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Fortgesetzt von Seite 1

Kapitel 17

Nachdem Rhyme und Craw gegangen waren, ging Hideo zurück in sein Büro. Er ging auf seinen Schreibtisch zu und zog das kleine Diktiergerät hervor, dass er in einer unauffälligen Halterung unter der Tischplatte befestigt hatte. Er schaltete die Aufnahmefunktion aus und hörte für einen Moment in die Aufnahme herein. Die Qualität war gut und der gesamte Plan, den Craw erklärt hatte, war zu verstehen.
Er war sich inzwischen nicht mehr so sicher, dass es eine gute Idee gewesen war, sich mit Dytopia einzulassen. Damals hatte er sich gedacht, dass ein paar terroristische Akte in Kearney die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihn ziehen würde. Eigentlich war sein Plan gewesen, danach einen anonymen Tipp, eventuell mit den Aufnahmen, die er gemacht hatte – natürlich so bearbeitet, dass seine Stimme nicht zu erkennen war – an die Polizei oder sogar die HF zu geben, damit sie Craw und sein Pack verhaften konnten. Dann hätte er sich damit rühmen können, der Bürgermeister zu sein, in dessen Stadt das gefürchtete Dystopia ein für alle mal aufgehalten worden war. Doch je tiefer er in die Aktivitäten der extremistischen Gruppe, die ihre Taten damit rechtfertigte, dass sie die Menschen vor der Unterdrückung durch den Staat schützen wollten, verwickelt wurde, desto mehr fürchtete er, dass es mit der Verhaftung Craws nicht zuende sein würde.
Selbst wenn die HF Craw tötete, würde er nie wieder sicher sein, bis nicht jeder einzelne Dystopianer tot wäre. Zwischenzeitlich hatte er sogar einen neuen Plan aufgebaut: Sobald Dystopia es geschafft hätte, die Regierung zu stürzen, würden sie ein neues Staatsoberhaupt benötigen. Er hatte die Idee gehabt, dieses Oberhaupt zu werden. Das einzige Problem mit diesem Plan war, dass Craw, der an erster Stelle für diese Position stand, dafür aus dem Weg geräumt werden musste.
Außerdem glaubte Hideo kaum, dass er an erster Stelle für die Thronfolge stünde. Hideos Pläne von Macht waren inzwischen verflogen. Das einzige, was er jetzt noch wollte, war, lebend aus dieser Sache herauszukommen.
Und selbst darüber machte er sich Sorgen. Craw schien ihm zwar zu vertrauen – immerhin ließ er zu, dass noch immer jede Sitzung, die sie abhielten, in seinem Haus stattfand, doch Rhyme schien etwas zu vermuten.
Er sammelte noch immer die Tonaufnahmen aller ihrer Treffen, aber er befürchtete, dass diese ihm nichts nutzen würden, wenn Harold Craw entschied, dass er nicht mehr vertrauenswürdig war.
Und dann war da auch noch Meril...
Er hatte sie von seinen Geschäften mit diesen Personen fernhalten wollen, aber sein ursprünglicher Plan, sie für einige Wochen, vielleicht zwei Monate, bei ihrer Mutter unterzubringen, während er die Sache klärte war daran gescheitert, dass Rosemary ausgerechnet jetzt einen neuen Job gefunden hatte und sich mitten im Umzugsstress befand. Ohne einen triftigen Grund, und Hideo hatte nicht vor, ihr zu sagen, was sein wahres Vorhaben war, würde sie Meril nicht einfach so nehmen.
Da sie aufgrund ihrer Behinderung nicht zur Schule ging sondern von zuhause aus Onlinekurse durchführte, waren nicht einmal die Vormittage frei um sich bedenkenlos mit Dytopia zu treffen. Und tatsächlich hatte sie Craw und Rhyme schon einige Male getroffen und auch die Gesichter von zwei anderen Dystopianern schon gesehen. Obwohl sie es nicht ahnte, war sie schon alleine dadurch in Gefahr. Vor allem wegen Rhyme machte er sich Sorgen.
Die rotblonde Pilotin würde zwar ohne Craws Befehl nie etwas gegen Hideos Tochter unternehmen, aber der kritische Blick mit dem sie Meril angesehen hatte, zeugte von Misstrauen und wenn sie Harold davon überzeugen konnte, dass Meril eine Gefahr darstellte, dann wusste Hideo nicht, was für Konsequenzen das für seine Tochter haben könnte.
Bevor Hideo die Kassette in der er die Aufnahmen seiner Gespräche mit Craw aufbewahrte schloss, überlegte er noch ein letztes Mal, ob er sie nicht doch an die HF geben sollte. Vielleicht konnten sie ihn und seine Familie beschützen, wenn er ihnen alles erzählte. Er verwarf den Gedanken. Viel wahrscheinlicher wäre es, dass er für den Rest seines Lebens im Gefängnis landen würde, wenn Dystopia nicht beschloss, sich für seinen Verrat an ihm zu rächen.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als weiter mitzuspielen und zu hoffen, dass Craw sich nicht gegen ihn wandte.

Kapitel 18

Duncan bückte sich unter dem Schlag seiner Gegnerin durch, dann stieß er den Körper des Trainingsbots vor und warf sie zu Boden. Mit einigen simulierten Schüssen aus seiner eingebauten Schrotflinte zerstörte er den Bot zumindest virtuell.
Beide am Boden liegenden Bots richteten sich wieder auf. Der nach einem Treffer mit Duncans Schwert von Maeves Körper abgeworfene Arm schoss von alleine an seinen Ursprungsort zurück und alle Schadensberichte auf Duncans Display verschwanden.
Nachdem sich die Studenten einigermaßen an die Kontrolle der Bots gewöhnt hatten, hatte Shepherd vorgeschlagen, die Kämpfe aus Fairnessgründen zwei gegen einen zu gestalten. Dadurch würden alle Studenten länger trainieren können und es würde für die Ausbilder zumindest etwas interessanter werden.
Wie Duncan schon im Vorfeld bewusst gewesen war, kämpfte er in seiner ersten Trainingseinheit natürlich direkt gegen Maeve Carwil und Heather Bryce.
Die beiden waren ein gutes Team und hatten es zwischenzeitlich tatsächlich geschafft, ihn für einen Moment in Bedrängnis zu bringen, doch nachdem es ihm gelungen war, Maeve auszuschalten, war Heather nicht mehr so gefährlich gewesen.
Maeve war eindeutig die bessere Kämpferin, doch Heather schien Duncan teamfähiger zu sein. Sie passte sich den Angriffen ihrer Partnerin an und versuchte, diese so gut wie möglich zu unterstützen. Außerdem sah Duncan in ihr noch ein deutliches Potenzial zur Verbesserung, während Maeve zwar momentan besser war, Duncan sich jedoch gut vorstellen konnte, dass Heather sie mit etwas Training noch überflügeln würde.
„Das war wirklich gut. Maeve, du solltest versuchen, Heather besser im Auge zu behalten. Ihr ward euch teilweise etwas im Weg. Heather, es ist zwar eine gute Sache, Angriffe für den anderen abzufangen, aber du vernachlässigst mitunter deine eigene Sicherheit für Maeve.“
„Ja ja!“, erwiderte Maeve, die schon wieder eine Bereitschaftshaltung eingenommen hatte. „Nächste Runde!“
Duncan erwiderte nichts sondern antwortete stattdessen mit einem Angriff auf Maeve. Er schlug ihr sein Schwert entgegen, doch sie parierte mit ihrem eigenen. Noch während ihre Schwerter sich berührten, nahmen Duncans Sensoren wahr, dass Heather von hinten angriff. Er machte einen Sprung zur Seite, doch während Heather ins Leere lief, folgte Maeve ihm ohne Probleme. Sie schlug nach ihm und schaffte es tatsächlich, ihn zu entwaffnen, doch bevor sie noch einmal zuschlagen konnte, trat Duncan nach ihr und ließ sie zurücktaumeln.
Heather fing ihre Freundin auf und sofort eröffnete Duncan das Feuer auf sie. Sein Maschinengewehr durchschlug Maeves Rüstung, doch bevor irgendwelche unverzichtbaren Systeme getroffen wurden, wich sie zur Seite aus, wobei sie die in die andere Richtung ausweichende Heather kurzzeitig komplett offen ließ.
Von zwei Seiten erwiderten die Bots den Beschuss. Die Systeme an Duncans Trainingsbot zeigten bereits deutliche Schäden an, als er von Maschinengewehrfeuer wieder an beiden Händen auf die Schrotflinte wechselte.
Mit einem kurzen Satz vorwärts positionierte er sich genau zwischen seinen Gegnerinnen und feuerte gleichzeitig einen Schuss in beide Richtungen ab. Von dem heftigen Treffer flogen beide ein Stück zurück und stellten ihr Feuer ein. Ohne darüber nachzudenken sprang Duncan auf Maeve zu und schlug ihr mit der gepanzerten Faust in die Brust. Die Simulation stoppte seine Hand, bevor sie den anderen Bot erreichte, doch Duncan wusste, dass der Schaden registriert worden war. Plötzlich erfasste ihn schweres Feuer von hinten. Heather hatte wieder angefangen, zu schießen. In einem versuch, sich zu schützen, riss Duncan Maeves beschädigten Bot herum und verwendete ihn als Schild. Heather stellte das Feuer zwar ein, aber die Kugeln, die ihre Partnerin bis dahin eingesteckt hatte, reichten aus, damit die Simulation ihren Bot als zerstört wahrnahm. Der Bot sackte in sich zusammen. Duncan zog das virtuelle Schwert von Maeves Rücken und warf ihren leblosen Bot zur Seite. Dann, noch bevor Heather wieder anfangen konnte, auf ihn zu schießen, verpasste er ihr eine weitere Ladung aus seiner Schrotflinte.
Die Studentin schaffte es, in ihrem Bot das Gleichgewicht zu halten, doch hatte keine Zeit mehr, auszuweichen, bevor Duncan das Schwert in einer einzigen Bewegung quer durch ihren Bot zog.
Duncan erwartete, dass die Simulation beendet wurde und sich die Bots wieder reparierten, weshalb ihn die Tatsache, dass die angezeigten Schäden auf seinem Interface nicht verschwanden und Heathers Bot an der Sollbruchstelle unter der Brust auseinanderfiel kurz verwirrte. In dem Moment, in dem er verstand, was das zu bedeuten hatte, nahm er die Bewegung hinter sich bereits über seine Sensoren wahr. Maeve war noch gar nicht zerstört gewesen!
Duncan drehte sich noch um, doch Maeve war bereits direkt vor ihm und setzte ihm die Hand auf die Brust. Aus ihrer Handfläche schoss die virtuelle Schrotmunition heraus und warf ihn zurück. Sein Bot war noch nicht völlig zerstört, doch bevor er sich aufgerappelt hatte, drangen zwei weitere Schüsse in seinen Bot ein. Für einige Sekunden leuchtete sein gesamtes Display rot auf und zeigte ihm damit die vollständige Zerstörung der Trainingsmaschine an.
Dann reparierte sich der Schaden wieder.
„Und, wie war das?“, fragte Maeve. Ihre Stimme klang aufgeregt.
„Gut. Wirklich gut!“, antwortete Duncan. Er war zwar nicht glücklich darüber, dass Maeve Heather geopfert hatte, um einen Überraschungsangriff zu landen, aber in der Hitze eines Gefechts konnten solche Entscheidungen mitunter nötig sein und Maeve hatte es geschafft, die Finte perfekt durchzuführen.
„Ich freue mich schon auf unsere nächste Trainingseinheit!“, sagte Duncan und, tatsächlich, irgendwie stimmte es sogar. Die beiden waren wirklich gut und die Kämpfe gegen sie waren um einiges interessanter als gegen die meisten Studenten. „Aber jetzt muss ich mich mal um die nächsten kümmern“
Die beiden Mädchen verabschiedeten sich von ihm und verließen die Bots.

Kapitel 19

Von ihrem Auto aus beobachtete Fanny den Mann von der HF. Er hatte sich schon wieder mit Meril getroffen, doch da Meril ihr Gesicht kannte, hatte Fanny noch immer keine Gelegenheit gefunden, die beiden zu belauschen, ohne in Gefahr zu geraten, entdeckt zu werden. Dafür hatte sie sich inzwischen entschieden, in die Offensive zu gehen.
Der Mann war glücklicherweise nicht direkt zur Hero Factory gefahren, sondern hatte einen Zwischenstopp an einer Tankstelle eingelegt. Während er seinen Wagen auftankte, fuhr Fanny an die Zapfsäule neben ihm. Sie hatte etwas nachgeforscht und gelesen, dass ein Ausweis mit Namen und Foto des Fahrers unter der Windschutzscheibe von jedem Firmenwagen der HF befestigt war.
Um ihre auffällige Haarfarbe zu verstecken trug Fanny ein dunkelgrünes Kopftuch mit schwarzer Musterung als sie ausstieg. Zusammen mit der dunklen Sonnenbrille sollte das ausreichen, damit der Mann sie später nicht wiedererkennen können sollte.
Ein einziger Blick reichte aus, um zu sehen, dass sich an der vermuteten Stelle tatsächlich ein Firmenausweis befand. Um nicht aufzufallen, begann sie ebenfalls, ihren Wagen aufzutanken. Während sich der Tank füllte lief sie um den Wagen herum und versuchte einen Blick auf den Ausweis zu erhaschen.
„Kann ich helfen?“, fragte der Mann sie plötzlich. Sie schreckte ein wenig auf.
„Nein, nein. Ich nur... Sie Hero Factory?“, fragte sie in gebrochenem Englisch. Sie hielt ihren Blick von ihm abgewandt und erhaschte einen Blick auf den Namen: Duncan Warden.
Sie begann, zu schwitzen. Duncan Warden? War das nicht der Name des Mannes, der Harold fast getötet hätte?
„Ja, ich bin Marine.“, antwortete der Mann. Er machte einen Schritt auf sie zu und hielt ihr die Hand hin. „Duncan Warden!“
Das weiß ich jetzt auch!, dachte Fanny.
Es dauerte eine Sekunde, bis sie darauf kam, dass er darauf wartete, dass sie sich ebenfalls vorstellte. Das stellte sie jedoch vor das Problem, sich schnell einen Namen ausdenken zu müssen, denn mit Sicherheit hatte sie nicht vor, sich ihm mit ihrem richtigen Namen vorstellen. Sie reichte ihm die Hand „Ähm, ich bin Ziva... Craw“
Sie fluchte innerlich. Warum war ihr nichts besseres eingefallen als eine Kombination der Namen ihrer Cousine und ihres Anführers?
„Sehr erfreut, Miss Craw“ Warden schüttelte ihre Hand, dann wandte er sich wieder seinem Auto zu. Sein Tank war inzwischen gefüllt, also zog er den Benzinhahn heraus und steckte ihn zurück in seine Halterung. Er verabschiedete sich von Fanny und fuhr davon. Sobald er außer Sicht war, machte sie dasselbe.

Nervös spielte Fanny an der Schnalle ihrer Tasche herum. Es war eine Sache, unauffällig Smalltalk an der Tankstelle zu führen, aber was sie jetzt vorhatte, war um einiges riskanter. Aber sie musste einfach herausfinden, was Warden wusste.
„Er dürfte jetzt jeden Moment da sein“, riss sie die Stimme von Wardens Assistentin, einer hübschen jungen Frau namens Ivy Potter, aus ihren Gedanken. „Sind sie sicher, dass sie nichts zu trinken wollen?“
Fanny überlegte kurz, dann sagte sie: „Vielleicht doch ein Glas Wasser.“
Ihre Kehle war rau vor Nervosität. Harold wusste nichts davon, was sie vorhatte. Sie hatte ihm zwar gestern Abend gesagt, wer genau der Mann war, mit dem Meril sich traf, aber nicht, dass sie vorhatte, ihn zu dem Mädchen zu befragen.
Potter nickte, dann holte sie von unter ihrem Schreibtisch eine Flasche Wasser und ein einfaches Glas heraus. Sie füllte es auf, dann stand sie auf und reichte es Fanny.
Noch bevor sie wieder saß, öffnete sich die Tür.
„Morgen, Ivy!“, grüßte Duncan Warden seine Assistentin, dann blieb sein Blick an Fanny hängen.
Bitte, lass ihn mich nicht erkennen!, flehte die rotblonde Frau innerlich.
„Morgen, Boss. Das ist Doktor Mackenzie Ogloza von der Kriminalpolizei Kearney.“
Dieses Mal hatte Fanny mehr Zeit gehabt, sich einen Namen auszudenken und irgendwie war ihr dieser in den Kopf gekommen. Sie wusste, dass sie den Namen irgendwo gehört hatte, aber sie konnte sich nicht erinnern wo. Vermutlich eine alte Klassenkameradin in der Schule. Auf jeden Fall sollte es sicher sein, diesen Namen zu benutzen.
„Doktor!“, grüßte Warden sie. „Kommen sie bitte mit in mein Büro.“
Fanny nickte, dann trank sie den Inhalt ihres Glases in einem Zug aus und stellte es im Vorbeigehen auf Ivys Schreibtisch ab. Sie bedankte sich bei ihr und folgte Warden etwas unsicher auf ihren hohen Absätzen in sein Büro. Es unterschied sich nicht besonders von dem seiner Assistentin, von einigen eingerahmten Auszeichnungen an den Wänden und dem völligen Fehlen von privaten Fotos einmal abgesehen.
Der Lieutenant setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und bedeutete Fanny, sich ihm gegenüber zu setzen.
„Also, Doktor Ogloza, wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte Warden, dann setzte er nach: „Sie hatten keinen Termin.“
Als Fanny saß, atmete sie noch einmal tief durch. Jetzt ging es um alles oder nichts. „Ich bin Beraterin der örtlichen Polizei für alle Fragen, die mit Minderjährigen zu tun haben.“ Sie öffnete ihre Handtasche und zog ihren Notizblock heraus. Sie hatte sich einige Notizen gemacht, auf der einen Seite, damit sie bloß nichts wichtiges vergaß.
Sie trug ein weißes Hemd unter dunkelblauem Blazer, sowie einen Rock in der gleichen Farbe. Mit dem Makeup um ihre Augen und ihren sonst voluminösen Haaren platt an ihren Kopf gekämmt, fand sie, dass sie aussah, wie eine völlig neue Person.
Warden sah verständlicherweise verwirrt aus. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Bürgermeister Hideo Takagi hat uns angerufen. Er macht sich Sorgen um seine Tochter.“ Fanny spürte, wie ihre Augen anfingen, zu tränen. Dazu neigten sie, wenn sie unter Stress stand und das hier war purer Stress für sie. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hierher zu kommen, doch inzwischen war es zu spät, sich anders zu entscheiden.
„Weshalb?“
„Sie pflegen häufigen Umgang mit ihr, nicht wahr?“ Fanny mied Blickkontakt mit Warden, doch das machte es nicht viel leichter. Sie hatte stundenlang darüber nachgedacht, unter welchem Vorwand sie mit Warden über Meril reden könnte und das war das einzige, das ihr eingefallen war. Es ging immerhin nur um einen Vorwand.
„Ja, und?“
Fannys Kehle wurde wieder rau, aber sie ignorierte es und erklärte stattdessen: „Er hat Sie beide beobachtet und macht sich Sorgen, dass Sie...“ Fanny hielt inne und sofort widersprach Warden.
„Da müssen Sie sich keine Sorgen machen!“, verteidigte er sich. „Meril und ich sind nur befreundet.“
Mit vorgetäuschtem Misstrauen hob Fanny eine Augenbraue. „Ein vierzig Jahre alter Mann und ein vierzehnjähriges Mädchen?“
„Ich weiß, wie das aussieht, aber...“, begann Duncan mit zögerlicher Stimme, dann drehte er den Spieß um: „Was genau hat Takagi denn erzählt?“
Fanny zögerte. Sie wusste nicht, was sie erzählen sollte. „Ähm, dazu wollte ich später noch kommen.“, versuchte sie, das Thema wieder zu wechseln. Immerhin war es ihr Ziel, zu erfahren, wie viel Meril dem Hero Factory Marine erzählt hatte. „Was können Sie mir zu Ihren Treffen mit Miss Takagi erzählen?“

Kapitel 20

Duncan spürte seinen Puls rasen vor Zorn, als er die Autotür hinter sich ins Schloss warf. Er hatte es geschafft, die angebliche Polizeibeamte, die ihn befragt hatte, loszuwerden. Wütend schlug er gegen die Tür des zweistöckigen Hauses, zu dem er zwar schon viele Male gefahren war, dem er sich aber noch nie genähert hatte.
Es dauerte einige Sekunden, dann öffnete sich die Tür. Ein dickleibiger Asiat stand im Türrahmen. Bevor er etwas zur Begrüßung sagen konnte, packte Duncan ihn am Kragen, zog ihn aus seinem Haus und presste ihn neben der Tür an die Wand.
„Was sollte das?“, knurrte er den Bürgermeister von Kearney an.
Der dicke Mann sah verwirrt aus. „Was sollte was? Wer sind Sie?“
„Duncan Warden?“, schlug er vor. „Der Mann, dem sie diese falsche Ermittlerin auf den Hals gejagt haben? Klingelt da was?“
Die rothaarige Frau war ihm merkwürdig vorgekommen, also hatte Duncan nachdem er sie abgewimmelt hatte die Polizei angerufen und gefragt, ob eine Beschwerde gegen ihn vorlag, doch niemand dort hatte etwas davon gewusst. Auch den Namen Mackenzie Ogloza hatte dort noch nie jemand gehört, weshalb er ein Standbild von der Überwachungskamera des Eingangs herausgesucht hatte und es durch die Gesichtserkennung laufen ließ. Spätestens morgen sollte ein Ergebnis vorliegen.
„Was für eine Ermittlerin? Wer sind Sie? Wovon reden Sie?“
Duncan lockerte seinen Griff ein wenig. Er war verwirrt, denn der Mann schien tatsächlich nichts davon zu wissen. „Vor einer Stunde war eine Doktor Mackenzie Ogloza bei mir, die behauptet hat, sie sei eine Beraterin der Kripo und dass Sie eine Beschwerde gegen mich eingereicht hätten!“
„Was für eine Beschwerde? Ich kenne Sie überhaupt nicht.“, beharrte der Japaner.
Duncan zögerte einen Moment. Er war sich sicher gewesen, dass Hideo Takagi die Sache irgendwie in Bewegung gesetzt hatte, aber selbst wenn dem nicht so war, sollte er doch zumindest seinen Namen kennen, wenn schon nicht sein Gesicht.
Er ließ sein Gegenüber los und nahm eine etwas entspanntere Haltung ein. Der Bürgermeister beobachtete ihn weiter misstrauisch.
„Meril müsste mich eigentlich mal erwähnt haben.“, erklärte er. „Wir haben uns in den letzten Tagen gelegentlich getroffen.“
Takagi kniff zweifelnd die Augen zusammen. „Sind Sie ihr Therapeut?“
„Nein, aber ich habe sie das letzte Mal zu ihm gefahren. Ich bin Lt. Duncan Warden von der Hero Factory.“
Plötzlich versteifte sich der dickliche Mann. „Was wollen Sie von meiner Tochter?“
Duncan wusste nicht, was er antworten sollte. Dasselbe Problem hatte er schon mit dieser Ogloza, falls das ihr wahrer Name war, gehabt. Wie ließ sich seine Beziehung zu Meril beschreiben, ohne dass es merkwürdig klang? Immerhin konnte er ja kaum ihrem echten Vater sagen, dass Meril für ihn, obwohl sie sich erst seit knapp zwei Wochen kannten, fast wie eine Art Tochter war. „Sie brauchte ab und zu einmal jemanden zum Reden und ich fand eine Ablenkung von meiner Arbeit wirklich angenehm.“, erklärte er stattdessen.
„Worüber reden?“, hakte der Japaner nach. Er hatte sich inzwischen etwas beruhigt und sah nicht mehr ganz so ängstlich aus.
„Dies und das. Hobbies, worüber man halt redet.“, antwortete er, doch dann entschied er, vollkommen ehrlich zu sein. „Ihren Unfall.“
Takagi nickte. „Sie hat Sie nie erwähnt.“, erklärte er. Seine Stimme war ruhig, doch Duncan hörte wie noch etwas anderes mitschwang. Etwas, das er nicht zuordnen konnte. „Und es wäre auch besser, wenn Sie von ihr fernbleiben würden!“
Diese plötzliche Aufforderung überraschte Duncan. Dann dachte er an den Vorwurf zurück, den Ogloza ihm vorgehalten hatte. „Ich will ihr nichts Böses. Wir sind nur befreundet!“, erklärte er, obwohl er wusste, dass das wohl wenig überzeugend klang.
Takagi antwortete nicht. Er machte ein paar Schritte zur Seite und trat dann in sein Haus zurück.
Bevor er die Tür schloss, wiederholte er seine Aufforderung noch einmal: „Bleiben Sie von meiner Tochter weg!“

Kapitel 21

Fanny schlich zu ihrer Haustür, ihre Pistole fest in der Hand. Irgendjemand klingelte Sturm und natürlich war Fannys erster Gedanke gewesen, dass Warden herausgefunden hatte, wer sie wirklich war.
Wenn das der Fall war, würde sie zumindest nicht ohne einen Kampf aufgeben und versuchen, den Mann, der Harold fast getötet hatte, zu erschießen.
Sie lehnte sich flach an die Wand neben der Tür. „Wer ist da?“
„Harold. Mach auf!“, knurrte die bekannte Stimme ihres Anführers als Antwort. Er klang wirklich wütend. Hoffentlich war nichts schlimmes passiert.
Sie öffnete die Tür doch noch bevor sie komplett offen war, warf sie die Wucht der Ohrfeige, die Harold ihr wortlos verpasste von ihr zurück.
Sie spürte, wie Tränen in ihre Augen schossen. Weniger vor Schmerz als vielmehr vor Schock. Sie hätte nie damit gerechnet, dass Harold ihr gegenüber handgreiflich werden würde. Er war zwar dafür bekannt, aufbrausend zu sein und hatte im Affekt auch schon Dystopianer geschlagen, die dafür verantwortlich gewesen waren, dass eine wichtige Mission gescheitert war, aber Fanny hatte weder gedacht, dass Harold sie schlagen würde, noch war sich bewusst, weshalb sie es verdient hätte.
„Bist du verrückt geworden?“ Er klang wirklich wütend und Fanny wich einige Schritte vor ihm zurück, in der Angst, noch einmal geschlagen zu werden.
„Was hab ich getan?“, schluchzte sie, woraufhin Harold einhielt. Er schien erst jetzt zu realisieren, was er getan hatte.
„Es tut mir leid.“, murmelte er. „Hab ich dir wehgetan?“
Fanny wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie würde keine Schwäche zeigen, obwohl ihre Wange schmerzhaft pulsierte. „Nein“, antwortete sie. „Ist schon in Ordnung!“
Harold schloss hinter sich die Tür, dann wandte er sich wieder Fanny zu. Er klang immer noch wütend, schien aber zu versuchen, sich im Zaum zu halten. „Takagi hat mich gerade angerufen, weil Warden bei ihm vor der Tür stand. Eine angebliche Angestellte der Kriminalpolizei hätte ihn wohl besucht und ihm Fragen über Meril gestellt. Wie bist du nur auf diese hirnverbrannte Idee gekommen?“
Fanny schluckte. Ihr war die Idee gut vorgekommen. „Ich wollte herausfinden, ob Meril ihm irgendetwas gesagt hat“, rechtfertigte sie sich.
Harold faltete die Hände vor dem Mund, wie er es häufig machte, wenn er nachdachte. Langsam schien er sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.
„Und auf die Idee, dass sie herausfinden können, wer du bist, bist du nicht gekommen?“
Fanny schüttelte den Kopf. „Ich habe mich komplett umgestylt und mir einen falschen Namen ausgedacht.“
„Mackenzie Ogloza“, stellte Harold fest. „Dir konnte kein besserer Name einfallen als der meiner Mutter?“
Fanny fühlte sich wie vom Blitz getroffen. Der Name war ihr einfach in den Kopf gekommen und sie hatte nicht weiter darüber nachgedacht, woher er kam, aber jetzt wo Harold es sagte. Er hatte ihr gegenüber tatsächlich einmal erwähnt, dass Mackenzie Ogloza der Name seiner verstorbenen Mutter gewesen war.
„Sorry!“, entschuldigte sie sich. „Aber sie werden trotzdem nicht herausfinden können, wer wir sind.“
„Außer natürlich, du bist auf einer Überwachungskamera zu sehen und sie lassen dich durch die Gesichtserkennung laufen.“, korrigierte Harold sie. „Du wirst das Land verlassen müssen.“
Fanny spürte, wie ihre Beine unter ihr nachgaben. Sie wich zurück und setzte sich auf die Bank neben ihrem Schuhregal.
Sie zitterte, aber versuchte, es sich nicht von Harold anmerken zu lassen.
„Wahrscheinlich sucht Warden schon nach dir und sollte er dich finden, stellt das ein Sicherheitsrisiko für mich dar. Du kennst meinen Namen, mein Gesicht und du weißt, was ich mache.“
„Du weißt, ich würde dich nie verraten.“, versicherte sie.
Harold zögerte, bevor er antwortete, dann sagte er: „Du verstehst hoffentlich, dass ich mich nach dem, was du gerade getan hast, nicht darauf verlassen möchte.“ Er machte eine Pause, dann erklärte er: „Ich brauche deine Hilfe noch bei dem Angriff auf die HF in drei Tagen. Solange kannst du bei mir untertauchen, aber danach musst du nach Europa. Ich werde mit unseren Leuten in Deutschland telefonieren und etwas für dich organisieren.“
Fanny nickte enttäuscht. Sie hatte nur helfen wollen und jetzt wurde sie plötzlich von der Hero Factory gesucht – zwar nicht im Zusammenhang mit Dystopia aber Harolds Sicherheitsmaßnahme schien trotzdem berechtigt.
Dann kündigte er an: „Pack deine Sachen. In spätestens einer halben Stunde sind wir weg.“

Kapitel 22

Meril lehnte ihre Krücken an den Schreibtisch ihres Vater an und stützte sich auf diesen, während sie begann, seine Sachen zu durchsuchen.
Ihr Verdacht kam ihr zwar immer noch verrückt vor, aber inzwischen war er begründet genug, dass sie ihn nicht einfach ignorieren konnte.
Zuerst war ihr die noch völlig haltlose Idee gekommen, dass dieser regelmäßige Gast ihres Vaters, Harold Craw, der gefürchtete Juggernaut war, als, direkt nachdem Duncan ihr erzählt hatte, dass er verletzt worden war und vermutlich die nächste Zeit ebenfalls auf Krücken angewiesen sein würde, Harold Craw auf einen Gehstock gestützt gelaufen ist.
Das hatte ihr Interesse geweckt und obwohl sie keine wirkliche Begründung für ihre Theorie gehabt hatte, hatte sie beschlossen, heimlich weitere Nachforschungen zu betreiben. Dabei war ihr aufgefallen, dass die Treffen zwischen Harold Craw und ihrem Vater fast immer direkt vor oder nach einem Anschlag von Dystopia stattgefunden hatten.
Erst an diesem Punkt hatte sie ihren Vater mit in ihren Verdacht einbezogen. Während sie zuvor davon ausgegangen war, dass er – sofern sich ihr Verdacht was Harold Craw anging recht hatte – nichts davon wusste, hegte sie ab diesem Punkt den Verdacht, dass er sogar daran beteiligt war.
Sie wusste, dass sie ihrem Vater nicht solche Dinge vorwerfen sollte, aber der Gedanke war seitdem immer in ihrem Hinterkopf gewesen.
Sie hatte Duncan nichts davon erzählt. Ihr war aufgefallen, dass er nicht gerne mit ihr über seine Arbeit sprach und sie hatte Angst, dass wenn sie ihn vorschnell mit irgendwelchen Verdachten bombardierte, sie ihn damit vielleicht davon abschrecken würde, sich weiter mit ihr zu treffen.
Doch dann war etwas geschehen, was ihren Verdacht noch um einiges verstärkt hatte: Sie wusste nicht wie, aber ihr Vater hatte herausgefunden, dass sie sich mit Duncan traf und ihr sämtlichen weiteren Kontakt mit ihm verboten. Bei ihrem Streit war Meril aufgefallen, dass ihr Vater immer wieder betont hatte, dass sie sich nicht mit jemandem von der Hero Factory treffen sollte.
Hätte sie ihn nicht sowieso schon verdächtigt, wäre es ihr vermutlich gar nicht aufgefallen, aber so hatte es nur dazu geführt, sie noch misstrauischer zu machen. Immerhin beschützten die Hero Factory-Marines das ganze Land und konnte mit Sicherheit nicht als schlechter Einfluss bezeichnet werden. Welchen Grund, außer den, dass er insgeheim mit den größten Feinden der HF zusammenarbeitete, konnte er dann haben, um ihr zu verbieten, sich mit einem von ihnen zu treffen.
Dass ihr Dad ihr jeden Kontakt mit Duncan verboten hatte und ihr Hausarrest gegeben hatte, war jetzt schon fast fünf Stunden her und seitdem hatte er das Haus nicht verlassen. Allerdings war er endlich schlafen gegangen und Meril hatte die Gelegenheit genutzt, sich die Treppe herunter in sein Büro zu schleichen um nach irgendeinem Beweis zu suchen.
Sie durchsuchte die Papiere, die auf seinem Schreibtisch herumlagen, doch natürlich fand sie so frei herumliegend nichts kompromittierendes, also begann sie, nach einem Geheimversteck zu suchen. Es dauerte nicht lange, dann ertastete sie etwas. Ein kleines Fach unter der Schreibtischplatte. Nachdem sie es geöffnet hatte, zog sie ein kleines Aufnahmegerät heraus, klein genug, um es völlig in ihrer Faust verschwinden zu lassen.
Sie öffnete das kleine Fach an der Seite, doch es war kein Speichermedium eingelegt.
Was könnte Dad heimlich aufnehmen wollen?, fragte sie sich selbst und die einzige Antwort, die sie fand war, dass ihr Verdacht tatsächlich zutraf. Natürlich war das alleine jedoch noch kein Beweis, also suchte sie weiter nach den Aufnahmen, die ihr Vater gemacht haben musste. Da sie an keinem Fach und an keiner Schublade des Schreibtischs fündig wurde, suchte sie in dem Bücherregal an der Rückseite des Büros weiter.
Auch dort suchte sie vergeblich, bis ihr etwas auffiel. In einem der Fächer befanden sich weder Bücher noch irgendetwas anderes, lediglich ein gerahmtes Foto von Meril, ihrem Vater und ihrer Mutter.
Eigentlich durfte Meril nicht ins Büro ihres Vaters, weshalb sie das Bild zuvor noch nicht gesehen hatte. Es überraschte sie, dass er ein Bild von Merils Mutter in seinem Büro hatte. Die beiden hatten sich zwar im Guten getrennt, aber von Meril abgesehen hatten sie eigentlich keinen Kontakt.
Weil es ihr so fehl am Platze wirkte, griff Meril nach dem Bild und nahm es von der Wand. Und tatsächlich. Hinter dem Bild befand sich eine kleine in die Rückwand des Schrankes eingearbeitete Geheimtür. Sie öffnete sie, griff in das schuhkartongroße Fach hinein und zog den harten Gegenstand heraus, die sie darin ertastete.
Es handelte sich um eine einfache Kiste aus dunklem Holz, die mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert war.
Meril zögerte einen Moment, dann legte sie die Kiste auf den Schreibtisch und griff nach einer Schere. Solche kleinen Schlösser hielten kaum etwas aus, also schob sie die doppelte Schneide der Schere durch den kleinen Bügel des Schlosses, dann ruckte sie einmal an dem Griff und das Schloss klackte auf.
Sie legte es zur Seite und öffnete die Kiste, worin sie tatsächlich einige kleine Speicherkarten fand, die genau in das Fach des Aufnahmegeräts passten. Sie legte diejenige, die mit dem aktuellsten Datum, dem vergangenen Freitag, beschriftet war, in das kleine Gerät und drückte auf „Abspielen“.

Kapitel 23

„Wenn wir diese Gänge mit zwei bis drei Mann jeweils blockieren, sollten wir die Marines abhalten können, in ihre Bots zu springen. Dann wird Rhyme den Juggernaut abwerfen. Ich gehe dann direkt rein und schieße den Weg frei, während alle Ausgänge von Trucks bewacht werden. Nach einer halben Stunde sollten wir soweit sein, Techniker rein zu schicken, die einige Bomben deponieren. Sobald die gezündet sind, verschwinden wir. Zeit spielt dabei eine große Rolle. Das ist ein groß angelegter Terrorakt, da werden selbst unsere Kontakte beim Militär nichts dagegen ausrichten können, dass sie ausrücken werden müssen.“, sagte die tiefe Männerstimme, die Duncan als die des Juggernauts kannte.
„Harold, ich kann dich nicht abwerfen.“ Auch die Frauenstimme, die sofort protestierte kannte Duncan, auch wenn sie sich ihm als Mackenzie Ogloza vorgestellt hatte. „Nicht in deinem aktuellen Zustand!“
„Woher stammen diese Aufnahmen?“, fragte Havering ungläubig.
„Aus dem Büro meines Dads!“, antwortete Meril sofort. „Ich meine von Bürgermeister Takagi.“
Nachdem Meril ihn angerufen hatte und ihm gesagt hatte, dass sie wusste, wer der Juggernaut war und sogar Beweise dafür hatte, hatte Duncan ihr ursprünglich nicht geglaubt, doch als sie eine der Aufnahmen durchs Telefon vorgespielt hatte, hatte er sie aufgefordert, sofort das Haus zu verlassen und ihr gesagt, er würde sie abholen. Dann waren sie sofort zur Hero Factory gefahren.
„Verdammte Scheiße!“, fluchte Dimmer neben ihm. „Der gottverdammte Bürgermeister ist darin verwickelt!“
„Und jetzt? Wir können nicht einfach nur die paar Personen hier auf den Bändern verhaften.“, fragte Duncan. Die Strategie, der sprichwörtlichen Schlange den Kopf abzuschlagen, funktionierte in Wirklichkeit leider nicht so gut wie in der Theorie.
„Auf jeden Fall müssen wir uns schnell entscheiden.“, merkte H. an. „Das Tape ist von letztem Freitag und sie sagten, sie wollen ihren Plan in einer Woche umsetzen. Das bedeutet, übermorgen.“
„Morgen!“, korrigierte Meril mit einem Blick auf die Wanduhr, die Null Uhr fünfundvierzig anzeigte.
Havering stellte etwas auf seinem Computer ein, dann leuchteten die vier Bildschirme an der rechten Wand seines Büros auf und zeigten die ID-Profile der drei Hauptbeteiligten auf den Aufnahmen – Der Juggernaut Harold Craw, Fanny Rhyme und Bürgermeister Takagi – auf jeweils einem Schirm an, während der letzte Schirm in regelmäßigen Abständen zwischen zwei anderen Profilen, einem älteren Mann namens Miles Watson und einem unauffälligen Mann in den späten Zwanzigern namens Bradley Doakes, hin- und herwechselte. Die anderen Stimmen hatten sie nicht identifizieren können, da keine anderen Namen genannt worden waren.
Der Bürgermeister sah auf seinem Passbild genau so aus wie vor wenigen Stunden, als Duncan bei ihm gewesen war. Sein Lebenslauf war relativ unauffällig. Er war nach der Schule auf die Universität gegangen und hatte Politik und Sozialwissenschaften studiert, während er sich in der Lokalpolitik hochgearbeitet hatte, bis er zum Bürgermeister aufgestiegen war. Gelegentlich hatte er Versuche unternommen, auf die Ebene der nationalen Politik aufzusteigen, doch diese hatten keinen Erfolg gehabt. Bis auf Alkohol am Steuer in seiner Jugendzeit hatte er keine Vorstrafen.
Fanny Rhyme hingegen sah sehr anders aus als die Frau, die Duncan vor kurzem getroffen hatte. Das Foto war zwar aktuell, aber darauf war sie nicht geschminkt und ihre Haare waren nicht so platt wie am Nachmittag. Duncan hatte einen zweiten Blick gebraucht, bis er sie erkannt hatte. Sie war mit siebzehn Jahren in die Armee eingetreten und hatte dort eine Ausbildung zur Transportpilotin gemacht, war nach zweijährigem Dienst allerdings wieder ausgetreten und von der Bildfläche verschwunden. Sie hatte einige Vorstrafen wegen Vandalismus und Beamtenbeleidigung, war aber nie verhaftet worden.
Und schließlich Harold Craw, der es geschafft hatte, das System zu vermeiden. Laut der Angabe auf dem digitalen Ausweis war Craw 51 Jahre alt, doch das Foto zeigte einen Jungen von höchstens zwanzig. Es war kein neueres Bild von dem Mann, von dem sie jetzt wussten, dass er der Juggernaut war, im System. Auch sein Lebenslauf endete, nachdem er mit 18 Jahren die Schule abgeschlossen hatte. Seine Vorstrafen bestanden hauptsächlich aus Vandalismus und Zerstörung von Kameras, aber auch er hatte einige Fälle von Beamtenbeleidigung und sogar von tätlichem Angriff auf einen Polizisten vermerkt. Er war außerdem dafür verhaftet worden, dass er sich seinen ID-Chip aus dem Arm geschnitten hatte. Außerdem war in seinen Vorstrafen notiert, dass er nach dem tätlichen Angriff aus seiner Bewährung geflohen war und seitdem nicht wieder aufgetaucht war.
„Ich habe direkt Leute abgestellt, die die Wohnungen der Verdächtigen im Auge behalten. Rhyme und Doakes sind noch nicht aufgetaucht, Takagi ist zuhause, für Craw ist keine Adresse bekannt. Watson hat den Wagen bemerkt und die für ihn abgestellten Marines konfrontiert. Anschließend ist er wieder ins Haus gegangen und hat sich dort selbst erschossen.“, erklärte Havering. „In seinem Haus wurde nichts gefunden, das Hinweis darauf gibt, wo der Juggernaut sein könnte oder wer noch alles Mitglied von Dystopia ist.“
„Das bringt uns also nicht weiter.“, dachte H. laut. „Was, wenn wir den Angriff am Freitag stattfinden lassen?“
Alle Blicke lagen auf ihm, als er erklärte: „Sie gehen immer noch davon aus, dass wir nichts von dem Plan wissen. Wir können also alle einsatzfähigen Marines in Bots springen lassen und sie im Gebäude verstecken. Sobald die Trucks angreifen, kommen die Marines heraus und zerstören sie. Mit dem Überraschungsmoment auf unserer Seite und der absoluten Mehrheit sollten wir in der Lage sein, sie ohne viele zivile Verluste auszuschalten.“
„Zu riskant.“, widersprach Dimmer. „Der Juggernaut ist zu unberechenbar.“
„Wir könnten ihn abschießen!“, schlug Duncan vor. „Wir wissen, dass er eingeflogen und abgeworfen werden soll. Wenn wir sein Flugzeug abschießen, kommt er gar nicht erst zum Einsatz.“
„Und wie bestimmen wir, dass es sich um sein Flugzeug handelt?“, warf Havering ein. „Ich würde ungern einen unschuldigen Zivilflieger abschießen und wir können kein Flugverbot verhängen, ohne den Juggernaut zu alarmieren.“
„Aber wir können kurzfristig die Flugcodes ändern.“, bemerkte H. „Sie werden wahrscheinlich einen Insider haben, der ihnen eine gültige Starterlaubnis ausgestellt hat. Wenn wir morgen jemanden zu den Fluglotsen schicken, kann er veranlassen, dass alle genehmigten Flüge einen neuen Flugcode kriegen. Wenn wir es schaffen, alle Eingeweihten im Auge zu behalten, sollte Craw keine Möglichkeit haben, davon zu erfahren.“
„Und dann schießen wir das Flugzeug vom Himmel, das versucht, mit einem ungültigen Code über die Stadt zu fliegen.“, beendete Duncan seinen Vorschlag. „Ich finde die Idee gut!“
„Mir gefällt die Idee nicht.“, erklärte Havering. „Es könnte auch ein anderer unerlaubter Flug sein. Wir haben kein Recht, direkt zu feuern.“
„Rhyme wird die Pilotin sein, nicht wahr?“, schlug Duncan nun vor. „Ich kenne ihre Stimme. Und die des Juggernauts. Wenn ich in den Tower gehe, kann ich die beiden identifizieren.“
Havering seufzte unsicher. Dann nickte er.

Kapitel 24

Nervös raufte Hideo sich die lichten Haare.
In ein paar Stunden würde Craw den Angriff auf die Hero Factory beginnen und er war sich nicht ganz sicher, auf wessen Sieg er hoffen sollte. Sein ursprünglicher Plan hatte vorgesehen, dass Dystopia aufgehalten werden würde und er den Ruhm dafür einheimste, aber er war inzwischen so tief in ihre Machenschaften verwickelt, dass er nicht sicher sein konnte, dass die Festnahme der Terroristen nicht auch ihn mit sich reißen würde.
Außerdem hatte er mit noch einem Problem zu kämpfen, oder zwei weiteren um genau zu sein. Zum einen hatte er Meril seit vorgestern Abend nicht mehr gesehen. Er würde ja nur vermuten, dass sie sauer war, weil er ihr verboten hatte, sich mit diesem Warden zu treffen, und deshalb weggelaufen war. Vor ein paar Jahren hatte sie das schon einmal versucht, war aber nach zwei Tagen wieder zurückgekommen, als sie realisiert hatte, dass sie alleine nicht zurecht kam.
Nein, wäre einfach nur seine Tochter verschwunden, würde Hideo einfach abwarten. Das viel größere Problem war, was sie mitgenommen hatte. Aus irgendeinem Grund hatte sie sich in sein Büro geschlichen und dort irgendwie die Kiste mit den Tonbandaufnahmen von seinen Treffen mit Dystopia gefunden. Wenn das der Grund war, aus dem sie abgehauen war, dann bestand sogar die Möglichkeit, dass sie zur HF gehen würde.
Als er das bemerkt hatte, war sein erster Instinkt gewesen, Craw anzurufen, aber das konnte er nicht, ohne zuzugeben, dass er die Treffen aufgezeichnet hatte. Und gab er das wiederum zu, würde Craw wissen wollen, warum.
Zwar hatte Hideo noch nie davon gehört, dass der Juggernaut jemanden außerhalb einer Mission getötet hatte, aber er glaubte nicht, dass es in seinem Interesse war, den Terroristen gegen ihn aufzubringen.
Den gesamten gestrigen Tag und die paar Stunden, die dieser schon alt war, hatte Hideo versucht, seine Tochter zu erreichen – ohne Erfolg. Da kam ihm eine neue Idee.
Meril musste irgendwo wohnen, in ihrem Zustand brauchte sie ein weiches Bett – Sie konnte nicht einfach auf der Straße schlafen – und wo war es wahrscheinlicher, dass sie sich aufhielt als bei ihrem neuen Freund Duncan Warden?
Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der HF.
Es klingelte kurz, dann meldete sich eine junge Frauenstimme. „Hero Factory, Ruth Sarkeesian. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hier spricht Bürgermeister Hideo Takagi.“, meldete er sich. „Ich möchte gerne mit Duncan Warden sprechen.“
„Einen Moment bitte, Herr Takagi“
Hideo wurde in eine Warteschlange gelegt. Eine langsame Klaviermelodie spielte, während er sich zurechtlegte, was er sagen würde, wenn der Marine seinen Anruf annahm, Als die Melodie aufhörte, meldete sich jedoch nicht Wardens Stimme sondern wieder die der Frau, die ihn hatte verbinden wollen. „Es tut mir leid, Sir, aber Lt. Warden befindet sich in einem wichtigen Meeting. Er wird wohl erst am späten Nachmittag wieder telefonieren können.“
Hideo dankte ihr für die Information und wollte schon wieder auflegen, als ihm ein anderer Gedanke kam: Vielleicht war Meril zu Warden gekommen und vielleicht hatte sie ihm die Aufnahmen vorgespielt. Wenn dem so war, dann wusste Warden von seiner Beteiligung und das wiederum bedeutete, dass es für ihn am besten wäre, wenn Warden sterben würde, damit sein Geheimnis sicher blieb.
„Befindet er sich im Gebäude?“, fragte er also. Wenn das der Fall war, dann würde die Tatsache, dass er in einem Meeting feststeckte seinen Tod bei Craws Anschlag bedeuten. Er würde keine Möglichkeit haben, rechtzeitig in einen Bot zu springen und würde ein leichtes Opfer sein.
„Das schon, aber er wird trotzdem bis in ein paar Stunden keine Möglichkeit haben, ihren Anruf zu erwidern. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, Sir.“, gab die Frau ihm genau die Antwort, die er erhofft hatte.
„Eine Sache noch!“, warf Hideo ein. Vielleicht würde sie ihm bei seiner ursprünglichen Frage helfen können. „Ich suche meine Tochter, vierzehn Jahre alt, lange schwarze Haare, läuft auf Krücken. War sie vielleicht bei Ihnen?“
Eine kurze Pause folgte. Dann erwiderte die Frau: „Tut mir leid, Sir, aber nicht, dass ich wüsste. Wie kommen Sie darauf, dass sie ausgerechnet hier sein sollte?“
„Nur ein Verdacht. Vielen Dank für die Hilfe!“, wimmelte Hideo sie ab und legte auf.
Wenigstens war Meril nicht in der HF. So würde sie zumindest nicht in Gefahr geraten, wenn der Angriff stattfand.

Kapitel 25

Fanny bemerkte, dass sie schwach zitterte, als sie den Sicherheitsgurt anlegte. Wie auch immer diese Mission ausgehen würde, es war ihre letzte. Vielleicht nicht für immer, aber sie sah keinen Weg, der daran vorbeiführte, dass sie untertauchen musste.
Sie warf einen Blick hinter sich. Harold befand sich bereits im Juggernaut und hatte sich über der Ladeluke ihres großen umgebauten Militärhubschraubers in die Halterungen eingehakt. Fanny startete den Motor und ließ ihn warmlaufen. Der Juggernaut war eine schwere Last für die Maschine, die ursprünglich zum Munitionstransport gebaut worden war.
Bevor sie startete, warf sie noch einen Blick zurück zu Harold. Er hatte ihr erlaubt, die Nächte bei ihm zu verbringen, damit sie nicht festgenommen wurde, aber er schien noch immer wütend zu sein, dass sie sich solch einen Fehler erlaubt hatte, denn er hatte seit er sie vor drei Tagen abgeholt hatte, kaum ein Wort mit ihr gewechselt.
Kurz überlegte sie, ob sie etwas sagen sollte, entschied sich allerdings dagegen. Stattdessen startete sie die Rotorblätter des Hubschraubers. Es dauerte noch einige Sekunden, dann hoben sie ab.
Langsam aber sicher gewann sie an Höhe. Sie durfte nicht zu hoch fliegen, denn obwohl der Juggernaut gut genug gepanzert war, um jeden Sturz auszuhalten, ohne Schaden zu nehmen, war er nicht genug gefedert, dass sein Pilot jeden Sturz unverletzt überstehen konnte. Harold war einmal in dem Anzug aus einer Höhe von hundert Metern gesprungen und hatte sich ein Bein gebrochen. Auf der anderen Seite durfte sie auch nicht zu tief fliegen, damit die Flugsicherheit nicht vorzeitig Verdacht schöpfte.
Da Harold sowieso schon angeschlagen war und es sich nicht leisten konnte, sich vor dem Einsatz noch weiter zu verletzen, hatten sie sich auf eine Abwurfhöhe von sechzig Metern geeinigt.
Als sie diese erreicht hatten, steuerte Fanny den Helikopter in Richtung der Stadt. Es dauerte eine knappe halbe Stunde, bis sie in den Luftraum der Stadt eindrangen. In einiger Entfernung sah sie schon die Hochhäuser und legte ein wenig an Tempo zu. Sofort meldete sich eine männliche Stimme über das Funkgerät in ihren Ohrenschützern.
„Unidentifizierter Helikopter auf Nordwest-Kurs über Kearney City, bitte identifizieren Sie sich und geben sie ihre Flugerlaubnis durch. Over.“
Fanny antwortete über das eingebaute Mikrofon: „Tower, hier spricht Sergeant Alissa Coppergrow von der U.S. Air Force auf einem autorisierten Testflug. Flugerlaubnisnummer“ Sie warf einen Seitenblick auf den mit Klebeband an ihrem Armaturenbrett befestigten Notizzettel mit der Nummer, die ihr Kontakt ihnen besorgt hatte. „Alpha Charlie Charlie 1-92 Foxtrott. Bitte bestätigen. Over.“
Es war einen Moment still am anderen Ende, dann erwiderte die Stimme: „Bitte warten Sie einen Moment. Over.“
Fanny begann zu schwitzen. Das war der Moment der Wahrheit: Würde der Code funktionieren, den sie erhalten hatten?
Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis sich wieder die Stimme in ihren Kopfhörern meldete. „Bitte wiederholen Sie ihre Genehmigung und Ihren Namen, Ma'am! Over.“
„Alpha Charlie Charlie 1-92 Foxtrott. Sergeant Alissa Coppergrow, U.S. Air Force. Over.“, wiederholte Fanny. Was hatte das zu bedeuten? Die Nummer sollte funktionieren.
Nach einer kurzen Pause erklärte die Stimme: „Vielen Dank, Sergeant. Ihr Flugerlaubnis wurde bestätigt. Ich wünsche viel Erfolg. Over and Out.“
Erleichtert atmete Fanny aus. Für einen Moment war sie sicher gewesen, etwas war schiefgelaufen.
„Beeil dich, Rhyme“, die Stimme des Juggernauts kam ebenfalls aus ihren Kopfhörern. „Der Angriff beginnt in neunzig Sekunden.“
Fanny nickte, obwohl sie nicht wusste, ob Harold sie sehen konnte. Dann steuerte sie den Helikopter voran und erhöhte das Tempo weiter.
Offenbar hatte niemand einen Verdacht, dass heute ein Angriff stattfinden würde, dachte sie. Selbst wenn die Mission fehlschlug, konnte niemand sagen, dass es ihrem Fehler zuzuschreiben war.
Kurz bevor sie die Häusergrenze der Stadt erreichten, wurde sie jedoch aus ihren Gedanken gerissen. Obwohl sie sie nie zuvor gebraucht hatte, war Fannys Hubschrauber noch immer mit den Raketenerkennungssystemen ausgestattet, die ihm zu seiner Zeit im Militär eingebaut worden waren und die nun mit einem roten Blinken Fannys Blick auf sich lenkten. Irgendetwas näherte sich mit hoher Geschwindigkeit ihrer Maschine. Sie riss den Steuerknüppel herum und versetzte den Helikopter in eine Schräglage, in der Hoffnung, den Flugabwehrraketen so entkommen zu können, doch ohne Erfolg. Bevor sie Harold vor den Einschlägen warnen konnte, explodierte der Heckrotor des Hubschraubers, als er von einem der Sprengkörper getroffen wurde. Für einen kurzen Moment trudelten sie hilflos, bevor sie von der zweiten Rakete erfasst wurden. Der Boden im Ladebereich löste sich in einer Feuerkugel auf und Fanny verlor völlig die Kontrolle über die Maschine. Sie stürzten steil auf die unter ihnen liegende Wiese zu.
Panisch versuchte Fanny, den Steuerknüppel hoch zu reißen, aber die Maschine sprang nicht auf ihren Input an. Kurz bevor sie auf den Boden aufkamen, warf sie ihren Kopf herum um nach dem Juggernaut zu sehen, doch an der Stelle, wo er eben noch gehangen hatte, befand sich nichts mehr außer der leeren Halterungen.

Kapitel 26

Nachdem sich die Fahrstuhltür hinter ihr geschlossen hatte, suchte Heather die Kabine nach einer Ausstiegsluke ab.
Überall in der HF befanden sich bewaffnete und gerüstete Soldaten, die auf jeden schossen, den sie sahen und sich überall in den Gängen Feuergefechte mit HF-Bots lieferten. Irgendwie hatte sie es geschafft, den Kämpfern auszuweichen und sich in den Fahrstuhl zu schleichen. Allerdings hatte sie auf dem Weg hierher Maeve aus den Augen verloren. Als der Angriff stattgefunden hatte, waren sie gerade auf dem Weg in die Mensa gewesen, also hatten sie versucht, gemeinsam zu fliehen, doch nachdem sie versucht hatten, über das Treppenhaus ins Erdgeschoss zu kommen und dort fast zwischen die Fronten eines heftigen Kampfes geraten waren, war Maeve plötzlich verschwunden.
Heather hatte überlegt, nach ihrer Freundin zu suchen, war dann jedoch zu der Entscheidung gekommen, dass sie sich lieber verstecken sollte. Maeve würde dasselbe tun.
Endlich fand sie an der Decke die kleine Ausstiegsluke für Notfälle. Sie versuchte, zu springen und sie zu erreichen, doch aufgrund der Absätze an ihren Schuhen kam sie kaum hoch. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen heraus und sprang noch einmal. Barfuß schaffte sie es, die Klappe ein wenig hoch zu drücken, aber sie fiel sofort zurück. Bei ihrem zweiten Versuch gelang es ihr schließlich, das Stahlblatt, dass die Kabine von dem dunklen Fahrstuhlschacht trennte, mit einem lauten Knall umzuklappen. Sie horchte auf, ob jemand das Geräusch gehört hatte, doch da der Fahrstuhl sich gerade in Bewegung befand, ging sie nicht davon aus. Sie griff nach ihren Schuhen und warf sie auf das Dach der Kabine, dann sprang sie hinterher. Sie schaffte es, sich fest mit beiden Händen am Rand der Klappe festzuhalten. Es fühlte sich ölig an, aber davon ließ Heather sich nicht stören.Sie schaffte es, sich an dem Rand der Klappe festzuhalten, rutschte dann jedoch schnell ab. Die Kabinendecke war ölig und bot keinen Halt. In der Kabine besah sie sich ihre Hände. Schwarzes Schmieröl bedeckte ihre Finger, also wischte sie sie an ihrer Hose ab und versuchte es erneut. Dieses mal war sie auf das Öl vorbereitet und es gelang ihr, sich trotzdem hochzuziehen und auf das Dach der Kabine zu setzen. Das komplette Dach war mit einer schmierigen Schicht Öl bedeckt, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als es zu ignorieren.
Sie schloss die Klappe hinter sich wieder und blieb im völligen Dunkeln sitzen. Hier konnte sie sich endlich sicher fühlen. Niemand würde sie auf dem Dach der Fahrstuhlkabine finden.
Im völligen Dunkeln überlegte sie nun, was sie tun konnte. Die Durchsage hatte alle aufgefordert, sich zum Bunker im Keller des Gebäudes zu bewegen, aber Heather zweifelte daran, dass sie es schaffen würde, diesen zu erreichen, solange die Gänge noch immer vor Angreifern wimmelten.
Plötzlich hielt der Fahrstuhl an und unter Heather öffnete sich die Tür.
„Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße!“, fluchte eine Frau, während sie in die Kabine stürmte. „Nein, hör zu, Duncan, ich bin auf dem Weg, aber alle Wege sind blockiert! Ja, ich bin bewaffnet.“ Der Fahrstuhl setzte sich nach unten in Bewegung und Heather gab sich alle Mühe keine Kabel oder gar die Wände des Schachtes zu berühren. „Die hinten im fünften Stock. Ja, ich weiß!“
Heather glaubte, die Stimme zu kennen, also wagte sie es, die Luke etwas anzuheben und nachzusehen.
Sie erkannte Sergeant Dimmer, die gerade am Telefon sprach. Genau, als Heather sich zu erkennen geben wollte, begann sie, wieder zu sprechen. „Ich weiß, worum es geht. Ihr habt den Juggernaut! Aber eure Warnung kam zu spät. Die Gänge sind gefüllt mit Dystopianern und man kommt kaum voran ohne beschossen zu werden. Ich springe rein sobald ich kann!“
Sie springt rein, dachte Heather. Das bedeutete, sie würde ihren Bot benutzen. Außerdem hatte Dimmer gesagt, dass Lieutenant Warden den Juggernaut gefunden hatte und es klang, als würde er Hilfe brauchen.
Plötzlich wusste Heather, was sie zu tun hatte. Sgt. Dimmer und Lt. Warden würden bestimmt noch weitere Hilfe brauchen. Hilfe, die sie ihnen geben konnte.
Natürlich würde Sgt. Dimmer ihr verbieten, mit ihr zusammen gegen den Juggernaut zu kämpfen, aber sie musste es einfach tun. Sie würde Dimmer einfach heimlich folgen und ebenfalls in einen Bot springen. Dann musste sie dem Bot der Sergeant nur noch folgen.

So leise wie möglich schlich Heather hinter Sgt. Dimmer her. Sie waren im fünften Stock zu Halt gekommen und der Sergeant hatte den Fahrstuhl verlassen. Daraufhin war Heather aus ihrem Versteck auf dem Dach des Fahrstuhls gekommen und ihr gefolgt.
Im Licht des Fahrstuhls hatte sie festgestellt, dass ihr das schwarze Schmieröl, vom Dach der Kabine jetzt an Kleidung, Haut und Haaren klebte.
Sie hatte sich dagegen entschieden, ihre ebenfalls ölverschmierten Schuhe wieder anzuziehen, da sie von diesen sowieso nur behindert wurde. Das allerdings hatte zur Folge, dass sie nun ölige Fußabdrücke zurückließ. Heather versuchte, das zu ignorieren. Sie bezweifelte, dass irgendwelche Eindringlinge, die sich gerade mitten in einem Schussgefecht befanden, nach öligen Fußabdrücken Ausschau halten würden.
Nach nur einem kurzen Lauf, erreichte Sgt. Dimmer den Gang mit den Botkammern, doch die Türen wurden von zwei Angreifern bewacht. Heather beobachtete aus einem Türrahmen in einiger Entfernung, wie sie ihre Waffe zog und beiden Wachen bevor sie reagieren konnte, jeweils zwei Schüsse verpasste. Leblos sackten sie zu Boden.
Ungerührt trat die Marine über die Leichen hinweg und ging in die Botkammer. Heather folgte ihr noch rechtzeitig, um zu hören, wie sie die Kammer von innen abschloss.
In einem weiten Bogen ging Heather um die beiden Toten herum.
Sie hatte zwar schon oft Waffen abgefeuert, aber noch nie eine echte Leiche gesehen, also versuchte sie, die Körper einfach zu ignorieren.
Sie betrat die nächste freie Botkammer und zog die Tür hinter sich zu. Zwei Steuereinheiten standen an den gegenüberliegenden Wänden des Raumes.
Da sie keinen Schlüssel hatte und trotzdem keinen Wert darauf legte, während sie im Bot steckte, von Angreifern überrascht zu werden, ging sie an das von der Tür entfernte Ende der linken Einheit und schob sie mit all ihrer Kraft vor die Tür um diese zu blockieren. Obwohl die Maschinen nicht allzu schwer waren, hatte sie Probleme, mit dem Gerät vorwärts zu kommen, da ihre öligen Füße auf dem glatten Boden leicht wegrutschten.
Trotzdem gelang es ihr schnell, die Tür zu verbarrikadieren, sodass sie direkt zur nächsten Einheit gehen konnte.
Der einzige Zugriffscode, den sie kannte, galt nur für die Trainingsbots, also gab sie diesen ein, bevor sie sich auf die leicht gepolsterte Liege legte und sich von der Maschine automatisch die Elektroden ankleben ließ.

Kapitel 27

Mit seinen Waffen zum Schuss bereit gemacht, näherten sich Duncan und H. der Absturzstelle. Nachdem sie den Helikopter abgeschossen hatten, hatte sich Duncan, der zuvor in seinem Bot die Flugüberwachung beaufsichtigt hatte, direkt auf den Weg hierher gemacht. H. und er hatten sich schon vor Stunden über die gesicherten Botkammern im obersten Stockwerk der HF in ihre Bots eingeklinkt, damit sie die ersten an der Absturzstelle sein konnten.
Leider hatte der Angriff auf die HF so schnell nach der Entdeckung des Hubschraubers des Juggernaut stattgefunden, dass nur noch wenige Marines rechtzeitig in ihre Bots springen konnten. Das führte dazu, dass viele Dystopianer in die HF eingedrungen waren und jetzt überall im Inneren des Gebäudes Kämpfe stattfanden. Solange das Problem nicht behoben war, konnten Duncan und H. wohl kaum mit Unterstützung rechnen.
Der Hubschrauber war ein brennendes Wrack, doch wenn der Juggernaut zum Zeitpunkt des Abschusses seine Rüstung getragen hatte, bestand trotzdem die Möglichkeit, dass er überlebt hatte.
Als sie den abgestürzten Helikopter erreichten, duckte sich Duncan hinein.
Am Steuer erkannte Duncan die rotblonden Haare von Fanny Rhyme. Ihr Kopf war in einem unnatürlichen Winkel abgeknickt. Offenbar hatte der Aufprall ihr das Genick gebrochen.
Doch abgesehen von der Pilotin war die Maschine leer. Kein Juggernaut, kein Harold Craw.
Er verließ das Wrack wieder und wandte sich Jim Haverings rotem Bot zu. „Es ist der richtige Helikopter. Rhyme ist tot, aber der Juggernaut ist nicht hier!“
H. nickte, dann wandte er sich ab um die Gegend abzusuchen.
„Er muss hier irgendwo sein. Wir sollten und aufteilen und nach ihm suchen.“, schlug Duncan vor.
H. widersprach: „Das würde unsere Chancen erhöhen, ihn zu finden, aber das hier ist vermutlich unsere letzte Möglichkeit, ihn auch zur Strecke zubringen. Wir brauchen die Überzahl. Du hast gesehen, was die letzten beiden Male passiert ist, als du alleine gegen ihn gekämpft hast!“
Widerwillig nickte Duncan. H. hatte recht.
Anhand der verbrannten Spuren auf dem Gras konnte Duncan bestimmen, in welcher Richtung der tatsächliche Abschuss stattgefunden hatte und von wo aus sie anschließend an Höhe verloren hatten. In diese Richtung bewegten sich die beiden Marines nun. Nach nicht einmal zweihundert Metern fanden sie etwas: An zwei nebeneinanderliegenden Stellen, wie zwei großen Fußabdrücken, war das Gras versengt und der Boden etwas eingedrückt.
„Hier muss der Juggernaut gelandet sein.“, schlussfolgerte H.
Duncan erwiderte nichts. Der Juggernaut musste hier irgendwo in der Nähe sein. Meril hatte gesagt, dass Craw seit ihrem letzten Aufeinandertreffen am Stock lief und obwohl ihn sein Anzug mit Sicherheit etwas stützte, sodass er als Juggernaut nicht auf diesen angewiesen sein würde, dürfte der Abschuss und Absprung aus dem brennenden Helikopter mit Sicherheit nicht gut für seinen Zustand gewesen sein.
Da sie sich auf einer größtenteils freien Wiese befanden, gab es nicht besonders viele Versteckmöglichkeiten für eine zwei Meter große, blau-orangefarbene Exo-Rüstung.
Duncan aktivierte seine Hitzescanner und tatsächlich. In kurzer Entfernung nahmen seine Sensoren eine etwa menschengroße Hitzequelle wahr.
„Wo bleibt eigentlich Dimmer?“, fragte H. während sich die beiden darauf zubewegten.
„Ich habe eben mit ihr gefunkt. Sie ist auf dem Weg.“, erwiderte Duncan.
Nur einen Moment später sahen sie ihn. Der Juggernaut, den Marines den Rücken zugewandt, lief leicht humpelnd davon. Er schien sie noch nicht bemerkt zu haben, also verlangsamten sie ihr Tempo, um ich ihm zwar langsamer, dafür jedoch auch unauffälliger zu nähern.
Als sie nah genug an ihm waren, richteten sie beide ihre Maschinengewehre auf die zerkratzte und teilweise noch glühende Maschine. Ohne ein Wort der Warnung feuerten sie nahezu gleichzeitig.
Durch die Einschläge der Kugeln aus dem Gleichgewicht gebracht, stolperte der Juggernaut ein Stück nach vorne, fing sich jedoch wieder und wandte sich ihnen zu. Sofort erwiderte er das Feuer und da Duncan der Rüstung seines Bots nicht vertraute, beschloss er, das Feuer einzustellen und hinter einem nahen Baum in Deckung zu gehen. H., dessen Bot hochwertiger war und mehr Treffer abwehren konnte, feuerte weiter auf den Juggernaut.
Duncan versuchte, unauffällig aus seiner Deckung zu schlüpfen, doch der Mann in der Rüstung bemerkte ihn und zwang ihn durch Beschuss wieder zurück.
Auch H. war inzwischen etwas zurückgewichen und hatte sich hinter einem weiteren Baum in Deckung begeben.
Duncan schaltete sein Waffensystem um und versuchte, eine Rakete auf seinen Gegner zu schießen, doch dieser erfasste sie im Flug mit seinem Feuer und ließ sie explodieren, bevor sie nahe genug kam um ihm gefährlich zu werden.
Duncan dachte nach. Sie hatten den Juggernaut gefunden und er hatte keine Möglichkeit zu fliehen, ohne ihnen im Gegenzug die Gelegenheit zu geben, ihn weiter anzugreifen.
So wie er die Sache sah, war ihre beste Chance die, auf das Eintreffen von Dimmer zu warten. Zu dritt sollten sie in der Lage sein, den Juggernaut einzukesseln und endlich auszuschalten.

Kapitel 28

Eva ließ den Motor ihres Kleinwagens aufheulen, als sie so schnell sie konnte in Richtung des Dystopia-Hangars fuhr. Ihr Vater hatte für heute einen Angriff auf die Hero Factory angesetzt und obwohl dieser zunächst wie geplant begonnen hatte, war sein Hubschrauber völlig unerwartet abgeschossen worden und abgestürzt. Anschließend hatte sie erfahren, dass Marines unterwegs zu ihm waren, um ihn zu töten.
Sie fragte sich, was wohl schiefgegangen war. Niemand in der Hero Factory hatte auch nur im Entferntesten so gewirkt, als wüssten sie etwas über den bevorstehenden Angriff. Eva hatte zwar Duncan Warden den ganzen Tag über nicht finden können, aber sie war nicht davon ausgegangen, dass das etwas bedeutete.
Sie fragte sich, ob der Bürgermeister etwas gesagt hatte. Es hatte ihr von Anfang an nicht gefallen, dass ihr Vater sich entschieden hatte, mit ihm zusammen zu arbeiten – Er wirkte einfach nicht wirklich überzeugt von ihrer Sache – doch der Juggernaut hatte beschlossen, dass Dystopia seine Hilfe brauchen würden.
Vielleicht war es allerdings auch seine Tochter gewesen, die irgendwie etwas darüber herausgefunden hatte. Seit ihrem Aufenthalt bei der Hero Factory hatte Eva es kaum geschafft, in Kontakt mit Dystopianern zu treten, aber als sie sich mit ihr getroffen hatte, hatte Fanny, oder Rhyme, wie sie von den meisten genannt wurde, ihr erzählt, dass Meril Takagi sich wohl mehrfach mit jemandem von der HF getroffen hatte.
„Dystopia, hier spricht Eva Craw!“, rief sie in ihr Funkgerät. Sie kommunizierten auf einer gesicherten Frequenz, also stellte es keine Bedrohung für ihre Deckung dar, wenn sie ihren Namen benutzte. „Angriff sofort abbrechen. Der Juggernaut wurde abgeschossen und befindet sich in Gefahr. Alle Einheiten auf der Stelle an die folgenden Koordinaten!“, befahl sie. Dann gab sie die Absturzstelle von Rhymes Helikopter durch.
Es folgten einige Bestätigungen. Niemand versuchte, mit ihr zu argumentieren, denn jeder wusste, dass das Überleben von Harold Craw, dem Juggernaut, das Wichtigste war.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte Eva den Hangar. Sie sprang in den ersten Geschützwagen, den sie sah, dann raste sie mit diesem weiter, auf die Stadtgrenze zu.
Sie war noch nie mit einem Geschützwagen gefahren, weshalb das Handling etwas ungewohnt war. Obwohl die kleinen, schwach gepanzerten Fahrzeuge sehr schnell waren, reagierten sie sehr träge auf Lenkmanöver, was dafür sorgte, dass Eva einige Male fast in einer Kurve an die Häuserwände stieß.
Neben dem Lenkrad befand sich ein kleines Schaltbrett, das für die Steuerung des auf dem Dach montierten Geschützes zuständig war. Sobald sie dieses einschaltete, würde es automatisch die elektrischen Signale der Hero Factory Bots erkennen und auf diese schießen. Um sie gegen ein anderen Ziel zu verwenden, musste dieses entweder manuell eingegeben werden oder ein Beifahrer konnte die Steuersysteme am rechten Platz verwenden, um das Geschütz von Hand zu steuern.
Sie wusste, dass die Bots der HF, die im Gegensatz zu ihr in der Lage waren, Abkürzungen über Dächer zu nehmen und nicht auf die komplizierte Straßenführung in Kearneys Innenstadt angewiesen waren, vor ihr an der Absturzstelle ankommen würden, doch sie wusste auch, dass ihr Vater nicht ohne einen Kampf zu Boden gehen würde und das gab ihr Hoffnung, das sie noch rechtzeitig eintreffen würde, um ihn zu retten, selbst wenn der Großteil ihrer Leute noch länger bräuchte als sie um den Kampf zu erreichen und ihren Vater und sie zu unterstützen.

Kapitel 29

Zwei Raketen erfassten die Juggernaut-Rüstung von hinten und brachten ihren Piloten dazu, sich zu der Quelle des Beschusses umzudrehen. Diese Gelegenheit nutzten Duncan und H. um aus ihrer Deckung den Beschuss wieder aufzunehmen. Endlich war Dimmer angekommen und zu dritt hatten sie den Juggernaut umzingelt.
Unentschlossen, welchen der Bots er ins Visier nehmen sollte und welche er ignorieren konnte, setzte die schwerfällige Exo-Rüstung zu einem Sprint an um aus dem Kessel auszubrechen, den die drei Marines um ihn gebildet hatten. Die Schmerzen, die ihn eben noch haben humpeln lassen, ignorierte der Terroristenanführer.
Natürlich folgten sie alle drei ihm und schafften es, die Formation um ihn herum aufrecht zu erhalten, weshalb der Juggernaut seine Strategie änderte. Unvermittelt sprang er auf Duncan und H. zu und zog sein Schwert hervor. Noch im Sprung holte er aus und führte einen Schlag durch, der so gezielt war, dass er beide Bots treffen sollte.
Duncan schaffte es, sich rechtzeitig wegzuducken, doch die Klinge drang tief in den gepanzerten Arm von H.'s Bot ein. Duncan erinnerte sich noch genau, wie problemlos das Schwert des Juggernauts durch die Rüstungen der Bots drang. Immerhin hatte er auf diese Art seinen eigenen Bot verloren.
Bevor der in der massiven Rüstung steckende Harold Craw seine Waffe aus dem Arm seines Gegners hatte befreien können, feuerte Duncan zwei Raketen in seinen Rücken. Langsam waren kleine Schäden an der Panzerung der Rüstung zu erkennen, doch noch hielt der Anzug ihren Raketen stand.
H.'s Hand griff nach dem Knauf des in seinem Arm steckenden Schwerts und nutzte den Effekt, den das Einschlagen von Duncans Projektilen in seinen Gegner auf diesen hatte, um ihm die Waffe zu entreißen.
„Du hast doch gesagt, die reicht auch, um seine Rüstung zu durchdringen!“, kommentierte er, dann holte er zum Schlag gegen den Juggernaut aus, doch in einer unerwartet schnellen Bewegung tackelte der Juggernaut H. zu Boden, woraufhin diesem das Schwert wieder entglitt. Noch bevor H. Sich wieder aufgerichtet hatte, feuerte der Juggernaut starkes Maschinengewehrfeuer auf den am Boden liegenden Bot.
Duncan anvisierte den Rücken der Exo-Rüstung ein weiteres Mal, bevor er feststellte, dass er keine Raketen mehr hatte. Also wechselte er stattdessen zu seinem eigenes Maschinengewehr. Als er gerade anfing, zu feuern, zischte eine Rakete an ihm vorbei und traf in den Rücken des Juggernaut. Duncan sah sich um und entdeckte Dimmer, die ohne zu zögern zwei weitere Raketen auf ihren Gegner abfeuerte.
Dieser drehte sich allerdings schnell um um die Geschosse in seinem noch fast unbeschädigten Brustpanzer aufzufangen.
Diesen Moment nutzte H. um das Schwert, das er Craw entrissen hatte, aufzuheben und, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, damit auf den nun ihm zugewandten Juggernaut einzuschlagen. Das Schwert drang einige Zentimeter in die Schulter der Rüstung ein, bevor es feststeckte.
Der Terrorist riss sich wieder herum und schlug mit den bloßen Fäusten auf die Panzerung von H.'s Bot ein.
Sobald sein Rücken wieder Duncan und Dimmer zugewandt war, feuerte sie eine Rakete auf ihn, in der Hoffnung, das blutende Stück seines Rückens zu treffen, wo Craws eigene Klinge in sein Fleisch eingedrungen war. Doch der Juggernaut bemerkte die näher kommenden Geschosse und griff nach dem Bot seines Gegners. H. versuchte, sich aus seinem Griff zu entwinden, doch bevor es ihm gelang, hatte der Juggernaut ihn bereits herumgerissen und damit zwischen ihn und die Rakete befördert.
Unfähig, ihr auszuweichen, wurde H.'s Bot frontal von der Explosion getroffen, die ihm seines technischen Brustkorb aufbrach. Craw warf den stark beschädigten Bot vor sich auf den Boden und trat mit seinem mechanisch gerüsteten Fuß in den ungepanzerten Kern des Bots. Dieser erschlaffte und war zerstört.
Nun waren es also nur noch zwei gegen einen.
Dimmer stürmte auf den Juggernaut zu, der sie bereits wieder in den harten Beschuss seines Maschinengewehrs nahm.
Kurz fragte sich Duncan, was der Plan seiner Mitkämpferin war, denn sie verfügte über keinerlei Nahkampfwaffen, die es ihr ermöglichten, ihn auf kurze Distanz zu verletzen, doch dann rief sie ihm über Funk zu: „Schnapp dir das Schwert“
Ohne zu zögern näherte sich Duncan von hinten dem Juggernaut an. Dieser schien ihn nicht zu bemerken, also griff er nach dem Schwert. Es steckte fest und als Duncan versuchte, es herauszuziehen, bemerkte der Juggernaut seine Anwesenheit und machte einen Satz zur Seite, um ihn loszuwerden.
Durch die Kraft des Sprunges schaffte Duncan es jedoch, die Klinge aus der Exo-Rüstung seines Gegners zu ziehen und dabei ein etwa kopfgroßes Stück aus dieser herauszubrechen. Eine Art Spandex, der bereits von H.'s Schwerthieb aufgeschnitten war und aus dessen Riss langsam Blut floss, kam darunter zum Vorschein. Der Juggernaut sah, dass Duncan seine Waffe in der Hand hielt, entschied sich aber, sich weiter Dimmer zuzuwenden. Er überbrückte die Entfernung, die die beiden noch trennte mit wenigen Schritten und hielt beide Arme des Bots fest, damit sie ihre Waffen nicht auf ihn richten konnte. Duncan plante, ihn anzugreifen, solange er mit Dimmer beschäftigt war, zögerte aber einen Moment zu lange, weil er daran dachte, wie der Juggernaut H. als Schild verwendet hatte.
Der Juggernaut brach den rechten Arm des Bots heraus und presste ihn gegen Dimmers Brust. Dann aktivierte er den Flammenwerfer, den er schon einmal zuvor gegen Duncan verwendet hatte. Durch die Hitze, die dieser erzeugte, explodierten die verbleibenden Raketen in ihrem Lager und beide Kämpfer wurden von der Explosion zurückgeworfen.
Irgendwie gelang es dem Juggernaut, dessen Rüstung nun schon so stark beschädigt und aufgeschmolzen war, dass Duncan Teile seiner Brust und sogar seinen Kopf sehen konnte, sich wieder aufzurichten.
Dimmers Bot stand nicht wieder auf.
Duncan schluckte. Einer gegen einen!

Kapitel 30

Als Eva an der Absturzstelle des Helikopters ankam, fand sie ihren Vater in einem Zweikampf mit dem mattgrauen Bot vor, von dem sie wusste, dass er Duncan Warden gehörte.
Zwei zerstörte Bots zeigten, dass der Juggernaut sich bisher gut zur Wehr gesetzt hatte, doch nun war seine Panzerung an mehreren wichtigen Stellen stark beschädigt und sein eigener Körper war sichtbar und verletzlich. Dennoch hatte Warden es noch nicht geschafft, ihn zu töten.
Eva beugte sich ein wenig zur Seite und nahm die letzten Einstellungen an dem Geschütz auf ihrem Wagen vor, dann ließ sie den Motor aufheulen und fuhr auf die Wiese, auf der Warden und ihr Vater gerade in einen Ringkampf verwickelt waren.
Die Zielerfassung des Geschützes sprang an und feuerte sofort eine Salve auf die beiden Kontrahenten. Ihr Vater bemerkte die Schüsse zuerst und brachte sie beide in eine Position, in der Duncan die Kugeln abfing. Nach dem Treffer wechselte das Geschütz vom Salven- in den vollautomatischen Modus und gab mehr und mehr Schüsse auf den Bot ab, der versuchte, sich aus dem Griff des Juggernaut zu befreien.
Ein Leuchten auf ihrem Armaturenbrett brachte Eva dazu, auf sie herunter zu sehen. Die Sensoren erkannten zwei Bots der Hero Factory im Umkreis, von denen einer sich schnell auf ihre Position zubewegte. Kurze Zeit später teilte sich der Kugelstrom, den ihr Geschütz austeilte und während einige Kugeln weiter auf Warden schossen, dem es noch immer nicht gelungen war, sich freizukämpfen, schwenkten die anderen auf einen grün-grauen Bot zu, der den beiden schnell näherkam.
Eva stutzte einen Moment als sie erkannte, dass es sich bei diesem Bot tatsächlich um eine der Trainingsmaschinen handelte, in denen sie und Heather gegen Warden gekämpft hatten. Kurz kam ihr der Gedanke, dass es vielleicht sogar Heather war, die dort lief – So eine unüberlegte und spontane Aktion würde zu ihr passen – dann verwarf sie ihn wieder. Viel wahrscheinlicher war es, dass Dimmer oder Jim Havering in den Bot gesprungen waren um so schnell wie möglich wieder in den Kampf einzugreifen.
Aus vollem Lauf sprang der Trainingsbot gegen die Juggernaut-Rüstung und alle drei stürzten zu Boden. Manuell stellte Eva das Feuer ein. Sie konnte nicht riskieren, in dem Chaos aus Versehen ihren ungeschützten Vater zu treffen.
Als erstes richtete sich Duncan wieder auf, dann folgte der Neuankömmling. Obwohl Duncan schon viel länger kämpfte und mehr Treffer eingesteckt hatte, war der grau-grüne Bot von den wenigen Kugeln und dem Aufprall bereits stark beschädigt. Da die Trainingsmaschinen nicht für echte Kämpfe gebaut waren, verfügten sie über kaum Panzerung. Eva eröffnete wieder das Feuer, und die beiden Bots sahen kurz zu ihr herüber. Diesen Moment nutzte der Juggernaut aus um sie an ihren Beinen zu greifen und zu Boden zu reißen, woraufhin Eva das Feuer ein weiteres Mal abschaltete. Sie beschloss, näher an die Situation heranzufahren um somit hoffentlich besser helfen zu können.
Schnell kroch ihr Vater auf den am Boden liegenden Bot von Duncan Warden zu und setzte sich auf dessen metallenen Bauch. Dann begann er, wild auf die graue Maschine einzuschlagen.
Von ihm unbemerkt, stand neben dem Juggernaut der Trainingsbot wieder auf. Sofort eröffnete Eva das Feuer, dieses Mal manuell, doch er begab sich schnell hinter die zerstörte, blau-orangefarbene Rüstung, in der ihr Vater wieder und wieder auf Wardens Bot einschlug.
Aus Richtung der Stadt konnte Eva bereits das Näherkommen ihrer Verstärkung hören, als sie den Wagen wieder in Bewegung setzte und versuchte, um den Juggernaut herumzufahren. Gerade als der Trainingsbot wieder in ihrem Sichtfeld war, bemerkte sie etwas in dessen Hand.
Die neongrüne Pistole wirkte lächerlich klein an dem leicht übermenschensgroßen Roboter, doch Eva erkannte sie sofort.
Direkt neben den Bottrainingsräumen gab es einen Schießplatz, auf dem diese Pistolen verwendet wurden. So schnell sie konnte, begab sich Eva wieder an die Kontrollen des Geschützes und feuerte aus vollen Rohren auf den Trainingsbot, doch, keine Sekunde bevor etwas in der Brust der Maschine explodierte und der ausgebrannte Körper leblos zu Boden fiel, gelang es ihm einen einzelnen Schuss auf den freiliegenden Kopf von Harold Craw, Evas Vater, abzugeben. Die Kugel flog, begleitet von einem Schwall Blut aus seiner Stirn wieder heraus und er sackte auf dem grauen Bot, der von Warden gesteuert worden war, zusammen.
Danach war es still.
Erst als die Motoren der näher kommenden Dystopianer lauter wurden, schaffte es Eva, sich aus ihrer Schockstarre zu lösen, auch wenn sie immer noch nicht glauben konnte, was sie gerade gesehen hatte.
Unsicher öffnete sie die Tür ihres Autos und stolperte über das Feld auf ihren Vater zu. Er war einfach vornüber umgekippt, also konnte Eva sein Gesicht nicht sehen. Sie sah nur die kleine Einschusswunde inmitten seiner von Blut verklebten Haare.
Mit zitternden Händen öffnete Eva die am Rücken befindlichen Verschlüsse der Rüstung. Eigentlich befand sich die Ein- und Ausstiegsluke an der Vorderseite der Maschine, doch für den Fall dass diese einmal zu stark beschädigt wurde um sich öffnen zu lassen, gab es außerdem eine Möglichkeit die Rückseite des Juggernaut abzunehmen. Nachdem sie das geschafft hatte, zog sie den unbeweglichen Körper ihres Vaters aus der Maschine und legte ihn neben dem Schlachtfeld in das versengte Gras.
Bevor sie irgendetwas anderes tat, riss sie sich das graue T-Shirt der Hero Factory Universität vom Körper und wickelte es fest um seinen Kopf um die Blutung zu stoppen.
Ängstlich legte sie ihm Zeige- und Mittelfinger an den Hals. Sehr schnell und flach spürte sie einen Puls. Sie atmete erleichtert auf, dann überprüfte sie seine Atmung. Nichts.
Sie beugte sich über ihn und hielt seine Nase mit ihrer rechten Hand zu, bevor sie ihre Lippen auf die seinen drückte und ihm Luft in die Lungen stieß.
Hinter ihr erreichten andere gepanzerte Fahrzeuge die Wiese, vermummte Leute stiegen aus und kamen auf sie zu, eine Stimme – Sie konnte nicht sagen, wessen – rief ihr ins Ohr, dass sie gehen mussten, dass die Hero Factory bald eintreffen würde.
Doch sie ignorierte das alles.
Noch war ihr Vater am Leben und sie würde alles tun, um ihn nicht sterben zu lassen.

Epilog 1

Als Duncan nach dem Kampf gegen den Juggernaut erfahren hatte, wer den grau-grünen Trainingsbot gesteuert hatte, der den Juggernaut Harold Craw erschossen hatte, hatte er es erst nicht glauben wollen.
Und auch jetzt fiel ihm die Vorstellung, dass es ausgerechnet die unauffällige Heather Bryce geschafft hatte, sich während des Chaos' in der Hero Factory in eine der Botkammern zu schleichen, den Bot, den sie für Trainingseinheiten verwendeten zu stehlen und mit dessen Hilfe den Terroristen, den die HF seit Monaten bekämpfte, zu töten.
Aber als er sie, nachdem er die Botkammer verlassen hatte, sah, hatte er gewusst, dass es die Wahrheit gewesen war. Barfuß und von Kopf bis Fuß mit schwarzem Schmieröl bedeckt hatte sie zitternd vor Aufregung in Dimmers Büro gesessen, die weite Jacke der Marine um ihre Schultern gewickelt.
Obwohl sie nicht körperlich selbst dort gewesen war, hatte sie gerade zum ersten Mal jemanden erschossen.
Inzwischen, zwei Tage später, hatte sie sich ein wenig beruhigt. Sie hatte das Öl abgewaschen und sich ein anderes ihrer grauen Universitäts-Shirts angezogen. Ihre braunen Haare klebten auch nicht mehr von Öl an ihrer Kopfhaut, sondern waren, etwas sorglos, zu einem Zopf geflochten.
Ihr Gesicht war ernst und als sie ihm die Hand gab, zitterte diese leicht.
Duncan hatte mit Angelica McCoy, der Leiterin der Universität gesprochen und vereinbart, dass Heather weiterhin an den Kursen teilnehmen konnte und nebenbei die Möglichkeit erhielt, mit einem Therapeuten zu sprechen, um die Ereignisse zu verarbeiten.
Zu Heathers Schutz hatten Duncan, Havering, sein Sohn und Dimmer beschlossen, ihren Namen so weit wie möglich aus den Medien herauszuhalten, wodurch natürlich Duncan, der bereits mehrere Male mit dem Juggernaut gekämpft hatte, der meiste Ruhm zuteil wurde. Trotzdem war es ihnen nicht ganz gelungen, die Nachrichten von der heldenhaften Studentin abzubringen, weshalb auch sie, wann immer sie die HF verließ, von Journalisten belagert wurde und inzwischen landesweit in aller Munde war.
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, erklärte Heather Duncan, als sie seine Hand wieder losließ. „Ich habe jemanden getötet!“
Duncan zögerte. Er wusste nicht, was er erwidern konnte, damit es dem Mädchen besser damit ging. „Du hast das richtige getan.“, versicherte er ihr schließlich.
Heather schenkte ihm ein gequältes und falsches Lächeln, dann meinte sie mit monotoner Stimme: „Ich hoffe es!“ Als sie sich umdrehte und in den Bus stieg, mit dem die Studenten zurück zur Universität fahren würden, suchte Duncan die Gruppe nach Maeve ab, doch das zierliche Mädchen war nicht zu finden.
Duncan wendete sich an einen der Studenten, der gerade seine Tasche in das Gepäckfach des Busses warf. „Ich bin auf der Suche nach Maeve Carwil. Haben Sie sie gesehen?“
Der blonde Junge drehte sich zu ihm um und musterte ihn kurz. „Sie ist nicht hier, Lt. Warden.“, erklärte er ihr schließlich. „Sie hat einen Anruf bekommen. Ihre Mutter wurde ins Krankenhaus eingeliefert und liegt wohl im Sterben. Sie wurde freigestellt und kommt in einer Woche nach.“
„Das tut mir leid.“, erklärte Duncan. „Wenn sie wieder in der Uni ist, richten Sie mir bitte meine besten Wünsche aus!“
Der Student nickte, dann stieg er in den Bus.
Es gefiel Duncan nicht, dass Maeve ausgerechnet jetzt nicht in der Uni sein würde. Natürlich konnte er verstehen, dass sie bei ihrer Mutter sein wollte, aber Heather bräuchte gerade in den nächsten Tagen eine Freundin, auf die sie sich verlassen konnte.
Duncan trat einige Schritte zurück, als der Bus sich in Bewegung setzte. Kurz konnte er durch ein Fenster Heather sehen – Das Mädchen sah aus dem Fenster in seine Richtung, schenkte ihm aber keine weitere Beachtung – dann bog der Bus um eine Kurve und verschwand aus seinem Sichtfeld.
Seufzend wandte Duncan sich ab und stieg in den Fahrstuhl, der das Parkhaus mit dem Hauptgebäude der Hero Factory verband.
Meril war am vorigen Abend von ihrer Mutter abgeholt worden, nachdem sie nach der Verhaftung ihres Vaters bei ihm untergekommen war.
Natürlich hatte Rosemary Takagi, die mit ihren blonden Locken und den runden blauen Augen ihrer Tochter kein bisschen ähnelte, ihm versichert, dass sie und Meril bei Gelegenheit wieder nach Kearney kommen würden und er sie wiedersehen konnte.
Trotzdem wusste Duncan, dass er das schwarzhaarige Mädchen, das ihm in der kurzen Zeit, die er sie gekannt hatte, ans Herz gewachsen war wie eine Tochter, vermissen würde.
Er schüttelte den Gedanken ab, als er den Fahrstuhl verließ. Der Juggernaut war tot, doch Duncan bezweifelte, dass das das Ende von Dystopia sein würde.
Sie mussten wachsam bleiben.

Epiplog 2

Eva saß im Dunkeln und lauschte den Geräuschen der Maschinen.
Dem Rauschen, das neue Luft in die Lungen ihres Vaters pumpte und dem trockenen Schlürfen, dass die verbrauchte Luft wieder absaugte, beide begleitet von einem unangenehmen Pfeifen. Dem leisen Piepen der Kontrollsysteme, deren Kabel in seinen nackten Oberkörper eingelassen waren.
Das einzige Geräusch, dem sie nicht lauschen konnte war das seines Gehirnmonitors. Das Gerät, das durch mehrere Elektroden an verschiedene Hirnareale gekoppelt war, war so eingestellt, dass es bei dem ersten Zeichen von Gehirnaktivität ein Signal abgeben sollte. Doch bisher war es still geblieben.
Eva hatte die grelle Deckenleuchte ausgeschaltet, als sie eingetreten war. Sie hatte ihren Vater nicht so sehen wollen, doch nun, nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, reichte ihr das schwache rote Leuchten an den Geräten, das anzeigte, dass diese in Betrieb waren, um ihren Vater sehen zu können.
Die Austrittswunde der Kugel, die seinen Kopf durchbohrt hatte, war gereinigt und genäht worden und hatte eine verkrustete Narbe auf seiner Stirn hinterlassen. Abgesehen davon sah er, zumindest in dem schwachen Licht, in dem Eva ihn betrachtete, fast normal aus.
Eva hatte keine Probleme, sich vorzustellen, er würde jeden Moment die Augen öffnen und aufstehen. Doch die Ärzte waren nicht so optimistisch. Sie hatten ihr erklärt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass er je wieder alleine atmen, geschweige denn laufen würde, fast bei Null lag.
Eva warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Der Bus zurück zur Universität in Florida war vor ein paar Stunden abgefahren. Natürlich hatte sie niemandem verraten können, was der wahre Grund war, dass sie nicht mit ihnen kam. Also hatte sie behauptet, der Krebs ihrer Mutter sei zurückgekehrt und sie läge im Sterben. So würde sie wenn sie zurück zur Uni ging auch ihre Trauer erklären können und müsste sie nicht verstecken.
Und sie hatte entschieden, weiter zu studieren, bis sie ein Rookie und schließlich eine Marine war. Sie hatte Jahre ihres Lebens dafür gegeben, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt war und sie hatte nicht vor, einfach aufzugeben.
Es hatte Unruhen gegeben, als sie verkündet hatte, dass Harold Craw tot war. Es war eine Lüge gewesen, aber sie hielt es für besser, wenn ihr Vater als Märtyrer erinnert wurde, der im Kampf für ihr Ziel gestorben war, als wenn die Wahrheit bekannt würde.
Viele, die behauptete hatten, überzeugte Dystopianer zu sein, hatten erklärt, dass sie ausstiegen und nichts mehr mit der Organisation zu tun haben wollten. Manche hatten Eva und ihre Vertrauten gehen lassen, manche, die zu viel wussten, waren getötet worden.
Es gefiel Eva nicht, für die Tode so vieler verantwortlich zu sein, mit denen sie Seite an Seite gearbeitet hatte, aber sie waren Verräter, hatten ein Risiko für sie und ihre Tarnung dargestellt.
Es klopfte an der Tür zu der kleinen Kammer, in der sie neben ihrem Vater saß.
„Miss Craw?“, fragte eine zögerliche Stimme.
Eva schüttelte ihre Gedanken ab. Sie stand auf und öffnete die Tür. Das helle Licht aus dem Flur drang in das dunkle Zimmer ein und blendete Eva für einen Moment.
Hinter sich schloss sie die Tür. Vor ihr stand Robert Watson. Der Junge mit der Warze über den grünen Augen hatte vorgestern Abend ebenfalls seinen Vater verloren. Dieser hatte sich selbst erschossen, als er festgestellt hatte, dass die Hero Factory ihn unter Beobachtung hatte.
Robert ließ sich nichts von seiner Trauer anmerken, also versuchte auch Eva, ihre Gefühle in seiner Gegenwart zu unterdrücken.
„Wir haben noch acht Trucks und drei Geschützwägen. Die Juggernaut-Rüstung ist stark beschädigt, aber die Techniker sind zuversichtlich, dass sie in ein paar Wochen, vielleicht einem Monat, wieder einsatzbereit sein wird.“, fasste er die Situation zusammen. „Ich würde vorschlagen, wir greifen wieder an, sobald die Rüstung repariert ist!“
Eva schüttelte den Kopf. Sie hatten zwar noch genug Leute, um all diese Fahrzeuge zu bemannen und sie selbst wäre sicher in der Lage, den Juggernaut zu steuern, aber Dystopia war nach dem scheinbaren Tod seines Anführers zerschlagen. Die Leute, die noch da waren, waren demotiviert und würden in einem Kampf gegen die Hero Factory keine Chance haben.
Nein, bevor sie wieder in der Lage waren, anzugreifen, mussten sie sich erst einmal erholen. Und das konnte Jahre dauern.
„Was dann?“, hakte Robert nach.
Eva kannte ihn. Es gefiel ihm nicht, nichts zu tun. Er wollte genauso Rache wie sie, aber er verstand nicht, dass das Schicksal von Dystopia jetzt auf ihren Schultern ruhte. Sie mussten wirklich bereit sein, bevor sie den Kampf wieder aufnehmen konnten.
„Wir warten!“, erklärte sie.


Ende von Juggernaut

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