderte Male gehört hatte.
Meril wandte ihren Kopf ab und sah aus dem Fenster, wobei die Überreste ihres linken Ohres aus ihren Haaren hervorbrachen. Die untere Hälfte fehlte völlig und ließ nur eine entstellte Ruine zurück, die er aufgrund ihrer glatten schwarzen Haare bisher noch nicht gesehen hatte.
„Fünfundneunzig Prozent aller Haiopfer überleben.“, murmelte sie. „Aber ich denke, ich sollte mich wohl darüber freuen.“ Dann riss sie ihren Kopf wieder herum und sah Duncan direkt an. „Vor fast einem Jahr hatte ich mich einmal umbringen wollen, wusstest du das? Weißt du, was mich davon abgehalten hat?“
Duncan schluckte. Das Gespräch schien Meril aus irgendeinem Grund weit weniger unangenehm zu sein als ihm selbst.
„Nein.“, gab er zu.
Meril lachte kurz auf, dann verzog sie vor Schmerz das Gesicht. „Ich bin die Treppe herunter gefallen und habe mir den Arm gebrochen.“ Auf Duncans fragenden Gesichtsausdruck hin ergänzte sie: „Ich hatte keine Möglichkeit mehr. Ich war so verdammt hilflos, dass ich mich nicht einmal mehr umbringen konnte.“ Tränen hatten sich in den länglichen Augen des Mädchens gebildet, also entschied Duncan, dass es an der Zeit war, das Thema zu wechseln. Da ihm kein interessantes Gesprächsthema einfiel, fragte er einfach das erste, was ihm in den Kopf kam.
„Du bist Japanerin?“
Nach einem kurzen Moment der Verwirrung wischte sich Meril mit ihrer rechten Hand die Tränen aus den Augen und antwortete dann: „Halb-Japanerin. Mein Vater ist Japaner, meine Mutter Amerikanerin. Daher auch mein Name. Takagi kommt von Dad, meine Mutter hat Meril ausgesucht.“
„Meril ist ein schöner Name.“
„Besser als Haruka. So wollte mein Vater mich nennen“, stimmte Meril zu. Dann fügte sie hinzu: „Ich wünschte, ich hätte nie etwas mit Japan zu tun gehabt. Dann wäre ich jetzt nicht... so!“
Duncan warf Meril wieder einen Seitenblick zu und stellte fest, dass schon wieder Tränen in ihren Augen standen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sie durch seine Frage überhaupt erst wieder darauf gebracht hatte.
Plötzlich hatte er eine Idee, wie er sie vielleicht wieder aufmuntern könnte. Trotz allem, was ihr passiert war, war sie schließlich immer noch nur ein vierzehn Jahre altes Mädchen. Er bog an der nächsten Kreuzung rechts ab und fuhr direkt auf den nächsten Parkplatz. Er hielt direkt neben dem riesigen Modell einer Eiswaffel.
Er drehte sich zu dem Mädchen um, dass sich gerade erneut die Tränen aus ihren Augen wischte. „Ich denke, das Krankenhaus kann noch etwas warten. Hast du Lust auf ein Eis?“
Zur Antwort strahlte Meril ihn glücklich aus feuchten Augen an und nickte.

Kapitel 7

Aus einiger Entfernung beobachtete Duncan die Studenten, die sich gerade mit Ivy unterhielten. Es handelte sich um eine zwölfköpfige Gruppe von achtzehn- bis zwanzigjährigen Jugendlichen in einheitlichen grauen Sweatshirts, auf deren Brust das Logo der Akademie abgebildet war. Ivy stach deutlich durch ihr Make-Up und ihre rosafarbene Bluse aus der Gruppe heraus. Der Gedanke, dass Ivy, wenn sie nicht ausgetreten wäre, heute eines der farblosen, grau gekleideten, Mädchen wäre, denen sie gerade etwas über die Firma erzählte, der sie in einem Jahr beitreten wollten, wirkte für ihn fast lächerlich.
Lustlos trat er aus dem Türeingang heraus, in dem er gestanden hatte und trat auf die Studenten zu. Ivy war die erste, die ihn bemerkte. Sie kam ihm einige Schritte entgegen und ergriff seinen Ärmel.
„Angehende Rookies!“, rief sie die Studenten zur Aufmerksamkeit auf. Duncan bemerkte, dass sie fast automatisch in eine Viererreihenformation wechselten, als sie ihn sahen.
Obwohl es in der HF eigentlich üblich war, normale Straßenkleidung zu tragen, war Duncan für seine Führung in die Uniform eines Lieutenants gewechselt, die sich lediglich an den Markierungen an den Schultern und an der Brust von der eines Marines unterschied und hatte sein Abzeichen, das er seit seiner Beförderung nicht mehr getragen hatte an seinem Gürtel befestigt. Er kam sich ein wenig verkleidet vor, aber Havering hatte darauf bestanden, als er ihm die Aufgabe gegeben hatte.
„Das hier ist Lieutenant Duncan Warden. Er wird euch heute herumführen.“, stellte Ivy ihn vor.
In einer einzigen Bewegung salutierten alle Rekruten vor ihm. Duncan fühlte sich etwas komisch dabei, denn obwohl er sich gut daran erinnerte, dass Disziplin eine der ersten Sachen war, die in der Akademie gelehrt wurde, war der Umgangston in der HF selbst eher kameradschaftlich. Er konnte sich noch daran erinnern, wie lange es gedauert hatte, bis er Ivy soweit hatte, dass sie ihn nicht mehr Sir nannte. Inzwischen nannte sie ihn Boss, aber eher im Scherz als als Höflichkeitsform.
„Willkommen in der Hero Factory!“, begrüßte Duncan die Studenten, unsicher, was er sagen sollte. Er hatte vorgehabt, gestern den Besuch vorzubereiten, aber nachdem er mit Meril Eis gegessen hatte und sie im Krankenhaus gewesen waren, hatte sie ihm unbedingt den streunenden Hund vorstellen wollen, der im Park lebte. Als er sie anschließend wieder nach Hause gebracht hatte und selbst in seiner Wohnung angekommen war, war es schon fast zehn Uhr abends, also hatte er entschieden, stattdessen direkt ins Bett zu gehen und zu improvisieren. „Ich denke, Ivy hat euch bereits einiges erzählt?“
„Sie hat von dem Einsatz gestern erzählt!“ Duncan hatte nicht damit gerechnet, dass jemand antworten würde, erst recht nicht das zierliche Mädchen, das selbst von den kleinsten ihrer Mitstudenten um fast einen Kopf überragt wurde. Ihr starker Akzent verriet, dass sie nicht aus den Staaten kam.
„Hat sie das?“ Duncan hatte eigentlich kein Interesse gehabt, über die verpatzte Mission zu sprechen.
„Können Sie uns mehr dazu sagen, Sir? Sie waren doch dabei!“, hakte das Mädchen mit den dunkelbraunen Haaren nach. Ihre Mitstudentin neben ihr, ein etwas kräftigeres Mädchen mit leicht helleren Haaren, stieß sie mit dem Ellenbogen an und zischte ihr leise etwas zu.
„Vielleicht später, Miss...?“, verschob er das Thema.
„Maeve Carwil, Sir.“
Ein irischer Name. Das erklärte zumindest ihren Akzent.
„Wir werden mit den Botkammern anfangen, dann schauen wir uns das Kommandozentrum, Mission Control, an. Beenden werden wir die Führung in der Wartung.“, erklärte er, dann wandte er sich an Ivy. „Ich weiß, dass du mit den Leuten hier studiert hast, aber bitte rede nicht mit ihnen über vertrauliche Dinge!“
Ivy sah verletzt aus. Offenbar gefiel ihr die Anschuldigung nicht, dass sie mit den Studenten offen über alles sprach, nur weil sie sie kannte.
„Ich wollte es eigentlich nicht erwähnen, aber Maeve hat das Thema angesprochen und nicht lockergelassen.“ Sie machte eine Pause und sah zu Boden. „Tut mir leid, Boss!“
„Folgt mir bitte. Wenn ihr Fragen habt, die sich nicht auf den Einsatz beziehen, könnt ihr sie mir unterwegs stellen.“ Mit diesen Worten drehte Duncan sich in Richtung Fahrstuhl und ging los. Ein junger Mann mit blonden Haaren holte zu ihm auf und fragte: „Ist es wahr, dass wir während unseres Aufenthaltes die Bots verwenden dürfen?“
Das Mädchen, das vorhin Maeve ermahnt hatte, antwortete mit spöttischem Ton: „Ja, mit Sicherheit. Und wenn wir Glück haben, dürfen wir sogar gegen den Juggernaut kämpfen! Du glaubst das doch nicht wirklich, oder?“ Duncan drehte den Kopf und ihre Blicke trafen sich.„Sorry“, murmelte sie.
„Im Gegensatz zu dem, was eure Kameradin hier glaubt, besteht tatsächlich die Möglichkeit, das System einmal auszuprobieren. Allerdings noch nicht heute.“
Die Studenten würden die nächsten zwei Wochen hier in der HF verbringen und Zack Shepherd, der Verantwortliche für die Kontrollkammern hatte mit Havering abgesprochen, dass jeder der Studenten ein paar Trainingseinheiten in den Bots durchführen durfte. Natürlich war Duncan als einer der fünf Trainingspartner ausgewählt worden, gegen die die Studenten kämpfen durften.
Aber diese Sitzungen würden erst in ein paar Tagen beginnen, wenn die Studenten sich ein wenig eingefunden hätten. Heute sollten die Anwärter nur die ersten Eindrücke der HF gewinnen.
Einige der anderen Studenten stellten auch noch Fragen. Die meisten bezogen sich auf den Alltag eines Marines oder auf die Unterbringung während ihres Aufenthalts. Duncan bemerkte jedoch, dass sich die dunkelhaarige Studentin, Maeve, zurückhielt. Fürs Erste.

Kapitel 8

„Wird das Mädchen ein Problem sein?“
Fanny zuckte vor Schreck leicht zusammen. Harold genoss die Stille und sprach eigentlich nie während einer Autofahrt. Er sah nur aus dem Fenster und beobachtete, wie die Landschaft an ihm vorbeizog. „Wieso sollte sie?“, fragte sie unsicher. Ihre Gedanken wanderten zu Takagis Tochter. Das Mädchen hatte so hilflos ausgesehen, wie es mit ihren Krücken an der Tür gestanden hatte. Mit den grässlichen Narben im Gesicht hatte sie fast eher wie ein verletztes Tier gewirkt als wie ein junges Mädchen.
Harold atmete tief und ruhig. Für ein paar Sekunden dachte Fanny, er würde gar nicht mehr antworten. „Ich weiß auch nicht. Kinder sind immer ein Problem.“ Fanny überlegte, ob sie sagen sollte, was sie dachte, doch Harold schien ihren Einwand schon vorherzusehen und ergänzte: „Uneingeweihte Kinder. Eva ist genau so ein Mitglied unserer Gruppe wie wir.“ Es folgte eine kurze Pause, dann ergänzte er: „Außerdem ist sie kein Kind mehr.“
Fanny warf einen kurzen Seitenblick zu ihrem Mitfahrer hinüber. Als sie Harold kennengelernt hatte, war sie fasziniert von ihm gewesen, nicht nur als ein großer Redner und Aktivist, sondern auch als Mann. Für ein paar Monate hatte sie im Stillen von ihm geschwärmt und hatte sich gewünscht, er würde für sie genauso empfinden, doch dann hatte sich irgendetwas in ihrem Kopf geändert und sie hatte akzeptiert, dass zwischen ihnen nie mehr als Kameradschaft sein würde.
Und obwohl sie noch immer verstand, wie sich eine Frau ihn Harold Craw verlieben konnte, hatte sie keine Ahnung, was an der Deutschen damals so besonders gewesen war, dass der Juggernaut damals sogar ein Kind mit ihr gezeugt hatte. Jedoch musste sie zugeben, dass sie die Frau auch nie kennengelernt hatte, da sie Harold schon vor Fannys Beitritt in Dystopia verlassen hatte und in ihr Heimatland zurückgekehrt war.
Dafür kannte sie Eva. Man sah es dem zierlichen Mädchen mit den großen blauen Augen nicht an, aber sie kam eindeutig nach ihrem Vater. Schon in ihren frühen Teenagerjahren hatte sie sich entschieden, ihrem Vater auf die beste Art zu helfen, die sie konnte und bereitete sich seitdem darauf vor, der Hero Factory beizutreten um dort als Insiderin für Dystopia zu arbeiten. Seitdem waren sie und Fanny gute Freundinnen geworden.
„Du glaubst, sie wird herausfinden, in was ihr Vater verwickelt ist?“, hakte Fanny nach. Ihr war die Tochter des Bürgermeisters harmlos vorgekommen.
„Die beiden haben keinen guten Draht zueinander. Wir sollten die Kleine im Blick behalten.“
Fanny widersprach nicht. Sie hielt solche Sicherheitsmaßnahmen nicht für notwendig, aber in den Jahren, die sie nun schon mit Dystopia zusammenarbeitete, hatte sie gelernt, dass sie Menschen lange nicht so gut einschätzen konnte, wie sie zuvor vermutet hatte. Sie sah wieder nach vorne und konzentrierte sich auf die Straße.
Auch Harold blieb stumm. Die nächsten Kilometer verbrachten sie, ohne ein Wort zu wechseln, dann meldete sich Fanny zu Wort. „Reicht es, wenn wir das Mädchen von ihrem Vater überwachen lassen?“
Harolds Antwort blieb aus, also antwortete Fanny sich nach einigen Sekunden des Wartens selbst. „Sie wird es bemerken, wenn ihr Vater sie überwacht und sie weiß wie man ihn überlisten kann. Außerdem vertraust du seiner Einschätzung nicht, was seine eigene Tochter betrifft.“
Harold bestätigte ihre Antwort mit Schweigen.
„Kann ich die Überwachung übernehmen?“ Die Frage platzte einfach aus Fanny heraus. Sie wusste nicht, was sie dazu gebracht hatte, es vorzuschlagen.
Harold schwieg wieder für einige Zeit, was Fanny schon fast als Nein auffasste, doch dann antwortete er doch noch: „Wenn du jemanden findest, der deine anderen Pflichten für dich übernimmt.“
Fannys andere Pflichten, von denen er sprach, war die Steuerung eines Kampftrucks bei ihrem nächsten Einsatz in zwei Tagen.
Sie überlegte, das Angebot auszuschlagen und jemand anders für die Überwachung abzustellen, doch dann entschied sie sich anders. „Ich finde jemanden.“
„Und wenn du schon dabei bist, behalte auch ein Auge auf den Bürgermeister. Ich bin mir auch noch nicht sicher, wie weit ich ihm trauen kann.“
Fanny nickte. Sie hoffte nur, dass das nicht zu viel Verantwortung für sie war. Normalerweise folgte sie einfach den Befehlen, die man ihr gab. Was, wenn sie etwas Wichtiges übersah?
Wie immer schien Harold zu ahnen, was sie dachte. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. „Du schaffst das, Rhyme!“
Rhyme war Fannys Nachname. Eigentlich war es innerhalb von Dystopia üblich sich mit dem Vornamen anzureden, um Verbundenheit zu zeigen, doch als Fanny vor einigen Jahren beigetreten war, hatte sie darauf bestanden, Rhyme genannt zu werden. Als Mädchen hatte sie ihren Vornamen gehasst, doch seit sie angefangen hatte, aktiv an den Einsätzen von Dystopia teilzunehmen, hatte sie sich mit ihrem Namen versöhnt. Trotzdem nannten die Mitglieder von Dystopia sie noch immer mit dem Namen, unter dem sie sie damals kennengelernt hatten.
„Danke“, murmelte sie als Antwort. Obwohl sie über ihre Gefühle ihm gegenüber schon lange hinweg war, fühlte es sich noch immer merkwürdig an, von ihm berührt zu werden.
Trotzdem gab ihr seine Versicherung das nötige Selbstbewusstsein. Es gab gar nichts zu befürchten. Sie würde die beiden einfach im Auge behalten und es an Harold weitergeben, wenn sie irgendetwas taten, was Dystopia gefährlich werden könnte. Dabei gab es nicht viel, das sie falsch machen konnte.

Kapitel 9

Unzufrieden betrachtete Duncan den Bot, der ihm zugeteilt worden war. Er war makellos, keine Kratzer, keine Beulen und auf Hochglanz poliert, doch trotz allem war er nur ein Rookie-Bot. Die Systeme waren ungenau, verglichen mit denen, die er in seinem alten Bot verwendet hatte. Außerdem war das hier einfach nicht sein Bot. Er wusste, das war ein sehr emotionaler und unprofessioneller Gedanke, aber das war es, was ihn am meisten störte. Seit dem Beginn seiner Karriere hatte er nur einen einzigen Bot verwendet. Mit der glänzenden, braunen Maschine hatte er über die Jahre so viel durchgemacht. Er hätte nie gedacht, dass er irgendwann einmal auf einen anderen Bot umsteigen musste. Das war einfach nicht richtig.
„So schlecht sieht er gar nicht aus.“, bemerkte Ivy. „Havering hat doch gesagt, dass du ihn in der nächsten Zeit wieder auf ein vernünftiges Niveau modden kannst. Dafür ist das doch gar kein schlechtes Grundmodell.“
Duncan nickte in Gedanken. Theoretisch hatte das Mädchen recht. Trotz all der Upgrades und Modifikationen hatte man es Duncans Bot angemerkt, dass er inzwischen schon fast fünfzehn Jahre alt gewesen war. Die neue, graue Maschine würde ein besseres Grundmodell bilden.
„Und du wirst diese grässliche Farbe endlich los.“ Ivy hatte das Braun von Duncans Bot nie gefallen. „Du kannst dir aussuchen, was immer du willst. Blau, grün, schwarz.“
Duncan nickte ab, was sie sagte. Er wusste, sie meinte es nur gut, aber er trauerte noch immer seinem eigenen Bot nach.
Es war inzwischen schon zwei Tage her, dass der Techniker, ein breitschultriger Mann mit blondem Kinnbart und Pferdeschwanz, ihm den Bot gezeigt hatte. Seitdem war er schon fast zehn Mal hier gewesen und hatte die Maschine betrachtet. Einmal war er schon hineingesprungen, doch er hatte sich sofort wieder ausgeklinkt. Die Sensoren waren schwächer und alles hatte merkwürdig auf seine verwöhnten Sinne gewirkt.
Dies war das erste Mal, das er mit Ivy hier war, doch auch ihre positive Einstellung hatte seine Meinung von dem Bot nicht wirklich verbessert. Sie verstand einfach nicht, was für Gefühle er noch für seinen alten hatte.
Plötzlich klingelte Ivys Handy. Da alle Anrufe an ihn über sie liefen, vermutete Duncan, dass der Anruf in Wirklichkeit für ihn war. Er bedeutete Ivy ranzugehen.
„Hero Factory, Büro von Duncan Warden?“, meldete sich seine Assistentin. „Aha. Einen Moment, bleiben Sie bitte dran.“
Sie nahm das Telefon vom Ohr und drückte eine Schaltfläche auf dessen Display. Sofort begann es, in Duncans Hosentasche zu klingeln.
„Für dich!“, erklärte Ivy. „Meril Takagi“
Duncan zog das Telefon aus seiner Hose.
„Meril?“, fragte er in den Hörer.

„Ich bräuchte Hilfe, wenn du gerade Zeit hast.“, erklärte die bekannte Stimme des Mädchens sich durch den Hörer. Hastig warf sie ein: „Aber ich kann warten!“
Stumm formte Duncan mit den Lippen die Worte „Termine jetzt?“, woraufhin Ivy sofort den Kopf schüttelte.
„Ich habe Zeit, worum geht es?“
Eine kurze Pause folgte, dann nuschelte Meril „Ich muss zu meinem Therapeuten.“
Zwei Fragen lagen Duncan sofort auf den Lippen: Warum musste sie zu einem Therapeuten und warum konnte ihr Vater sie schon wieder nicht fahren? Doch er entschied, keine von ihnen zu stellen.
„Bist du zuhause? Ich kann in einer halben Stunde da sein!“, schlug er vor.
„Kennst du die Tankstelle neben Wal Mart? Da bin ich gerade.“
„Was machst du bei einer Tankstelle?“ Duncan wusste, welche Tankstelle sie meinte, allerdings war sie fast zwei Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.
„Ich wollte laufen, aber ich kann nicht mehr.“, gab das Mädchen zu.
„Ich bin in einer halben Stunde da. Ruh dich aus!“ Duncan legte auf, dann wandte er sich wieder Ivy zu. „Ich muss los. Kannst du den Bot wieder einschließen?“
Auf Ivys Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. „Hast du eine Freundin, Boss?“
Duncan war kurz verwirrt, dann verstand er, wie Ivy darauf kam. Sie kannte lediglich Merils Namen und ihre Stimme vom Telefon. „Du meinst Meril? Nein!“
„Nein? Wer ist sie denn?“
„Meril ist ein Mädchen, das ich im Park getroffen habe. In der Nacht, in der ich den Überfall verhindert habe.“ Ivy schien nicht überzeugt. „Wenn ich Mädchen sage, meine ich wirklich Mädchen. Sie ist vierzehn.“, fügte Duncan hinzu. „Sie hat einige Probleme und braucht jemanden, dem sie vertrauen kann.“
Ivy nickte, sie schien aus irgendeinem Grund enttäuscht zu sein. „Ich schließ' ihn wieder ein.“, erklärte sie sich bereit.
Duncan bedankte sich und machte sich auf den Weg nach draußen.
Kaum hatte er die Lagerhalle verlassen, kamen ihm wie zufällig zwei bekannte Gestalten entgegen. Maeve Carwil, das Mädchen, das sich so für den Juggernaut interessierte, und ihre beste Freundin Heather Bryce, das Mädchen, das sie bei ihren Fragen etwas zurückgehalten hatte, fingen ihn ab. „Lt. Warden, Sir!“, begrüßte Maeve ihn.
„Ich bin gerade etwas beschäftigt“, versuchte Duncan sie abzuschütteln. Seit er die Führung an ihrem ersten Tag in der Uni übernommen hatte, lief Maeve ihm immer wieder „zufällig“ über den Weg.
„Geht es um den Juggernaut?“, hakte die kleine Studentin sofort nach.
„Nein.“ Duncan blieb nicht einmal stehen, aber Maeve und Heather passten sich seiner Schrittgeschwindigkeit an und blieben ihm auf den Fersen.
„Ich habe eine Theorie!“, brach Maeve hervor. Duncan unterdrückte ein Stöhnen. Er wusste, dass das Mädchen einfach nur neugierig und überehrgeizig war, aber sie ging ihm ziemlich auf die Nerven. Auch ihr starker Akzent, den er am Anfang vielleicht noch interessant gefunden hatte, nervte ihn inzwischen. „Was, wenn der Juggernaut hier bei der HF angestellt ist? Er könnte über die Arbeit mit Bots das nötige Wissen erworben haben, um seinen eigenen zu bauen!“
Jeder außerhalb der Eingeweihten HF-Angestellten nahm noch immer an, bei dem Juggernaut handelte es sich um einen Bot und eigentlich wollte das Team es auch dabei belassen, doch bevor Duncan darüber nachgedacht hatte, rutsche ihm heraus: „Es ist kein Bot, sondern ein Exo-Anzug!“
Für einen kurzen Moment hoffte er, Maeve hätte ihn nicht gehört, doch sofort brach es aus ihr heraus. „Eine Rüstung? Wirklich? Warum wusste ich davon nichts?“
Duncan beschleunigte seinen Schritt und bog bei der ersten Gelegenheit in einen zugangsbeschränkten Bereich ein um seine Verfolger loszuwerden. Im Weggehen rief Heather ihm ein nervöses „Tut mir wirklich leid!“ hinterher. Gegen sie hatte Duncan nichts. Sie schien ein nettes Mädchen zu sein, das lediglich mit einem unsympathischen Mädchen befreundet war.
Er blickte auf die Uhr. Durch den Umweg den er jetzt nehmen musste, würde er bestimmt noch weitere fünf Minuten verlieren, also verfiel er in einen Laufschritt. Er wollte Meril ungern länger warten lassen als nötig.

Kapitel 10

Eva saß auf einer Steinpylone auf der zweitobersten Ebene des Hero Factory Parkhauses. Sie hatte sich Heathers Jacke geliehen und diese auf den Block gelegt, damit sie ihre Hose nicht direkt in Kontakt mit dem dreckigen Stein kam.
Soweit sie sehen konnte, befand sie sich nicht im Sitzbereich irgendeiner Kamera, aber zur Sicherheit hatte sie den kleinen Störsender aktiviert, den ihr Vater ihr gegeben hatte. Die Aufnahmen wurden nicht in Echtzeit von Menschen angesehen und eine Maschine würde nicht erkennen, dass ein Fehler in der Aufnahme vorhanden war, wodurch die Störung, wenn überhaupt, erst bemerkt werden würde, wenn sie schon lange weg war. Auch Audioaufnahmen würden blockiert werden, sodass sie in Sicherheit telefonieren konnte.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche und tippte die Nummer ihres Vaters ein. Es war zu gefährlich, sie eingespeichert zu haben, egal ob unter seinem echten oder einem falschen Namen, also hatte sie sie auswendig gelernt. Das Telefon klingelte fast eine Minute lang, dann hob er ab.
„Eva, schön von dir zu hören!“, begrüßte er sie mit seiner tiefen Stimme.
„Ich habe mit diesem Warden gesprochen!“ Sie kam gleich zum Punkt. Wann immer sie mit ihm sprach, fragte sie sich, wie er wohl über ihren Akzent dachte. Er war zwar schwächer, wenn sie sich nicht auf ihn konzentrierte, aber dass sie die letzten zwei Jahre fast durchgehend mit irischem Akzent gesprochen hatte um ihre Herkunft besser zu verschleiern, machte sich auch in ihrer normalen Sprechstimme bemerkbar.
„Lt. Duncan Warden“, wiederholte ihr Vater. „Ich erinnere mich an ihn. Wir haben gekämpft.“
„Er weiß, dass du kein Bot bist!“, platzte Eva heraus. „Ich habe ihn darauf angesprochen und er hat mir eben erzählt, dass der Juggernaut nur eine Rüstung ist!“
Die Stimme ihres Vaters blieb einen Moment still. „Woher?“, fragte er schließlich.
„Das konnte ich nicht fragen. Er hatte sich nur verplappert und hätte mir nicht mehr gesagt!“ Sie hatte Angst, dass er enttäuscht war. „Danke!“, sagte er stattdessen. Und dann nach einer kurzen Pause: „Wie geht es dir? Ist es schwierig?“
Eva dachte darüber nach. Sie hatte die letzten Jahre damit verbracht, zu verstecken, wer sie wirklich war. Dass sie jetzt in der HF war und nicht mehr in der Uni machte die Sache nicht schwerer. Wenn überhaupt war es eher leichter, weil kaum jemand hier sie kannte. Sie wusste, dass Warden sie nicht besonders mochte, weil sie so viele Fragen stellte, aber die Strategie hatte ja inzwischen Früchte getragen. Außerdem schätzte sie ihn als leicht zu beeindrucken ein. Wenn sie sich bei den Trainingskämpfen gut anstellte, würde er anfangen, sie zu mögen. Und da sie sogar damit fertig wurde, den Juggernaut zu steuern – nicht, dass sie jemals wirklich hatte kämpfen dürfen, aber zumindest hatte sie einige Erfahrung damit, etwas anderes zu steuern als nur ihren eigenen Körper – dürfte sie einen eindeutigen Vorteil gegenüber den anderen Studenten haben.
„Mir geht es gut.“
Fußschritte ließen sie aufschrecken. „Da kommt jemand!“, erklärte sie ihrem Vater. „Ich muss auflegen.“
Sie legte auf und steckte das Handy genau in dem Moment weg, in dem Heather um die Ecke bog.
Heather Bryce war nicht die hellste. Sie war nicht unbedingt dumm, aber impulsiv und unüberlegt. Sie war, wie eigentlich jeder, ein gutes Stück größer und breiter als Eva und hatte lange, braune Haare. Obwohl Eva nicht besonders viel von dem emotionalen Mädchen hielt, verstand sie sich gut mit ihr und Heather war der einzige Mensch außerhalb von Dystopia, bei dem Maeve in Betracht zog, von einer Freundschaft zu reden.
„Da bist du ja, Maeve. Mit wem redest du?“, fragte sie.
Eva täuschte ein Lächeln vor. „Ich hab mit meinem Vater telefoniert.“, erklärte sie mit irischem Akzent. Es war keine Lüge, aber natürlich hatte Heather keine Ahnung, wer Evas Vater wirklich war.
Harold hatte sogar einmal einen Dystopianer dazu abbestellt, ihren irischen Vater zu mimen, als Heather darauf bestanden hatte, ihn kennenzulernen.
„Sitzt du auf meiner Jacke?“, beschwerte Heather sich plötzlich. Eva stand auf, als Heather näherkam und gespielt empört ihre Jacke von dem Steinblock zog. „Die war teuer!“
Nein, war sie nicht, dachte Eva. Heathers Familie war arm und das merkte man den Klamotten des Mädchens auch deutlich an. Zwar waren all ihre Kleidungsstücke neu, aber die schlechte Qualität verriet, dass es sich dabei nicht um die erste Wahl handelte.
Eva verkniff sich ihren Kommentar und beobachtete ihre Freundin, bis diese damit fertig war, ihre Jacke zu säubern.
„Ich hab dich gesucht. Captain Shepherd möchte uns die Bot-Kontrolleinheiten zeigen!“, erklärte sie, als sie fertig war, und warf sich die Jacke über die Schulter. „Kommst du?“
Eva nickte. Endlich fing ihr Besuch hier an, interessant zu werden.

Kapitel 11

Mit einer Hand griff Duncan um Meril herum und hob sie sanft unter beiden Armen an um es ihr zu erleichtern, aus dem Auto zu steigen. Als sie auf ihrem linken Bein stand und sich mit beiden Armen auf Duncans anthrazitfarbenes Auto stützte, griff er noch einmal hinein und zog ihre auf etwa dreißig Zentimeter Länge zusammengeschobenen Krücken heraus. Er zog erst eine, dann die andere auf ihre eingestellte Länge aus und reichte sie dem Mädchen. Meril dankte ihm, dann schloss Duncan die Autotür und die beiden machten sich auf den Weg. Duncan fiel wieder auf, wie langsam Meril nur vorwärts kam.
„Sag mal, wieso wolltest du mich eigentlich an der Tankstelle treffen und nicht bei dir zuhause?“, fragte er.
„Ich weiß auch nicht. Ich mag den Geruch von Tankstellen!“
„Von Benzin? Bist du bis dahin gelaufen?“, wollte er wissen.
„Ja, es riecht gut. Süß, irgendwie! Ich hatte ja eigentlich vor, bis hier zu laufen, aber ich konnte nicht mehr.“ Sie sah ihn missmutig an und zum ersten Mal bemerkte Duncan das junge Mädchen, das unter den Narben steckte, wirklich.
„Das wären mehr als zehn Kilometer. Was hat dein Vater denn jetzt schon wieder wichtigeres zu tun?“
„Es kamen wieder zwei Leute zu uns. Ich glaube, es geht wieder um die Sache von vorgestern.“, erklärte Meril. „Außerdem hält er nicht viel von den Therapien. Er sagt, die sind nur Zeitverschwendung!“
Duncan machte zwei schnellere Schritte um vor Meril zur Tür zu kommen, dann öffnete er sie für das Mädchen. Im Vorbeigehen versuchte Meril, zum Dank eine scherzhafte Verbeugung zu machen, doch eine ihrer Gehhilfen rutschte auf dem Boden ab und sie schaffte es mit einiger Mühe gerade noch, ihren Sturz wieder aufzuhalten, bevor Duncan sie auffangen musste. Sie schüttelte ihren Kopf, dann trat sie kichernd ein. Duncan folgte ihr. Er täuschte ein Lächeln vor, als Meril ihn ansah.
Er überlegte, ob er ihrem Vater vielleicht einmal einen Besuch abstatten sollte. Er wollte Meril gerne helfen und sie brauchte jemanden, auf den sie sich verlassen konnte. Vielleicht konnte er ihm klarmachen, dass seine Tochter ihm genauso wichtig, eigentlich sogar wichtiger als seine Arbeit sein sollte.
„Kommst du?“, fragte Meril, noch immer breit grinsend.
Duncan holte wieder auf und lief neben ihr her. Zusammen betraten sie einen recht kleinen Warteraum an dessen hinteren Ende sich eine einzelne Tür mit der Aufschrift „Bitte anklopfen!“ befand. Vor der Tür stand eine rot lackierte Theke an der eine gelangweilt aussehende Frau mit kurzen braunen Haaren saß und in einer Zeitschrift blätterte.
Zielsicher humpelte Meril auf sie zu.
Die Frau sah auf und verzog das Gesicht leicht. Duncan spürte, wie er wütend wurde, als er sah, wie wenig die Frau von Meril hielt.
Das Mädchen schien jedoch nichts davon zu bemerken. Sie blieb vor dem Tisch stehen und erklärte: „Ich habe vorhin mit Samuel telefoniert. Er meinte, ich solle einfach vorbeikommen. Ich brauche wieder eine Spiegelsitzung!“ Sie blickte herunter auf die fehlenden Finger ihrer linken Hand.
„Kannst einfach reingehen. Ist nicht viel los heute.“, sagte die Frau, dann schlug sie ihre Zeitschrift wieder auf und las weiter. Meril nickte und bedankte sich, dann humpelte sie weiter zu der Milchglastür neben der Theke. Duncan überholte sie und hielt ihr wieder die Tür auf. Diesmal verzichtete Meril auf eine Verbeugung, obwohl das Grinsen auf ihrem Gesicht Duncan verriet, dass sie wieder an ihren Beinahe-Unfall in der Haustür denken musste.
Der Raum in den sie jetzt gingen war etwas größer als das Wartezimmer und sehr freundlich eingerichtet. Die Wände standen voll von Bücherregalen, außerdem fanden sich noch Sofas und Sessel in verschiedenen Farben und Formen in dem Zimmer. Vor der Fensterreihe stand ein großer, sehr ordentlicher Schreibtisch und vor diesem befand sich ein normaler, aber relativ niedriger Tisch, an dessen gegenüberliegenden Seiten je ein Stuhl stand. Auf dem Tisch lag ein großer, ungerahmter Spiegel und zwei schwarze Gegenstände, die Duncan nicht ganz zuordnen konnte. Ein kleiner, dünner Mann mit glatten blonden Haaren und einem Schnauzbart kam auf sie zu. Er trug einen weißen Laborkittel über Khakihosen und einem karierten Hemd mit roter Fliege. Er sah aus wie ein Kinderarzt direkt aus irgendeinem Bilderbuch.
Er lächelte erfreut als er sie hereinkommen sah. „Meril! Schön, dich mal wieder zu sehen. Wen hast du denn da mitgebracht?“
Meril drehte sich zu Duncan um. „Das ist Duncan, mein neuer Chauffeur und...“ Sie fing wieder kurz an zu kichern, bevor sie sich wieder zusammenreißen konnte. „Und Türenaufhalter!“
Duncan reichte dem Therapeuten die Hand. „Duncan Warden.“
„Samuel Pine.“ Dann, wieder an Meril gewandt, fragte er: „Wie schlimm ist es?“
„Heute geht es, aber ich wollte es loswerden, bevor es wieder schlimmer wird.“ Sie setzte sich auf den flachen Tisch und ließ ihre beiden Gehhilfen los. Dann zeigte sie mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand eine Kurve an, die von dem Knöchel ihres fehlenden linken Zeigefingers ausging und sich über ihren Handrücken beugte. Duncan verstand nicht, was sie damit sagen wollte. Meril hatte ihm nur erzählt, sie müsse zu ihrem Therapeuten und er hatte nicht weiter nachfragen wollen.
„Setz dich, Mäuschen!“, forderte er sie auf. Er deutete auf einen der beiden Stühle an dem Tisch.
„Duncan, du kannst gegenüber sitzen, wenn du willst. Ich stehe.“
Ohne ihren rechten Fuß zu belasten zog Meril sich an der Tischkante entlang, bis sie sich auf den Stuhl fallen lassen konnte. Duncan nahm ihr gegenüber Platz.
Samuel stellte sich neben Meril und steckte den Spiegel auf die schwarzen Gegenstände, von denen Duncan jetzt erkannte, dass es eine Art gummierte Standfüße waren. Mit diesen befestigt, stellte der Arzt den Spiegel leicht schräg vor Meril auf den Tisch. Das Mädchen streckte ihre beiden Hände auf den Seiten des Spiegels aus. Sie blickte auf der rechten Seite in den Spiegel. Sie bewegte die Finger ihrer beiden Hände ein wenig, dann zuckte sie ihren Kopf ein wenig nach links. Samuel verstand ihre Geste und neigte den Spiegel ein wenig in die entsprechende Richtung. Die Standfüße machten die Bewegung mit und blieben genauso stehen, wie er sie geneigt hatte, als der Therapeut losließ.
„Ein bisschen zu mir.“, bemerkte Meril und Samuel drehte den Spiegel ein kleines Stück mehr in ihre Richtung. „Perfekt!“
Ohne ein weiteres Wort begann Meril, die Finger an beiden Händen zu bewegen. Konzentriert blickte Meril in den Spiegel auf, wie Duncan vermutete, das Abbild ihrer rechten Hand.
Er beobachtete sie ein wenig, doch verstand nicht, was sie tat.
„Weißt du, wie diese Spiegelsitzungen funktionieren?“, fragte Samuel den Marine. Dieser schüttelte den Kopf.
„Weißt du, wie Phantomschmerzen entstehen?“, fragte der Mann, doch bevor Duncan antworten konnte, erklärte der Therapeut: „Phantomschmerzen sind Schmerzen in fehlenden Körperteilen, die dadurch entstehen dass das Gehirn denkt, die Körperteile befänden in völlig verrenkten Positionen. Indem Meril ihre Finger an beiden Händen symmetrisch bewegt und dabei auf das Spiegelbild ihrer linken Hand blickt, täuscht sie ihrem Gehirn vor, sie würde tatsächlich auch ihre fehlenden Finger bewegen. Damit lassen sich die Phantomschmerzen vorübergehend stoppen. Allerdings müssen diese Sitzungen wiederholt werden, wann immer die Schmerzen zurückkommen.“
Duncan musste an seine Ausbildung in der HF denken. Wenn man sich die ersten Male in einem Bot befindet, muss man sich erst daran gewöhnen, einen anderen Körper zu besitzen. Man verfügt plötzlich über Armgelenke an Stellen, an denen es vorher keine gab oder eine in seinen Arm integrierte Waffe. All diese Dinge zu einem Teil von sich werden zu lassen stellte er sich fast so vor, als würde man lernen, Finger zu bewegen, die gar nicht existierten. Er fragte sich, ob es wohl ähnlich war, sich einzureden, die Hand im Spiegel gehörte zu einem selbst.
Er wollte gerade noch etwas erwidern, als sein Handy laut zu klingeln begann.

Kapitel 12

Als Duncan im Industrieviertel ankam, konnte er die Schüsse und den Kampflärm schon hören. Er fühlte sich ein wenig schuldig, da er schon über eine halbe Stunde früher hätte ankommen können. Er hatte am Telefon gegenüber Ivy behauptet, er würde am anderen Ende der Stadt sein, obwohl Merils Therapeut kaum zehn Minuten von der HF entfernt war, damit er das Mädchen noch nach Hause hatte bringen können. Er hoffte, sein Zuspätkommen würde keine schlimmen Konsequenzen haben.
Er machte einen Satz über das Fabrikgebäude vor ihm und fand sich auf einem regelrechten Schlachtfeld wieder. Sieben Bots der Hero Factory lieferten sich ein unerbittliches Feuerduell mit drei der gepanzerten Trucks die Dystopia verwendete und zwei mobile Geschütze auf kleinen, nur schwach gepanzerten Autos. Mehrere der kleinen Geschützwagen waren bereits zerstört und auch ein ausgebrannter Truck stand schon reglos in der Mitte des Feldes. Die Bots waren ebenfalls schon stark beschädigt, auch wenn noch keiner völlig zerstört war.
Keiner der Kämpfer schien Duncan bisher bemerkt zu haben, also entschied er, sich hinter die feindlichen Reihen zu begeben und von hinten zuzuschlagen.
Erst, als er sie schon fast umrundet hatte und gerade zuschlagen wollte, bemerkte Duncan die schwachen elektronischen Signale, die er empfing. Er hatte sich noch nicht völlig an das neue Interface gewöhnt, doch die Anzeige war eindeutig. Nicht alle Angreifer befanden sich hier auf dem Schlachtfeld.
Er dachte zurück an den Angriff auf Sickle. Auch dort hatte es Ablenkungsmanöver gegeben, während ein Team daran gearbeitet hatte, die Anlage selbst zu zerstören. Es bestand eine gute Chance, dass dies hier nicht anders war. Immerhin war auch Syrene Vaponry, ein aufstrebender Waffenproduzent auf dessen Gelände sie sich hier befanden, ein Zulieferer der HF.
Ohne sich weiter um die Dystopianer, von denen er inzwischen überzeugt war, dass sie nur zur Ablenkung da waren, zu kümmern, machte er sich auf in Richtung der Signale.
Kurz bevor er die angezeigten Koordinaten erreichte, zeigte sein Interface kurzzeitig eine Warnung an, aufgrund derer Duncan es gerade noch schaffte, einer Rakete auszuweichen, die ihm entgegenkam. Das war der letzte Beweis, den er noch gebraucht hatte. Er bereitete das in seinen Arm integrierte Maschinengewehr vor und feuerte auf die Position, während er sich so schnell er konnte, näherte.
Als er dort ankam, fand er zwei automatische Geschütze vor, die ihre Läufe auf ihn gerichtet hatten. Zwischen den Waffensystemen befanden sich zwei von Kopf bis Fuß vermummte Personen. Keine ferngesteuerten Systeme oder in mit Geschützen ausgerüsteten Trucks steckende Terroristen, einfach nur zwei Techniker. Wenn Duncan es schaffte, die Geschütze zu deaktivieren, könnte er der erste ein, der jemals Dystopianer lebendig festgenommen hat und mit ihrer Hilfe würde er vielleicht auch dem Juggernaut auf die Schliche kommen können. Mit neuer Motivation feuerte Duncan eine weitere Salve auf das erste Geschütz, doch die Kugeln schienen dem Gerät keinen Schaden zufügen zu können.
Duncan sehnte sich nach seinem Granatwerfer, doch er wusste, dass er es auch irgendwie so schaffen konnte. Aus den dicken Läufen der Geschütze schossen erneut Raketen hervor und flogen auf seine Position zu. Anstatt auszuweichen feuerte Duncan aus vollen Rohren auf die Geschosse woraufhin diese in einem kleinen Feuerball aufgingen.
Das gab ihm eine Idee. Er hielt den Lauf seiner Waffe auf den Lauf des ihm am nächsten stehenden Geschützes gerichtet und wartete auf die nächste Rakete. Gerade als er sah, dass es wieder feuerte und er abdrücken wollte, ließ ein lautes Knacken in seinen Ohren ihn zusammenzucken. Dann hörte er die tiefe Stimme des Juggernaut über das Funksystem seines Bots.
„Hinter dir!“
Ohne darüber nachzudenken riss Duncan sich herum und schlug ins Leere, dann wurde er von der Rakete in den Rücken getroffen und durch den Aufprall einige Meter nach vorne geschleudert.
Als er sich gerade wieder aufrappelte, sah er den Juggernaut vor sich stehen. Er hatte nicht mitbekommen, wann oder wie er aufgetaucht war, aber da war. Reflexartig rollte Duncan sich zur Seite und wich so gerade noch dem herabschießenden Schwert seines Gegners aus.
Er sprang auf die Füße und versuchte, Abstand zu gewinnen, doch der Juggernaut folgte jeder seiner Bewegungen. Der Exo-Anzug selbst schien recht schwerfällig zu sein, aber der Pilot glich diesen Nachteil durch richtige Vorhersagen und blitzschnelle Reaktionen mehr als aus.
Duncan richtete sein Maschinengewehr auf die Rüstung und feuerte, bis sein Magazin leer war, doch der Juggernaut bewegte sich ungerührt weiter auf ihn zu. Seine Rüstung war, von einigen Kratzern in dem sonst perfekten blauen Lack auf seiner Brustplatte, komplett unbeschädigt, während Duncans Systeme schon wieder gefährlichen Systemschaden anzeigten. Sein alter Bot hätte die Explosion nahezu unbeschadet überstanden, aber für das Grundmodell war eine einzelne Rakete schon ein ernstzunehmendes Problem. Rückblickend schien es Duncan wie ein Wunder, dass er in seiner Rookiezeit nicht einen einzigen Bot verloren hatte.
Er entschied, dass es sich nicht lohnte, zu versuchen, die Angriffe zu vermeiden. Früher oder später würde der Juggernaut ihn doch treffen während seine eigenen Angriffe ihm im Gegenzug nichts ausmachten.
Statt den erwarteten Sprung zurück zu machen, machte er einen Satz nach vorne. Sein Gegner, der nicht mit dieser Bewegung gerechnet hatte, sprang ihm entgegen und die beiden schweren Maschinen kollidierten in der Luft. Weitere Kontrollanzeigen erschienen in Duncans Sichtfeld und warnten ihn über die kritischen Schäden überall in seiner Maschine.
Doch auch der Juggernaut schien die Kollision gespürt zu haben. Seine Brustplatte war leicht verbeult und er lag auf dem Boden. Langsam richtete sich die schwere Maschine wieder auf. Hoffentlich ist der Pilot darin eingeklemmt, dachte Duncan, bevor er bemerkte, dass der Juggernaut sein Schwert verloren hatte. Ein kurzer Scan der Umgebung zeigte ihm die Position der Waffe und er hechtete zu ihr. Als er sie anhob, stellte er fest, dass sie selbst für die übermenschlichen Kunstmuskeln seines Bots alles andere als leicht war.
Mit dem Schwert in beiden Händen stürmte er auf den unbewaffneten Juggernaut zu, doch bevor er ihn erreichte, klappte dieser seine rechte Hand auf. Eine riesige blaue Flamme umschloss Duncans Bot und nahm ihm alle Sicht. Ohne sich beirren zu lassen, hieb er dahin, wo der Juggernaut eben noch gestanden hatte. Als er aus dem Zielbereicht des Flammenwerfers herausbrach, sah Duncan, dass er seinen Gegner knapp verfehlt hatte, also riss er die schwere Waffe in einer runden Bewegung herum und täuschte einen weiteren Schlag an. Der Juggernaut wich aus, doch verlor kurz das Gleichgewicht und begann zu taumeln. Diesen Moment nutzte Duncan, um mit der Klinge vorzustoßen und die Brustplatte des Juggernaut zu durchstoßen. Etwas Blut schoss aus der Stichwunde und zeigte Duncan, dass er tatsächlich auch den Piloten getroffen hatte. Dieser ließ sich davon allerdings nicht beirren und verpasste Duncan einen Schlag mit seiner gepanzerten Faust, der den Schädel seines Bots zerschmettern ließ.
Obwohl dieser nicht kritisch für die Verwendung der Maschine war, ließ Duncan sich zusammenbrechen, wohl wissend, dass der Juggernaut ihn selbst verletzt wie er war noch problemlos zerstören könnte. Der Juggernaut nahm dies als ein Zeichen, dass sein Gegner besiegt war und zog sich mit einer Reihe weiter Sprünge zurück. Sobald er außer Sichtweite war, stand Duncan wieder auf und bewegte sich auf die Techniker zu, die er zuvor gesehen hatte. Er war in keiner Verfassung, sie festzunehmen, aber er konnte sie zumindest ausschalten und verhindern, was immer sie gerade taten.

Kapitel 13

Fanny hatte bereits übers Telefon gehört, dass der Einsatz fehlgeschlagen war, doch der Anblick, der sie erwartete, als sie im Laufschritt die Lagerhalle betrat, ließ ihr dennoch den Atem stocken.
Der Steinboden war mit Blutspuren bedeckt und eine Gruppe Sanitäter arbeitete konzentriert um einen Tisch, auf dem ein tief atmender, narkotisierter Körper lag.
An der hinteren Wand ragte die Juggernaut-Rüstung auf. Der Lack war vollkommen zerkratzt und eine große, zerfetzte Stichwunde prangte in dem Bauch der Exo-Rüstung. Der komplette Bauch der Gestalt war von braunem Blut verkrustet. Es schien wie ein Wunder, das Harold den Blutverlust überlebt hatte.
Mit rasendem Herzen bewegte Fanny sich auf den Operationstisch zu, doch eine verschwitzte Hand hielt sie auf. Bürgermeister Takagi hatte sie am Arm gepackt.
„Lass die Ärzte arbeiten. Er wird durchkommen.“, versicherte er ihr.
Sie nickte. Harold würde nicht wollen, dass sie jetzt den Kopf verlor. „Wie ist der restliche Einsatz gelaufen.
„Wir haben drei Trucks und zwei Geschützwagen verloren. Die Bombe ist hochgegangen, aber wir konnten die Produktionsanlagen nicht zerstören. Die Techniker sind tot, genauso wie die fünf Piloten. Der Rest ist entkommen und auf dem Weg hierher.“
Fanny nickte. Sie versuchte einen Blick auf Harold zu erhaschen, aber abgesehen von der riesigen Stichwunde in seinem Bauch war er komplett abgedeckt.
„Und wo warst du, Rhyme?“, fragte Takagi plötzlich.
„Ich hatte einen Auftrag!“, wich sie aus. Sie hatte nicht vor, ihm davon zu erzählen, worin der Auftrag bestanden hatte.
„Ja, du hattest einen Auftrag. Du solltest auf dem Feld sein und in einem Truck sitzen!“
„Ich sollte ein Auge auf ein mögliches Sicherheitsrisiko behalten.“, erwiderte sie.
„Das einzige Sicherheitsrisiko, das dich interessieren sollte, ist das verdammte Loch im verdammten Juggernaut!“ Fanny bekam das Gefühl, dass es den Japaner nicht interessierte, ob sie einen Unterschied hätte machen können. Sie wusste, dass er sie nicht leiden konnte und vermutlich froh gewesen wäre, wenn sie unter den Toten gewesen wäre.
Fanny riss sich aus dem schwitzigen Griff des Bürgermeisters. „Wenn jemand anders hier ein wenig aufmerksamer wäre, müsste ich mich vielleicht nicht darum kümmern.“, knurrte sie den übergewichtigen Mann an.
Dieser schien überrascht. Er fragte: „Was soll das heißen?“
„Nichts“
Fanny versuchte, an ihm vorbeizukommen und sich den Schaden am Juggernaut anzusehen, doch er griff sie erneut am Arm. Angewidert schüttelte sie ihn wieder ab.
„Was soll das heißen?“, wiederholte er.
Fanny ignorierte ihn. Bevor sie irgendetwas anderes tat, wollte sie mit Harold darüber reden, was sie gesehen hatte. Kurz bevor die Mission begonnen hatte, hatte sie beobachtet, wie Meril trotz ihrer Behinderung über eine Dreiviertelstunde gelaufen war um an irgendeiner Tankstelle in einen Firmenwagen der HF einzusteigen. Sie hatte sich nicht getraut, das Auto zu verfolgen, also hatte sie stattdessen an Takagis Haus gewartet, bis das Mädchen zurückkam. Eine knappe Stunde später hatte der Hero Factory Mitarbeiter, wer immer es war, sie bis zu ihrer Haustür gefahren.
Anschließend war er direkt zur Factory gefahren und ins angebaute Parkhaus gefahren, sodass Fanny nicht weiter beobachten konnte, was er tat.
„Du verheimlichst mir etwas, Rhyme“, bemerkte der Japaner mit zornigem Unterton. Dann, als er merkte, dass sie ihm nicht mehr sagen würde, ließ er sie in Ruhe.
Fanny wandte sich nicht noch einmal zu ihm um und ging auf die Sanitäter zu, die noch immer operierten. Jemand, Fanny vermutete, dass es Takagi war, wollte sich jedoch nicht umsehen, verließ die Halle und schlug hinter sich die Tür ins Schloss.
Sie strich sich eine rotblonde Strähne aus dem Gesicht und sah sich die Verletzung an.
Die Wunde war fast vollständig behandelt. Ein Arzt nähte gerade die Haut zusammen, während einige der anderen den Operationstisch bereits verließen.
Als einer der verbliebenen Ärzte sie bemerkte, erklärte er knapp: „Er wird durchkommen. Es wird die nächste Zeit zwar wehtun, aber er wird es überleben!“
Fanny nickte und dankte ihm knapp für die Information, dann ging sie weiter zu dem Juggernaut-Anzug.
Obwohl er höchstens dreißig Zentimeter größer war als sie, sah er beeindruckend aus. Er war fast anderthalb Meter breit und komplett mit schweren Panzerplatten bedeckt. Die Vorderseite des Gerätes war geöffnet sodass Fanny ins Innere der Maschine sehen konnte. Eine dünne Polsterung trennte den Piloten von der Technik, die der Maschine ihre Stärke gab. Der weiße Stoff war von Blut getränkt und würde wohl ausgewechselt werden müssen, genauso wie sie eine neue Platte für den Bauch der Panzerung benötigen würden. Doch all das war kein Problem, solange Harold tatsächlich überlebte. Ohne ihn würde Dystopia zerbrechen.

Kapitel 14

Es war fast eine Woche seit dem letzten Aufeinandertreffen mit Dystopia vergangen. Sie hatten es damals zwar nicht geschafft, zu verhindern, dass eine Bombe das Dach der Produktionshalle von Syrene Vaponry vernichtete, doch immerhin waren alle Produktionsanlagen gerettet worden. Außerdem hatte Duncan den Juggernaut in seiner Rüstung kritisch verwundet.
Da dieser seitdem nicht wieder aufgetaucht war, waren bereits die ersten Gerüchte über den Tod des Juggernaut im Umlauf, doch Duncan glaubte diese nicht einen Moment. Zwar hatte Dystopia seit dem Einsatz vor einer Woche keinen Finger mehr gerührt, doch irgendwie konnte Duncan nicht glauben, dass das bereits alles gewesen sein sollte.
Er hatte sich auch noch einige Male mit Meril getroffen. Nachdem vorher jedes Treffen der beiden unter irgendeinem Vorwand stattgefunden hatte, hatten sie sich seitdem einige Male einfach nur so getroffen und hatten einen Spaziergang im Park unternommen oder waren einmal sogar ins Kino gegangen.
Je mehr er mit Meril unternahm, desto mehr begann er, über ihre Narben hinwegzusehen und zu erkennen, dass sie trotz der Tragödie, die ihr als Kind auf dem Fischkutter zugestoßen war, immer noch nur ein junges Mädchen war, dass etwas Halt brauchte, den ihr Vater ihr nicht geben konnte.
Aufgrund der Beziehung die er mit Meril aufgebaut hatte, dachte Duncan in den letzten Tagen häufig an den Sohn, den er fast gehabt hatte. Vor einigen Jahren war er mit einer Krankenschwester, Cameron Aiden, zusammen gewesen. Er hatte sogar darüber nachgedacht, sie zu heiraten, als sie ihm erzählt hatte, dass sie schwanger war.
Fünf Monate später, sie hatten bereits herausgefunden, dass es ein Junge werden sollte und den Namen Gregory für ihn ausgesucht, war Cameron von einem Taxi angefahren worden und hatte das Kind verloren. In dem darauf folgenden emotionalen Drama, das sie beide durchlebt hatten, hatten sie sich getrennt und seitdem kein Wort mehr gewechselt.
Duncan dachte noch immer häufig an Cameron zurück, aber tatsächlich hatte er seit der Fehlgeburt nicht daran gedacht, wie es gewesen wäre, hätte er wirklich einen Sohn gehabt.
In den letzten Tagen jedoch dachte er mehr und mehr darüber nach. Greg wäre jetzt neun Jahre alt, nicht ganz in Merils Alter, doch vielleicht hätten die beiden sich trotzdem gut verstanden...
Eigentlich hatte er sich auch heute mit Meril treffen wollen, doch Shepherd hatte das erste Bottraining für die Studenten für diesen Nachmittag anberaumt, weshalb er stattdessen in einem Botmodell saß, der seinem neuen Bot stark ähnelte, der allerdings für den Trainingskampf modifiziert worden war. Die Techniker waren zwar nicht besonders glücklich gewesen, als sie gesehen hatten, wie stark sein echter Bot bei dem Kampf mit dem Juggernaut geschädigt worden war, aber sie hatten ihn inzwischen wieder repariert und die Möglichkeit genutzt, einige Modifikationen vorzunehmen.
Ihm gegenüber stand ein lebloser Bot. Ivy befand sich gerade mit den Studenten in einer der größeren Botkammern und erklärte ihnen den Ablauf des Trainings, dann würden immer fünf Studenten gleichzeitig in fünf verschiedene Bots springen und gegen ihn und vier weitere Marines kämpfen. Anschließend würde durchgewechselt werden, bis jeder einmal an der Reihe gewesen war.
In den angrenzenden Trainingsräumen warteten H., Shepherd und Dimmer, sowie eine weitere Marine namens Isabell Demira, die Duncan kaum kannte. Shepherd hatte darauf bestanden, dass die Marines die Chance bekamen, mit einigen der besten Kämpfer in der HF zu trainieren. Plötzlich kam Bewegung in den knallroten Bot vor Duncan. Er richtete sich etwas auf, blickte in beide Richtungen und bewegte Arme und Beine.
„Wow!“, hörte Duncan über Funk. Als er den starken Akzent erkannte, wusste er sofort, wen er vor sich hatte. Vermutlich hatte sie Ivy darum gebeten gegen ihn kämpfen zu dürfen.
„Maeve“, begrüße Duncan sie wenig begeistert.
„Ich... Ich wusste nicht, dass sich das so anfühlt!“, staunte sie. Der Umgang mit den Bots wurde erst ab dem fünften Semester gelehrt, also war es für alle Studenten das erste Mal, dass sie sich in einem technischen Körper bewegten. Dafür bewegte Maeve sich jedoch überraschend flüssig. Die meisten brauchen beim ersten Mal einige Zeit, bis sie sich an das Gefühl gewöhnt hatten, etwas anderes als ihren eigenen Körper zu bewegen.
„Versuch, deine Waffensysteme zu verwenden!“, forderte Duncan sie auf. Die Trainingsbots verfügten nicht über echte Waffen. Stattdessen besaßen sie virtuelle Signalgeber, die auf den Interfaces als dreidimensionale Hologramme angezeigt werden konnten und die das System des gegnerischen Bots dazu brachten, zu reagieren wie nach einem echten Treffer. Dadurch ließen sich Kämpfe bis auf die Zerstörung des Gegenübers simulieren ohne tatsächlich einen Bot zu beschädigen.
Maeve hob ihren rechten Arm und richtete ihn auf Duncan. Es dauerte einige Sekunden, dann klappte sich der Gewehrlauf aus ihrem Arm aus. Einige virtuelle Schüsse lösten sich und brachten Duncans Systeme dazu, minimalen Schaden an der Panzerung anzuzeigen. Mit einem gedanklichen Befehl brachte er die Anzeige wieder auf den Normalzustand zurück.
„Nicht schlecht, Maeve!“, gab Duncan zu. So wenig er das Mädchen auch mochte, sie lernte sehr schnell. Er hatte vermutet, dass er heute nicht einmal wirklich zum Kämpfen kommen würde, da die Studenten sich erst einmal an die Bots gewöhnen mussten, doch sie schien sich schnell an ihren neuen Körper zu gewöhnen.
Das Mädchen ignorierte ihn und zog jetzt die Klinge heraus, die an ihrem Rücken befestigt war. Auch hierbei handelte es sich nicht wirklich um ein Schwert. In Wirklichkeit war nur eine dreidimensionale Projektion auf die visuellen Systeme der Bots. Auch als Mave die mechanischen Finger über den feinen Stahl, den sie wahrnahm, streifen ließ, berührte sie in Wirklichkeit nichts, sondern reagierte lediglich auf elektronische Feedbacks, die das scheinbare Schwert an ihren Tastsinn sendete.
Ohne Vorwarnung sprang sie plötzlich voran und wollte Duncans Bot mit einem Schwertstreich zerstören, doch dieser reagierte schnell und zog sein eigenes Schwert. Er fing ihr Schwert mit seinem auf und riss dann beide zur Seite sodass sie ihren Griff verlor und es zur Seite wegflog. Duncan nutzte ihre Überraschung um die Klinge in ihren Leib zu bohren. Maeve versuchte auszuweichen, weshalb Duncans Versuch ihre Systeme mit einem einzigen Angriff lahmzulegen fehlschlug. Maeve griff nun mit ihren bloßen Metalhänden nach ihm, dann klappte sie langsam wieder die Gewehrläufe an beiden Enden aus, doch bevor sie feuern konnte, riss Duncan das simulierte Schwert durch ihren Körper und vernichtete so den Bot.
Sein alter Bot wäre nicht so leicht zerstört worden, doch Duncan vermutete, dass der Schaden ausgereicht hätte um den unaufgerüsteten Bot, den er gegen den Juggernaut verwendet hatte, zu zerstören. Erneut fiel ihm auf, was für ein Glück er in dem Aufeinandertreffen gehabt hatte. Maeve stand wieder auf. Ihr System hatte sich resettet, das virtuelle Schwert befand sich wieder an ihrem Rücken.
„Wirklich gut für deinen ersten Botkampf!“, lobte Duncan. Das Mädchen hatte wirklich Talent. „Lust auf eine zweite Runde?“

Kapitel 15

„Habe ich gekleckert?“, fragte Meril. Sie legte ihre Gabel auf den Teller zurück und sah an sich herunter. Als sie nichts fand, fragte sie Duncan: „Ist was mit meinem Hemd?“
Duncan wandte den Blick ab. Als er Meril abgeholt hatte, war es ihm nicht sofort aufgefallen, doch Merils Hemd weckte Erinnerungen an den Kampf mit dem Juggernaut. Wie immer trug sie ein langärmliges Oberteil aus dünnem Stoff – die beste Möglichkeit um Hitze abzuwehren und trotzdem möglichst wenig vom ihrer vernarbten Haut zu zeigen. Dasjenige das sie heute anhatte, war hauptsächlich blau doch an den Ärmeln sowie den Löchern für ihren Kopf und Torso färbte sich der Stoff orange. Eine dünne, orangefarbene Kapuze hing von ihrem Nacken herab. Blau und orange. Die Farben des Juggernaut.
Er hatte kein Interesse, mit Meril über den Terroristen zu reden, also antwortete er stattdessen: „Die bunten Farben und die Kapuze... Es erinnert mich an Utopia.“
Utopia war eine Jugendbewegung, die hauptsächlich in den dreißiger Jahren populär gewesen war. Angehörige des Trends hatten bunte Farben und oft Anhängsel wie Kapuzen oder sogar Umhänge getragen und waren bekannt dafür gewesen, gegen den Staat und vor allem Überwachung zu protestieren. Irgendwann war aus Utopia hier in den Staaten Dystopia entstanden und die an sich friedliche Bewegung war durch die Taten ihrer Ablegergruppe in Verruf geraten. In den folgenden Jahren war Utopia in den USA fast vollständig verschwunden, während sie in Europa zwar lange nicht mehr so populär war wie noch vor zehn Jahren, aber immer noch existierte.
„Mein Vater hat mir das vor einem halben Jahr aus Deutschland mitgebracht. Da gibt es wohl ganze Läden mit solchen Klamotten“, untermauerte Meril Duncans Verdacht, dass es sich um Utopische Kleidung handelte. „Mir gefallen die Farben gut!“
„Mir nicht“, murmelte Duncan, mehr zu sich selbst, doch Meril schien, ihn verstanden zu haben.
„Warum nicht?“, fragte sie, doch es gelang ihr sofort, sich die Antwort selbst zusammenzureimen. „Wegen dem Juggernaut? Das ist mir vorher gar nicht aufgefallen, aber das sind die gleichen Farben oder?“
Duncan nickte widerwillig. Sie musste Bilder des Terroristen in den Nachrichten gesehen haben.
„Du hast gegen ihn gekämpft, oder?“, hakte Meril nach. Sie schien im Gegensatz zu ihm über den Terroristen sprechen zu wollen.
„Einige Male“, wich er aus. Er verstand, warum Meril sich für das Thema interessierte, aber er genoss es, bei ihren Treffen von der Arbeit wegzukommen, nicht, sich weiter damit zu beschäftigen.
„Stimmt es, dass er tot ist?“
Die Frage überraschte Duncan völlig. Der Verdacht war zwar in der HF schon aufgekommen, aber sie hatten alle Informationen zurückgehalten. Zwar war durchgesickert, dass der Juggernaut-Roboter beschädigt worden war, aber da die Öffentlichkeit noch immer dachte, es handle sich bei diesem nur um einen Bot, waren die Medien noch nicht einmal auf den Verdacht gekommen, der Juggernaut selbst könne verstorben sein.
„Wie kommst du darauf?“, fragte er.
„Hab ich glaube ich irgendwo gelesen.“, fragte Meril schulterzuckend. „Stimmt es?“
Duncan überlegte, wie er antworten sollte, doch bevor er etwas sagen konnte, korrigierte Meril sich: „Ach nein, Dad hat mit seinen Geschäftspartnern darüber geredet!“
Das schien Duncan schon wahrscheinlicher. Zwar hatte Havering keine hohe Meinung von Bürgermeister Hideo Takagi, aber es schien ihm nicht für völlig weit hergeholt, dass er ihm zumindest eine grobe Zusammenfassung der Ereignisse geben würde. Außerdem hielt er es nicht für unwahrscheinlich, dass Takagi darüber informiert war, dass der Juggernaut kein Bot sondern ein Exo-Anzug war.
„Er wurde verletzt. Ich habe ihn mit einem Schwert durchbohrt. Manche Leute glauben, dass er tot ist, aber ich denke, er lebt noch.“, erklärte Duncan.
„Wie schlimm hast du ihn erwischt?“, hakte das Mädchen nach. „Wird er wieder zuschlagen können?“
Duncan deutete auf einen Punkt an seiner Hüfte. Er hatte mit einigen Technikern rekonstruiert, wo er ungefähr getroffen hatte und anhand dessen hatten sie berechnet, wo die Klinge ihn in etwa getroffen haben musste. „Er wird wohl überleben, könnte aber einige Zeit Probleme mit dem Laufen haben.“
Meril nickte, dann nahm sie ihr Besteck wieder in die Hand und wendete sich wieder ihren Spaghetti zu. Duncan entschied, auch weiter zu essen.
„Mit was für Geschäftspartnern hat dein Vater denn über den Juggernaut gesprochen?“, kam Duncan nun zurück auf das Thema. Die Tatsache, dass Takagi sensible Informationen mit Außenseitern teilte, gefiel ihm nicht.
Meril hob den Blick wieder von ihrem Teller und sah ihn an. Sie hatte den Mund mit Nudeln gefüllt, also kaute sie sie zunächst durch und schluckte einige von ihnen runter bevor sie, noch immer mit vollem Mund, antwortete: „Ich weiß nicht genau, wer die sind. Ich glaube, es sind keine Amerikaner. Sie unterhalten sich meistens auf...“ Sie zuckte mit den Schultern „Nicht-Englisch. Ich hab dir schon mal von denen erzählt. Weißt du noch? Der Mann mit den seltsamen Augen.“
Duncan erinnerte sich, aber die Tatsache, dass wer auch immer es war, mit dem Takagi die Informationen teilte, schon öfter bei ihm gewesen war, beruhigte ihn nicht wirklich. Er entschied, bei Gelegenheit Havering einmal darauf anzusprechen, wie Merils Vater mit den geheimen Daten umging, die ihm anvertraut worden waren.
Er ließ das Thema fallen und begann, auch wieder zu essen.

Kapitel 16

„Warum kommen wir immer noch hierher?“, fragte Fanny, als sie das Auto auf Takagis Grundstück parkte.
„Weil Takagi, je tiefer er drinsteckt, immer weniger Möglichkeiten hat, doch noch auszusteigen.“, antwortete Harold. Er hatte sich inzwischen wieder größtenteils von seiner Wunde erholt. Zwar lief er wegen der Schmerzen noch immer mit einem Stock zur Stütze, doch er hatte sogar schon überlegt, wieder in den reparierten Juggernaut zu steigen.
Fanny war nicht glücklich über Harolds Entscheidung. Natürlich war es notwendig, den alles andere als loyal wirkenden Bürgermeister enger an die Vereinigung zu binden, aber nachdem sie Harold von Merils wiederholten Treffen mit dem Hero Factory-Agenten erzählt hatte, war sie davon ausgegangen, dass sie ihre Besprechungen aus Takagis Haus heraus verlegen würden.
Zusammen gingen sie zu der Haustür des Bürgermeisters. Harold klingelte und es dauerte nicht lange, bis der übergewichtige Japaner die Tür öffnete.
Misstrauisch sah Fanny an ihm vorbei um zu sehen, ob Meril sie beobachtete, doch sie konnte das verkrüppelte Mädchen nirgends sehen.
„Harold, Rhyme, kommt doch rein!“, grüßte Takagi sie mit gespielter Freundlichkeit. Auch wenn sie sonst nicht viel von dem Mann hielt, musste Fanny zugeben, dass er ein guter Schauspieler war. Aber das musste er als Bürgermeister wohl auch sein.
„Tag“, grüßte Fanny ihn trocken.
„Wir haben einiges vorzubereiten!“ Harold hielt sich gar nicht erst mit einer Begrüßung auf, sondern kam gleich zum Punkt, dann humpelte er an Takagi vorbei und machte sich direkt auf den Weg in sein Büro.
„Ist Meril da?“, fragte Fanny. Takagi wusste nichts davon, dass sie seine Tochter beschattete oder davon, was sie gesehen hatte, aber sie musste die Frage trotzdem stellen.
„Gerade nicht. Ich glaube, sie wollte wieder zu ihrem Therapeuten oder so was.“
Oder so was, dachte Fanny. Wahrscheinlich trifft sie sich wieder mit dem HF-Mann.
Sie antwortete nicht, sondern folgte Harold ins Büro. Hinter ihr schloss Takagi die Tür und ging ihnen nach.
Harold hatte bereits einen Grundriss, der alle Stockwerke eines Hochhauses zeigte, ausgebreitet. Fanny musste die Inschrift nicht einmal lesen um das Gebäude zu erkennen. Die Hero Factory.
„Warum kommt es mir so vor, als würden wir zur Zeit einen Krieg mit der HF führen?“, fragte sie. „Sollten wir nicht viel eher ein Regierungsgebäude angreifen? Vielleicht den Gerichtshof?“
Harold ignorierte ihre Frage, allerdings brauchte Fanny auch nicht wirklich eine Antwort. Selbst bevor sie angefangen hatten, Ziele anzugreifen, die direkt mit der HF zu tun haben, waren die Marines mit ihren High-Tech-Maschinen für fast einhundert Prozent ihrer Verluste verantwortlich gewesen.
Die normale Polizei hatte keine Chance gegen ihre Panzertrucks oder den Juggernaut und sie hatten genug Kontakte im Militär um einen Auszug der Army gegen sie sehr unwahrscheinlich zu machen.
Es war also kein Wunder, das Harold darauf aus war, den größten Risikofaktor für ihre Missionen auszuschalten. Außerdem wollte er sich wahrscheinlich an diesem Warden rächen, der ihn mit seiner eigenen Waffe verletzt hatte.
„Eva ist nur noch eine knappe Woche in der HF, danach werden wir für ein Jahr keinen vertrauenswürdigen Insider mehr haben. Das heißt, wir müssen uns beeilen, wenn wir zuschlagen wollen!“
„Gehen wir kein Risiko ein, wenn wir Eva für unseren Angriff benutzen?“, fragte Fanny. „Ich meine, für ihre Tarnung?“
„Denkst du wirklich, darüber hab ich noch nicht nachgedacht?“, erwiderte Harold. Das war eine dumme Frage gewesen. Eva war der wichtigste Mensch auf der Welt für ihn, zusammen mit ihrer Mutter, zumindest damals, als die beiden noch zusammen gewesen waren. „Sie wird natürlich nicht kämpfen, aber wir brauchen ihre Hilfe, um die Sicherheitssysteme lange genug zu deaktivieren um einen Überraschungsangriff einleiten zu können.“
„Ich bin dagegen!“, warf Takagi plötzlich ein. Überrascht sah Fanny ihn an. Bisher hatte er einfach alles, was sie geplant hatten abgenickt und ihnen diskret die nötige Hilfe zukommen lassen. „Die HF ist mitten in der Innenstadt. Wir können nicht garantieren, dass es nicht zu zivilen Opfern kommen wird.“
„Das ist ein Risiko, das wir eingehen müssen. Auch bei Sickle und Vaponry haben wir Angestellte getötet, die nicht direkt mit der HF zu tun hatten.“, merkte Harold an.
Der Bürgermeister erwiderte nichts mehr darauf. Fanny vermutete, dass die zivilen Opfer an sich ihm sowieso egal waren. Wenn überhaupt, ging es ihm nur darum, dass sein Ansehen nicht beeinträchtigt wurde.
Das war einer der vielen Gründe, aus denen Fanny den fetten Mann nicht leiden konnte. Dystopia war eine Bewegung für die Freiheit der Bürger. Natürlich war es nicht möglich, Veränderungen herbeizuführen, ohne Opfer zu bringen, aber wenn man das Volk befreien wollte, musste man es auch als Volk sehen und nicht nur als Wähler oder Mittel zum Zweck. Sobald Dystopia es geschafft hatte, die Hero Factory loszuwerden, würden sie Kearney allerdings sowieso verlassen. Dann gab es keinen Grund mehr, weitere Geschäfte mit Hideo Takagi zu machen.
„Wenn wir es schaffen, unbemerkt hereinzukommen, haben sie keine Chance gegen uns. Wir müssen Leute hier, hier und hier hin bekommen.“ Harold zeigte auf verschiedene Punkte der Karte. „Wenn wir diese Gänge mit zwei bis drei Mann jeweils blockieren, sollten wir die Marines abhalten können, in ihre Bots zu springen. Dann wird Rhyme den Juggernaut abwerfen. Ich gehe dann direkt rein und schieße den Weg frei, während alle Ausgänge von Trucks bewacht werden. Nach einer Viertelstunde sollten wir soweit sein, Techniker rein zu schicken, die einige Bomben deponieren. Sobald die gezündet sind, verschwinden wir. Zeit spielt dabei eine große Rolle. Das ist ein groß angelegter Terrorakt, da werden selbst unsere Kontakte beim Militär nichts dagegen ausrichten können, dass sie ausrücken werden müssen.“
„Harold, ich kann dich nicht abwerfen. Nicht in deinem aktuellen Zustand!“, protestierte Fanny.
„Das ist die einzige Möglichkeit, wie ich schnell und unbemerkt in die Nähe kommen kann. Wenn du mich nicht abwirfst, macht es jemand anders!“
Fanny widersprach nicht weiter. Harold hatte sich wieder etwas in den Kopf gesetzt und würde sich nicht davon abbringen lassen.
„Warum Rhyme?“, fragte Takagi. „Nachdem sie beim letzten Einsatz den Schwanz eingezogen hat?“ Harolds Blick, als er Takagi ansah, war vernichtend. Die meiste Zeit war er ein sehr netter und zuvorkommender Mann, doch manchmal blickte der Teil von ihm durch, den er den Juggernaut nannte.
Takagi sah ihm nicht direkt in die Augen – Er sah generell sehr selten Leuten ins Gesicht, wenn er es vermeiden konnte – weshalb er den Blick offenbar nicht sah.
„Rhyme hat nicht den Schwanz eingezogen.“, erklärte er. Seine Stimme war ruhig. „Sie hatte etwas Wichtigeres zu tun.“ Er beließ es dabei, obwohl Fanny damit gerechnet hatte, dass er ihm über Meril erzählen würde. Sie entschied, nichts zu sagen, das Harold offenbar nicht gesagt haben wollte.
„Und wann soll der Plan umgesetzt werden?“, lenkte Fanny das Thema wieder von sich ab.
Harold dachte kurz nach, dann erklärte er: „In einer Woche!“

Wird fortgesetzt auf Seite 2

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