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"Tales of Time 2: Schicksals-Insel" ist die Fortsetzung des ersten Teils der Tales-of-Tales-Reihe von Gresh18. Sie erzählt die Geschichte Hahlis nach der missglückten Flucht von Metru Nui, wie sie sich an einem völlig fremden Ort wiederfindet und mit der Zeit ihre wahre Bestimmung erkennen und eingestehen muss.

Sprache C Gewalt D Sex A
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Kapitel 1: Der Urwald

Das Wasser rauschte leise, während kleine Wellen gegen den Boden schlugen. Und nicht ganz weit von hier hörte man Bäume und Sträucher, wie der Wind gegen ihre Oberfläche peitschte. Ein lautes Geräusch war das einzige, was diese Idylle noch ergänzte, ein Geräusch, das einfach nur befreiend klang, wie ein Lied eines frei gewordenen Sklaven... Gukko-Gesang...

Ja, das musste der rote Stern sein, dachte sich Hahli. Genauso hatte sie sich ihn immer vorgestellt, genau diese Bilder schossen ihr durch den Kopf, wenn man von diesem Ort erzählt hatte... dort, wo die Toten landen.

Hahli war tot. Sie war sich sicher, diese Schiffskatastrophe hätte sie nicht überleben können... Wahrscheinlich war sie ertrunken, sie wusste es nicht... Viel blieb ihr nicht in Erinnerung, als sie im dunklen Protodermis-Meer verschwand, plötzlich wurde alles nur schwarz vor ihren Augen... kaum hatte sie einen letzten Blick dem verschwommenen Sternenhimmel gewürdigt, waren all diese kleinen, hellen Punkte auch schon weg... Was dann geschehen war, davon hatte Hahli keine Ahnung. Sie hätte nicht gedacht, dass sich der Tod so schmerzfrei anfühlt, es war fast schon sanft, als ob sie jemand in ihr Burnak-Fell-Bett auf Metru Nui legen würde.

Sie war glücklich, dass sie zumindest denken und hören konnte, so viel musste sich seit ihrem Sterben also auch nicht verändert haben... nur sehen kann sie noch nichts... es war immer noch alles düster vor ihren Augen... und konnte sie sich überhaupt bewegen? Hahli spürte plötzlich... ihren Körper, sie fühlte plötzlich jedes einzelne Gelenk, jeden ihrer Protodermis-Bauteile... sie bewegten sich... Hahli riss ihren Arm in die Höhe und griff in den Boden, wie ein Klammeraffe, der sich an einer steilen Mauer festhalten möchte. Mehr noch... etwas Zerbrökeltes, etwas fein Zermahlenes begrub plötzlich ihre Hand unter sich... es war Sand... Auf einmal, Hahli schlug mit ihrer anderen Hand in den Boden und raffte langsam aber sicher ihren Körper auf, sie hörte dabei ihre Gelenke knacken. Sie wusste nicht, wie lange sie hier schon lag, aber es schien wohl eine ganze Ewigkeit zu sein. Dann, Hahli riss ihre Augen auf und schenkte dem Ort, von dem sie überzeugt war, dass es der rote Stern war, einen musternden Blick: Sie lag an einem Strand, bei Weitem nicht so schön wie der in Ga-Metru, aber dennoch... der weite Blick auf das silbrige Meer war erstaunend, vor allem weil zu ihrer linken und rechten der Strandweg in einer hohen Klippe endete und von hier aus sah sie dicke, verwilderte Bäume, von denen Lianen bis an die Meeresoberfläche hingen. Hahli wälzte sich auf ihren Rücken und sah einen kleinen Pfad aus Pflastersteinen, der in einen verwucherten Urwald führte, wo die hohen Sträucher das ganze Licht verhinderten den Weg hell zu beleuchten... Licht...

Die Ga-Matoranerin stand urplötzlich ruckartig auf und schaute gen Himmel: Strahelnd blau und ohne jede Wolke, aber... da war sie... die rote Sonne...

Hahlis Herz machte einen Sprung... sie war also doch nicht auf dem roten Stern gelandet... sie war immer noch im Matoranischen Universum... und sie war nicht tot...

Wo sich ihr Körper gerade noch so unbeschwert angefühlt hatte, spürte sie wieder Schmerzen, ihr wurde am ganzen Körper unangenehm heiß. Wo war sie? Wie hatte sie überlebt? Wo waren die anderen Flüchtlinge geblieben? Wo war Vhisola? Hahli rannte auf einmal, sie schwankte eher in dem weichen Sand, doch sie war entschlossen: Sie wollte weg. Keuchend spurtete sie den Pflastersteinweg entlang in den dunklen Urwald und prompt flogen ihr eine Horde von Manas-Fliegen vor dem Gesicht herum und ihr Gehör platzte fast von dem unerträglichen Summen der Insekten, die in diesem Wald nisteten. Jeder ihrer Schritte war eine Qual für sich...

Hahli war an meterhohen Bäumen vorbei gerannt und sah nun, wie das Gras immer wilder wurde, als sie im nächsten Augenblick vor einer Kreuzung auftauchte. Links führte ein noch dunklerer Weg ins Herz des Waldes, in der Mitte erkannte sie einen etwas breiteren, matschigen Pfad und rechts... war eine kleine Brücke und ein Bach floss vorbei. Gerade wollte sie den ersten Schritt nach rechts wagen...

Wusch.

Ganz plötzlich steckte ein scharfer Säbel in der Rinde des Baumes, der vor ihr stand – und ehe sie nachdachte, war sie wieder am rennen. Hahli sprang über die immer dicker werdenden Wurzeln, sie hatte ihre Hand ausgestreckt, um die dichten Sträucher beiseite zu schieben und hetzte wie ein Feuerbär. Ihr Magen fühlte sich an wie ein brennender Ofen, als hätte sie einen Feuerball verschluckt. Schweißperlen flossen ihr von der Stirn und ihre Hüfte schmerzte so sehr, dass sie dachte, ein weiterer Säbel hätte sie durchbohrt.

Und gerade in diesem Moment sah Hahli aus dem Augenwinkel, wie etwas silbrig schimmerndes an ihr vorbeiflog... sie waren also immer noch hinter ihr her. Die Sträucher waren mittlerweile meterhoch angewachsen und der Pfad war nichts mehr als ein Schlitz, durch den sich Hahli quetschte. Die Buschdornen hinterließen Kratzer auf ihrem Brustpanzer, aber das letzte, was die Matoranerin jetzt machen wollte, war es zu schreien. Sie musste ihre Verfolger irgendwie abhängen, egal wer es war oder was dieser von ihr wollte.

Hahli kämpfte sich durch das Gebüsch, brach die dünnen Strauchäste entzwei, als im nächsten Moment – sie musste anhalten. Ein meterhoher Baum und so dick wie ihr ehemaliger Arbeitsplatz, der Nordturm des Metru-Nui-Kolosseums, verdeckte ihr den Weg und links und rechts war er umrundet von bis in den Himmel ragenden Buschwänden. Sie wusste nicht, ob ihr Herz bei der ganzen Angst, die Besitz von ihrem Körper ergriff, überhaupt noch schlug... Aufgeregt rannte sie auf den Baum zu, schlug gegen seine Rinde, als würde das irgendwie helfen... Stattdessen schmerzten nur ihre Handflächen.

Flüchtig huschte Hahli zu allen Seiten – sie konnte niemanden erkennen. Vielleicht hatten ihre Verfolger die Jagd schon aufgegeben... aber bei alldem, was sie auf Metru Nui erlebt hatte, würde sie sich nimmer so sicher fühlen.

Kletter den Baum hoch! Diese Stimme... Irgendwer flüsterte ihr immer wieder etwas in ihr Bewusstsein und Hahli war es in dem Moment egal, wer oder was es auch ist – sie sollte besser gehorchen. Die Matoranerin nahm kurz Anlauf, bevor sie mit einem Satz auf den Baum zusprang und sich an der Rinde festhielt. Ohne weiter nachzudenken griff sie sie nach einem kleinen Loch im Baum und rappelte sich hoch. Erst jetzt erlaubte sie sich einen Blick nach unten und erkannte den ganzen Weg von hier oben, den sie zurückgelegt hatte... und eine hellgrün leuchtende Kanokadisk, die direkt auf sie zugeflogen kam. Und ehe sie reagieren konnte, spürte sie die ganze Energie, die durch ihren Körper floss und nur kurze Zeit später jeden ihrer Bauteile betäubte, sie sah noch, wie ihre Fingerkuppen sich von der Baumrinde lösten... ehe sie tief hinunter fiel... doch anstatt auf dem Boden aufzuprallen und sich jegliche Gelenke zu brechen, wurde sie von etwas aufgehalten, als der kalte, matschige Waldboden nur noch einen Satz von ihr entfernt war, machte sie plötzlich halt, einfach nur so... bevor sie dann auf den Boden plumpste und nur eine Sekunde später ein Netz aus Energiestrahlen ihren Körper einrahmte.

Und im nächsten Moment blickte sie in die Augen ihres Verfolger – es schien ein Toa zu sein, in grüner Rüstung gekleidet, aber komischerweise trug er eine schwarze Panzerung und auch seine Kanohi war von einem dunklen Tuch umhüllt, sodass Hahli gar nicht sagen konnte, welche Kanohi er trug. Und kurz darauf gesellte sich ein zweiter Toa zu ihm – und ob er nun ein Feuer- oder Luft-Toa war, Hahli konnte es nicht eindeutig sagen – da trug er sowohl rote als auch grüne Rüstungsteile und sein Gesicht war ebenfalls nicht erkennbar, jedoch trug er einen mächtigen Speer in seiner Hand.

„Trag' die Matoranerin mit ins Dorf... aber wehe sie tut sich etwas!“, sagte der grüne Toa zu seinem Mitstreiter und schenkte ihm einen grimmigen Blick, ehe dieser Hahlis Energieketten nahm und die Matoranerin im Schlepptau durch den Urwald zog. Hahli schien mehr als verdutzt über diese Situation zu sein... wer waren diese Toa, dass sie sie durch den ganzen Dschungel verfolgten und mit spitzen Waffen nach ihr schossen, sie dann aber verschonen wollten? Und welches Dorf, wo sollte sie hingebracht werden und was würde man mit ihr anstellen?

Zumindest aber hatte sie nicht zu befürchten, dass man ihr den Kopf abschneiden wird... da sehnte sie sich doch nicht so sehr nach Metru Nui, ihrer alten Heimat, wo man sie bestimmt wegen Verrat an Dume und dem Volk schon tief in die Katakomben des Inselstaates einbuchten lassen würde... Ja, Dume... der, der versprach, Metru Nui als Oberhaupt in friedliche Zeiten zu führen... bis er sich als blutrünstiger Tyrann entpuppte, der Hahlis ehemaliger Heimat nur Finsternis gebracht hatte... egal, wo Hahli sich jetzt befand... überall war es schöner als auf Metru Nui, auch mit Energiefesseln eingekettet...

Kapitel 2: Drei Toa des Feuers

Es vergingen einige wenige Minuten, bis Hahli und die zwei Toa vor einem riesigen Tor ankamen, das aus fein geschliffenen Holzbalken bestand und eine Art Zugbrücke den Eingang in ein kleines Tal versperrte. Die Matoranerin wurde vorbei geschleppt an allerlei Bäumen, karg oder bewuchert, groß oder dünn wie eine Nadel, aber das sie hier ein solches Konstrukt vorfinden würde, hätte sie nicht gedacht: Kleine Hügel umringten einen kleinen Bereich und es sah so aus, als wurden Treppen, die in das Tal hineinführten, komplett verbrannt. Das große Zugbrückentor war wohl der einzige Eingang... in dieses Dorf, wo Hahli hingebracht werden sollte.

„Wir sind mit der Matoranerin zurück!“, schrie der in grüner Rüstung gekleidete Toa und seine Stimme hallte in dem dunklen Urwald wider. Für eine kurze Weile erhielt er keine Antwort, bis Hahli einen Ta-Matoraner erkannte, der hoch oben auf dem Tor erschien.

„Wie lautet der Name von Toa Likhans eigenem Kikanalo?“

„Grivert!“

Likhan? Woher wussten diese Toa und Matoraner von Toa Likhan? Hahli war in dem Moment noch verwirrter, als sie es ohnehin schon war... Und wenn diese Wesen also wirklich mit Likhan in Verbindung standen? Dann musste Hahli doch irgendwie verschont werden? Aber warum hatten sie sie dann zwei Toa durch den halben Wald gejagt und mit messerscharfen Klingen nach ihr geworfen, um sie letztendlich durch den Matsch in dieses Dorf zu ziehen? Kurz hatte sich Hahli Hoffnung gemacht, dass, wer auch immer sie hinter den Toren erwartet, sie freundlich willkommen heißen wird – vielleicht vermuten sie hinter ihr aber eine Anhängerin Dumes und wollten sie dafür bestrafen...

Mit einem lauten Knackgeräusch senkte sich die Zugbrücke langsam zu Boden, ehe sie mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufschlug und Hahli und die zwei Toa passierten. Dann war plötzlich alles in dem Schatten des Eingangturms gekleidet, alles war stockduster und nur das Licht des Dorfes schien durch den Gang. Hahli wurde mit jedem Mal, als sie dem Licht näher kam, immer mulmiger... ihr Magen bellte förmlich, und die Matoranerin hatte definitiv keinen Hunger verspürt.

Und von einem Augenblick zum nächsten, war sie drin, drin in diesem Dorf... wenn man es denn überhaupt eins nennen konnte: Das ganze Tal war eine fast kreisrunde Fläche, die begrenzt wurde von einem Wall aus Holzstämmen und auf den Hügeln schien es, als wären Sitzbänke platziert... Nur ab und zu erkannte sie kleine Häuser, die dem Nest von Manas-Bienen sehr ähnlich aussahen.

„Balta, Defilak, was habt ihr mit ihr gemacht?“

Hahli drehte ihren Kopf wieder in Richtung ihrer Verfolger und sah, wie ein Feuer-Toa mit goldener Brustpanzerung aufgebracht auf sie zu kam und den beiden einen entsetzten Blick schenkte.

„Wir dachten, das wäre die einfachste Möglichkeit. Sie hätte ja Panik bekommen können und fliehen können...“

„Nicht, wenn du ihr alles erklärt hättest, Defilak!“, polterte der Feuer-Toa und schubste beide zur Seite und kam auf Hahli zu. Die Matoranerin wusste nicht, was sie von dem allem halten sollte, wer waren diese Toa nun und was genau wollten sie von ihr? Vertrauten sie Hahli nun – oder nicht?

Doch ehe sie darüber nachdenken konnte, stand der Toa bereits vor ihr und löste ihre Energieketten auf. Hahli rappelte sich langsam auf und murmelte ein leises „Danke“, obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie überhaupt etwas sagen oder lieber schweigen sollte.

Hahli schaute nicht in die rot funkelnden Augen ihres Befreiers, sondern untersuche das Dorf, in das sie gebracht wurde genauer und erst jetzt bemerkte sie, das eine Menge Matoraner hier versammelt waren: Matoraner aller möglichen Elemente, selbst die grau-silbernen Rüstungen der Fe-Matoraner, von denen sie nie gedacht hätte, dass sie die jemals treffen würde. Und in einer hinteren Ecke des Tals stand ein Luft-Turaga. Und Hahli kannte ihn...

„Matau“, flüsterte sie unbemerkt und fixierte den Turaga, der gerade mit einer Gruppe Ga-Matoraner scherzte. Indes schwirrten Hahli die Gedanken nur so durch ihren Schädel: Die Situation wurde immer merkwürdiger, erst dieses ungewisse Vertrauen und jetzt war auch Matau hier, auf Metru Nui Mitglied des Rats der Ältesten, er war schließlich an der Durchsetzung der Wahlen auf dem Inselstaat beteiligt... und dann dieses Dorf und all die Matoraner... Was war hier los? Und wenn Hahli nicht gleich Antworten bekommen würde, würde sie bald durchdrehen, sie merkte, wie angespannt ihr ganzer Leib war.

„Willkommen“, sagte der Feuer-Toa dann und lächelte sie matt an. Doch Hahli wich ihm zur Antwort zurück und wäre fast gestolpert. Der Toa konnte daraufhin jedoch nur lachen.

„Ich muss mich für Defilak und Balta entschuldigen, das war sehr ungestüm von denen.“ Er schaute noch einmal zu den beiden Toa hinüber und seine Augen zornten dabei.

„Mein Name ist übrigens Aodhan, du bist dann Hahli.“

Die Matoranerin fiel hin. Sie konnte nicht anders, ihr Herz schlug plötzlich wie ein wilder Kikanalo gegen einen Baumstamm... Woher kannte Aodhan ihren Namen? Seinen wenigstens hatte Hahli schon gehört... es war damals im Nordturm, als sie eine Steinplatte, eine Botschaft von einem gewissen Aodhan, an Turaga Dume übergeben sollte... damals hatte sie sich den Kopf zerbrochen, wer dieser jemand war... und nun stand er vor ihr...

„I-Ich... ich kenne dich“, stotterte Hahli und klang dabei so ängstlich, dass man annehmen könnte, Aodhan würde sie gleich in Stücke zerschneiden... aber der Feuer-Toa reichte ihr nur die Hand und lächelte dabei.

„Ja, das muss wohl diese Steinplatte sein, die ich an Dume geschrieben habe. Agni, hast du zufällig noch eine davon?“

Auf einmal stand ein weiterer Feuer-Toa vor Hahli, seine Kanohi passte dabei überhaupt nicht zu seinem Element: Man hätte viel mehr einen Ko-Matoraner vermutet, die für gewöhnlich ein Teleskop als zweites Auge hatten.

„Aber immer doch“, sagte er und holte eine Steinplatte aus seiner Tasche hervor, die er Aodhan in die Hand presste.

„Turaga Dume, neues Oberhaupt von Metru Nui“, las er vor und Hahlu erinnerte sich, dass die Botschaft in einer fremden Schrift geschrieben wurde. „Ich warne euch hiermit offiziell, solltet Ihr irgendwelche Taten folgen lassen, die den Frieden des Matoranischen Universums gefährden, werden die restlichen Nationen Widerstand leisten.“

Hatte Hahli richtig gehört? Aodhan war also ein Rebell, er widersetzte sich ebenfalls Dume? Wo war er dann gewesen, als Metru Nui ihn brauchte? Woher kannte er Dume überhaupt oder die ganzen Geschehen auf Metru Nui?

„W-wo warst d-du?“, keuchte Hahli hervor und traute sich erst jetzt, ihn etwas zu fragen.

„Ah, Hahli, ich sehe, du bist ziemlich verwirrt von der ganzen Situation“, antwortete Aodhan und winkte einem weiteren Feuer-Toa zu, der in Sekundenschnelle neben ihm stand.

„Brander, bring Hahli in unsere Haupthütte, ich komme gleich nach.“

Mit einem eifrigen Nicken zeigte Brander Hahli den Weg in eine etwas größere Hütte abseits des großen Tores. Nur wenige Minuten später stand Hahli in der Haupthütte drin und bewunderte die Inneneinrichtung: Ein kleines Feuer brannte in der hinteren Ecke und beleuchtete den Raum, davor standen drei Sitzplätze und an den Wänden hingen zahlreiche Waffen... Toa-Säbel, wie Hahli vermutete. Doch bevor sie darüber mutmaßen konnte, war auch schon Aodhan eingetreten in Begleitung von Agni – und Matau.

„Turaga Matau“, sagte Hahli, als hätte sie ihn vorhin nicht gesehen.

„Hahli!“, er hob seinen Stab und ging mit langsamen Schritten auf sie zu und nahm sie in den Arm. Merkwürdig, denn auf Metru Nui schien Hahli nie wirklich jemand zu bemerken oder sie wahrzunehmen... und jetzt freute sich Matau, Mitglied des Rats der Ältesten über die Matoranerin. Aodhan, Brander und Agni nahmen derweilen auf den drei Stühlen Platz und schauten alle in Richtung der verdutzt guckenden Hahli.

„Nun, ich denke, wir haben dir viel zu erzählen. Setz' dich“, wies Aodhan an und zeigte auf einen kleinen Baumstammstumpf vor ihm, auf den Hahli kurzerhand plumpste.

„Du fragst dich bestimmt, wo du dich gerade befindest, Hahli. Das ist der Nördliche Kontinent und die Region Stelt. Eine ziemlich primitive Gegend, wenn du mich fragst, nichts weiter als Bäume, Strand und gefräßige Rahi. Der Nördliche Kontinent wird seit Jahren von vielen Unruhen heimgesucht, jede Region strebt seine Unabhängigkeit an, jeder will die Macht über den Kontinent. Viele Matoraner entfliehen diesem bevorstehendem Bürgerkrieg und nisten sich hier ein – in diesem ehemaligen, heruntergekommene Kohlii-Stadion.“

Hahli schaute aus der Hütte hinaus und erkannte erst jetzt die großen Kohlii-Tore an allen vier Seiten und bemerkte, wie eins dieser Tore zu einer Zugbrücke umfunktioniert wurde – auch konnte sie sich jetzt die vielen Sitzbänke um die kreisrunde Fläche erklären.

„Das ist das Dorf Le-Stelt“, setzte Aodhan weiter fort. „Wie gesagt, eine Zuflucht für die Matoraner des Nördlichen Kontinents, auch wenn sie auf ihre schönen Hütten verzichten müssen und stattdessen in diesen Manas-Bienenstöcken wohnen müssen.“

Hahli folgte dem Feuer-Toa, ohne ein Wort zu sagen, geschweige denn einen Laut von sich zu geben.

„Vor vielen Jahren erschien Toa Tuyet, Nidhiki und Dume hier, um auf dem Kontinent für Ruhe zu sorgen, wir bemerkten damals schon Dumes Unklarheit, sein Ungewissen über sein Schicksal. Jedenfalls, ihre Mission ist nie wirklich gelungen und alle drei merkten, dass sie bald zu Turaga werden würden, weswegen Nidhiki eine besondere Gruppe von Toa um sich herum versammelte und sie in einer Organisation, die Toa-dhiki genannt, formierte. Balta und Defilak sind zwei dieser Toa, vielleicht hast du gemerkt, dass Balta seine Rüstung grün angefärbt hatte. Nun ja, Nidhiki hatte es nie gewollt, aber die alle sind ihm immer noch ziemlich loyal, ein unangefochtenes Vorbild.“

Hahli erinnerte sich an die Gestalt ihrer beiden Verfolger und huschte noch einmal hinaus und erkannte eine weitere Gruppe an Toa-dhiki, die gerade an der Behausung vorbei lief.

„Toa Tuyet hingegen wählte uns drei Ta-Matoraner, Agni, Brander und mich, Aodhan, aus, um die neuen Toa des Nördlichen Kontinents zu werden“ - alle drei Toa verbeugten sich leicht beim Klang ihrer Namen - „doch wir waren uns alle bewusst, unser Schicksal liegt nicht nur in der Rettung des Nördlichen Kontinents – Tuyet wusste wie niemand anderes über Dumes Hang zu den Schattenseiten dieses Universums und zu seinen dunklen Kräften. Tuyet glaubte zwar an das Gute in ihm, aber sie war sich nie über Dume sicher – sie fürchtete, er könnte das Universum unterjochen, seine Fähigkeiten als Toa waren faszinierend, erschreckend gut, um genau zu sein.“

Die Ga-Matoranerin musste schlucken. Dume war schon als Turaga mächtig und skrupellos, kaum zu glauben, was er alles als Toa hätte anstellen können, ob sie dann überhaupt noch hier wäre...

„Nidihiki und Tuyet hatten dies immer im Hinterkopf behalten, ihre Kräfte schwanden jedoch, um Dume weiter im Schacht zu behalten. Deshalb schmiedeten sie einen Plan: Sollte Dume je an die Macht kommen und Krieg führen wollen, so musste man ihn aufhalten... aber wie, war die Frage. Beide wussten die Antwort: Durch die Zeit.“

Stille beherrschte plötzlich den Raum und das Feuer flackerte matt. Was sollte das bedeuten? Wie konnte Dume durch die Zeit aufgehalten werden? „Wenn man in Besitz der Zeit ist, kann man sie zurückstellen, bevor Dume an die Macht kam und ihn dadurch besiegen. Das Problem war, es gab nur die Kanohi Vahi und Tuyet, nun...“ Aodhan stockte plötzlich, und Hahli sah, wie er nervös zu Agni hinüber blickte. „Sie war nicht mehr stark genug!“, beendete Agni den Satz für Aodhan.

„Richtig, danke, Agni. Sie konnte die Maske jedenfalls nicht benutzen und musste sie einer neuen Toa-Generation hinterlassen. Die Kanohi durfte jedoch unter keinen Umständen von Dume aufgespürt werden, weshalb Tuyet die Vahi in vier Teile zerbrach und an vier Orten dieses Universums versteckte.“

Mit einem mal stand Aodhan plötzlich auf und starrte Hahli ungewohnt ernst in die Augen. „Und diese Maskenteile zu finden... ist deine Aufgabe, Hahli.“

Hahli schaute verdutzt in die Runde. Viele Sachen hatten sie heute schon verwirrt ausschauen lassen, aber das, das sprengte einfach alles. „Meine Aufgabe?“, wiederholte Hahli und schaute Matau an, der sie jedoch nur anlächelte.

„Ich weiß, Hahli, diese Umstände überfordern dich. Aber du musst mir einfach Glauben schenken. Du bist eine Art... Auserwählte. Tuyet wollte genau dich als diejenige, die die vier Maskenteile der Kanohi Vahi auffindet.“

Ihr Kopf schien förmlich zu explodieren – vor Fragen. Sie war also auserwählt, sie sollte diese Aufagbe erledigen... fast schon eine Nachfolgerin Tuyets... Es war kein Geringerer als Hahli, aber warum gerade sie, warum nicht jemand anderes, was war so besonders an ihr? Und plötzlich – das Bild von dem Toa-Stern tauchte ihr vor dem Auge auf.

„A-auf Metru Nui“, fing sie an, „gab es einen... Toa-Stern zu sehen.“

Aodhan schaute sie mit einem Ausdruck des tiefen Ernstes an, nicht mal Vhisola hatte sie je so angesehen... Vhisola...

„Einen Toa-Stern?“, sagte Brander dann plötzlich und stand ebenfalls auf.

„Ja, er war blau. Hat das alles irgendwas mit mir zu tun? Werde ich eine Toa sein?“

Aodhan, Agni und Brander schauten sich alle drei gegenseitig in ihre Kanohi-Masken, als berieten sie sich, was sie Hahli sagen sollten, als hätten sie Angst, Hahli die Wahrheit auszusprechen... Doch selbst war sie sich nicht sicher, ob sie diese wirklich vertragen würde... sie fühlte sich unsicher, sie konnte immer noch nicht glauben, dass dies ihr Schicksal war... ihre Bestimmung. Nie hatte sie sich so unruhig, so zerrissen in ihrem matoranischen Leben gefühlt... Sie spürte, wie jeder ihrer Gelenke überreizt war, fast schon wie unter Strom... „Wir können es dir nicht sagen, Hahli“, hatte Agni geantwortet und sein Gesicht sah komischerweise besorgt aus. „Das Schicksal bietet dir meist unerwartete Momente in deinem Leben und wer weiß, welche Wege dir deine Bestimmung offen lässt...“

Hahli senkte ihren Blick zu Boden. Sie merkte, die drei Toa wussten es, sie wussten alles über sie... Dinge, die selbst nie erahnt hätte und doch wollten sie es ihr nicht verraten... Was war so schwer daran, ihr es ins Gesicht zu sagen? Vertrauten sie ihr nicht? Es war jetzt ihre Aufgabe, sie hatte eine Mission zu erledigen, Dume zu besiegen... Normalerweise hätte sie sich davor gescheut... aber nachdem was er auf Metru Nui angerichtet hat und nach all dem, was er noch vor hatte und kommen wird... Oder... Wenn Hahli doch seinen grimmigen Blick sah und wie er skrupellos mit jedem Wort seine Feinde aus dem Weg räumen konnte, wenn er noch mächtiger wurde... Hahli merkte plötzlich, wie sie ängstlich wurde und ihr Herz anfing zu schlagen... Da schaute sie plötzlich wieder zu Matau und dachte an das, was vor ihrer Ankunft auf dem Nördlichen Kontinent überhaupt passiert war – Vhisola, die ganzen Matoraner, wo waren sie?

„Was ist eigentlich mit Vhisola passiert?“, Hahli schrie fast schon, denn sie wusste doch – ihre beste Freundin könnte vielleicht tot sein, ertrunken, von dem Protodermis-Meer mitgerissen...

Hastig blickte sie abwechselnd Aodhan, Brander und Agni und Turaga Matau an, bis sie merkte, wie dieser unauffällig den Kopf schüttelte.

„Nein!“, Hahli polterte, wollte es nicht wahrhaben.

„Niemand weiß, was mit den restlichen acht Flüchtlingen passiert ist. Wir wollen hoffen, dass sie nicht von den Tiefen des Meeres und von Dumes Hand getötet wurden... Wir hoffen, sie sind sicher, sicher irgendwo in diesem Universum gelandet.“

Hahli fing an zu schluchzen, sie fühlte die Tränen in ihren Augen und die ganze Wut, die sich den Weg durch ihre Körperteile bahnte... was war schon ihre Hoffnung wert, wenn Vhisola und all die anderen, die gegen Dume gekämpft haben doch gestorben waren... wenn die Person, die Matoranerin, die ihr am meisten bedeutete, einfach weg war... Und warum durfte dann sie hier noch stehen? War ihre Mission dann wirklich so wichtig, dass sie überlebt hatte? Andererseits... Dume sollte dafür bezahlen müssen...

Hahli wusste einfach nicht, was sie denken sollte, am liebsten würde sie nur noch wegrennen.

„Hahli, sei nicht traurig. Ich erst-habe vor wenigen Tagen dasselbe durchgemacht. Der Rat der Ältesten floh ebenfalls von Metru Nui, als wir eine Nachricht von Aodhan haben-erhalten. Er hat uns über alles gesetzt-in Kenntnis. Wir unterwegs-waren mit einem alten Transporter, als plötzlich diese Vortixx stand-vor uns. Sie schoss mit dem Hordika-Gift uns-nach und bis jetzt sind alle noch in Tiefschlaf. Gut, dass wir in Le-Stelt gute Heiler haben. Gaaki, eine freundlich-über Ga-Matoranerin sich-kümmert um meine Freunde.“

Matau nahm die weinende Hahli in den Arm, es schien eine halbe Ewigkeit zu überdauern, bis er sie wieder losließ. Immer wieder flossen Hahli die Tränen über ihre Kanohi Kaukau und wie sie auf dem kalten Boden auftrafen... Metru Nui war in einer noch größeren Gefahr, als es alle ahnen würden... und Hahli sollte sie also befreien... mit der Kanohi Vahi... den vier Maskenteilen...

„Es wird bald spät. Komm, Hahli, ich zeige dir, wo du schlafen kannst.“ Brander schritt voraus und nahm ihre Hand. Ein warmes, gemütliches Bett, das brauchte Hahli jetzt am meisten... sie musste die ganze Situation überdenken... davor würde sie in keine Abenteuer stürzen und nach den schimmernden Teilen der Kanohi Vahi, der Maske der Zeit, Ausschau halten... Tuyets Erbe.. und ihre Waffe gegen einen Verräter... Dume, der nicht nur seine Kameradin hinters Licht geführt hat, sondern das ganze Matoranier-Universum...

Kapitel 3: Mataus Erzählungen

Hahli hatte nicht ein einziges Auge zudrücken können und dabei waren es weniger die Urwaldgeräusche und die kreischenden Rahi, die sie nicht schlafen ließen – Gedanken, einer nach dem andere sauste ihr durch den Kopf und ließ sie einfach nicht einschlafen können. Die Matoranerin drehte sich in dem Moment zu ihrer anderen Bettseite, als ihr im Kopf das Bild Tuyets erschien – so wie die Toa-Statue im Kolosseum von Metru Nui sie zeigte, stolz und kräftig, eine machtvolle Waffe in ihrer Hand... und dahinter war Dumes Kanohi Kirill, wie sie einen finsteren Schatten hinter sich zog und Tuyet mit sich riss, ehe sein gackerndes Gelächter Hahli durch den Schädel ging... Schnell wälzte sie sich auf die andere Seite und riss dabei ihre Bettdecke zu Boden. Hahli fühlte sich unglaublich warm, fast schon heiß, wie nach einem Spaziergang durch Ta-Metru. Da tauchte plötzlich die Kanohi Vahi auf, golden schimmern und perfekt geschmiedet, wie sie sonst kein Matoraner dieser Welt hätte herstellen können... und plötzlich zerbrach sie, vier Teile, die einfach so in der Luft schwebend... sowie die kleine Hahli, die verzweifelt nach ihnen greifen wollte, sprang, immer höher... doch sie erreichte keinen der Maskenteile... wie an einer Schnur befestigt zog sie jemand von ihr, immer weiter entfernter, bis die Kanohi Vahi nur noch vier goldene Punkte am Himmel waren.

Hahli drehte sich wieder um, sodass sie auf das Dach ihrer winzigen Hütte starrte. Die Behausung war wirklich mehr als klein, das Bett füllte schon fast die ganze Fläche aus und Hahli musste beim Aufstehen aufpassen, dass sie sich nicht den Kopf stieß... Aber vielleicht wollte sie das ja auch erzwingen, nur damit sie endlich diese ganzen Gedanken aus ihrem Kopf kriegt... Sollte sie sich wirklich auf diese Mission einlassen? Tatsächlich wäre das doch die einzige Möglichkeit Dume aufzuhalten... es war schließlich von Tuyet gewollt... Aber sie? Die Vorstellung, wie Hahli durch das Matoranische Universum reist, auf der Suche nach vier Kanohi-Teilen, sich von einer Gefahr zur nächsten begegnet, das war einfach... unerreichbar, grotesk... einfach absurd, die Matoranerin hätte doch nie den Mut. Aber Tuyets Entscheidung war auf sie gefallen, gerade die ruhige, schweigsame und zugeknöpfte Hahli. Und die ganze Sache mit dem Toa-Werden... Sie wollte Klarheit, endlich Antworten haben, sie spürte den ganzen Drang, es war wie ein Gukko in seinem Ei, der ausbrechen möchte... wenn sie wirklich eine Toa sein wird, was gibt es da noch zu verschweigen?

Ein Seufzer durchbrach die Ruhe der Nacht, während Hahli sich wieder zur rechten Seite umdrehte. Ihre Gefühle waren ein einziger Haufen zerbrökelter Steinplatten... ihr kam auf einmal das Bild von ihrem ehemaligen Abeitsplatz, dem Nordturm des Kolosseums, wo sie ständig beschriftete Platten zu Boden geworfen hatte, die für sie nur schwafelndes Zeug waren... sie fühlte sich genauso wie der Felshaufen... zerschmettert, in tausende Stücke, was sollte nur mit ihr passieren, was sollte sie glauben, wovon sollte sie ausgehen? Wer war sie überhaupt in diesem Universum?

Je mehr ihr diese Fragen durch den Kopf gingen, desto leerer wurde ihre Gedankenwelt. Und plötzlich, Hahli stand auf, sie bemerkte die Schmerzen dabei kaum, die sie von dem ruckartigem Zusammenstoß mit der Decke der Hütte verspürte... In diesem Moment war ihr das alles irgendwie egal, sie wollte bloß nicht in diesem Bett liegen, in diesem stickigen Manas-Bienennest.

Kaum hatte sie einen Fuß ins Freie gesetzt, wehte eine leichte Windbrise, während sie das Kohlii-Stadion musterte: Nicht ein einziger Matoraner oder Toa lief auf dem staubigen Feld herum und nur wenige Lichter brannten in dem Dorf. Hahli schaute gen Himmel und sah das klare Meer an Sternen, Milliarden von kleinen, weißen und hell leuchtenden Punkten. Aber kein Toa-Stern – und deswegen war sie ehrlich gesagt mehr als froh, sie wollte nicht noch mehr Fragen, die durch ihren Kopf schmetterten.

Sie ging ein paar Schritte durch die Arena, die Nacht hatte bereits den ganzen Urwald verschlungen, während man nur die Bäume hörte, wie sie im Wind wankten und sich ihre mächtigen Kronen in Richtung des Dorfes senkten und ehe sie schon bedrohlich nah waren, zog sie der Wind wieder zurück. Ein paar Rahi-Insekten zirpten, als Hahli ziellos durch das ehemalige Kohlii-Feld wanderte, sie wusste nicht, wohin sie wollte – sie brauchte einfach nur ein paar Atemzüge an der frischen Luft.

Gerade ging sie am großen Haupthaus vorbei, wo sie vorhin mit Aodhan, Agni, Brander und Matau gesessen hatte... Matau... Hahli schwenkte ihren Blick entlang der Tribünen, als – eine kleine, grüne Gestalt kauerte da, einfach nur so, wie eine leblose Puppe... Für Hahli war sofort klar, um wen es sich handelte.

Sie rannte auf Matau zu, ging die Treppe zu den Sitzrängen hoch und fiel neben ihn auf eine hölzerne Bank, doch der Turaga schenkte ihr keinen Blick, matt lächelnd schaute er in das Dorf, als wenn nichts wäre und summte leise vor sich hin, während Hahli bemerkte, wie er mit dem Wind hin und her pendelte.

„Guten Abend, Hahli“, begrüßte er sie dann und schaute ihr immer noch nicht in die Augen.

Die Matoranerin antwortete ihm jedoch erst nicht, sie dachte darüber nach, wieso sie ihn eigentlich überhaupt sprechen wollte oder zu ihm her gerannt kam.

„Einen schöneren Tagesabschluss kann man sich vorstellen-nicht“, sprach er und schwenkte noch deutlicher, als würde der Wind ihn einfach mitreißen.

„Ich liebe diese ruhigen Momente, Hahli. Davon hatte man in Le-Metru viel zu wenige, immer und überall hörte man diese lauten-ständigen Geräusche, von den Industrien, Kraftwerken und was wir da sonst nicht alles gebaut-haben.“

Hahli schaute ins Dorf und sah nun seine ganze Fülle auf einen Blick: Irgendwie wirkte es zerbrechlich, bescheiden... diese paar winzigen Hütten, fast würde man auf die Idee kommen, es würde sich um ein Rahi-Nest handeln, statt um ein Dorf, eine Heimat für Matoraner und Toa...

„Aber weiß-wer, ob die alle noch werden-stehen. Dume ist mächtig. Wir haben uns in ihm getäuscht, Hahli. Wir, als der Rat der Ältesten, haben-gehalten ihn immer für einen klugen, weisen Turaga. Keiner vermutet-hat, dass er alle hintergeht und die Insel in das Verderben stürzt.“ Hahli beobachtete, wie sich sein Gesichtsausdruck zu einer tristen Miene formte, wie er den Kopf hängen ließ und leise schluchzen musste.

„Ich habe Freunde verloren, Hahli“, murmelte er und Hahli entging nicht, dass eine Träne von seinem Auge auf das Holz unter ihm prellte. „Ich bin sicher, Gaaki ist eine gute Heilerin... aber wer weiß, ob meine Vertrauten jemals werden-gesund.“ Er triefte kurz und schaute dann rüber zu Hahli. Seine Augen waren giftgrün und glänzten förmlich, während das Licht der Sterne in seinen wässrigen Wangen sich widerspiegelte.

„Dume hat mir auch Freunde gestohlen, Turaga“, sagte Hahli dann unerwartet und rückte näher zu Matau heran. „Vhisola hat mir so viel bedeutet... und im Widerstand gegen diesen Tyrann sind wir uns so nah wie nie gekommen. Doch anschließend musste er sie mir nehmen.“ Hahli mühte sich, ihre Tränen zu behalten und nicht wie der Luft-Turaga zu weinen. Sie wusste nicht wieso, aber sie wollte keine Schwäche zeigen... sie wollte nicht wie ein gekränkter Burnak-Welpe wirken...

Für die nächsten paar Minuten ergriff keiner das Wort und Hahli genoss nur die Stille der Nacht, nur ab und zu hörte sie ein Winseln Mataus. Hahli fühlte sich indes kalt... Irgendwie musste sie den Turaga doch beruhigen, aufheitern, wie immer sie das anstellen würde. Dann schaute Hahli wieder zum Himmel hinauf – und ein Stechen durchfuhr ihren Körper – der Toa-Stern, er war wieder zu sehen, blau leuchtend, größer und verführerischer als alle anderen Sterne... nur ein Blick, und schon fühlte sich Hahli frei, als würde sie jeden Moment in den Lüften schweben können.

„Turaga Matau, seht!“

Kaum hatte Hahli zu Ende gesprochen, hob Matau ruckartig den Kopf. Vor Schreck fiel er fast von der Holzbank und hielt sich nur mit Mühe an ihr.

„Bei den Ästen der Arthaka-Bäume! Hahli, ein Toa-Stern!“

Eine ganze Weile verging, in der beide nur auf den Stern schauten, gefesselt waren von seinem Anblick. Es war so, als wäre dieser blaue Punkt eine Erfüllung ihrer größten Wünsche, als würde ein unsichtbares Seil ihre Kanohis in Richtung des Himmels bewegen.

„Turaga“, äußerte sich Hahli dann plötzlich. „Wie wurdet Ihr eigentlich zum Toa?“

Matau wendete seinen Blick wieder auf die Matoranerin und musste matt lächeln, während seine Augen ihr sagten, dass er tief in seinen Erinnerungen wühlte.

„Oh, Hahli. Das liegt schon abertausende von Jahren zurück. Es gewesen-müsste die Zeit von Oberhaupt Nuju, einem erstaunlichen Denker und Wissenschaftler. Ich hielt mich für einen unbedeutenden, kleinen Le-Matoraner, der sein ganzes Leben nur sollte-aufpassen in den Wäldern Le-Metrus und die Rahi in Schacht musste-hallten. Wer mir hätte-erzählt, dass ich Toa werde, Hahli, ich hätte dem meine Säge ins Gesicht geschmissen. Aber dann passierte es doch. Toa Naho hatte aufgesucht-mich und mir ein Artefakt gegeben. Es war, wie hätte es anders sein können, ein Toa-Stein. Erst wollte ich nicht dran glauben, es nicht wahr haben. Ich flüchten-wollte vor meinem Schicksal, einfach weg. Aber merke dir eins Hahli, vor deiner Bestimmung du kannst-verstecken dich nicht.“

Er machte eine kurze Pause, in der er einfach nur in die Kohlii-Arena starrte und Mataus Worte Hahli noch einmal im Kopf durchgingen.

„Ich hatte-gedacht immer, dass ich die völlig falsche Person bin für einen Toa, grundlos ungeeignet, tollpatschig, verschlafen, ohne das Gespür für Tatenbewusstsein und Treuepflicht. Aber es kam der Zeitpunkt, wo ich umänderte-mich, meine Meinung. Naho mir-erzählte, dass ein Toa ein Vorbild ist, für alle, egal, ob Matoraner, Turaga oder andere seiner Art. Als Toa genießen-kann man das, was keiner sonst auskosten darf: Sich für den Frieden einsetzen, jeden Tag erleben-darf man Abenteuer und am Ende hat man eine ganze Nation, ganze Völker mit seinen Handlungen gemacht-glücklich. Am Ende sieht man in die glücklichen Augen tausender Matoraner, am Ende man sich ist-bewusst, dass man Frieden geschaffen hat... Und das ist die größte Ehre, in die ein Lebewesen in diesem Universum kann-baden...“

Matau gähnte leise und schaute noch einmal Hahli an. „Geschichten erzählen ist das perfekte Mittel zum schlafen-ein! Ich hoffe, ich dich gelangweilt-nicht, Hahli. Früher wollte keiner meiner Toa-Brüder hören-wollen meine Sagen.“ Er lachte kurz auf und stand dann von der Bank auf, nahm seinen Turaga-Stab und schritt langsam die Treppe hinab. „Nacht-gute!“, rief Matau, bis er wenige Sekunden später hinter der Tür einer kleinen Hütte verschwunden ist, die mit einem dumpfen Schlag zufiel und einige Gorilla-Rahi zur Antwort laut grölten. Hahli ignorierte ihr aufgebrachtes Klagen und reflektierte noch einmal, was Matau ihr gesagt hatte... es war erstaunlich, wie ähnlich er ihr war... wie er genauso wenig ein Toa sein wollte oder es sich kaum vorstellen konnte... Aber er hatte sich geirrt, er wurde zum Helden und hat die Momente, in denen jeder ihm zujubelte und in denen er einer Vielzahl von Matoranern und Turaga Wohlstand und angenehme Zeiten brachte, nie vergessen... Und wenn Hahli am Ende genau dasselbe erleben wird? Sie als Bezwingerin Dumes, als gefeierte Heldin, die den Frieden zurück gebracht hat, nicht nur nach Metru Nui, sondern im ganzen Matoraner-Universum...

Hahli rutschte von der Holzbank herunter und ging ebenfalls die Treppe abwärts zurück zu ihrer unbequemen Hütte... und mit jedem Schritt wuchs ihre Lust auf ein Abenteuer, mit jedem Fußstapfen im staubigen Boden des Dorfes wollte sie immer sehnsüchtiger nach diesen Maskenteilen suchen... egal, ob als Toa oder Matoranerin...

Kapitel 4: Der Ruhm der Helden

Als Hahli aufwachte, war es ausnahmsweise nicht die große rote Sonne, die durch den Türschlitz schien und den Raum erleuchtete, sondern viel mehr der Staub. Ihre ganze Kanohi war vollkommen überdeckt mit einer Decke aus grauen Pollen, welche vom Dach ihrer Hütte rieselten und Hahli diese mit Mühe von ihrer Kanohi wischte. Sie musste laut niesen, ehe sie aus ihrem Bett hüpfte und die Tür aufschlug, hinaus in das Dorf, wo zu allen Seiten bereits die Matoraner miteinander redeten oder zumindest ansatzweise versuchten Kohlii zu spielen. Hahli wusste nicht, womit sie sich hier die Zeit vertrieben, ohne Arbeit, isoliert von einem Ring aus meterhohen Bäumen, die so hoch waren, dass der Sonne nur kurze Zeit blieb die Arena zu erhellen, bevor sie wieder hinter den anderen dichten Blattkronen verschwand.

Hahli tat ein paar Schritte voran, ohne eine bestimmte Absicht zu hintergehen, als ob sie gezogen wird von einer Leine. Sie versuchte sich daran zu erinnern, was sie geträumt hatte, nach dem Gespräch mit Matau hatte sie es also doch geschafft einzuschlafen... Nur Bruchstücke ihres Traums flogen ihr durch den Kopf, sie hatte ein riesiges Schwert in der Hand, was für ihre Körpergröße fast überzogen wirkte... sie befand sich auf einer grasgrünen Wiese, und auf einmal war Aodhan angekommen, der jedoch völlig anders aussah, als sonst... Er klopfte ihr auf die Schultern, bevor sie dann schließlich aufgestanden war...

Hahli hatte nicht weiter versucht über ihr bevorstehendes Abenteuer zu denken... Es war nicht so, dass sie sie sich davor scheute... Es war ein seltsames Gefühl, sie hatte ihren Sieg über Dume vor Augen, doch sie konnte den Weg bis zu ihrem Finitum noch gar nicht einschätzen, wer weiß, welche Gefahren ihr üben den Weg laufen würden, wie nahe ihr der Tod kommen würde und ob sie sich nicht lieber nach einer staubigen Maske als nach einer zerkratzten, mit Protodermis bekleckerten Rüstung sehnen würde...

Im Vorbeigehen bemerkte Hahli Turaga Matau, wie er in ein etwas größeres Haus eintrat. Sie folgte ihm einfach, ohne zu wissen, was geschehen würde, immer noch besser als durch die Kohlii-Arena zu laufen.

Auf ihrem Weg kullerte ein Kohlii-Ball an ihr vorbei, der vor ihren Füßen zum Stillstand kam und in Nullkommanichts ein Fe-Matoraner auf sie zu gerannt kam. Mit einem Grinsen, das fast sein ganzes Gesicht ausfüllte, krallte er sich den Fall und schaute Hahli ins Gesicht, bis seine Miene etwas verlegen wurde und er schlaff lächelte. Hahli bemerkte einen großen Riss, der in der Mitte seiner Pakari-Maske verlief, und die flüchtig genäht wurde.

„Hallo“, sagte Hahli und erwiderte sein Lächeln. Der Fe-Matoraner antwortete ihr jedoch nicht, sondern drückte nur den Kohlii-Ball gegen seine Magengegend.

„Gefällt es dir hier?“, fragte Hahli, doch wieder gab er keinen Laut von sich.

„Nicht gerade sehr gesprächig, was?“, sagte sie und in dem Moment schaute der Matoraner des Eisens zu ihr auf.

„Meine Heimat Artidax wurde zerstört. In dieser einen Nacht sahen wir es nur noch brennen, und alles, was wir besaßen, löste sich in lodernden Flammen auf. Unsere Behausungen reichten ihnen jedoch nicht... unsere Leben stillten ihren Hunger.“

Er sprach so kalt, dass Hahli reines Entsetzen ins Gesicht stieß, ihre Gelenke zitterten buchstäblich...

„Wer hat dir das angetan?“, erkundigte sich Hahli, die Sorge war aus ihrer Stimme kaum überhörbar.

„Oh... das waren Wesen, die mir nie vorher ins Auge gefallen waren... niemand hätte gedacht, dass solche Monster überhaupt existieren... ich entsinne mich, dass sie sie Vahirak nannten...“

Es war, als ob ein Tarakava ihr in den Bauch boxte – Dume hatte also begonnen, seinen Schrecken im Universum auszubreiten, der Welt Angst zu lehren und seinen Schatten über die Völker und Nationen zu werfen...

Ohne ihm einen weiteren Blick zu würdigen, rannte Hahli zu der Hütte, in der Turaga Matau sich befand. Außer Atem und mit brennender Stirn kam sie an – und sah den Luft-Turaga, wie er sich gegen eine Holzplattform lehnte, auf der vier Gestalten lagen, zwischen ihnen ging eine weitere Ga-Matoranerin umher und betrachtete sie. Hahli brauchte nicht lange, um zu bemerken, dass es sich hierbei um die vier restlichen Persönlichkeiten des Rats der Ältesten handelte. Da kauerten sie, bewusstlos und ohnmächtig, Nokama, Ihu, Onewa und Whenua – der Turaga der Erde, der Hahli doch so gerne ausfragen wollte... und so sehr er sie damals nervte, sie fühlte mit Matau... es war noch schlimmer, als einen bereits verstorbenen Freund zu haben... der Turaga konnte sie sehen, jeden Tag, jede Minute hatte er seine Gefährten gesehen, ihr Ringen um ihr Leben miterlebt, er konnte verfolgen, wie sie im Sterben liegen und ihre Qualen waren auch seine...

Hahli ging zu Matau hinüber und tätschelte seine Schulter, dabei musste er lärmig schnäuben. Folgend sah Hahli sich die Turaga noch einmal an: Sie erkannte keinen, wie die Matoranerin sie in Erinnerung hatte, ihre Masken waren zerfressen von einer grünen Giftflüssigkeit, ihre Körper waren mutiert zu abgenagerten, schuppigen Leiben... das Hordika-Gift hatte sie also besessen...

„Momentan sieht es nicht gut aus... Sie sind immer noch schwer krank“, hatte die Matoranerin dann geflüstert.

„Oh, Gaaki...“, murmelte Matau und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Der Heiltrank ist noch nicht fertig. Ich bräuchte nur noch diese Zutat, die Brander...“

Sie hatte noch nicht mal zu Ende gesprochen, als plötzlich Toa Brander im Türrahmen stand, seine Finger umfassten eine merkwürdige, orange Wurzel, die aussah, als ob sie eine Ansammlung zerquetschter Beeren war, fast schon eine Kette, in gewisser Weise...

„Die Wurzel, Gaaki.“ Der Toa überreichte sie der Heilerin, die sie dann genau fixierte, an ihr roch und versuchte, etwas in ihr zu hören, bis sie diese in ein Glas packte und Gaaki sich wieder Brander zuwendete.

„Ich bin Euch dankbar, Toa“, sie verneigte sich kurz vor dem muskulösen Feuer-Toa, bevor Gaaki wieder zwischen den kranken und regungslosen Turaga hin und her tappte. Da fiel Branders Blick plötzlich auf Hahli.

„Oh, Hahli! Ich habe ja ganz vergessen, Aodhan will dich gleich sprechen. Komm einfach zum Lagerfeuer, ja?“

Hahli nickte, ohne sich bewusst zu sein, was der Toa mit ihr bereden wollte. In dem Moment verschwand Brander wieder, Hahli löste ihren Blick jedoch nicht von der rot-schwarzen Rüstung des Toa... Er hatte sich also in die Tiefen des Urwald begeben, wo die wildesten und zügellosesten Rahi ihn hätten zerfleischen können, nur auf der Suche nach dieser Wurzel... und am Ende hatte er Gaaki damit glücklich gemacht... Und nicht ausschließlich sie, er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um die vier Turaga wieder zu heilen, gesund zu bringen und damit auch Matau den Frust zu nehmen... ein Toa... das waren sie also... Helden...

Hahli verließ das Zimmer wieder, blickte in der Arena umher: Ein paar mehr Matoraner kreisten um das Stadion, und da war plötzlich wieder der Fe-Matoraner, der gerade mit einer Gruppe Po-, Onu- und Bo-Matoraner die Dorfwände hochkletterte... Hahli hätte also Vorfälle wie diesen Vahirak-Angriff verhindern können... im Kampf... ihr Leben eingesetzt, um das von diesem Matoraner des Eisens und Tausenden, wenn nicht Millionen von anderen zu retten... ihr Ziel wäre der Frieden gewesen...

In diesem Moment sah Hahli Rauchschwaden empor aufsteigen – das Lagerfeuer, von dem Brander gesprochen hatte. Schnell rannte sie auf dieses zu, passierte dabei weitere Hütten und Matoraner-Grüppchen, sodann die goldene, matt leuchtende Kanohi Kualsi in ihr Blickfeld kam – Toa Aodhan saß um ein Feuer auf einem kargen Baumstamm, in seinen Augen spiegelte sich die Flamme wieder, seine Maske schien nun glänzender als sie es zuvor tat.

„Ah, Hahli!“, erkannte er die Matoranerin und zeigte ihr mit einer Geste, dass sie sich Aodhan gegenüber hinsetzen sollte.

Kaum war sie auf die Bank gehüpft, schoss das Feuer schlagartig in die Höhe, und verdeckte ihr die Sicht auf Aodhan, Hahli bemerkte die Wärme, die Glut und die Funken, wie sie vom Wind in den Sand verweht wurden – und dann plötzlich war es vorbei, nichts mehr als eine kleine Flamme trennte sie von der Gestalt Aodhans.

„Die Elementarkräfte“, teilte er Hahli dann mit, „waren schon immer eine wertvolle Waffe der Toa gewesen.“ Er schwieg kurz und suchte etwas aus seiner Tasche, die ihm um den rot und silbrig gepanzerten Brustkorb hing. „Sie sind so vielfältig, ob ein Wirbelsturm, ein Elektrikschuss, ein Steinhagel oder die Hitze, die selbst Protodermis-Klingen in flüssiges Plasma verwandelt. Doch sie alle verbindet eins – die Macht über diese Welt, die Stärke, alles in diesem Universum zu kontrollieren und die Natur zu seinem Untergebenen zu machen. Und genau darin misst sich die Güte ein Toa – um welchen Zweck und die Absichten, mit der er seine Kräfte einsetzt... Sie können uns die Möglichkeit verleihen, die Stützen des Friedens zu errichten... oder sie kollabieren zu lassen...“

Aodhan machte eine kurze Schwenkbewegung mit seiner Hand, ehe ganz augenblicklich zwei Feuerbälle vor seinen Augen auftauchten und im selben Moment sich auflösten, hinfort, mit einem Blick des Toas gegenüber Hahli.

Die Matoranerin war gefesselt von seinen Künsten... auch wenn es die simpelste Sache schien, die er mit seinen Kräften hätte anfangen können... aber diese Stärke und die Energie, die durch seinen Körper fließen muss, das ist einfach berauschend... Fähigkeiten, Dume zu besiegen und sein Reich zu zerschlagen... seine Festung des ewigen Schattens und der düsteren Hoffnungen...

„Nun, Hahli, ich habe dich her gefordert, weil es um unsere anstehende Mission, unsere Aufgabe geht. Die vier Maskenteile, wie du weißt.“ Hahli schaute ihm tief in seine roten Augen, die wie zwei Lichtblitze wirkten... er wollte ihr also von ihrem Auftrag etwas offen legen... den, welchen Tuyet ihr aufgegeben hat...

„Wir sind soweit, dass wir die Aufenthaltsorte der Fragmente kennen.“ Aodhan zückte eine Karte aus seiner Tasche, löschte mit einer Handbewegung das Feuer und legte und breitete die Steinplatte über der Asche aus, wo Hahli nun eine Ansicht aller Inseln des Matoraner-Universums sah, von den südlichen Staaten, die bekannt sind für ihre bizarren, primitiven Bürger und Einwohner, bis zu Metru Nui im hohen Norden... dem Ort, wo Dumes Terrorpolitik als erstes begonnen hat.

„Du siehst, Hahli, hier sind Punkte markiert; einmal auf Karda Nui, der andere auf Artidax -“

Während Aodhan noch erzählte, prallte Hahli eine Erinnerung in ihren Kopf... Artidax und Karda Nui... das waren genau die Inseln, die Turaga Likhan, Vorgänger Dumes, erwähnte, als er kurz vor seinem Tod ein Gespräch mit Hahli führte... es hatte also doch einen Grund, wieso er mit ihr reden wollte, und doch kam es ihr einst so rätselhaft und okkult vor...

„- der dritte Punkt zeigt die Insel Odina – und genau das wird unser erstes Ziel sein.“

Hahli schluckte. Sie hatte nicht viel von diesem Land gehört, doch das, was sie wusste, ließ sie nicht gerade munter stimmen – es war ein Loch für abtrünnige Dunkle Jäger und Makuta, sowie die Heimat einiger Vortixx. Odina war ein Industriestaat, höher entwickelt als Metru Nui... manchmal sah man den schwarzen und finsteren Rauch vom Kolosseum, der die Kuppel der Insel völlig bedeckte.

„Das ist nicht gerade ein Plätzchen zum gemütlich Skulpturen meißeln, dieser Staat ist in manchen Arealen einfach nur krank, um nicht zu derbe zu wirken.“

„Und was ist mit dem vierten Ort?“

Aodhan sagte für einige Sekunde nichts, dann jedoch fing er wieder an zu berichten, seine Stimme klang plötzlich leise. „Nun ja... den vierten Ort haben wir noch nicht ausfindig gemacht... wir vermuten, er befindet sich an einem, an dem Toa Tuyet auch war, irgendetwas geprägt hatte. Es könnte natürlich Metru Nui sein, aber ich weiß nicht... dieser Ort wäre viel zu offensichtlich für Dume.“

Er steckte die Karte wieder ein und erhob sich von seinem Platz.

„Morgen brechen wir auf.“

Hahli hätte an dieser Stelle laut glucksen können – doch das tat sie nicht... auch wenn dieses Abenteuer schwieriger zu bestreiten ist, als sie es sich vorgestellt hätte und es vielleicht noch anstrengender und brutaler werden würde... aber es stand das Wohlergehen des Universums auf dem Spiel, ihrer Welt, ihrer Heimat... und der Frieden von Wesen wie dem Fe-Matoraner oder den vier Turaga des Ältesten-Rats. Dafür würde Hahli nicht mehr zögern wollen – die Gefahr sollte ruhig kommen, sie würde tapfer dagegen halten.

„Ich bin bereit, Toa Aodhan. Ich will gegen Dume antreten, ich will, dass seine Herrschaft beendet wird, bevor sein Schatten überhaupt erst anfängt, unser Paradies zu unterjochen.“ Hahli war selbst überrascht, wie entschlossen sie klang, nicht mal im Widerstand und der Rebellion an Vhisolas Seite war sie so selbstsicher.

Aodhan konnte aber nur leise kichern. „Du bist unglaublich mutig, kleine Ga-Matoranerin. Diese Reise wird dir Dinge zeigen, die einige für immer geisteskrank machen könnten -“

„Nichts ist so abscheulich wie Dume!“, unterbrach sie ihn und ihr Gesichtsausdruck spiegelte ihre ganze Aufgeschlossenheit, ihre brodelnd kochende Wut wider.

„Zumindest wird es nicht am Willen legen, wenn wir scheitern.“

„Wir werden nicht scheitern.“

Aodhan grinste breit und tätschelte ihr den Kopf und den Scheitel ihrer Kanohi. „Noch so winzig, wie passt dein Ehrgeiz nur in diesen Körper?“ Beide, sowohl die Matoranerin als auch der Toa, kicherten... noch... denn wer weiß, welche Biester und welches Ungemach da draußen lauert...

„Agni besorgt uns gerade mit ein paar Toa-dhiki ein Boot. Du solltest heute früh schlafen gehen, denn wir werden noch vor Sonnenaufgang und Morgengrauen aufbrechen. Und du brauchst einen entspannten, gut erholten Körper für unser Abenteuer. Also, dein Bettchen wartet, Hahli.“

Kapitel 5: Meer, Unterwassergefängnisse und Bambus

Obwohl Hahli das Gefühl hatte, sie hätte einen ganzen Hikaki verschluckt, bebte und zitterte ihr Körper nur sehr zurückhaltend, als sie mitten im Dorf stand, die Nacht erst vor kurzem eingebrochen war und der dunkle Himmel durchlöchert von abertausenden von kleinen, weißen Punkten war... nur das große, blaue Loch fehlte. Und ehrlich gesagt, es interessierte sie so viel wie eine staubige Maskenschmiede, egal, wer der Toa sein wird, und wann er kommen wird – jetzt war nur ein Abenteuer angesagt, eine Mission, an dessen Ende Dume von seinem dunklen Thron geworfen wird und keiner mehr seine Klingen und Waffen gegeneinander hetzen wird.

Hahli fasste noch einmal in ihre Tasche, um nachzusehen, ob sie alles eingesteckt hätte. Sie hatte es in dem Moment vielleicht schon zum hundertsten Male getan und dabei hatte sie auch nicht so viel wichtiges Zeugs mitgeschleppt: Ein paar Steinplatten, dazwischen lagen Meißel und Schreibwerkzeuge, einen kleinen Glasbehälter und komischerweise auch eine Angelschnur, die wie Spinnenweben durch ihre Tasche verlief.

„Hauptsache du hast deinen Willen nicht vergessen.“

Die Ga-Matoranerin zuckte kurz zusammen, als Toa Aodhan auf sie zu kam, in der Dunkelheit wirkte er fast schon majestätisch, eine laufende Statue aus dem feinsten und reinstem Gold.

„Legen wir los, Hahli. Das Boot steht bereits am Strand.“

Hahli schloss ihren Beutel wieder und folgte Aodhan, ihre Schritte kamen ihr laut vor, so ruhig und still war es im Dorf, dass selbst die Stelt-Grillen nicht zirpten und die Nacht-Rahi schliefen.

Aodhan ging voran durch die geöffnete Zugbrücke und die Matoranerin trabte ihm hinterher, als sie plötzlich durch den matschigen Urwald wanderten und als der Schatten unter den hohen Bäumen immer dunkler wurde, hörte Hahli, wie das Tor mit mechanischen Geräuschen zuklappte. „Warte kurz“, sagte Aodhan dann auf einmal und in Windeseile hatte sich ein Feuer über seiner Hand entfacht und gab Hahli einen Blick auf die vielen Lianen und die Grashecken, die links und rechts den Weg fast unpassierbar machten.

Es waren mehrere Minuten vergangen, als vor Hahlis Augen plötzlich ein bläulicher Streifen aufkreuzte und davor, ein Teppich aus grauen Körnern – der Strand. Hahli spürte die Pflastersteine unter ihren Füßen, der Steg, der zu dem Ort führte, wo sie vor wenigen Tagen erwacht war.

Als die Beiden den Urwald verlassen haben, bot sich Hahli ein idyllischer Blick, wie von weit her die Felsklippen sich ihren Weg zum fernen Horizont bahnten und der Sandstrand bis zum anderen Ende des Kontinents ragte und wie die feine Linie aus gelb-gräulichem Staub immer dünner wurde und irgendwann mächtige Blätter und Äste die Küste beherrschten.

„Ah, Hahli!“

Die Ga-Matoranerin drehte sich schnell um – und im nächsten Augenblick sah sie ein kleines Boot, von dem aus Agni ihr zuwinkte. Im Wasser stand Brander, der mit einem Dolch die Leinen schnitt, die an einem Holzpfahl im Ozean befestigt war – neben ihm stand jedoch eine weitere Gestalt. Seine giftgrünen Augen, der knorrige Körper, sein Stab und sein seidener Mantel – es war Turaga Matau.

„Ich hasse Wasser!“, kreischte Brander, als er die Seile zersägte.

„Wem sagst du das, bei Nokamas Kämpfen hatte ich immer Angst, dass ich einen Tropfen abkriege.“

„Ein wenig mehr Respekt vor unserer neuen Gefährtin!“, unterbrach Aodhan sie dann und nahm die Hände an die Hüften. Gleich darauf wies er Hahli jedoch an auf das Boot einzusteigen, an einer kleinen Holzplanke ging sie vorbei und befand sich auf dem kleinen Schiff, hoch oben auf einem kargen Mast wehte eine Flagge im Wind – sie war scharlachrot und auf ihr war eine Kanohi Hau abgebildet... unübersehbar, Toa Likhans Symbol.

Wamm!

Hahli war so überrascht davon, dass sie mit einem Stolpern gegen die Schiffsreling flog und sich nur mit Mühe an ihr halten konnte – das Boot war also los gefahren. Die Matoranerin rappelte sich wieder auf und sah, wie der Luft-Turaga von Branders Schultern aus auf das Boot hüpfte und nur kurz darauf Brander mit einem Satz auf den mit Holz überdeckten Boden aufschlug.

Leise wehte der Wind durch Hahlis Glieder, während die goldene Küstenlinie und die meterhohen Bäume von Mal zu Mal, von Sekunde zu Sekunde immer kleiner wurden, winzige Punkte, die verschwommen waren, als die Wellen immer lauter gegen die Bootskante prasselte und die Flagge Likhans immer aufgeregter im Luftsturm zappelte.

Urplötzlich musste Hahlis Magen laut knurren. Seit dem sie aufgewacht war, kam sie mit einem unwohlen Gefühl aus, es war, als ob sie die Kolosseumstürme auf ihrem Rücken schleppte – aber dennoch wollte sie in dieses Abenteuer aufbrechen, sie wollte den Frieden ins Universum zurückbringen, dieser Wille war so unerträglich groß. Und doch fühlte sie sich übel, sie hockte zusammen, kauerte an der Schiffswand, während es für die Matoranerin den Anschein hatte, als wäre jede Schwankung und jeder Wellenritt auf dem Boot ein Ritt auf einem ungebändigten Kikanalo. Dabei mochte sie Bootsfahrten doch so sehr, auf Ga-Metru, ihrer alten Heimat, war sie oft die Seen entlang gerudert, und egal, ob die Wassermassen sie fast ins offene Meer schleuderten oder die Stromschnellen sie in Sekundeneile durch die Stadt trieben – Schiffsausflüge gehörten zu den Traditionen im Metru des Wassers...

Hahli wusste nicht, ob es die schlechten Erinnerungen an ihren letzten Ritt mit einem Boot waren – damals waren mehr als ein halbes Dutzend Matoarener im Protodermis-Meer untergetaucht, wie ihre Freundin Vhisola... verschwunden, verraten... ihr Schiff wurde von den Vahirak geentert und in Stücke zerrissen... wie sie es noch bereuen werden, dass sie Hahli nicht damals gründlicher zermetzelt hatten.

„Hahli, was ist?“

Es war die Stimme Aodhans, der auf sie zu kam und sich neben ihr setzte. Hahli antwortete ihm jedoch nicht, ihr Magen schmerzte so sehr, dass sie keinen Ton aus ihrem Leib herausbekam.

„Ist es unser Auftrag?“

Hahli schüttelte den Kopf, obwohl sie sich darauf wünschte, es lieber nicht gemacht zu haben – ihr Bauch fühlte sich an wie ein brennender Ofen.

„Was dann?“

Sie gab ihm ein unauffälliges Schulterzucken zur Antwort.

„Tja. Ich kann mich noch an meine erste Mission als Toa erinnern.“ Er machte eine kurze Pause, in der der Toa nur regungslos dasaß und der Schein der Sterne seine Rüstung glänzen ließ. „Die gute alte Zeit, als man erst gestern noch Lavafarmer war und am nächsten Tag schon ein Toa. Ich muss gestehen, ich war glücklich nicht mehr zur Arbeit zu gehen.“ Sie lächelte kurz, bevor Aodhan wieder fortfuhr.

„Es war natürlich unglaublich, einfach fantastisch den ganzen Tag seine Kräfte auszutesten... Aber dann kommt der Alltag eines Toa, ich musste zusammen mit Agni und Brander ein paar alte Werkzeuge aus den Höhlen von Artidax besorgen. Wir stellten uns ziemlich blöd an, leider mussten wir am Ende auch noch mit einer Schicksals-Schlange kämpfen... Alles halb so wild, wenn man nicht bedenkt, dass sie mir fast den Arm abgeknabbert hätte. Ich sag' dir Hahli, ich saß den Abend auch in meinem Zimmer, konnte nicht schlafen. Bei den Zähnen des Takea, war ich nervös! Ich dachte, ich werde in allen Fällen scheitern... Aber zum Glück ist das nicht eingetroffen. Brander, Agni und ich haben unser Schicksal eingesehen, der Furcht getrotzt, uns mit unseren Stärken vereint, wir waren den Pflichten treu! Und das macht nicht nur die Toa stark, sondern alle Wesen in diesem Universum, ob Matoraner, oder Turaga.“

Jedes seiner Worte war wie ein warmer Trank, der Hahlis Beschwerden langsam linderte. Auf einmal konnte sie befreit atmen, die Freude aus der Luft aussagen, wie ein Makuta seine Antidermis. Den verspeisten Hikaki, den sie vorhin noch in ihrem Bauch gefühlt hatte, er wurde immer kleiner und in ihren Gelenken machte sich Glück breit... und Leidenschaft...

„Aodhan, da bist du ja!“

Agni war zu ihnen her geschritten, gefolgt von Turaga Matau, der im Türrahmen zum Schiffshaus stand.

„Die Temperaturen auf See steigen bis in die Kältegrade, wir sollten uns lieber drinnen aufhalten.“

„Agni, mein Lieber. Du bist ein Feuer-Toa, wann verstehst du das endlich! Du kannst dich aufwärmen, Eis und Frost kann dir gar nichts ausmachen!“, gaffte Aodhan, ehe beide in ein gackerndes Gelächter verfielen und auch Hahli kichern musste.

„Aber wir erfüllen dir den Wunsch – ausnahmsweise.“ Im Schiffshaus hatten sich alle fünf an einen Tisch gesetzt, nur eine kleine Laterne beleuchtete den Raum, während das Schiff weiter vor sich hin schwamm.

„Noch einige Kilobio bis nach Odina, wir sollten uns die Zeit vertreiben“, äußerte sich Brander und schaute durch die Tür in die immer noch finstere Nacht.

„Wie wäre es mit erzählen-Geschichten?“, meinte Matau dann, während eine etwas größere Welle das Boot streifte und die Planken benässte. „Ich habe eine!“, sagte Agni und grinste dabei hämisch. Er erzählte dabei von irgendwelchen unentdeckten Metallen östlich der Insel Visorak und von den Berichten einiger matoranischer Wissenschaftler, die angeblich an den Bestandteilen der Protodermis forschten. „Ich sage euch, die kann gefährlich werden! Der Clan ko-matoranischer Entdecker des Staates Visorak haben Spuren von Leichtmetallen in der Nähe einer Protodermis-Quelle gefunden, einer von ihnen war danach schwer krank. Sie vermuten, sie kann sich in andere Elemente umwandeln und dabei giftige Strahlung aussenden!“ So hatte Agni weiter erzählt, Hahli und die anderen schienen aber nur mit halbem Gehör seinen Worten zu lauschen, niemanden hatte das wirklich etwas interessiert, auch nur ansatzweise.

Danach war es Brander, der anfing zu plaudern. Er schilderte eine Legende von einem Toa-Team aus den Südlichen Inseln, das einen Kampf mit einer Armee von Kofu-Jaga gewonnen hatte. „Und sie kämpften tausende von Tagen, durch die düstersten Nächte, durch die wärmsten Sommermonate und den windigsten und gewaltigsten Sturm. Sie waren nur acht, acht Toa, sage ich euch!“ Seine Stimme war vergleichbar mit einer Manas-Spinne, die auf ihrem Netz spazierte: Zittrig, leise, bedrückend... Brander machte immer wieder eine grimmige Miene und schaute jeden seiner vier Mitreiter tief in die Augen, bevor er wieder ansetzte. „Als der letzte Tag des Jahres angebrochen war, hatten sie den Häuptling dieser bestialischen Rahi besiegt, man erzählt sich, die haben ihm den Kopf abgehakt und danach eine Runde Kohlii mit ihm gespielt.“

„Ach komm, Brander! Stell' unsere Freunde von den Südlichen Inseln nicht so primitiv dar!“, wandte Aodhan ein und konnte sich ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

„Hast du schon jemals einen von denen getroffen? Nur Mata Nui weiß, wer oder viel mehr was dort haust?“

Eine fast schon unerträgliche Stille trat in die Schiffskammer ein, selbst das geißelnde Wasser hielt sich zurück – es war so, als würde gleich jemand sein Schwert zücken, der Tisch bebte leicht, als warte er darauf, von jemandem umgeworfen und zerberst zu werden. Hahli machte diese ganze Situation ziemlich mulmig, obwohl sie wusste, dass keiner der vier Anwesenden grundlos auf jemanden einschlagen würde – sie waren schließlich edle Toa. Es war viel mehr die Vorstellung, was die Ga-Matoranerin auf ihrem Trip antreffen würde - die Vorstellung von einem geköpften Kofu-Jaga und all der Protodermis, die aus seinem Hals spritzte, ließ jede ihrer Poren schaudern und sie unglaublich kalt werden lassen.

„Zumindest hoffen wir, dass sich die Bürger von Odina gebessert haben. Die waren auch nicht besser mit ihren Energie-Hund-Ritualen.“ Aodhan stand auf und besorgte sich einen kleinen Holzbecher aus einer hinteren Ecke des Zimmers, den er mit einem klaren, durchsichtigen Getränk füllte, welches er in einer Flasche aufbewahrt hatte und aus seinem Rucksack holte.

„Man munkelt, die Vortixx haben ihre Gegner und Kritiker öffentlich schikaniert und dann im Urwald Odinas ausgesetzt. Ein schreckliches Bild, das Hinterland Odinas ist ein lebendes Gefängnis... aber was noch schlimmer ist, ist das, was sich in der Salzbucht dieser Nation befindet.“ Der Feuer-Toa schluckte das Getränk mit einem mal runter und schmetterte den Holzbecher mit einer Wucht eines Skakdi auf den Tisch. „Die Grube.“

Minuten vergingen, ohne dass ein Laut die Stille durchbrach. Agni und Brander schienen sehr nachdenklich zu sein, während Matau so aussah, als versuchte er seine Angst nicht zu zeigen und einen besorgten Blick zu kaschieren.

„Die Grube ist ein Unterseeknast, einst geschaffen für die Verräter und miserabelsten Schurken dieses Universum – seit sie jedoch in der Hand der Vortixx ist, werden dort hilflose Matoraner und Toa eingebuchtet, welche fürchterliche, abscheuliche Qualen durchstehen müssen.“ Hahli hatte sich schon vor Aodhans Bemerkungen speiübel gefühlt – und erst recht saß ihr die Aufregung im Gesicht, als Aodhan weitersprach.

„Und genau das ist der Ort, wo das erste Maskenteil der Kanohi Vahi versteckt ist.“

Die Matoranerin durchlief ein heftiger Stoß – ein Dolch aus purer Furcht, und sie wusste nicht, wieso. Möglich, dass ihre Operation immer näher kam, mit jedem Meergang – vielleicht hatte sie wirklich die Gefahren Odinas unterschätzt – eine Reise durch einen Wald voller Verdammter und ein Gefängnis der Pein – das musste sie überstehen, sie war gezwungen, dass zu durchleben, bevor der Frieden zurückkehren würde. Sie schluckte, genau zu dem Zeitpunkt, als Aodhan sich gesetzt hatte und wieder munter und heiter in die Runde starrte.

„Agni, hast du noch das gute alte Spiel dabei – das mit den lustigen Bambusstäbchen.“

Kaum hatte der Feuer-Toa sein letztes Wort beendet, kramte Agni in seiner Tasche und schmiss nebenbei lauter Dinge auf den Boden, die um einiges seltsamer waren als die Hahlis. Da waren silbrige Röhren, hier flogen Bücher durch die Luft und mal schmiss er wunderliche verstaubte Flaschen durch den Raum. Einige enthielten wachsartigen Stoff, andere wiederum verfärbten sich, als sie auf den Holzdielen landeten und aufsetzten.

„Hab' ich sie!“, schrie er dann triumphierend und legte lauter verschieden große Stäbchen aus Bambus auf den Tisch.

„Ah, mein Lieblingsspiel!“, schwärmte Matau und rieb sich dabei die Hände, sein breites Feixen war nicht zu überschauen.

Hahli kannte diese Stäbchen schon und was man mit ihnen anstellte; jeder Spieler sollte damit Türmchen bauen und diese möglichst standhaft errichten. Nicht gerade ein besonders unterhaltsames Spiel, aber was blieb ihr schon übrig, besser als gruslige Begebenheiten aus Odina zu hören.

Es war schließlich mitten im Spiel, Branders Turm war gerade umgefallen („Beim Maul des Gafna!“), als Aodhan Hahli etwas fragte.

„Hahli, berichte uns doch mal von dir. Wie war es auf Metru Nui?“

Innerlich musste die Matoranerin laut aufstöhnen – im Moment war reden das Allerletzte, was sie wollte – schon gar nicht ganze Hintergrunderzählungen aus ihrer ehemaligen Heimat.

„Nun ja, es war...“ - sie überlegte, was sie sagen sollte, während sie mit vibrierender Hand ihren dritten Bambus platzierte und dieser überraschend hielt - „... ein wenig langweilig. Also, das Kolosseum. Ga-Metru war ganz perfekt. Und Ta-Metru war für mich immer so seltsam, ich habe mich nie mit diesen Feuerlingen verstanden.“

Urplötzlich fingen alle an, laut zu gackern, dass alle Bambustürme plötzlich umfielen und besonders die drei Toa sich vor Lachen fast unter den Tisch krümmten – und Hahli verstand nicht wieso. Bis sie bemerkte, dass Agni, Aodhan und Brander doch auch mal Ta-Matoraner waren...

Hahli zuckte die Schultern, obwohl ihre Kanohi-Wangen sich leicht rot anfärbten. Sie sollte diese Momente genießen, in denen man noch etwas zu lachen hatte...

Kapitel 6: Die Straßen von Odina

Schon von weit her sah Hahli, dass Odina eine Insel ist, auf der man nicht gerade gemütlich ein neues Leben anfangen kann – je näher das Schiff auf den Staat zukam, desto trüber wurde das Protodermis-Meer um sie herum – es war viel mehr wie eine dunkle, matschige Flüssigkeit und gelber Schaum bildete sich wie kleine Flecken im Meer. Zwischendurch hüpfte mal ein kleiner Riku aus dem Ozean hervor – für Hahli ziemlich überraschend, dass in dieser Protodermis überhaupt etwas überleben konnte.

„Ich weiß, Odina meint's nicht so gut mit seiner Umwelt“, hatte Agni zu der Matoranerin gesagt, als ihr Schiff nur noch wenige Bio von der Bucht entfernt war und karge, schwarze Algen und Pflanzenstängel sich aus dem Meer bahnten... wie die Hände von untoten Makuta, die nur danach schreien, die Besucher Odinas ins entseelte, verrottete Meer zu ziehen...

Die Insel hatte einen Hafen, jedenfalls sah er danach aus: Von dem grauen Strand ragten klapprige Holzstege in den Ozean hinein, während Hahli einige Gestalten erkennen konnte, die sich am modrigen, mit alten Steinziegeln erbauten Pier entlang tummelten und dem ankommenden Boot immer wieder flüchtig einen Blick schenkten, als versuchten sie es damit fort zu treiben.

Nur wenige Momente später legte ihr Schiff schließlich an dem Pier an, während Brander mit Matau auf dem Rücken entschlossen den Hafen betraten, wusste Hahli nicht recht, ob sie wirklich aussteigen sollte: Nicht nur, dass dieser dürre Steg in jedem Moment einbrechen könnte, es war die ganze Atmosphäre, die diese Insel hatte. Und egal, wie erschütternd all diese Geschichten waren, die der Matoranerin zu Ohren kamen... mit dem ersten Blick auf Odina kann sie nachvollziehen, warum man sich solche Dinge erzählt. Riesige Türme bedeckten vom Horizont bis zur Bucht das Festland, sie waren gemeißelt aus schwarzem Gestein und Granit und wirkten wie monströse, übergroße Schwertspitzen, die in den grauen Sand Odinas gerammt wurden. So gut wie aus jedem dieser Gebäude drang dunkler Rauch aus, der ganze Himmel war fast schon nicht mehr zu sehen, viel mehr schwirrten massive Wolkenkugeln um das Land herum und mit der aufgehenden Sonne im Hintergrund hatte Hahli das Gefühl, gleich würde das Universum zusammenbrechen.

„Odina, wie wir es lieben“, hatte Aodhan kichernd kommentiert und tätschelte Hahli noch einmal die Schultern, als auch er aus dem Boot ausstieg und den Hafensteg entlangging, Matau und Brander hinterher, die bereits in der Nähe der Stadttore winkten.

„Na los, Hahli. Das Abenteuer wartet.“ Ebenso war Agni aus dem Schiff gestampft und schaute auf sie zurück, als diese immer noch angewurzelt auf den Dielen des Bootes stand. „Kommst du, Hahli?“

Die Matoranerin atmete tief ein, so als würde sie gleich ins Wasser tauchen wollen. Dann wagte sie den ersten Schritt und ging an der Seite des Feuer-Toa den Pier entlang. Jedes Mal, wenn die Bretter unter ihren Füßen klapperten, musste sich ihr Magen zusammen kauern – fast hätte sie sich dabei an Agnis breiten Armen gepackt, um absolut sicher zu sein. Doch sie wollte nicht schon jetzt Angst zeigen und war froh, als sie den Sandweg Odinas spürte. Es fühlte sich an, als ob man auf den toten Resten einer Matoraner-Menge laufen würde...

Hahli huschte immer wieder zu den Gestalten am Hafen hinüber: Erst jetzt erkannte sie, dass es Matoraner waren, doch sie waren nicht im Ansatz vergleichbar mit denen aus Metru Nui: Ihre Arme und Beine waren kaum dicker als Tannennadeln, ihre Panzerungen zerquetscht und schmutzig, und sie trugen Werkzeuge bei sich, die etwa halb so groß waren wie sie selbst: Einen massiven Hammer oder eine Harpune so breit wie ihre Schultern. Gerade in dem Moment kamen ihr zwei Matoraner entgegen, es war ein Le- und ein Onu-Matoraner, ihr Gang ähnelte dem eines Lava-Affen. Einer von ihnen starrte Hahli direkt in die Augen – und sie musste erschreckt zur Seite rücken, dass sie Agni rempelte und dieser stolperte. Und es war nicht deren diabolisches Grinsen schuld... eins ihrer Augen war gar nicht vorhanden, es schien zugenäht zu sein, erloschen... Bei ihren Masken hätte man annehmen können, sie wären von wilden Rahi zerfressen worden und wieder ausgespuckt.

„Agni, Hahli, beeilt euch!“, rief Brander ihnen hinterher, der zusammen mit Aodhan und Matau vor einem riesigen Torbogen stand, dessen Pfähle in einer Kanohi Kraakan mündeten.

„Interessante Architektur, muss wohl aus der Zeit stammen, als die Makuta noch hier lebten und nicht nach Destral vertrieben wurden. Komisch, dass die Vortixx das noch nicht abgerissen haben“, meinte Agni gewohnt interessiert. In dem Moment hatte Hahli aber nun wirklich keine Lust etwas über die Bauweise von Odinas Städten zu erfahren. Allein ein Blick in die schmale Straße, welche in die Stadt führte, ließ ihren Körper förmlich beben: Finsterer als jeder Schatten, die hohen Türme und Gebäude waren sich so eng wie Hahli es nie zu Gesicht bekam und eine Schar von Matoranern und Skakdi drängte sich auf dem Pfad, der so dunkel war, dass man nur die Konturen der Einwohner sah und die hinteren Gebäude fast verschwommen wirkten.

„Wir müssen irgendwie in die Hinterebene kommen und dann zur Grube. Es wird keine leichte Aufgabe, der industrielle Teil Odinas ist von seinem Urwald durch eine massive Bergwand abgetrennt, die regelmäßig von Dunklen Jägern und anderem Zeugs patrouilliert wird. Haltet Ausschau nach... irgendwelchen Dingen, womit wir sicher in die Grube gelangen können.“

Während die drei Toa und Matau langsam in die Stadt schritten, musste Hahli laut seufzen. Aodhan klang nicht gerade danach, als ob er einen Plan hätte.

Als Hahli eintrat, bemerkte sie flüchtig einen Stein, auf dem etwas notiert war. Doch jeder Versuch es zu lesen, schlug fehl, denn es waren nicht die gewöhnlichen, matoranischen Schriftzeichen: Die Buchstaben hier waren verschnörkelt und wirkten wie ein Wirrwarr aus Linien und Kurven.

Fürchtet euch vor Odiné, dem Ort der schwarzen Erze. Äußerst banal“, hatte Agni vorgelesen und musste den Kopf schütteln, Hahli ging es in dem Moment genauso. Die Insel schien eine Ansammlung an aller möglichen dunklen Begebenheiten und primitiven Einwohnern zu sein. Im Vorbeigehen musterte die Ga-Matoranerin immer wieder die Skakdi, die mit weit offenen Mündern und ihren rot funkelnden Augen ihre Waffen streichelten oder sie ihren Vordermännern gegen den Schädel schlugen.

„Beweg' dich schneller, du Krümel Dreck!“, gaffte ein in quietschgelben Panzern gekleideter Skakdi, während der Matoraner vor ihm zu Boden fiel und er auf diesem herum trampelte.

„Feiger Mist-Gafna!“, dröhnte er und ging genervt weiter.

Auch die anderen Wesen machten das Bild Odinés nicht gerade munterer: da waren Matoraner, die skurrile Kanister mit einer schwarzen Flüssigkeit transportierten und einige, die ständig an einer Glasflasche Antidermis nippten. Hahli war sich im Klaren, dass dieses Getränk für Matoraner hochgiftig war und trotzdem schluckten einige das Zeug, nur um einmal die Kräfte eines Makuta auszutesten und dafür sein ganzes Gewissen einfach so zu begraben.

Die Matoranerin wendete den Blick schnell wieder ab von den Einheimischen und schaute nach vorne, wo eigentliche Agnis Rücken ihr zugewandt sein sollte... eigentlich... Da, wo gerade noch der Toa des Feuers vor ihr her lief, war plötzlich eine Schar an mit Ruß verschmierten Po- und Su-Matoranern. Hahli drängelte sich an ihnen vorbei, wobei sie die gaffenden Bemerkungen („Zu den Erzminen geht’s da lang, falsches Stück Elend!“) einfach ignorierte. Doch weder Agni, noch Brander, Aodhan oder Matau waren hier, kein Anzeichen von einem Luft-Turaga oder drei Muskelpaketen von Toa – und je mehr sich Hahli durch die dunkle, enge Straße quetschte und sie nur die heimischen Skakdi und Matoraner sah, desto aufgeregter wurde sie, in ihrer Brust saß ein Gukko, der ihr das Herz auspiekte... Die Schweißperlen flossen ihr schon die Stirn runter, als ihr ungemein warm wurde und mit jedem Schritt sich Hahli verlorener fühlte, als ob sie einen tiefen Schlund hinunter fallen würde... Wo steckten sie nur, wo waren ihre Gefährten? Sie waren doch Toa, sie würden sich doch nicht einfach so von diesen grimmigen Skakdi fertig machen lassen? Aber mit jeder weiteren Sekunde waren es nur noch mehr Einheimische, die Hahli rempelten, und ihr einen Blick würdigten, als ob sie sie ohne Grund bespucken würden – sie war hier nicht erwünscht, das hatte sie schon bemerkt, bevor sie durch die dürren Hafenwege gezittert war...

Was war das? Hahlis Herz kreiste sich einmal um seine Achse – etwas goldenes streifte ihr Blickfeld, begleitet von einer roten Schulter – ohne Einwand, es war Aodhan. Hahli spurtete durch die volle Straße, stieß einige Matoraner zur Seite und rutschte an den knochigen Beinen der Skakdi vorbei, seine Kanohi wurde immer klarer und dann -

Egal, wo Hahli jetzt war – zumindest nicht auf dem engen Weg. Es schien eine Hintergasse zu sein, dunkler als die tiefste Nacht. Schuttberge lagen überall um sie herum und kaputte Pfahle und Bauziegel türmten sich hier. Wo war sie nur und vor allem, wie kam sie hier her? Hahli erinnerte sich nur noch an ein Zucken an ihrem Arm, als würde ihn jemand raus reißen wollen, und nun...

„Da hab' ich dich, schlammige Matoranerin!“

Hahli fuhr zusammen, als sie diese Stimme hörte: Rau und verbissen, kalt und seelenlos. Im nächsten Moment stand ein Onu-Skakdi vor ihr und grinste sie mit seinen verfaulten Zähnen an und drückte eine Klinge gegen ihre Kehle. Hahli erstarrte innerlich...

„Was fällt dir ein so auffällig durch die Gassen unserer schönen Stadt zu wandern, Biest?“

Sie wollte etwas erwidern, ihm vielleicht sagen, wer hier wirklich das Biest war und dass „schön“ eine halbwegs relative Bezeichnung ist. Aber sie ließ es dann doch... nicht zuletzt, weil der Skakdi ihr die Stimmbänder zuschnürte.

„Eine Verbrecherin! Hast wohl noch nie von den Piraka gehört, wir sorgen auf unseren Straßen für Ordnung! Wer erlaubt dir, nicht zur Arbeit zu gehen, hinterlistiger Protodermis-Auswuchs, und hier herum zu geistern? Billigmetall bist du, verdammt noch mal Schrott!“

Auf seinem breiten Gesicht erschienen zahlreiche Wutfalten und er knirschte die Zähne zusammen, wie ein gefräßiges Rahi. Er hob seine Klinge und zielte genau auf Hahlis Stirn, als augenblicklich...

„Verschwinde, du abscheuliches Monster! Lass sie in Ruhe!“ Ein Feuerstrahl brach durch die Hintergasse und schleuderte den Piraka meterweit durch den schmalen Pfad, bis er auf eine Mauer aufprallte und auf dem Boden liegen blieb, wie ein Stück lebloser Metall-Knochen.

„Den hätten wir fertig gemacht!“

Erste jetzt schaute Hahli zu ihrem Retter hinauf: Toa Aodhan. Ihre ganze Angst hatte sich in pure Freude aufgelöst.

„Hahli, du musst vorsichtiger sein, die Skakdi sind die brutalsten, skrupellosesten und matoraner-feindlichsten Wesen in dieser Welt. Wenn du nicht aufpasst, hat dich einer am Hals und will dir entweder seine Zamor-Kugeln als Mahlzeit anbieten oder dich zu Staub verprügeln.“ Er gab ihr die Hand, und Hahli rappelte sich hoch, bedankte sich kurz, ehe sie an der Seite Aodhans wieder zurück zum Hauptweg ging und dieses Mal nicht von seiner Seite enteilte.

„Wir haben übrigens eine Möglichkeit entdeckt, wie man ohne das kleinste und winzigste Problem in die Grube kommt.“

Aodhan deutete auf den nun ganz in grau gehaltenen Himmel und zeigte mit dem Finger auf eine glänzende... Kugel, die einfach so in der Luft schwebte.

„Was ist das?“, hatte Hahli gefragt und formte die Augen zu Schlitzen, um überhaupt zu erkennen, was der Toa meinte.

„Das, meine liebe Hahli. Ist ein Luftschiff.“

Luftschiffe? Die Matoranerin schaute noch einmal genauer gen Himmel und erkannte die kleinen Rotoren und die ovale Form, wie sich das Fahrzeug langsam fortbewegt.

„Komm mal mit“, Aodhan führte Hahli an der Menge vorbei zu einem kreisrunden Platz, in dessen Mitte ein Brunnen gelegen war, der das unreinste Wasser von sich gab, dass die Matoranerin je gesehen hatte: Es war, als ob kleine, flüssige Steine fließen würden.

In alle vier Richtungen verliefen Nebenstraßen, gerade aus führte der Pfad zu einem großen, quer gebauten Gebäude, an dem zahlreiche Flaggen befestigt waren, und ihre dunklen Muster still von Metallstangen hingen. Aodhan geleitete sie rechts in einen weiteren Weg, ehe Hahlis Blickfeld einfach nur überwältigt wurde von dieser Größe: Ein silbrig flimmerndes Luftschiff, dessen Rotoren leise dröhnten und dass an einer kleinen Dockstelle an einer gigantischen Schlucht ruhte.

„Gefängnisschiffe, Hahli“, erklärte Aodhan ihr.

„Sie transportieren Straftäter, egal ob sie's nun sind oder nicht, direkt in die Grube. Wir müssen nur noch einen Gefangenen auftreiben – und um eine Erlaubnis beim Rat von Odiné bitten“, es war Agni, der sich plötzlich zu ihnen gesellte, während Matau und Brander immer noch das Schiff vom Nahen aus musterten und es mit übertriebenen Gesten unglaublich stark bewunderten.

„Toll“, stierte Hahli dann, „wir haben weder einen Sträfling, noch bezweifel' ich, dass wir wirklich beim Rat vorsprechen können.“ Sie hatte es so aberwitzig und unglaublich wie möglich formuliert, doch die beiden Toa lächelten ihr nur matt zu – wieder einer dieser Momente, wo sie mehr wussten als Hahli.

„Ich wäre mir da nicht so sicher. Du bist doch schon gewöhnt an Energie-Ketten“, feixte Agni schmunzelnd, während die Ga-Matoranerin leise stöhnen musste, „und du wärst der perfekte Anti-Odinaer. Die können solche lebensfrohen Rebellen wie dich nicht ausstehen. Und Aodhan sieht aus wie der mustergültige Wahnsinnige, der Schwarzgold und Waffen für die Auslieferung einer hilflosen Matoranerin benötigt.“

Aodhan warf Agni, ebenso wie Hahli einen leicht empörten Blick zu – was aber nicht heißen sollte, dass ihr Plan nicht aufgehen wird... zumindest besser, als durch Gewalt das Schiff zu erobern und eine ganze Stadt gegen sich zu hetzen. Obwohl Hahli das Gefühl nicht losließ, dass das auch noch geschehen wird.

Kapitel 7: Makuta Nahdoa

Die große, mit silbernen Edelteilen verzierte Tür sprang zur Seite, und Toa Aodhan betrat einen Gang, der nur von ein paar wenigen Fackeln beleuchtet war. Dahinter kam Hahli hinein, ihre Hände waren verbunden mit einer Energiekette. Beide hatten gerade das große Quergebäude betreten, das Stadthaus von Odiné und der Sitz des Rats.

„Und denk' dran, du bist die Gefangene. Die dürfen nicht mitkriegen, dass wir in Wirklichkeit vertraut sind. Zeig dich so wild und aufgebracht wie möglich. Na komm schon!“

Hahli zerrte mit aller Kraft an ihren Ketten, schwang ihre Arme durch die Luft, zog so fest sie konnte – doch nichts geschah.

„Sehr gut, du hättest im Theater von Artidax mitspielen können. Eine klasse Truppe, glaub mir!“

Sie schritten durch den verlassenen Gang, der mit Metallfliesen gebaut wurde und in einem weiteren Eingangstor mündete.

„Aodhan?“

„Ja?“

In dem Moment schreckte Hahli dieser eine Gedanke wieder durch den Kopf... als Aodhan den Südsaat Artidax erwähnt hatte... Es war schließlich einst ihre frühere Heimat, aber sie hatte nur eine einzige Erinnerung, nur ein Moment schwirrte ihr von ihrem Leben auf Artidax im Kopf: Wie sie bewusstlos in den Kiesstränden lag, scheinbar angespült, oder schiffbrüchig...

„Wo du es gerade erwähnst... Ich komme ja aus Artidax. Also ursprünglich. Was weißt du darüber?“

Hahli hatte sich gehofft, dass Aodhan ihr eine ausführliche Antwort gibt, dass sie zumindest einen Anhaltspunkt hat, wieso sie nur dieses eine Andenken an diese Nation hatte. Doch zu ihrer Enttäuschung hatte Aodhan nur die Schulter gezuckt.

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht viel über Artidax. Nur eben, dass sie ein gutes Gespür für fabelhafte Dramenaufführungen haben. Ach ja, und Toa Tuyet stammt ja auch aus diesem Ländchen.“

Hahli seufzte. Sie hatte genau diese Sache gehört, die sie eh schon kannte. Tuyet und ihre ehemalige Heimat...

„Es ist so...“, begann Hahli dann und überlegte, wie sie Aodhan ihre Gedanken erklären sollte, „Likhan hat mir, bevor er gestorben ist, einiges über Artidax erzählt. Na ja, eigentlich nicht wirklich... aber er hatte es erwähnt. Und es klang so, als ob es ja ziemlich wichtig ist.“

„Da hatte er doch nicht ganz unrecht“, sagte Aodhan und öffnete dabei langsam das Tor, „Dort ist ein Maskenteil versteckt.“

„Ja, schon... Aber ich habe das Gefühl, dass da noch etwas anderes ist... Etwas viel wichtigeres über Artidax...“

Die Matoranerin bemerkte, wie Aodhan leise ächzen musste – vielleicht wusste er ja etwas, andererseits... möglicherweise denkt Hahli einmal wieder zu viel über Dinge nach, die sich am Ende nur als purer Zufall erweisen, nichts, was sie jemals wieder betreffen könnte.

„Ich denke, ich mache mir-“

Hahli wollte gerade ihren Satz zu Ende sprechen – aber sie konnte nicht. Als der Toa die Stahltür geöffnet hatte, packte er Hahli am Nacken und schleuderte sie in den breiten Raum vor ihr, sodass sie mit einem lauten Keuchen auf dem kalten Boden landete und eine dicke Staubschicht sie husten ließ. Die Matoranerin hatte ja noch nicht mal die Möglichkeit sich im Raum umzusehen, da ging Aodhan plötzlich direkt an ihr vorbei, sein Gesichtsausdruck war gierig und voller Hass.

„Geehrter Wachtmeister des Rats von Odiné.“

In dem Moment rappelte sich Hahli auf und sah, wie Aodhan vor einem übergroßen Pult stand, an dem ein Vortixx in meerblauer Rüstung stand und den Toa des Feuers mit seinem Rahi-Schädel genau musterte. Hahli hatte ja ganz vergessen, dass sie den bösen Sträfling spielen sollte und kauerte mit ihren Händen, als wenn sie versuchte, sich aus ihren Fesseln zu befreien.

„Ich bringe Euch eine Gefangene, eine Matoranerin aus Metru Nui, die gegen die großen Acht Odinés gehetzt hat. Sie ist eine gefräßige Widerständlerin, dieser Abschaum, den wir auf dieser Insel alle zu zermalmen wünschen!“

Aodhan ballte die Faust und der Blick des Vortixx schweifte zu der grimmig blickenden Hahli hinüber, die so tat, als würde sie Schimpfwörter vor sich hin murmeln und flüstern.

„Metru Nui, sagst du, Toa?“

Aodhan nickte, während Hahli sich gerade den Raum anschaute: Rubinrote Fliesen führten zu dem Pult des Vortixx, hinter ihm war ein weiteres, riesiges Tor aus purem Gold und mit grauen Graziössteinen versehen. Die Wände... die waren jedoch irgendwie seltsam, skurril auf eine besondere Art und Weise... Es sah nicht so aus, als hätte man sie aus Ziegeln oder Gestein gebaut... im Gegenteil. Es wirkte, wie eine riesige, zusammen gepresste Schicksals-Schlange, mit den buntesten Panzerungen versehen, die hier hinein gequetscht wurde... Fast wie eine Ballung von allen möglichen Rüstungsteilen und Schwertern. Und irgendwie ließ Hahli das Gefühl nicht los, dass sich etwas zwischen diesen Wänden bewegte... wenn es nicht die Wand selbst war.

„Metru Nui ist ein stolzes Land, es wird regiert von einem sehr autoritären Mann. Dume war sein Name. Scheint sehr beliebt zu sein.“ Die Stimme des blau gerüsteten Vortixx war glatt und geschmeidig, angehoben und selbstbewusst. „Ein durchaus schlagfertiger Turaga“, fügte er noch an, indes spürte Hahli einen Vulkan in ihrer Bauchgegend... allein wenn sie schon von Dume hörte, fing ihr Leib an zu bibbern, ehe sie sich noch heftiger gegen ihre Fesseln wehrte.

„Allerdings muss ich dich fragen, was einen Toa dazu veranlagt, eine Ga-Matoranerin einfach so festzunehmen. Du siehst mir sehr edelmütig aus.“ Er beugte sich über sein Pult, heran an Aodhans Kanohi.

„Gewiss doch, Eure Behutsamkeit. Ich bin nur ein Kleinkopfjäger... ehrlich gesagt, meine wahre Gestalt ist ein Makuta, ich habe nur den Körper dieses elendigen Toas übernommen. Sein Schicksal war mehr als grauenhaft, getötet durch den Biss eines mutierten Manas.“ Aodhan lachte so kaltherzig, wie er konnte, was bei ihm jedoch eher eingeschüchtert, als vollkommen böswillig wirkte.

„Deshalb bitte ich eine Audienz beim Rat von Odiné und einer persönlichen Genehmigung, ein Luftschiff zur Grube zu steuern. Meine Mannschaft steht schon unten bereit.“

Der Wächter fixierte ihn noch genauer, schaute sich jedes seiner Körperteil exakt an, bevor er scheinbar ins Grübeln kam.

„Wenn du wirklich ein Makuta bist, dann sollte es für dich doch kein Problem sein, flüssiges Schwarzerz zu trinken.“

„Nun -“

Ehe Aodhan überhaupt etwas sagen wollte, war urplötzlich ein Tentakel aus zerbersten Rüstungsteilen aus der Wand gekommen und kroch an Aodhans Füßen vorbei.

„Polyarmeraka“, sprach der Vortixx, begleitet von einem lauten Zischen der Panzerfühler. „Ein seltenes Rahi, welches nahezu ausgerottet ist. Sie haben die Eigenschaften, ihre Glieder und Gelenke auseinander zu nehmen, niemand kennt ihre wahre Gestalt.“

Hahli wurde übel. Dieses Vieh würde doch sofort erkennen, dass Aodhan kein Makuta ist, sondern ein Toa, heroischer als alle Bewohner Odinas zusammen.

„Es wird nicht lange dauern, sie wird dir nur ein paar Tropfen schwarzes Erz einspeisen, das müsste für dich doch eine gewohnte Mahlzeit sein.“ Aodhan konnte nur nicken, obwohl ihm die Angst zu Buche stand – Hahli fühlte sich so hilflos wie noch nie in ihrem Leben – was würde passieren, wenn Aodhan diese Flüssigkeit nicht verträgt, er würde doch vergiftet werden, oder einfach so tot umfallen. Und was würde dann geschehen? Die würden Hahli foltern und peinigen, wie die restlichen Matoraner... ihre Mission hätte also ein jähes Ende gefunden... Hätte Aodhan doch bloß nicht solche Geschichten erfunden... warum hatte er sich bloß nicht als Dunkler Jäger verkauft?

Die Tentakel des Polyarmeraka rankten sich um seinen Mund und von einer Sekunde zur nächsten spritzte eine schwarze Flüssigkeit aus ihren Spitzen heraus. Aodhan schluckte sie.

Für einen Moment passierte gar nichts. Hahli versuchte immer noch die Energie-Ketten zu entfernen, um nicht aufzufliegen, innerlich wurde ihr jedoch bange, dass ihr Herz sich überschlug.

Und auf einmal, Aodhan räusperte sich – und nahm die Hände in die Hüfte. Er hob den Arm blitzartig in die Höhe, als seine Stimme stolz durch den Raum hallte. „Ich bin ein Makuta! Ihr könnt mich nicht mit schwarzem Erz aufhalten!“

Der Vortixx lehnte sich in seinen Stuhl zurück und formte mit seinen Fingern eine Pyramide. „Du bist wahrhaft ein echter Makuta, ich kann dir den Weg nicht versperren.“ Es war unüberhörbar, dass er kurz knurrte und versuchte, eine Beleidigung in seiner Hand zu unterdrücken. Hahlis Körper hatte sich währenddessen mit voller Glück gefüllt – sie hatte keine Ahnung, wie Aodhan das angestellt hatte, aber wen kümmerte das nun hier und jetzt? Sie mühte sich, ihre Freude nicht zum Ausdruck zu bringen und tappte ungeduldig auf der Stelle herum.

„Komm, kleine Verräterin“, verhöhnte sie Aodhan und zog sie durch den Gang, hinter das Pult, wo der Wachtmeister einen steinernen Schlüssel in die Tür hineinsteckte und sich diese schlagartig öffnete. Alle drei betraten den großen Raum, der einer kalten, modrigen Höhle ähnlich war. Nur waren acht Thronsitze in einem Halbkreis befestigt und auf jedem saß ein Vortixx. Jeder hatte eine andere Panzerfarbe, sowohl die sechs Hauptelemente, als auch ein Wesen in silbriger und violetter Rüstung saßen gelangweilt da, einige hielten ihre Speere in der Hand, andere strichen sich durch den Saum ihrer Umhänge und Mäntel. Ihr Blick war denen eines wilden Rahi nicht fremd, sie begutachteten den einkommenden Aodhan und die gefesselte Hahli, als wären es nur unwichtige Beutetiere, denen man die Eingeweide raus reißen kann.

„Hoch anerkannter und blutrünstiger Rat von Odiné, ihr Herrscher und Bestimmer des Kargen und Fruchtbaren“, die Wache verneigte sich so tief, dass sein riesiger Scheitelkamm fast den Höhlenflur berührte.

„Dies ist der als Toa gekleidete Makuta...“

„Nahdoa“, beendete Aodhan den Satz und erlog sich dabei einen anderen Namen.

„... Er überbringt Euch eine ga-matoranische Seuche, die Eure Einzigartigkeit in Frage stellt.“

Die Ratsmitglieder schauten sich gegenseitig in die dunklen Augen und murmelten etwas vor sich hin.

„Ja, Ihr großer Rat. Diese Matoranerin ist eine Verbrecherin und gehört in die Grube verbannt. Ich bitte Euch hiermit um die Erlaubnis, Eure Luftschiffe zu benutzen“, hatte Aodhan in das fad schauende Komitee hineingerufen.

„Was hatte sie denn für Schandtaten begannen, die wir nicht mal mitbekommen haben?“, fragte ein Mitglied in roter Rüstung hochnäsig.

„Sie hat auf den Straßen öffentlich zum Sturz der Oberhäupter aufgerufen.“

„So ein Aufstand war nie vermerkt gewesen“, konterte ein weiß gekleideter Vortixx mit einer Stimme, die den Geräuschen einer Maschine gleich kam.

„Ich sage Euch, sie führt Pläne, Euch zu stürzen!“

„Diese winzige Matoranerin?“

Alle acht Ratsmitglieder schauten auf Hahli, die ihre Arme wild umher bewegte und auf einmal laut kreischte.

„Sie sieht eher krank aus, als dass eine Revolution anzetteln könnte.“ Es war der Vortixx, dessen violette Panzerung von einem zerrissenen Umhang leicht verdeckt wurde.

Aodhan musste derweil laut seufzen – wo sich Hahli gerade noch gefreut hatte, wuchsen wieder ihre Sorgen und mit jedem Augenblick stieg ihre Enttäuschung an – sie blickte kurz zu dem Wachtmeister hinüber, der rachesüchtig vor sich hin kicherte. Sie würden also bald ertappt werden, wenn Aodhan keine Beweise aufbringen kann.

„Sie ist eine Verbrecherin, vertraut ihm.“

Es kam aus einer der hinteren Ecken des Raumes – eine kalte, weibliche Stimme... und Hahli kannte sie.

Aus dem Schatten einer Felswand trat eine silbrig-schwarze Vortixx hervor, dessen tiefblaue Augen sofort auf Hahli fielen – es war Roodaka. Sie hatte mit Dume zusammengearbeitet und ihm die Vahirak hergestellt. Und wo die Matoranerin sie doch dafür verabscheute und hasste, sie war froh, dass Roodaka dann plötzlich auftauchte...

„Turaga Dume, das seelenloseste und verdammnishungrigste Oberhaupt Metru Nuis, hatte sie mir vorgestellt. Vielleicht übte sie keinen Umsturz des Rates, aber des von Dume – unserem wichtigsten Verbündeten.“

Hahli hoffte, dass der Zirkel an Vortixx Aodhan nun endlich Recht geben wird und sie schleunigst das Stadthaus verlassen können – mit einen ihrer Spezies würde Hahli wohl nie eine Freundschaft eingehen.

„Du bist diesem Dume sehr loyal, wieso verehrst du uns nicht gleichwohl, Roodaka?“, erwiderte ein Rats-Vortixx in giftgrüner Rüstung.

„Und ob ich das tue. Wenn ich Euch nicht so sehr huldigen würde, hätte ich nie einen Pakt mit Dume geschlossen. Er kann uns helfen und unsere Sorgen beseitigen, mit seiner Kraft wird Odina wieder zum gefürchteten Geist in den Meeren dieser Hölle von Universum. Deshalb ist es wichtig, seine Feinde zu beseitigen.“

Darauf brach ein lautes Gerede in der Höhle aus, während Roodakas kalte Augen nur Hahli im Sichtfeld hatten. Sie fühlte sich wie von tausenden von Speerspitzen durchbohrt...

„Ruhe!“, schrie dann ein Vortixx mit braunem Harnisch und pendelte ein gigantisches Schlagwerkzeug durch die Luft. „Der Rat muss nun über die Anfrage Makuta Nahdoas entscheiden. Wer ist dagegen?“

Keiner meldete sich oder hob auch nur seinen Finger. Nur die Wache streckte seinen Arm unauffällig hoch.

„Wer ist dafür?“

Ruckartig stachen ihre Finger zur Höhlendecke – und damit war das Luftschiff, die Grube, das erste Maskenteil nicht mehr weit entfernt. Hahlis Glück schäumte ihr förmlich über, sie strengte sich so sehr an, keinen kichernden Laut von sich zu geben, dass sie sich auf dem Boden krümmte.

„Mögen die Gegner Dumes und Odinas sich auf ewig im Mist dieser Welt suhlen“, kommentierte eine weitere, weibliche und blaue Vortixx und begutachtete ihre Schere, die aus feinster Protodermis geschmiedet waren.

„Ein Luftschiff wird Euch bereit gestellt, Makuta. Ihr sollt eine Belohnung von...“ Das rote Mitglied überlegte kurz und zählte gemeinsam mit dem schwarz gerüsteten Vortixx flüsternd.

„Einhundert Golderzen erhalten“, schrie der Ta-Vortixx dann in den Raum. Aodhan verbeugte sich kurz, bedankte sich ausführlich und schubste die immer noch angekettete Hahli durch die Höhle zurück in den Korridor mit der Polyarmeraka.

„Wie hast du es eigentlich geschafft, diesen Stoff zu schlucken. Ich weiß doch, dass der doch total ätzend ist für Toa“, erkundigte sich Hahli dann, als die Vortixx außer Reichweite waren.

„Tja! Das bleibt wohl mein Geheimnis.“

„Komm schon!“

„Na gut. Wenn du dieses Erz trinkst, erwachst du in einer Art Gedankenwelt. Du siehst diesen riesigen Kanoka-Drachen, wie er dir versucht deinen Tod vorzuspielen. Du kannst nur überleben, wenn du den Lebnsende nicht fürchtest und das können bekanntlich nur die Makuta. Sie können in gewisser Weise nicht streben, sie sind Schatten. Aber als Toa ist man gewöhnt, dass man jeden Augenblick bewusstlos umfallen oder von lästigen Biestern zerfetzt werden könnte. Da fürchtet man das Sterben nicht mehr allzu sehr.“

* * *

Der Wachtmeister mit Namen Maritidaaka hatte die Ratstür verschlossen und sah entrüstet in das Gesicht Roodakas, die heimtückisch grinsen musste.

„Ich hasse dich!“, polterte er, während ein Polyarmeraka-Tentakel sich um die Schultern der weiblichen Vortixx schlängelte. „Man muss ein Tölpel wie dieser Rat sein, um nicht zu erkennen, dass dieser Lügner kein Makuta, sondern ein echter Drecks-Toa war!“ Er seufzte tief und vergrub das Gesicht in den Händen. „Die führen doch eine Verschwörung, ich weiß es! Das sind Partner, hast du gesehen, wie dieser Haufen Ga-Protodermis sich bemüht hatte, nicht zu lachen? Und du lässt zu, dass sie entkommen, wobei wir sie für Hintergehung öffentlich hätten massakrieren können!“

Im nächsten Augenblick kam Roodaka zu ihm her ans Pult gezückt, elegant und fehlerlos wie immer.

„Als ob ich das nicht wissen würde.“

Maritidaaka schaute plötzlich auf – die Überraschung in seinem primitiven Gesicht war nur für einen Riku-Fisch ohne Augen zu übersehen.

„Hör zu, wenn deine Leute es schaffen, das ganze Luftschiff zu zerstören, während sie auf dem Weg zur Grube sind, werde ich dir so einiges versprechen...“

„Was?“, donnerte er, ohne auch nur über Roodakas Worte nachzudenken.

„Sagen wir, ein Leben in Mount Odinex und eine ganz persönliche Miene voller Goldgruben und wertvollem Schwarzerz.“ Ihre Stimme klang mehr nach einem Fauchen, doch Maritidaaka erwiderte nicht einmal, seine Hand war sofort zu seinem Schwert gezückt.

„Verlass dich auf mich, dieser Toa und seine Brut werden bald nur noch ein Haufen Asche sein... Und ihre widerlichen Körper werden von den Hikaki des Urwaldes abgenagt, bis nicht mal mehr ihre so schick glänzenden Kanohis übrig sind...“

Maritidaakas Mundwinkel stiegen ruckartig in die Höhe und formten sich zu einem schmierigen Lächeln... Er hatte schon seit längerer Zeit ein paar loyale Schläger engagiert, für ihn zu arbeiten. Es waren meist hilflose Skakdi, die ihre Bestimmung nur darin sehen, ihren Feiden die Arme und Beine auseinander zu reißen. Seine Anhänger nannten sich „Piraka“, ein ziemlich lächerlicher Name, wie er findet... aber selbst das würde bald egal sein, denn er würde ein unbeschwertes Leben bekommen, weg von dem ekligen Rat und dem herab gekommenen Odiné.

Auch Roodakas Feixen wurde auf ihrem schmalen Gesicht immer größer. Sie wird diese lästige Matoranerin und diese Toa, die einzigen, die Dume je gefährlich werden können, ausradieren... doch was sie in dem Moment noch viel glücklicher macht, waren diese naiven Trottel, die die Vortixx umgaben... sowohl der Rat, als auch Maritidaaka... und alsbald würde sie sich zur Machthaberin Odinas krönen lassen...

Kapitel 8: Ritt durch Feuer und Luft

Hahli und Aodhan kamen aus dem Stadthaus von Odiné heraus gespurtet, beide lächelten immer noch unentwegt, während sie die Treppen aus Schwarzziegeln hinabstiegen.

„Agni, Brander! Matau!“, schrie Aodhan dann durch den kreisrunden Platz, als er seine drei Weggefährten in der Nähe des Luftschiffs kauern sah und diese schnurstracks auf ihn zu gerannt kamen.

„Aodhan, alter Lavafarmer!“, rief Agni ihm zur Antwort. „Mann, wir dachten, der Rat würde euch durch das Gebäude hetzen!“

„Du weißt doch genau, dass ich Dinge sehr langsam angehe“, Aodhan grinste und Agni erwiderte es mit einem lauten Lachen.

„Jedenfalls – wir haben die Genehmigung.“

Es hatte gar nicht lange gedauert, als sich auf allen drei Masken Aodhans Vertrauter langsam ein breites Lächeln ausbreitete, Hahli fühlte förmlich, wie die Freude in der Luft lag, sie konnte sie riechen und spüren.

„Du bist einmal wieder der Fantastischste!“, Brander nahm ihn unter seinen Arm und haute ihm gegen die Schulter. „Nach mir natürlich.“ Er zwinkerte ihm zu, während beide anfingen zu kichern, ihnen entging dabei der aufgeregte Matau, der ungeduldig seinen Turaga-Stab in den staubigen Boden steckte.

„Wir beeilen-müssen uns, bevor noch jemand anders unser Luftschiff wegschnappt. Ihr kennt doch diese Primitivlinge, die herumlaufen-hier.“

Brander und Agni folgten dem Turaga zu der Schlucht, wo ihr Fahrzeug mit hunderten von Schläuchen angedockt war und von woher das laute Brausen der Rotoren kam. Hahli wollte den Drein gerade nachlaufen, als sie Aodhans Hand auf ihrer Schulter spürte.

„Vergiss nicht, Hahli. Bis wir im Luftschiff sind, musst du immer noch die Gefangene spielen.“ Hahli schaute auf ihre Energie-Ketten hinab, die sie immer noch trug und folgte schließlich Aodhan, am Brunnen vorbei, welcher ausnahmsweise nicht aus dem gewöhnlichen schwarzen Material gebaut wurde. Es hatte den Anschein, als ob dieser von silbrigen Metallplatten errichtet wurde und erst im Vorbeigehen bemerkte die Matoranerin, dass kleine Reliefs in die Brunnenwand gemeißelt wurden, Kanohi-Masken, die kleinen wackligen Körper der Odina-Matoraner und seltsame Muster, die Hahli nicht ansatzweise entschlüsseln konnte. Allein fiel ihr ein Matoraner auf, der von einer Vortixx-Gestalt ausgepeitscht wurde. Und je weiter sie den Brunnen betrachtete, desto mehr solcher Darstellungen sprangen ihr ins Auge, grauenhafte Szenen, wie Matoraner hingerichtet, gequält oder versklavt wurden... Hahli hatte das Gefühl, sie würde gleich krank umfallen – es war einfach nur schrecklich, zum Übel-werden... Schnell huschte sie von dem Brunnen weg und schaute in Richtung Aodhan, der vor ihr lief und dem Luftschiff immer näher kam. Merkwürdig, denn von ganz Nah sah es noch überwältigender aus, als es ohnehin schon war... Eine kleine Tür und ein Steg führten ins Innere des mit Silber ummantelten Fahrzeugs, vorne war eine Glaskuppel angebracht und die Rotoren wirkten fast so groß wie ihre ehemalige Behausung auf Ga-Metru.

„Ihre Erlaubnis?“

Hahlis Blick fiel von der schimmernden Fassade auf einen grün gekleideten Skakdi, der mit seinem falschen Grinsen und faulen Zähnen Matau und die Toa musterte. Er trug einen dünnen Speer bei sich und wirkte so klapprig, dass er jeden Moment in sich zusammen fallen könnte.

„Wir haben eine Befugnis vom Rat von Odiné, wir bringen eine Rebellin aus Metru Nui in die Grube“, klärte Aodhan den Skakdi auf, welcher die Matoranerin genau fixierte. Auf einmal kam er auf sie zu und betrachtete sie von allen Seiten, hob ihren Arm und strich ihr durch die blaue Kanohi Kaukau.

Es fühlte sich abscheulich an. Seine Finger waren wie schuppige Greifer und kaum berührten sie ihren Körper, durchstieß Kälte ihre Innereien. Dann fasste er sie ans Kinn, doch Hahli wich beschämt zur Seite.

„Eine echte Freiheitskämpferin. Tja, das Wort 'Frieden' wirst du in der Grube schnell vergessen müssen, kleine Bestie.“ Sein Lachen war das grässlichste, was sie je gehört hatte, eine Mischung aus dem Grölen einer Mata-Nui-Kuh und den Lauten von klingenden Schwertern.

„Der Rat hat mir Bericht erstattet, ihr dürft es nehmen!“ Er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das Schiff und erstmals traten sowohl Agni, als auch Brander und Matau in die Maschine ein.

„Komm, lästige Matoranerin!“, sagte Aodhan. „Der gute Skakdi hat Recht, das Gefängnis -“

Aodhan verstummte. Nicht, weil der Anblick des Luftschiffes ihn so sehr entzückte oder weil es ihm leid tat, Hahli ständig zu beleidigen – eine Zarmor-Kugel war gerade an ihm vorbei gerauscht und war direkt vor ihm explodiert. Es brieselte nur noch an Sandkörnern, die durch die Luft flogen und dem Staub, der den beiden die Sicht verdeckte.

Hahli war zu Boden gefallen – was war passiert? Sie hatten doch eine Erlaubnis vom Rat persönlich? Wer hatte ihnen dann noch nicht geglaubt? Ihr Herz fing wieder an zu rasen und ihr Körper bebte vor Furcht. Doch schon im nächsten Moment zeigte sich, wer sie hintergangen hatte.

„Widerliche Toa! Piraka, durchbohrt ihre Körper, bis sie nur noch elendige Protodremis-Pfützen sind!“

Es war die Stimme des Ratswächter, der plötzlich, umgeben von einer Schar Skakdi ihnen den Weg zum kreisrunden Platz versperrt hatte und in Sekundenbruchteilen seine Gefolgsleute ihre Zarmor-Werfer empor streckten und auf den hockenden Aodhan und die im Dreck liegende Hahli zielten. Aber ehe etwas geschehen konnte, wurde Hahli plötzlich schon mitgerissen, sie sah, wie die Piraka sich weiter von ihr entfernten, Hahli spürte Aodhans Hand, wie er sie am Arm festhielt.

„Brander!“, brüllte der Toa, dass seine Stimmbänder fast rissen. „Starte das Luftschiff!“

Das einzige, was Hahli jetzt hörte, war das Laute Brummen des Vehikels, Hahli beobachtete aus dem Augenwinkel, wie die Leinen sich langsam von seiner Fassade lösten und sich der glänzende Mantel langsam Abstand von ihr nahm.

„Schießt auf das Schiff, auf das verdammte Schiff!“ Es war die Wache, dessen Stimme sich ebenfalls überschlug – und nur einen Augenblick später flogen eine Reihe von grünen Zamorkugeln durch die Nebenstraße, auf das Luftschiff zu. Hahli hörte nur ein paar Explosionen und spürte, wie Aodhan sie aus dem Schussfeld zog, als eine Kugel sie um Millimeter fast getroffen hätte.

„Könnt ihr nicht zielen, ihr Versager?“

Hahli ignorierte die Aussage, denn in dem Moment brachte Aodhan sie zu einem Gebäude, dass sie bis hierhin gar nicht bemerkt hatte: Es war ein Lavafluss, umgeben von Trägerpfeilern und merkwürdigen Apparaten.

„Hahli, wir müssen den Fluss entlang.“

Er nahm zwei Schwerter aus seinem Rückenbehälter, verband sie zu einer Art Brett und legte sie am Rand des Lavastroms hin.

„Sie versuchen zu fliehen! Vezok, Hakan, Thok! Jetzt folgt ihnen!“

„Schnell, Hahli!“

Ohne zu überlegen, sprang Hahli auf das Brett. Sie wirkte kaum ängstlich, obwohl in ihrem Inneren gerade ein Gefühlssturm wütetet. Sie hielt Aodhan für verrückt, zu glauben, dass eine Ga-Matoranerin freiwillig einen Fluss voller glühend heißer Lava entlang fließt. Es hätte doch was weiß sie passieren können, wenn sie getroffen werden von diesen schmierigen Skakdi? Dann würden die doch rücklings da rein fallen und unter höchster Pein verbrennen! Hahli zitterte am ganzen Leibe, Aodhans zwei Schwerter waren so wacklig und dann noch diese Funken, die aus dem Lavalauf hervor drangen. Sie musste immer wieder zusammen zucken, als die rote Flüssigkeit blubberte und diese Geräusche von sich gaben, die nur für einen Ta-Matoraner keine Qual waren.

Und dann auf einmal – Aodhan stieß das Brett in den Strom und Hahli hatte das Gefühl, sie war dem Tod noch nie so nahe gewesen. Mit unglaublicher Schnelligkeit raste es durch den Strom, sie hatte beträchtliche Mühe sich ruhig zu halten und jeden Moment hatte sie Angst, ihr Gleichgewicht zu verlieren und nur noch Asche zu sein. Sie erkannte dabei kaum, dass Aodhan mit einem Satz ebenfalls auf das Gefährt aufgestiegen war.

„Der Fluss führt zu einem Lavafall direkt in die Schlucht. Von da müssen wir auf das Luftschiff aufspringen!“

Hahli gab ihm zur Antwort nur einen lauten Schrei – nicht nur, weil gerade dutzende von Zarmor-Geschossen an ihnen vorbei sausten. Es war viel mehr die Vorstellung, dass sie doch tatsächlich über eine kolossale Schlucht springen würden und auf das Fahrzeug von Matau, Agni und Brander springen werden. Für jeden Pfeiler, der ihr Sichtfeld passierte, wuchs ihre Angst, ihr Herz war nur noch ein pulsierendes Gebilde.

„Nur noch wenige Bio!“, schilderte ihr Aodhan, doch das beruhigte sie nicht gerade – da war er, der Lavafall, dort, wo die hitzige Masse die Schlucht hinunter floss.

„Halt dich gut fest, Hahli!“

Sie hatte noch nicht mal die Chance, Aodhans Worte zu verarbeiten – und schon war keine Lava mehr unter ihnen, jetzt schaute Hahli in den abgrundtiefen und düsteren Klamm. Eigentlich war ihr gerade nach schreien zumute... Doch irgendwie konnte sie nicht... es war vielleicht doch nicht so grausam, wie sie dachte... es fühlte sich ganz befreit an, mitten in der Luft zu schweben, zurück zu schauen auf die entrüstete Ratswache und die Skakdi, die er anbrüllte und ihnen ins Gesicht schlug.

„Dafür liebe ich diese Schwerter“, sagte Aodhan sanft. Hahli fiel es nicht schwer, dies nach zu vollziehen. Hoch oben zwischen den Wolken, so müssen sich die Gukkos fühlen.

„Das Luftschiff!“, bemerkte Aodhan dann und senkte seinen Körper um auf den silbrigen Klotz zu steuern, der etwas weiter vor ihnen schwebte. Einen Augenblick später flogen beide an der Glasfassade entlang, wo Brander gerade ein riesiges Lenkrad steuerte und Matau ihn kurz anschubste. Der Toa hob seinen Kopf und musste mit einem matten Lächeln Aodhan und Hahli zuwinken, ehe sie kurz darauf zu einer offenen Tür manövrierten und Agni sie in Empfang nahm.

„Aodhan, Hahli! Ihr macht uns noch mit euren Aktionen wahnsinnig!“

Der Toa musste, bevor er antwortete, laut ausatmen, bis er sich gegen eine Schiffswand gelehnt hinsetzen musste.

„Sie haben uns durchschaut“, stellte er nur fest und lugte durch ein kreisrundes Fenster nach draußen, wo sich die grauen Wolken um das Gefährt türmten. „Wir müssen schnell zur Grube. Sonst werden wir hier oben noch einen unangenehmen Flug erleben.“

Agni seufzte. „Zumindest haben wir es soweit geschafft. Ich meine, im Vergleich zu unserer letzten Mission auf Arthaka -“

„Kein Wort über Arthaka!“, entgegnete Aodhan sofort und musste leise lachen. „Egal, Hahli hat es geschafft, einen Lavaritt zu überleben.“

Die Matoranerin musste verlegen schmunzeln, scheinbar kam es nicht allzu oft vor, dass sich Nicht-Feuerlinge so gut dabei schlagen.

„Dafür, dass du es zum ersten Mal gemacht hast – ich kenne gewisse Ta-Matoraner, die sich das heute immer noch nicht trauen.“ Sein Blick fiel dabei auf Agni, der ihn entrüstet anschaute.

„Hey, bei unserer Mission in Daxia hab ich es wenigstens probiert!“

„Agni, das waren gerade mal ein Meter, bevor du dich winselnd hinter Brander versteckt hast.“

„Aodhan!“, reagierte er empört und verschränkte seine Arme. „Hör auf mit diesen peinlichen Details aus längst vergangenen Zeiten. Vor allem vor unserer neuen Freundin! Was soll sie denn bloß von uns denken?“

Kapitel 9: Ins Hinterland

Hahli, Aodhan, als auch Agni, Brander und Matau saßen in dem gläsernen Cockpit des Luftschiffes, während sie beobachteten, wie das graue Wolkenmeer an ihnen vorbei strömte und ab und zu sich auch ein Gukko zu ihnen hoch oben im Himmel gesellte. Allerdings war ihr Gefieder kaum so schön, wie von gewöhnlichen Vögeln, wie alles andere auf dieser grottenhaften Insel waren ihre Flügel schwarz, ihre Schnäbel sahen zerrumpelt aus und ihre Füße waren nichts Weitere als Klauen, die nur darauf warteten einen Fikou unter sich zu greifen und aufzufressen.

„Ich habe schon vergessen, wie ein normaler Gukko aussieht“, stöhnte Aodhan, als das Rahi gerade kreischte. Es klang wie der aufkommende Tod.

„Aodhan, wir waren erst gestern noch in Le-Stelt! Du willst mir nicht sagen, dass du da keine normalen Gukkos erkannt hast“, erwiderte Agni.

„Diese Insel macht mich einfach nur wahnsinnig, mein Lieber!“ Aodhan nahm den Blick von dem Vogel und schaute nun zu Agni und Hahli, die beide an eine Wand des Fahrzeugs gelehnt waren.

„Wo wir gerade dabei sind“, meinte der Akaku-Träger, „du hast mir noch nichts über euer Erlebnis im Stadthaus von Odiné erzählt.“

„Ach, das willst du gar nicht erst wissen!“, konterte Aodhan mit einem leichten Schmunzeln in seiner Kanohi.

„Du kennst mich doch, ich will alles wissen.“

So erzählte Aodhan Agni von den Begebenheiten in den Kammern des Stadthauses, von dem Ratswächter und dem Polyarmeraka, der Aodhan giftiges Schwarzerz verabreicht hatte. Etwas gelangweilt berichtete er dann, wie sie es doch zum Rat schafften und wie sie auf die unerwartete Hilfe von Roodaka aufbauen konnten. Hahli hörte dem Toa gekonnt zu, selbst wenn er nicht gerade der euphorischste Geschichtenerzähler war und trotz, dass sie das alles hautnah erleben durfte. Agni konnte seinen Blick von dem quasselnden Aodhan nicht legen, es schien, als würde er nach jedem Satz genau nachdenken, sich Fragen ausmalen, oder er wartete einfach darauf in irgendeiner Situation mit seinem Wissen zu prahlen.

„Eine Polyarmeraka also?“, sagte er, als Aodhan gerade davon schilderte, wie die Tentakel des Rahi sich um seinen Mund schlugen. „Ich hätte nicht gedacht, dass diese Viecher auf Odina leben und dann auch noch den Vortixx dienen. Sehr selbstständige Wesen, arbeiten alleine und zerquetschen ihre Mitstreiter manchmal nach einer gelungenen Partnermission.“

Hahli stellte sich in Gedanken vor, wie dieses Gewusel aus Rüstungsteilen einfach so ein paar Vortixx zermalmt. Eine sehr brutaler Vorstellung, aber nachdem, wie die sie gehetzt haben und sie unfreiwillig zwangen einen Lavafluss entlang zu spurten, konnte sie sich diesen Gedankenstrich einfach nicht verkneifen.

„Und diese Roodaka hat euch also aus dem Dilemma gezogen... Roodaka... wo habe ich diesen Namen schon gehört?“

„Sie hat die Vahirak hergestellt“, brachte Hahli dann in die Runde und fühlte sich stolz, dass sie auch etwas beitragen durfte.

„Ach ja, stimmt. Glaubt ihr, es war nur ein Trick, damit sie uns alle auf einmal abschlachten könnte und den Preisgewinn für sich behält?“

„Möglich“, antwortete ihm Aodhan und schaute währenddessen aus dem Fenster, wo sich das Wolkenmeer langsam verdunkelte – die Nacht war also nicht mehr fern. „Wenn sie für Dume die Vahirak konstruiert hat, dann könnte das nur ein weiterer Auftrag für sie gewesen sein können. Aber warum will sie ohne Hilfe des Rates arbeiten?“

„Sie vertraut denen vielleicht nicht. Oder Dume möchte sie nicht als Gehilfen. Du weißt schon, sie entsprechen womöglich nicht seinem Geschmack.“

„Du meinst, sie könnte es auch in Erwägung ziehen den Rat zu stürzen und die Macht Odinas an sich zu reißen?“

„Ja... oder sie hat schon längst die Kontrolle über diesen Tümpel und die älteren Vortixx sind nichts weiter als lose Puppen. Aber egal, was nun stimmt... wir sollten vorsichtig sein. Roodaka könnte uns weiterhin verfolgen und unseren Auftrag gefährden.“

Für die nächsten Momente sagte keiner der beiden etwas, Hahli beobachtete nur, wie Brander ein überdimensionales Steuerrad hin und her drehte und Matau ihm dabei irgend eine Geschichte vortrug. Der Toa schien so gut wie jedes zweite Wort mit einer merklichen Geste zu entgegnen. „Agni?“, hatte Hahli sich dann unerwartet geäußert. Eine Frage brannte ihr noch auf den Lippen. „Warum ist der Rat von Odiné eigentlich hinter einer Kammer eingeschlossen und darf nicht mal an die Oberfläche raus?“

Der Toa des Feuers lächelte kurz, bevor er dann mit einem tiefen Atemzug anfing zu sprechen. „Das, Hahli, geht auf eine uralte Tradition der Odinaer zurück. Die Bewohner verehrten ihren Rat wie mächtige, unantastbare Wesen, noch schlimmer, als sich Dume heute preisen lässt. Sie wurden so sehr gerühmt, dass sich die Ratsmitglieder tatsächlich für Gesandte, Auserwählte oder sagen wir einfach... für eine bessere Spezies gehalten haben. Sie wollten nichts mit den restlichen Arbeitern zu tun haben und deren stickiger Umgebung. Deswegen haben sie sich in einer Höhle im Stadthaus eingesperrt. Dieser Konzept ging dann aber auch irgendwann daneben, als sieben Räte in nur ein paar Jahren an Luftmangel und Platzangst gestorben sind. Na ja, soweit ich weiß, werden die acht Rats-Vortixx heutzutage an die relativ frische Luft gelassen, doch sonst hocken sie in ihrer Höhle dort und diskutieren angeblich über die Politik Odinas.“

Die Matoranerin ließ sich noch einmal Agnis Worte durch den Kopf gehen lassen. Ehrlich gesagt, hatte sie eher einen Plan Roodakas vermutet, der vorsieht, den Rat irgendwie abzuschotten und diese sich auch noch von ihrer Idee überzeugen ließen. Hahli wurde Roodaka mit jeder Minute abtrünniger, schon damals auf Metru Nui, als sie sich zum ersten Mal begegneten, hatte die Vortixx sie angeschaut wie ein Burnak seine Beute. Doch nachdem, was sie jetzt gehört hatte, war Roodaka nicht mehr die skrupellose Untertanin Dumes... sie war viel mehr die grässliche Brut aller Niederträchtigkeit. Die Vorstellung, sie würde ihr Luftschiff verfolgen und sie kurz vor ihrem Ziel, der Grube, abfangen und ihren Untergang besiegeln wollen, ließ Hahlis Körper starr erfrieren.

„Grotesk, diese Vortixx, nicht?“, fragte Agni dann die Ga-Matoranerin. Hahli nickte ihm nur kurz zur Antwort, sie wollte gar nicht erst anfangen ihren Unmut über diese Spezies zu äußern.

Kurz danach waren die beiden Toa zu Brander und Matau ans Steuer gegangen und begutachteten den immer dunkler werdenden Himmel. „Dort-seht!“, bemerkte Matau dann und zeigte mit seinem Stab gerade Richtung Boden. Hahli eilte zu der Gruppe und erkannte zwischen den schleierhaften Wolken eine meterhohe Bergwand und dahinter einen modrigen Sumpf und den dichtesten Wald, der ihr je zu Augen kam, es schien wie eine Decke aus grünem Laub.

„Das Hinterland von Odina“, bemerkte Brander und seine Toa-Brüder stimmten ihm mit einem Nicken zu.

„Wir haben es fast geschafft. Es muss nur noch ein halber Tag Flugzeit sein, dann sind wir in der Grube angekommen“, sagte Aodhan triumphierend und ballte seine Finger zu einer Faust zusammen.

„Nicht so voreilig, Bruder“, widersprach ihm Agni und deutete auf winzige Punkte, die sich langsam zwischen den Bergen bewegten. „Siehst du die? Das sind Dunkle Jäger, die einzige Hürde, die wir noch haben. Wenn wir an ihnen vorbei sind, ohne dass sie auf uns geschossen haben, dann erst können wir uns zurücklehnen!“

„Hoffen wir, die haben von unserem Plan nichts mitgekriegt“, murmelte Brander und lenkte achtsam gerade aus, seine Augen huschten dabei immer abwechselnd von dem Steuerrad und der Bergkette unter ihnen.

Hahli wurde indes mit jedem weiteren Flugmeter ungeduldiger, sie spürte, wie sie nervös zappelte, sie wollte sich an irgendetwas fest greifen, sonst würde sie noch umfallen vor Hektik. Es könnte schließlich in jedem Moment passieren, dass man einfach nach ihnen schießt – und niemand möchte sich vorstellen, was danach geschehen würde. Hahli erkannte, mit jedem Augenblick hatten sie die Berge immer weiter hinter sich gelassen und der Dschungel eroberte langsam ihr Blickfeld. Gleich würden sie es geschafft haben, jetzt müsste es doch soweit sein...

Und plötzlich – Stille. Nichts passierte, kein Dröhnen, kein Feuer, keine Zarmorkugeln, die durch die Fassade ihres Luftschiffs brachen.

„Ja!“, freute sich Brander und hob beide Arme in die Höhe, als Aodhan und Agni sich in die Hände klatschten und Matau Hahli auf die Schulter klopfte – sie waren unaufhaltbar.

Einen kurzen Moment lang genoss jeder diesen Sieg, den Triumph, für sich... ehe dann alle lautstark schreien mussten, sie jubelten, strahlten sich an und mussten einfach nur lachen – etwas anderes ließ diese Situation nicht zu...

...In all diesen überschwänglichen Gesten, diesem Feiern, überhörten nicht nur die Toa, aber auch Matau und Hahli, wie plötzlich ein schweres Geschoss auf das Luftschiff zukam. Und erst als eine riesige Erschütterung allesamt zu Boden warf und Brander über das Lenkrad vorneweg auf den Boden aufprallte, realisierten sie, dass ihr Erfolg sich schon bald in eine derbe Niederlage verwandelt hatte.

„Hikaki-Mist!“, fluchte Aodhan und versuchte sich aufzurappeln, als das Vehikel langsam zu Boden sank und er sich nur mit Mühe an Branders Fahrersitz festhalten konnte. Hahli rutschte in der Zwischenzeit immer schneller den Cockpitraum hinunter, sie merkte, wie die riesige Glaskuppel mit großer Geschwindigkeit immer näher kam und sie bald schmerzhaft aufprallen würde... Ihre Eingeweide waren nur noch ein elendiger, bebender Klumpen, Hahlis Herz pumpte nur noch Angst und schäumende Wut...

„Halt dich fest!“, rief Aodhan und streckte ihr windeseilend die Hand raus, die Matoranerin schnappte nach ihr und verfolgte die Momente, wie ihr Gefährt immer weiter zu Boden sank und das Dickicht des Urwaldes immer näher kam... der Aufprall war nur noch eine Sache von Sekunden...

Krach!

Unüberhörbar, ein zweiter Schuss traf das Luftschiff und die gesamte rechte Außenfassade zersplitterte, Feuer drang in den Steuerraum und der Windzug blies lauter Metallteile hinein.

„Wenn wir gegen den Wald schmettern, Hahli!“, wies er die an seiner Hand schwingende Matoranerin an, „dann versuch nicht, dich von meinen Fingern zu lösen!“

Hahli nickte nur flüchtig, während ihr wilder Herzschlag und ihr stechender Schmerz in der Lunge sie begleitete, den Ritt in den sicheren Untergang...

„Wo sind eigentlich Brander und...“ Er hatte noch nicht mal zu Ende gesprochen, als Agni mit einem lauten Schrei an ihnen vorbeiflog und mit einem dumpfen Knall gegen die Glaswand berste... Der Toa lag nur noch bewusstlos da...

Auf einmal jedoch plötzlich spürte Hahli, wie sich ihre schweißnassen Hände langsam von Aodhans Griff lösten... Sie versuchte sich zu klammern, gegen seine Finger zu drücken, ja nicht loszulassen...

„Halte durch!“, rief ihr der Toa noch hinterher... Aber das war jetzt eh egal... denn sie donnerte schon dem Sichtfenster entgegen... und im selben Moment traf das Luftschiff die hohen Baumwipfel... und Hahli verschwand hinter einem lodernden Schweif aus Feuer...

Kapitel 10: Nach der Katastrophe

Maritidaaka konnte nicht anders – als das große Luftschiff zerberste und die Flammen es in tausend Stücke flickten, da musste er einfach lächeln. Seine Mundwinkel zwangen ihn förmlich dazu, dass er hässlich grinste, während eine laute Explosion gerade die sumpfigen Bäume schwanken ließ.

Natürlich war es immer wieder ein kleines Fest gewesen, seine Feinde verbrennen zu sehen und wie der Tod sie einholte – besonders wenn es diese Art dreckiger Betrüger waren. Der Vortixx hoffte, sie würden genug Schmerzen empfunden haben, dass sie selbst über den Tod hinaus noch auf dem Roten Stern bleiben wollten... Aber bei all seiner Begeisterung, wie seine Truppen die Toa und die Matoranerin kaltblütig erstachen... es war viel mehr ein anderer Gedanke, der ihn noch glücklicher stimmte...

„Avak, komm her!“, schrie Maritidaaka einen in brauner Rüstung gekleideten Piraka an, sein Gesicht, sein fettes Feixen sagte schon, dass er den Wissenstand einer unreifen Odina-Banane hatte.

„Pack' die Waffen zusammen, wir fahren zurück nach Odiné... oder zumindest nur ihr...“ Maritidaaka kicherte kurz, während Avak, der fast zwei Mal so groß und breit schien wie der Vortixx, einen Stapel Zarmor-Werfer von seinen Mitstreitern zugeworfen bekam.

„Hey, Martidaaka, mein Anführer, musste ich nochmal nach Größe oder Farbe trennen?“ Avak ging langsam an ihm vorbei, während er die Ladung an schweren Geschossen kaum mehr zwischen seinen Händen halten konnte. „Oder sollten die Spitzen zu den Silbernen und die Kräftigen zu den...“ Ein Geräusch klirrendem Metall, gefolgt von dem rahi-artigen Schmerzschrei des Piraka unterbrachen seine Worte.

„Avak, du Idiot!“, gaffte Maritidaaka, als dieser auf einem Bein hüpfend umfiel und die restlichen Piraka ihn gackernd auslachten. Der Vortixx distanzierte sich etwas von seinen Anhängern und vermied es, seine Hand gegen seine Stirn zu schlagen. Wenn das vielleicht einmal vorgekommen wäre, hätte er noch mitgelacht, aber wenn er das jeden Moment zu Gesicht bekommt, wünscht er sich von Tag zu Tag mehr, die Piraka im Hinterland auszulassen... nur noch ein paar Gafnas sind primitiver als diese Meute! Einerseits, sie haben schon bewiesen, dass sie Maritidaakas Feinde zerquetschen können... sie waren schlagfertig, brutal... aber trotz alldem nicht die perfekten Lakaien... und zum Glück würde er ihnen endlich entfliehen, keinen ihrer hässlichen Fratzen mehr sehen... Denn er hatte diesen Toa und seine Mitstreiter erledigt und dafür würde ihm eine Belohnung winken...

„Roodaka!“

Die silbrig-schwarze Vortixx stand auf einem Felsvorsprung und beobachtete das immer noch glühende Vehikel, wie es völlig zerstört zwischen den buschigen Wäldern liegt.

„Eine klasse Aktion und so einfach, wie einem Matoraner das Auge zu verbrennen!“

Sie sagte nichts, musterte nur die Ruine in der Ferne.

„Ich bitte dich, Roodaka! Sie sind tot, eindeutig! Dein geliebter Dume hat nun seine Ruhe von denen.“ Maritidaaka machte eine kurze Pause, obwohl er tief im Inneren ungeduldig auf seinen Preis wartete.

Er räusperte sich kurz und trat einen Schritt auf Roodaka zu, die ihn abwertend begutachtete, als ob sie ihn nicht kennen würde... Er hasste diesen Blick.

„Nun, du hast mir was versprochen.“

„Kriegst du noch“, entgegnete sie ihm kalt und schaute weiter gen Ferne. Maritidaaka ballte seine Hand zu einer Faust, obwohl er genau wusste, dass wer sich mit Roodaka duellierte, diese Entscheidung bis an sein Lebensende bitterböse bereuen würde. Der Vortixx spürte nur, wie all die Beharrlichkeit in seinem Körper schwand...

„Ich kriege das Gefühl nicht los, du willst mich vom Rat wegeisen. Damit ich sie nicht mehr bewachen kann.“

„Was macht dich so sicher?“ Roodaka betonte es, als ob sie ein gelangweiltes Gespräch über die Eigenschaften von Früchten führen würde.

„Roodaka“, sagte der Vortixx gekonnt schmeichelnd und ging auf sie zu, bis ihre Gesichter nur noch einen Spalt breit entfernt waren und er sie angrinste, wie ein freudiger Matoraner beim Kohlii-spielen.

„Wer weiß denn nicht von deinen Absichten, den Rat zu stürzen? Aber das ist doch kein schlechter Gedanke? Ich kann sie auch nicht ausstehen... Komm schon, lass sie uns gemeinsam den Garaus zubereiten... wir beide, Herrscher von...“

Maritidaaka konnte nicht weiter sprechen. Der Boden unter seinen Füßen war irgendwie verschwunden, der Staub und das Gestein hatte sich längst nicht mehr unter seinen Klauen gekräuselt... und auch seine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt... und es war nicht nur sein Empfinden... es war Realität...

Roodaka hatte ihn mit einem Griff gewürgt und hielt ihn zappelnd über die tiefe Schlucht ins Hinterland fest... Sie genoss den Anblick, wie er hilflos mit seinen Beinen schwenkte, jeden Versuch unternahm, sich zu entschuldigen... Sie hätte zu gerne seinen Worten gelauscht...

„Hör zu, du feuchte Mistpfütze“, sie packte ihn noch fester am Hals, „Meine Angelegenheiten gehen dich rein gar nichts an – nichts! Ich tue das alles dem hoch gelobten Dume zu ehren... Er hat mir Regentschaft versprochen... die ich mir selbst holen darf! Und keine Rahi-Kröte wie du wird mir in den Weg kommen, niemand wird Dume aufhalten... und schon gar nicht wird er Verständnis finden, für jemanden der eine Horde Versager kommandiert.“

Roodaka schleuderte ihn zurück auf den Boden, wo er sich keuchend an die Kehle fasste und versuchte, lautstark zu atmen. Sie schaute auf ihn herab und bemerkte erst gar nicht, wie närrisch er dabei aussah.

„Du...“, hustete er dann aus seinem Mund heraus.

„Ja?“

„...hast Odina verraten!“

Roodakas Blick zürnte sich zu einem hasserfüllten Ausdruck... ihre Hand wich zu ihrem Blitz-Schwert und in nur einem Sekundentakt hatte sie den Finger am Auslöser... und im nächsten Augenblick durchfuhr ein Strahl Maritidaakas Körper... Protodermis floss aus seiner Wunde, während er leblos zusammensackte... Die Herrschaft dieser Insel wird nun alsbald in den Händen Roodakas liegen.

* * *

„Hahli!“

Ach so hörten sich die Geister des Roten Sterns an? Normalerweise wurde Hahli erzählt, es seien helle, süße Stimmen, bei denen man all seine Qualen vergessen wird...

„Hahli!“

Nicht, dass diese Stimme grauenhaft klingt, im Gegenteil... sie kam ihr sogar unglaublich bekannt vor... nur wem gehörte sie denn nur? Da, wo jetzt eigentlich das Bild einer ihr bekannten Person sein sollte, war nur ein dicker, schwarzer Fleck in ihren Gedanken.

„Hahli!“

Egal, wem sie gehörte, sie klang ungeduldig. Hahli sollte jetzt besser die Augen aufreißen und nachschauen, wer nach ihr rief. Doch als sie ihre Pupillen öffnete... ein Schlag durchfuhr ihr Herz, wie ein Messerschnitt. Das sah gar nicht aus wie der rote Stern... oder zumindest würde er nie so erscheinen...

Es war tiefe Nacht, einige Rahi-Insekten zirpten und ein grauer Dunst hatte sich um Hahlis Umgebung gelegt. Da waren Bäume, doch sie sahen merkwürdig verkohlt aus... und überall lagen kaputte Metallteile und Splitter aus Glas und Protodermis... Mal erleuchtete ein dumpfes Feuer die Schwärze... Hätte das möglich sein können?

Und urplötzlich... diese goldene Kanohi, die da zwischen dem Nebel auftauchte... gefolgt von einem muskulösen Körper... Aodhan und Agni...

„Endlich, Hahli, bist du wohl auf?“

Aodhan rannte zu ihr hinüber, trat durch die Berge aus kaputten Luftschiffteilen... Sie hatten also überlebt, irgendwie... Hahli hätte glücklich in die Höhe springen können, sich freuen, dass sie noch lebt, nicht einen Kratzer abbekommen hat... aber ihr war nicht danach zumute... Sie sorgte sich, Brander und Matau waren noch nicht hier und sie waren ausgesetzt in einem Dschungel, in dem es voller wahnsinniger Wesen und hungrigen Reptilien-Rahi wimmelte...

„Ach, beim Feuer des Vakama. Es geht dir gut, Hahli!“ Aodhan nahm sie in den Arm und drückte sie fest gegen seine Rüstung... erst später entdeckte Hahli, dass sie mit Ruß überdeckt war und eine große Narbe seinen linken Oberarm zierte.

„Keine einzige Wunde!“ Es war Agni, der Hahli ein Glucksen zur Begrüßung gab... Aber es war schon seltsam, dass er seine Aussage formulierte, als wäre sie allgegenwärtig... nichts besonderes, eine Explosion mit einem Fluggefährt überlebt zu haben und nicht mal eine winzige Schramme, irgendwo auf ihrem Leib zu haben... Aber Hahli war es satt, über die Toa zu rätseln... fast war es ihr schon klar, dass sie mehr über die Matoranerin wissen, als sie persönlich.

„Wo ist Brander? Oder Matau?“, fragte sie, um nicht auf Agni einzugehen. Ein lautes Aufstöhnen gab ihr jedoch schnell eine Antwort.

Etwas weiter entfernt sah sie Branders Schattenbild, wie er eine riesige Klaue benutzte, um den ganzen Schutt zur Seite zu packen.

„Matau!“, schrie er und gleichzeitig war sich Hahli bewusst – der Turaga war noch nicht aufgetaucht. Ihr wurde kalt, bei dem Gedanken, er könne... gestorben sein...

„Hahli, los. Wir müssen Matau finden!“, wies Aodhan sie an, ehe Hahli zu Brander eilte und erkannte, wie ihm die Verzweiflung in seiner Kanohi Ruru zu Buche stand.

„Schnell, räum' dieses Stück Metall weg!“ Er deutete auf mehrere silberne Platten und Hahli folgte seinen Anweisungen, indem sie mit Mühe die Bestandteile an den Rand schob. Wenn sie sich nicht so kantig anfühlen würden...

Hahli hatte Mühe, einige Kacheln überhaupt anheben zu können... Oftmals war es Branders, der mit seinen gigantischen Händen zehn Mal so viel Schutt wie die zimperliche Matoranerin zur Seite schob... Doch sie war es schließlich... die etwas Grünes im Metallberg aufblitzen sah.

„Da!“, schrie Hahli sofort und deutete auf das laubfarbene Rüstungsteil.

„Halte durch, mein Freund!“ Brander grub wie ein Kofu-Jaga, buddelte und vernichtete den Schott unter sich...

„Matau, sag etwas!“, es klang fast wie ein Winseln... Die Kanohi Mahiki blieb jedoch starr liegen. Brander keuchte und die Angst, die seinen Körper durchfloss, obwohl man es für einen Toa wie ihn für unmöglich hielt, war spürbar... Er wollte schon das Gesicht in den Händen verstecken, als... dieses Husten... dieses kleine, alt klingende Husten... Turaga Matau lebte...

„Brander...“, keuchte er und seine Augenhöhlen erleuchteten leicht grünlich.

„Seid Ihr verletzt, Turaga?“

„Ach, wenn nur ein Arm ist-gebrochen, dann ist das schlimm-halb so. Aber verflixte Mata-Nui-Kuh, wir leben! Wie geschafft-haben wir das?“ Hahlis Herz durchfloss reinste Erleichterung... nicht nur Matau, auch sein Wahnsinn war immer noch ganz der alte...

* * *

Seither waren einige Stunden vergangen, Matau hatte ein paar schwerere Verletzungen davon tragen müssen. Sein rechter Arm war vollkommen verdreht und der Turaga hatte Mühe ihn zu bewegen. Gut, dass sein Stab bei der Kollision nicht kaputt ging, sodass er sich noch halbwegs bewegen konnte.

„Als Toa musste ich mal blind und mit Hand-verstauter gegen einen fiesen Visorak kämpfen, dann schaff-recht ich das wohl!“, war sein einziger Einwand, als Brander immer wieder gefragt hatte, ob es ihm gut ginge oder ob er Hilfe benötige.

Bis zum frühen Morgengrauen hatten sich die Toa ein Lagerfeuer zurecht gemacht und aus den alten Luftschiffteilen eine Art Behausung errichtet... zumindest würde sie der Regen nicht vom Schlafen hindern... Die drei Feuer-Toa hatten sich eh geeinigt, für die ersten Tage in der Nähe der Ruine zu bleiben und Vorräte aufzusammeln, bevor sie zu Fuß weiter gehen würden.

„Das wird ein anstrengender Marsch“, kommentierte Agni und rollte eine Karte heraus, auf der er den Weg bis zur Grube vermaß. „Gute achtunddreißig Kilobio.“ Hahli hatte daraufhin laut seufzen müssen und saß sich mit an die Feuerstelle, wo sie Matau und Brander über den Sinn von Sägen als Waffen diskutierten und Agni und Aodhan die weiteren Schritte planten.

„Wir müssen höchste Sicherheit wahren“, meinte Agni und erzählte lang und schweifend über alle möglichen Rahi-Arten, die hier im Urwald hausten. „Einige tragen sogar eine Essenz in sich, die deine Elementarkräfte fürs kurze lähmt. Ihre Schwachstelle ist ihr Augenlid, du musst also genau zielen.“

Hahli gähnte laut und dachte indes darüber nach, was überhaupt passiert war... diese bestialischen Insulaner haben es also bewerkstelligt, bis an die Bergkette zu eilen und ihr Fahrzeug noch abzufangen... Und jetzt war die Truppe gezwungen durch ein riesiges Moorgebiet voller verrückter Sträflinge und giftigen Zeugs zu wandern...

„Hahli?“

Sie drehte sich erschöpft der Stimme Aodhans zu.

„Es wäre ganz angebracht, wenn du ein paar Beeren sammeln könntest. Aber nur die gelben, die schmecken am saftigsten.“ Er zwinkerte kurz, bevor er anmerkte, dass sie nichts zu befürchtet hatte. „All diese Viecher, von denen Agni spricht, findet man nur im Herzen dieses Tümpels wieder. Musst also keine Angst haben.“ Er klopfte ihr auf die Schultern, während Agni ihr einen größeren Holzkorb überreichte und Hahli sich auf den Weg machte, das Wrack passierte und einen kleinen, ausgetrampelten Weg entlang streifte, an dessen Rand dichte Büsche wuchsen und zwischen der grünen Blattfläche sie immer wieder Punkte in allen möglichen Farben erkannte... Beeren schmückten also das Laub wie Sterne den Himmel. Die Matoranerin pickte ein paar gelbe und legte sie in den Korb. Immer wieder hallte das Geräusch durch die Lichtung, wie die kleinen Kugeln sich von ihren Ästen verabschieden müssen...

Hahli ging schließlich ein paar Meter weiter... doch was war das, das ihren Blickfeld gerade kreuzte? Sie drehte sich hastig um – und was sie erkannte, ließ sie steif frieren... Ein See, mehr ein winziger Teich, so schwarz wie die Nacht und schimmernd wie die rote Sonne... Hahli näherte sich dem Gebilde ein wenig näher, packte die riesigen, fleischigen Blätter zur Seite. Mit jedem Tritt wurde ihr bewusster, was sich hier vor ihr befand... Ein Protodermis-See.

Die schwarze Oberfläche glänzte förmlich, als Hahli am Rand des Teichs stand, ein silberner Rand durchquerte die Flüssigkeit und hier und da platzte eine düstere Blase auf.

Dass sich hier überhaupt ein Protodermis-See befand, glich einem Naturwunder... Hahli hatte unbeschreiblich viele Erzählungen gehört, es gebe nur knapp achtzehn solcher Teiche im ganzen Universum... doch hier, in dieser Hölle von Insel? Wer einmal in Berührung mit der Protodermis bekam, würde sich auf alle Ewigkeiten verändern und die Wege der Bestimmung würden neu geschrieben werden... und das Schicksal desjenigen würde sich ihm offenbaren. Und an dem Punkt endeten die Erzählungen oft.

Hahli beugte sich über den See und schaute genau hinein. Es war dickflüssig, fast, als hätte man gerade erst vor wenigen Minuten ein Stück Protodermis aufgeschmolzen. Dieser See war dabei so faszinierend, wie eine Hand, die Hahli an den Rand des Teichs zerrte... sollte sie es Aodhan und den anderen sagen? Hahli dachte nach, schaute in alle Richtungen... einerseits, es war ein unglaublicher Fund, der sicher auch den Rest der Gruppe begeistern würde. Andererseits, was sollten sie alle mit einem Haufen flüssiger Protodermis anstellen? Hahli nahm den Korb wieder fest in den Griff... doch dann...

Wusch!

Kapitel 11: Bestimmung und Schicksal

Die Matoranerin drehte sich ruckartig um – und was gerade vor ihr stand, aus dem Busch gesprungen war... war das wohl eleganteste und doch ungewöhnlichste Wesen, das ihr je zu Gesicht kam... Ein Rahi, monumentale Klauenfüße, auf vier Pfoten, ein silbernes Fell und einen gestachelten Rücken, zwei tiefrote, weise Augen, die die Matoranerin anstarrten... doch nicht wie es andere Rahi tun würden, gefräßig, bluthungrig.

„Du bist ein Protodermis-Burnak“, erkannte Hahli das Geschöpf und ließ prompt wieder die Beeren aus der Hand fallen. Das Rahi setzte sich auf seine Hinterfüße und bewegte den Kopf hin und her.

„Ich habe viel von dir gehört. Du sollst... Moment, dass kann doch gar nicht sein!“ Erinnerungen strömten Hahli durch den Kopf, Gespräche mit Turaga Dume, damals, kurz nach der Oberhauptswahl... Hatte er ihr nicht erzählt, dass sein Toa-Team damals alle Protodermis-Burnak bis auf diesen einen letzten getötet hatte? Hahlis Herz drang ihr so hoch durch die Brust, dass sie sich fast schweben fühlte... da stand er, der letzte seiner Art, vor ihr... der kleinen, unbedeutenden Ga-Matoranerin...

„Ein sehr weises Wesen, wie ich gehört habe. Muss wohl bestimmt einsam sein, den ganzen Tag auf keine Artgenossen zu stoßen.“

Der Burnak regte sich nicht vom Fleck und ließ den Blick von Hahli nicht los. Nur, dass er ihr die Zunge raus streckte und hechelte. Die Matoranerin kicherte kurz, bevor sie weiter sprach.

„Ich weiß ja nicht, was alle gegen dich und deine Freunde haben. Du scheinst mir ein nettes Rahi zu sein. Komm, ich stelle dir wahre Helden vor. Na los!“

Verzweifelt versuchte Hahli, den Protodermis-Burnak dazu zu bewegen, sich zu rühren und ihr zu folgen. Doch egal, ob eine aufbrausende Geste oder ihr ungeduldiger Blick, das Rahi saß da wie fest geschmiedet.

„Ach ja, warte!“, Hahli hob ein paar Beeren vom Boden und zeigte sie mit munterem Blick dem Burnak... Doch so munter sie auch wirkte... ihr Lächeln war schnurstracks verschwunden.

Was im folgenden Moment passiert war, ließ der Matoranerin die Eingeweide zufrieren. Kaum hatte sie dem Rahi ihr Futter zur Schau gestellt, wandelte sich seine Miene zu einem verderben-ankündigendem Blick und ehe sie reagieren konnte, war der Protodermis-Burnak mit großen Setzen auf sie zugesprungen. Hahli versuchte, mit aller Kraft zu rennen, sie schaute nicht mal nach hinten, dachte nicht mal an die spitzen Krallen und die gehässigen Zähne... Ihr Herzschlag glich einer Detonation, die Angst hielt sie am Arm fest. Gerade wollte sie um Hilfe schreien... als mächtige Pfoten sie zu Boden drückten, sie durchstieß ein greller Schmerz am Rücken, als sich die Klauen in ihre Rüstung bohrten. Und in Windeseile waren die Bäume, die Büsche und Pflanzen an ihr vorbei gerauscht... Sie fühlte nur noch, wie etwas Kaltes ihren Körper ummantelte... und es war weder die Angst, noch der Schmerz... es war die flüssige Protodermis...

* * *

Aodhan warf ein paar stumpfe Äste in das Lagerfeuer. Doch anstatt einer lodernden Flamme kokelte es nur ein wenig und ein kleiner Rauchfaden stieg auf.

„Geh endlich an!“, donnerte er und verfluchte den Moment, als das elendige Lagerfeuer ausgegangen war.

„Grr!“, es klang wie das Knurren eines hungrigen Löwen ehe Aodhan seine Faust ballte und in kürzester Zeit ein Feuerstoß aus seinen Fingern herauskam, dass die Feuerstelle endlich brannte. „Was wäre ich nur ohne meine Elementarkräfte!“

Der Toa saß sich zu Agni herüber, der gerade vertieft war in ein etwas älter aussehendes Buch. Agni war schon immer derjenige in seinem Team gewesen, der sich lieber uralte Schriften durchlas und die Rätsel eines alten Tempels löste, als ständig in einen Kampf verwickelt zu sein – das war er nun mal, kein gewöhnlicher Ta-Matoraner. Aodhan erinnerte sich noch genau, als er Agni das erste Mal begegnet war. Normalerweise verbringen die Matoraner seiner Art ihr Leben damit, in Schmieden zu arbeiten, Masken herzustellen oder irgendwo sesshaft zu sein, wo Lava fließt und Feuer zündet. Doch er war von Grund auf ein völlig anderer Typ... Er hatte damals in den ga-matoranischen Schulen gelehrt, hatte die Wissenshallen Ko-Zakaz' durchstöbert, aber nie war er der robuste, raue und draufgängerische Ta-Matoraner gewesen... Und dafür hatte er ihn irgendwie bewundert... Aodhan kannte viele Artgenossen, die Agni eher skeptisch gegenüber standen, hinter seinem Rücken kicherten, nur weil er Bücher anstatt Schmiedegeräte mit sich schleppte. Aber für Aodhan war eins klar – wenn Agni nicht sein Weggefährte sein würde, wäre er nie soweit gekommen. Er war das Hirn seiner Mannschaft, immer gut für kluge Schachzüge, wenn es darum geht, eine Botschaft aus den Zeiten vor dem Zersplittern zu entschlüsseln, dann war Agni in seinem Element. Wie oft wäre Aodhan schon gescheitert, wenn sein Freund nicht dabei gewesen wäre? Und auf genau dieselben Stärken Agnis will er nicht verzichten wollen – nie.

„Was liest du da?“, fragte ihn Aodhan und lugte in sein Buch hinein.

„Ach das... ich dachte einfach, ich verbessere meine Kenntnisse über die Vortixx-Sprache...“

Aodhan betrachtete die Buchstaben genauer... nicht die runden und eckigen Lettern... geschwungene Linien, umgeben von Wellen und unakkuraten Punkten... Wie man sich dieses Gekrakel nur beibringen konnte, war für Aodhan ein einziges Mysterium.

„Wozu brauchst du das eigentlich?“ Der Toa schüttelte den Kopf, während Agni gerade etwas vor sich her summte.

„Na ja... Du weißt nie, ob dich das Schicksal auch ein zweites Mal nach Odina führt.“ Aodhan seufzte leise. Er würde ganz bestimmt nicht mehr dieses Loch besuchen wollen.

„Übrigens“, setzte der Feuer-Toa dann wieder ein, ohne einen weiteren Gedanken an die merkwürdigen Runen zu verschwenden, „hast du schon einen Plan, wie wir nach Artidax kommen? Vorausgesetzt, wir finden das erste Maskenteil?“

Agni überlegte kurz und schlug das Buch zu. „Da gibt es einen Tunnel, der von Daxia aus nach Voya Nui führt. Von dort wird es dann nicht mehr schwer nach Artidax zu kommen.“

Aodhan nickte kurz und wendete sich folgend von Agni ab und betrachtete Brander, der mal wieder mit Matau am streiten war. Schon interessant, wie sich beide angenähert haben.

„...Aber Turaga, wenn alle Rahi fliegen könnten, würde es das doch bedeuten, dass wir uns auch daran anpassen müssen! Ich meine, wir können nicht ohne diese Biester und sie nicht ohne uns.“

„Naiv bist du, Brander. Wir werden immer noch sein-dieselben, es gibt keine Mutation oder Bestreben nach fliegen! Die Anzahl an fleischverwöhnten Matoraner werden sich an Pflanzenfutter müssen-gewöhnen.“

„Wo ist da der Sinn? Ihre Jagdinstinkte werden noch deutlicher ausgeprägt sein und werden alles daran setzen, fliegen zu lernen und die Rahi in hohen Lüften zu erledigen!“

Aodhan hatte nicht weiter zugehört, ihn interessierte das Thema so viel wie ein alter Fels, der das Meer hinunter strömt. Aber selbst so etwas würde für Brander Anlass geben, um darüber ein tiefgründiges Gespräch zu führen. Er mochte es einfach, über die skurrilsten und wahnsinnigsten Dinge zu sprechen, selbst wenn sie so irrelevant sind und der Sinn in diesen Gesprächen schwerer zu finden ist, als eine legendäre Kanohi. Brander aber war es egal, ob etwas logisch erschien oder nicht. Er war waghalsig, ein Abenteurer, wie Aodhan es selbst nicht mal war. Wenn eine Mission rief, die Gefahren und vielleicht auch den Tod hätte bringen können, war Brander der einzige, der jubelnd in die Hände klatschte... Er brauchte dies, das Gefühl von Spannung, den Kitzel, das Risiko... Er war ein sehr grober Matoraner gewesen, er liebte es, Dinge mit seinen Waffen zu spalten oder einfach nur ein Gebäude voller Dunkler Jäger in die Luft zu sprengen... ja, das war er...

„Aodhan!“, der Schatten Branders hatte sich auf Aodhan gelegt.

„Was gibt es?“

„Ich bin sicher, du willst meinen Beeren-Trank probieren!“ Er hielt Aodhan einen hölzernen Becher vor die Augen, der gefüllt war mit purpurnem, dickflüssigen Saft.

„Du hast doch nicht wirklich lila Beeren genommen.“

„Aber ja doch!“

Er schüttelte den Becher in seiner Hand und nahm einen kräftigen Schluck. Aodhan jedoch fasste sich an die Stirn.

„Brander, wie oft soll ich dir noch sagen, dass der Trank dir für kurze Zeit deine Toa-Kräfte nimmt und du die ganze Zeit Krämpfe bekommst!“

Doch der Toa hörte nicht und nippte weiter an seinem Becher, bis er sich den lilanen Beerensaft aus seinem Mund wischte.

„Köstlich, mein Freund... Was sagtest du gerade?“

Aodhan winkte ihm ab und stand von seinem Platz neben dem Lagerfeuer auf... wenn es denn eine Sache gibt, die er an Brander nicht mochte, dann, dass er oft nicht zuhört und manchmal seine Befehle einfach verweigert. Einmal hatte es dazu geführt, dass ein Schwarm Fikou sie durch die Wüste Destrals gejagt hatte, nur weil Brander es nicht lassen konnte, ihre Schwärme in Frieden zu lassen. Manchmal geht seine Lust nach Risiko auch nach hinten los...

„Warum kann ich kein Feuer speien! Hilfe, ah! Wo kommen bloß die Krämpfe her?“

Aodhan ignorierte seine krächzende Stimme und ging einen Waldweg entlang. Ihm war gerade nämlich eingefallen, dass jemand fehlte... Hahli war noch immer nicht zurück. Und das, obwohl schon eine ganze Stunde vergangen war.

Aodhan wanderte an einem Busch voller Beeren entlang... sie waren alle gepflückt, zumindest die meisten. Die Fährte war also nicht ganz falsch. Und dann, es tauchte urplötzlich in seinem Augenwinkel auf... ein Protodermis-See.

Gedanken flogen ihm plötzlich durch den Kopf, Fragen zwängten sich in seinen Schädel und sein Unterbewusstsein befürchtete etwas... Hätte es sein können?

Er rannte dem schwarz glänzenden Teich zu, hackte die nervigen Riesenblätter aus dem Weg und stand nun da – und da saß jemand... Aodhan prasselte sofort dieser Name durch den Kopf, doch er wusste, sie war es nicht... obwohl sie ihr ähnlich aussah...

Nein, Tuyet saß nicht vor ihm. Es war Hahli...

Und sie war eine Toa...

* * *

Hahli saß inmitten des hohen Grases, das den Protodermis-See umgab. Sie schreckte nicht auf, als Aodhan sie gerade entdeckte und sich an das Herz fassen musste... Was kümmerte sie das jetzt alles...

Sie schaute auf ihren Körper hinab... da, da waren doch gerade noch die winzigen Beine, die hellblaue Rüstung und die kurzen Arme... Jetzt war sie doppelt so groß, ein silbriger Brustpanzer umgab sie und ihre Hände waren einfach nur riesig geworden. Wo vor wenigen Minuten noch das kleine, aufgeregte Herz einer Ga-Matoranerin schlug, spürte sie Unmengen, Massen an Energie, die durch ihr Innerstes strömten, in jede einzelne Pore... so fühlte es sich also an, eine Toa zu sein...

„Hahli, du bist ja...“ Sie stand auf und ging an ihm vorbei... Er sollte es nicht aussprechen, dieses Wort...

„Wohin gehst du, warte!“

Sie beachtete nicht, wie Aodhan ihr nach spurtete, versuchte, etwas zu brabbeln. Aber in dem Moment wollte sie nichts hören, gar nichts.

Und auf einmal kam Hahli das Bild eines Sterns durch den Kopf... dieser helllichte, blaue Fleck mitten auf einem schwarzen Tuch... Der Toa-Stern... es stimmte also alles, sie hatte es vermutet... Sie war damit gemeint, es war ihr Schicksal, sie sollte eine Toa werden... und sie wurde es...

Dabei ist es doch gar nicht die ganze Bürde, diese Verantwortung... sie hatte Gefallen an diesem Abenteuer gefunden, so anstrengend es bis hier her war und so schrecklicher es noch werden würde... Es ist nicht, dass sie die Ehre nicht genießen will, die eines Toa... Sie fühlt sich einfach... unwohl, als ob dieser Körper nicht für sie geschaffen ist... Wenn sie in eine ungemütliche Wohnung eintritt und nur im Türrahmen stehen bleibt, genau dasselbe Gefühl empfindet sie in dem Moment auch... Sie war jetzt auf Augenhöhe mit Aodhan, ihre Kanohi Kaukau hatte vielleicht ungewöhnliche Kräfte und sie konnte die Meere dieses Universums kontrollieren... aber... wird es je dasselbe sein, wie es Aodhan, Agni und Brander tun? Mit dieser Bereitschaft, dieser Euphorie? Würde sie ihren Körper annehmen können, ihre Fähigkeiten kontrollieren können? Sie spürte die Energie, die von ihrer Brust aus bis in die Fingerspitzen und Füße stach... Doch es war zu viel, eine Dosis, wie sie es nicht verkraften kann... Als wenn sie zu viel Früchtesaft aus Metru Nui geschluckt hätte...

„Hahli, ich weiß ja gar nicht, wie ich damit umgehen soll, ich meine...“

Sie drehte sich schlagartig zu ihm und starrte direkt in seine roten, erschrockenen Augen... Merkwürdig, mit ihm jetzt auf Augenhöhe zu sprechen... Sie hatte irgendwie keine Angst mehr, ihn direkt anzufauchen.

„Hör zu, ich bin immer noch Hahli. Noch keine Toa, sondern...“, sie verzweifelte, schlug ihre Arme gegen die Hüften, „Es hat sich nichts verändert, versteh' es!“

Genervt stampfte sie weiter, zurück ins Lager... obwohl sie sich diese Blicke sparen würde, wenn sowohl Agni, Brander als auch Matau sie mit offenen Mündern anstarren und nicht kapieren werden, was geschehen ist... Sie wünschte, sie hätte diesen Moment in ihrem Leben einfach übersprungen...

Kapitel 12: Die Kraft des Hassens

„Oh, Hahli, eine Toa!“

„Das gibt’s doch gar nicht, die keine Matoranerin!“

„Und, was empfindest du?“

„Endlich kannst du dich auch so kräftig fühlen!“

„Wie eine zweite Version der ehrenhaft-wirklichen Tuyet!“

Hahli hätte sich die Ohren mit den alten Fragmenten des Luftschiffs zukleistern können. Sie hatte immer gedacht, so viele Fragen kann nur Turaga Whenua stellen... aber sie hatte sich geirrt. Frustriert hatte sie sich aber dann doch überreden lassen, ihnen die Geschichte zu erzählen. Sie mied solange ihre strahlenden Blicke...

„Ich ging einfach so Beeren sammeln, als ich diesen Protodermis-See erkannt habe. Ich dachte mir nichts Böses und habe einfach vorbei geschaut. Da steht dann plötzlich dieser monströse Protodermis-Burnak -“

„Beim Auge des Karzahni! Der letzte dieser Spezies!“

Hahli ignorierte Agnis Aufstöhnen und setzte einfach fort. „- vor mir. Er sah aus, als wolle er Beeren haben, ich gab sie ihm und dann springt er mich einfach an. Na ja, das Vieh zerrte mich in den See und als ich wieder heraus kam, war ich eine Toa. Kurz darauf erschien Aodhan.“

Sie klebten an ihren Lippen wie köstliche Riku-Gräten, allein ihr Gesichtsausdruck verriet Hahli schon, dass sie weitere Millionen von Fragen hatten und wenn sie nicht gleich etwas sagen würde, würden sie sie mit ihrem lästigen Ersuchen überfluten.

„Es ist nichts spektakuläres für mich, eine Toa zu sein, also macht euch nichts draus.“ Sie kicherte kurz und wollte sich von der Feuerstelle entfernen, einfach nur weg von den Toa und Matau, für das erste...

„Halt, Hahli! Wo willst du hin!“ Sie spürte Aodhans Hand auf ihrer Schulter, löste sich jedoch schnell von seinem Griff.

„Bei aller Liebe, Hahli, geh nicht! Es wird bald Abend, die perfekte Zeit für wilde, hungrige Rahi!“

„Als ob ich nicht aufpassen könnte, ich gehe ja nicht tief in den Dschungel!“, entgegnete sie und schenkte ihm einen abwertenden Blick.

„Aber du hast ja erlebt, wie du von einem Burnak angegriffen wurdest. Das soll nicht noch mal passieren!“

Die Worte kamen an wie tausende von Kanoka-Disks, die ihren Körper winselnd zu Boden warfen.

„Willst du mir sagen, ich bin es nicht würdig eine Toa zu sein? Dass ich das alles nicht packe, dass ich versage, ich kleine, naive, tollpatschige Ga-Matoranerin, die nichts auf die Reihe kriegt und nicht mal vorher von euch erfahren durfte, dass ich eine Toa werde? Ihr wisst doch alles über mich!“ Sie hatte sich in letzter Zeit noch nie so wütend angehört, doch Aodhans ängstliche Miene ließ sie vollkommen kalt.

„Hahli, das war so nicht gemeint!“

Doch sie wendete sich dem Feuer-Toa kein zweites Mal zu und verschwand hinter dem Dickicht des Dschungels. Aodhan sackte zu Boden und musste entsetzt stöhnen. Er bemerkte kaum Matau, wie er zu ihm her gehumpelt kam und ihm tröstend die Schulter tätschelte.

„Mach dir daraus-nichts. Ich weiß von Tuyet, dass du warst-anders nicht. Erinnerst du dich? Damals, der kleine Ta-Matoraner, der Lava-Farmer aus Artidax?“

Aodhan hob den Kopf in Richtung der Stelle, wo Hahli gerade durch gestampft war. In seinen Gedanken sah er vor sich einen Matoraner des Feuers, und da war Toa Tuyet... und im nächsten Augenblick wurde der Matoraner zu einem Toa... Er war zornig, winkte Tuyet genervt ab und ging einfach fort... dabei war es nicht sie, der er nicht vertraute... sondern ihm selbst... Seine ganze Überheblichkeit... Hahli sollte nicht dasselbe durchleben...

* * *

Noch nie hatte Hahli die Manas-Grillen so laut zirpen hören und es musste schon sehr lange her gewesen sein, seit dem ihr ganzer Körper sich wie ein brodelnder Vulkan anfühlte. Sie bebte, in ihrem Inneren hatte sich die Wut bis an ihren Hals geschäumt und sie stampfte so hart gegen den sumpfigen Boden, sodass sie hinter sich eine Spur von kleinen Kratern hinterließ. Oft stieß sie ihren Kopf gegen einige der Äste, hatte sie doch vergessen, dass sie jetzt fast doppelt so groß war wie vor wenigen Stunden.

„Blöder Urwald!“, schrie sie genervt und riss das elende Dickicht von seinem Baumstamm. Es half ihr nicht gerade, ruhiger zu werden, es machte sie noch aufgebrachter.

„Au!“

Ehe sich Hahli umsehen konnte, war sie schon längst mit dem Gesicht in einer matschigen Pfütze gelandet... Sie musste sich wohl an einer dieser furchtbaren Wurzeln gestoßen haben... Sie wünschte sich, sie hätte die Kraft den ganzen Baum zu entreißen...

Mühselig stand die Toa auf, rieb sich den Dreck aus der Kanohi Kaukau... der Zorn war ihre Protodermis, ihre Adern, die bis in die Fingerkuppen reichten... Es war, als wäre sie eine Marionette, als ob die Wut ein Puppenspieler war, der ihre Hand zu einer Faust ballte und in nur wenigen Sekunden gegen einen Baumstamm schlug. Holz splitterte vor Hahlis Augen und sie keuchte, fletschte die Zähne, gleich einem wilden Rahi. Sie spürte zwar, wie ihre Hand von dem Aufschlag wehtat, aber ihre Empörung übertrumpfte jeden ihrer anderen Sinne.

„Was mach ich bloß?“ Hahli sank ihre ausgestreckte Faust und atmete tief ein. Was hatte es für einen Sinn den Urwald auseinander zu nehmen, einfach hier im Dschungel zu traben? Sie lehnte sich gegen den Baum und setzte sich hin. Ihr Herzschlag war so erhöht, dass selbst die unendlichen Grillen sich anhörten wie ein leiser Windhauch. Die Toa sah sich noch einmal ihre Hand an, sie schmerzte immer noch ein wenig, aber bei diesem Aufschlag war es schon erstaunlich, dass die Protodermis nicht aus ihren Fingern quill... Doch erst jetzt bemerkte sie, dass ihre gesamte Handfläche gepanzert war, ihre blaue Haut war ummantelt von einem silbernen Schutz.

„Hat mir einiges erspart“, murmelte sie dann und schaute gen Himmel. Die riesigen Blattkronen ließen nicht einmal die untergehende Sonne durchscheinen... ob es überhaupt möglich war, dass der Regen hier durchfällt...

Hahli wischte sich den restlichen Matsch aus ihrer Maske und dachte in dem Moment an Aodhan... So sehr er ihr ans Herz gewachsen war... Aber er sollte gefälligst nicht den Überraschten spielen, wenn er nicht wusste, dass Hahli eine Toa wird, wer dann? Und dann tut er auch noch so, als ob das Hahli alles überfordern würde... War es nicht genug Beweis, mit nach Odina zu kommen, nicht einmal zu jammern und für ihn die Gefangene zu spielen?

Sie drückte sich noch mehr gegen die Baumrinde... und bemerkte, wie etwas gegen ihren Rücken stach... Schnell wich Hahli zur Seite und betrachtete den maroden Stamm: Nichts, kein bissiger Käfer und Rinde, so weich wie Wollrüstungen. Was hätte es dann sein können? Hahli umging den Baum, schenkte ihm von allen Seiten einen genauen Blick...

„Was war das?“, fragte sie sich erneut und kratzte sich kurz an der Stelle, wo gerade noch ein gewisses Etwas sie gestochen hatte.

„Moment“ - sie hatte etwas bemerkt... irgendwas war in ihrem Rückenpanzer... aber was und wie? Ohne darüber nachzudenken griff sie hinein und spürte, wie etwas Warmes zwischen ihren Fingern glitt... und dann zog sie dieses Ding aus ihrem Panzer – und erschrak beinahe.

Es war eine Art... Armbrust... Ein Metallfaden, der zum Abschuss bereit war und die dunkelgraue Apparatur in ihrem Ganzen... Eine echte Toa-Waffe...

„Wie funktioniert das nur?“ Hahli zielte genau auf einen neben stehendem Baum, zog an dem Metallfaden und -

Zack!

In nur wenigen Sekunden war ein giftgrüner Energiestrahl durch die Luft geflogen und traf den Baum, dass ihm fast seine gesamten Äste und Blätter abfielen.

„Takea-mäßig“, kommentierte Hahli und musterte ihre Waffe noch einmal. Sie glänzte förmlich, hatte diese Ausstrahlung, diese Energie... Die Waffe war wie eine Verlängerung ihres Armes, verschweißt mit ihr. Gerade noch, wo sie ihre Wut schäumen fühlte, beherrschte jetzt ein Fluss von Energie ihren Leib. Und irgendwie kam es Hahli plötzlich so vor, als würde in der Nähe Wasser rauschen... Sie sah in Gedanken das Meer, die Riku-Fische. Ihr Blick fiel dann auf den Baum. Auf irgendeine Weise war er nicht mehr das lose Holz und die paar Blätter... Für Hahli war er hauptsächlich eins: Wasser.

Es war überall in dem Baum, sie sah es, zwischen der Rinde, auf den Blättern, im Kern der Pflanze. Und auf einmal hob Hahli ihre Hand, streckte sie in Richtung des Baumes. Sie ballte ihre Finger erneut zu einer Faust und von einem Moment zum nächsten sah sie, wie ein Wasserteppich aus dem Baum heraus floss, vor ihre Hand.

Ja, sie benutzte ihre Elementarkräfte. Und es fühlte sich fabelhaft an. Wie ein kaltes Bad an einem heißen Tag auf Metru Nui, ein Tauchgang im Ga-Metru-See. Und Hahli wollte mehr davon.

Ruckartig schwenkte sie ihren Arm zur Seite – und der ganze Baum explodierte förmlich, gefolgt von einem Strom Wasser, der die Rinde und Kruste durchbrach und den ganzen Waldweg flutete und nur Matsch hinterließ.

„Das ist für dich, Aodhan!“, spottete Hahli und ein böses Grinsen breitete sich auf ihrer Kanohi aus. Sie hatte gerade eben noch über die Unmengen an Energie geklagt, wie ungewohnt es doch für sie war – aber im Gegenteil. All ihre Fragen waren jetzt beantwortet, sie würde eine echte Toa sein, euphorischer als je zuvor! Nun fühlte sie sich wohler in ihrer Rüstung als in ihrer eigenen Behausung, höher als jeder Gukko, freier als die Metru-Nui-Bisons und kräftiger als ihre Mitstreiter. Denen würde sie es noch zeigen, sie für blöd zu halten.

„Meine Kaukau!“, bemerkte Hahli dann und strich sich durch das Gesicht. Soweit sie informiert war, war es die Maske der Unterwasseratmung – und je mehr das Wort durch ihren Kopf hallte, desto mehr wollte sie sie ausprobieren.

Sie rannte durch den Wald, erfreute sich nicht genug an ihren Fähigkeiten, auf der Suche nach einem tieferen Teich. Und nach einigen Metern sah sie ihn, zwischen dichten Urwaldblättern, einen kleinen Bach. Sie nahm ihre Armbrust zur Hand und schoss durch das Dickicht, bis der ganze Weg frei von grünem Zeugs war. Hahli näherte sich dem Teich, ging auf die Knie, bereit abzutauchen. Sie wollte nicht mal Luft holen – sie war überzeugt, ihre Maske würde sie überleben lassen.

„Auf geht's“, waren ihre letzten Worte, bis sie mit einem Ruck ihren Kopf gen Wasser stieß – doch etwas hielt sie ab.

Hahli, lass es!

Es kam so plötzlich, dass Hahli zurückwich und rücklings zwischen dem Gras landete. Diese Stimme, die sie immer und immer wieder gehört hatte – und die ihr doch weiterhelfen sollte.

„Geh weg!“, kreischte Hahli und rappelte sich wieder auf.

Nicht, bevor du verstehst.

„Was verstehen? Die anderen sollen wohl eher verstehen, dass ich bereit bin!“ Sie wollte Anlauf nehmen, doch wieder erklang die Stimme.

Du bist noch keine Toa!

„Ach ja? Hast du meine Kräfte nicht gesehen? Ich hau' jeden Makuta weg!“ Langsam ging es ihr mächtig auf den Senkel, dass irgendjemand sie abhalten wollte, ihr Leben zu genießen. Wer war diese Stimme denn schon, sie hatte keine Macht über Hahli.

Vertraue mir, Hahli. Gebe mir die Möglichkeit, dir etwas zu erzählen!

Hahli wollte eigentlich nicht mehr hören – aber dann beschloss sie doch, sich vom Teich abzuwenden – und mit jemanden zu reden, der gar nicht mal existiert. Zum Glück war niemand hier gewesen, sie würden sie für eine Toa halten, die ihr Hirn mit Wasser geflutet hätte.

Es ist ein unglaubliches Gefühl, diese Kräfte, Hahli. Aber du weißt nicht wie du sie benutzen kannst.

„Oh doch!“

Nein! Toa-Kräfte sind da, um den Matoranern zu helfen. Um Frieden zu schaffen! Wer sie für sich selbst einsetzt und seinen Freunden schadet, ist kein wahrer Toa. Du musst lernen, sie richtig einzusetzen, deine Energie zu kontrollieren. Erst dann wirst du von allen eine Toa genannt werden.

Hahli seufzte. Vielleicht hatte diese Stimme nicht ganz unrecht... aber trotzdem, wenn sie mit ihren Fähigkeiten umgehen soll, dann muss sie doch erst mal schauen, was sie denn alles kann. Zum Ausprobieren eben.

„Hör zu, ist ja alles ganz gut. Doch jetzt will ich meine Kanohi Kaukau testen.“ Sie wandte sich dem Teich zu, als -

Sie wird dich umbringen!

Hahli fuhr es eiskalt durch der Körper. „Was meinst du mit... umbringen?“

Du törichte Ga-Matoranerin! Erst wenn du dein Schicksal eingesehen hast, bereit für deine Mission bist, wird dir deine Kanohi helfen und dich als dein Diener erweisen. Nie, niemals wirst du Unterwasser atmen können, wenn deine Kaukau nicht erlebt hat, wie deine Bestimmung erfüllt ist!

Hahli merkte, wie ihr der Mund offen stand... die Bilder flogen ihr wieder durch den Kopf, wie sie ihre Armbrust wutentbrannt benutzt hatte, den Baum zersplittern ließ... und wie sie sich vielleicht unfreiwillig das Leben genommen hätte...

Hahli, deine Taten waren nicht fern von denen Toa Dumes. Er war ebenso besessen von seinen Fähigkeiten, abhängig von der Energie und skrupellos sie einzusetzen. Werde nicht wie Dume! Geh zurück zu Aodhan, zu den Toa und Turaga Matau. Du bist keine schlechte Toa... nur beweise es... nicht dir, nicht Aodhan... sondern denen, für die du kämpfst!

Die Toa sackte zu Boden zusammen. Sie fasste sich an die Stirn und in ihre Augen stießen Tränen... Ihr war zu weinen zumute, sie war doch so ein Stück Elend! Wie, wie konnte sie einfach glauben, bereit zu sein... für diese Bürde... wer hat ihr gesagt, sie sei eine vollständige Toa? Sie war doch erst am Anfang von allem... Und dann tauchte Aodhan in ihren Gedanken auf... Er hat sich doch gewissermaßen zurecht Sorgen gemacht... Er wollte ihr nur helfen, sie schützen... Und Hahli wies ihn zurück... was wäre sie dabei nur ohne ihn... Vermutlich hätte sie es nicht mal geschafft, am Hafen von Odina anzukommen...

„Hahli!“

Ihr Herz machte einen Hüpfer, als sie ihren Namen hörte – und als Toa Aodhan zwischen den Büschen erschien, da konnte sie nicht anders. Sie rannte auf ihn zu, während die Tränen ihre Wangen runter kullerten und den Toa dann in den Arm nahm.

„Hahli, was war passiert?“

„Aodhan, es tut mir leid, so... so einfach nur leid!“

Sie schluchzte laut und der Feuer-Toa drückte sie fester gegen sich.

„Denkst du, ich war anders? Als ich ein Toa wurde, war ich auch wütend auf alle, sie wollten sich um mich kümmern... doch ich fühlte mich entschlossen...“

Sie antwortete nicht, sondern wischte sich die Tränen aus den Augen... Es beruhigte sie, dass das eigentlich alle durchgemacht haben... alle Toa, auch Aodhan...

„Es wird gleich Nacht, lass uns zurückgehen.“

Er ging Hahli voraus und sie folgte ihm. Sie wollte eigentlich noch fragen, was es mit dieser Stimme auf sich hatte, die sie ständig auf den richtigen Weg hielt... doch sie ließ es dann... jetzt brauchte sie nur noch eine warme Decke und viel Schlaf...

Kapitel 13: Im Schiffswrack

Matau musste laut seufzen. Es war schon tief in der Nacht und er war immer noch nicht eingeschlafen. Er drehte sich zur anderer Seite um, wo er die schlafende Hahli im Blick hatte. Der Turaga erschreckte immer noch, als er ihren eleganten Körper sah, die niedliche Kanohi Kaukau, unter der gerade noch der Körper einer Matoranerin war und jetzt eine Toa diese Maske trug. Wie viele Toa hatte Matau schon kommen sehen... doch ihre Missionen waren nichts im Vergleich zu dem, was Hahli noch bevorstehen würde... sie wird lernen, das Abenteuer wird ihr Meister sein und am Ende wird sie ihr Schicksal erkennen und Dume stürzen. Ja, Matau zweifelte nicht, dass Hahlis Bestimmung wichtiger sein wird, als die aller Toa in diesem Universum zusammen. Sie wusste noch nicht, wie düster Dume werden kann...

Es war eine Nacht, so ruhig wie seit Wochen nicht mehr. Nur die langweiligen Tage in Le-Stelt überboten noch diese Stille. Und das, obwohl man annahm, in dem Wald würden grausame Verbrecher, als auch bestialische Rahi ihr Unwesen treiben.

Matau drehte sich wieder auf die andere Seite und erkannte Brander, wie er regungslos vor dem Lagerfeuer saß und ein mattes Licht seine Rüstung beleuchtete. Matau musste lächeln, als er Brander sah. Eigentlich hätte er Wache halten sollen – aber er war scheinbar eingenickt. Tja, der Toa war in Mataus Augen ein sehr unsorgfältiger Typ. Nicht nur, dass er bei den Diskussionen mit dem Turaga seltsame Quellen zitiert („Der Großfürst von Po-Visorak hätte die Jagd nach Luft-Rahi längst verboten!“), auch sonst hatte Matau das Gefühl, er nimmt die Sachen zu locker. Schon mehr als acht Mal hatte Brander vergessen, wo er seinen Feuer-Speer hingelegt hatte und am Ende war er immer an einem anderen Ort zu finden.

Wieder drehte Matau sich um. Er hasste es, wenn er nicht einschlafen konnte, das war einfach fürchterlich. Und er wusste nicht, was ihm fehlt... Vielleicht war es wirklich dieser glitschige Beerensaft... Aber das sollte jetzt kein Thema sein, mit einem Ruck stand Matau auf und ging durch das Lager. Wenn, dann würde er wenigstens warten, bis ihm die Augen zufallen, anstatt sich im sandigen Boden zu langweilen. Beim Absturz des Luftschiffs ist er jedenfalls glimpflich davon gekommen... Sein rechter Arm tat immer noch weh, er musste sich auf seinen Stab stützen, denn auch seine Beine waren etwas angeschlagen. Es sah viel mehr aus, wie ein grünes Artidax-Huhn, was durch den Dschungel hüpfte.

Matau erblickte die Schrottberge zu seiner Seite: Überall lagen kaputte, nutzlose Metallteile, Glassplitter und Protodermis-Drähte. Er nahm sich ein loses Metallteil und begutachtete es.

„Unnütz“, murmelte er, als er das Baustück durch die Luft warf. Dann ging er langsam durch die Ruine und schaute sich immer wieder um. Technik war vielleicht nicht gerade das, was ihn brennend interessiert... aber was sollte er sonst die ganze Nacht lang tun? Gerade hielt er ein Teil des alten Steuerrads fest.

„Ob man damit etwas kann-bauen?“ Er überlegte kurz, wobei er sich gegen das Kinn strich. Wenn er denn schon kein Techniker war, dann eher ein Künstler. Früher, als Le-Matoraner auf Metru Nui hatte er im Urwald seiner Heimatstadt die Baumkronen so geschnitten, dass sie aussahen wie Masken und berühmte Toa.

Mit seinem nicht geschwächtem Arm grub Matau durch den Haufen Schutt, fand etwas, das so aussah wie ein Teil der Fassade und band dieses und das halbe Lenkrad mit einem Draht zusammen. Im Anschluss kämpfte er sich durch tausende von Einzelteilen, die irgendwie noch miteinander verbunden waren und befreite den Kopf eines Hebels von seinem Stahlbolzen und setzte ihn auf seine Figur drauf.

„Wie Brander sieht-aus es nicht!“ Er schenkte seinem Werk einen abgeneigten Blick und warf es schließlich zurück zu den anderen Schrottteilen.

„Ah, sieh an!“ Matau entdeckte kurz darauf das hintere Heck des Luftschiffes, was scheinbar noch ganz war und das nun aussah wie ein Höhleneingang. Der Turaga widerstand nicht, dort einen Blick drauf zu werfen.

„Leise-sein, Matau“, sagte er zu sich selber, als er bemerkte, dass sein Marsch durch das Wrack ein ziemlich lautes Rascheln hervorhob. Er wollte die anderen doch nicht aufwecken.

Kurze Zeit später war Matau drin. Es sah aus wie ein übergroßes Lager, an den Seiten waren leere Regale, während einige Stücke der Fassade noch den Boden bekleideten.

„Baumtastisch“, flüsterte Matau, überwältigt von der Schiffsruine. „Wieso habe-gesehen ich nicht das Lager während unserer Fahrt? Ich wohl-war zu sehr mit Brander beschäftigt.“ Er schenkte jeder Ecke, fast schon jedem Millimeter einen musternden Blick. Klar, in dem Raum war nichts drin und auch sonst hatte es nichts Spektakuläres an sich. Matau hatte nur an Metru Nui gedacht... seine frühere Hütte, irgendwie sah sie dem Lager ähnlich. Nur fehlten die Lianen und der dichte Blätterwuchs, aber sonst... Matau liebte es einfach zu sammeln, jedes Geschenk, jeder ungewöhnlich ausschauende Stein, er hatte sie alle in seinen Regalen verstaut. Als Nokama oder einer der anderen Turaga ihn oft besuchten, mussten sie oft die Augen verdrehen. Aber so war er eben, Matau...

In dem Moment kamen ihm die Gesichter des Rats der Ältesten durch den Kopf... er hatte nicht einen Tag nicht an sie gedacht... Er hoffte jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde umso mehr, dass sie bald wieder aus ihrem Schlaf erwachen würden... und wenn das alles vorbei ist, wird er sie wiedersehen, gesund, glücklich... und frei.

Matau streifte durch die Schiffshalle... doch... was war das gerade eben?

Klack.

Schon wieder! Er hatte irgendwie das Gefühl, er war nicht allein. Der Turaga ging auf eine der Regale zu, fixierte sie noch schärfer und erwartete jeden Moment, dass er hier etwas Lebendes drin sehen würde. Als er dann am Ende des Wracks ankam, waren all seine Fragen jedoch schnell geklärt: In der hintersten Ecke, im dunkelsten Fach hockte ein kleiner Hotu-Käfer, seine zimperlichen roten Augen und seine Schuppenhaut waren sofort erkennbar.

„Ah, ein kleiner Käfer“, Matau streckte den Arm raus, doch der Hoto, so groß wie seine Hand, wich ängstlich zurück und presste sich gegen die Wand.

„Hab keine Angst“, seine Stimme hatte noch nie so sanft und hoch geklungen. Der Hotu bewegte sich nun langsam zu seinen Fingerkuppen und schnupperte an seiner Hand. Matau kicherte kurz, bis das kleine Rahi auf seinen Arm hochgesprungen ist und in Windeseile auf seiner Schulter saß.

„Meine drei Toa-Freunde werden dich mögen-bestimmt... Hey, warte!“

Matau schreckte auf – der Hotu war mit einem Satz von seinem Körper auf den Boden gesprungen dass er dabei dumpf aufschlug scherte das Rahi kaum was. Es krabbelte zu einem Haufen Wrackteile und verschwand durch einen kleinen Schlitz. Matau folgte diesem und grub zwischen dem Berg an Schutt und kaputten Schiffsteilen.

„Du kannst-fliehen doch einfach nicht so!“ Er grub das lästige Zeug zur Seite, schmiss die Fassadenstücke und Drähte auf den Boden, machte alles frei vom Schrott – und da saß er schließlich, der feuerrote Hotu, wie er sich winselnd im Kreis drehte. Er zirpte dabei, als wäre er das glücklichste Rahi dieses Universums.

„Mach' das nicht nochmal, oder ich werde-geben dir einen blöden Namen! Aber so richtig!“ Der Hoto schien nicht zu hören, er deutete mit seinen winzigen Fühlern nur auf das, worunter er gerade stand.

Und erst jetzt begriff Matau. Er räumte noch einige weitere Wrackstücke weg und wich zurück – was gerade vor ihm stand, war ein Exo-Anzug. Er kannte solche noch aus seiner Zeit als Toa: Damals kämpfte er mit Whenua gegen ein gigantisches Unterwassermonster, dabei halfen ihm diese Exo-Toa-Rüstungen. Na gut, Whenua hatte es auch alleine geschafft, aber das Gefühl in so einem Anzug zu stecken... Man fühlte sich so stark wie eine ganze Armee von Toa.

Matau betrachtete die Rüstung genauer. Es war eine Inschrift einsigniert.

„Exo-Turaga. Hergestellt in Karda Nui“, las er vor und staunte. Das solche Sachen aus Karda Nui kamen, waren nun wirklich nichts Besonderes – wenn etwas Innovatives produziert wird, dann doch im Herz des Universums. Viel mehr überraschte ihn, dass es auch Exo-Rüstungen für Turaga gab. Sollte er... ihn vielleicht nicht ausprobieren? Was hatte Matau schon zu verlieren, mit seinem verdrehten Arm wirkte er nur wie das hilflose Gafna in der Gruppe.

Matau richtete den Exo-Turaga auf, der ein wenig größer war als er. Der kleine Hotu sprang dabei zurück auf seine Schulter.

„Elegant“, kommentierte Matau, klappte die vordere Luke auf, ehe er sich hinein setzte, das Rahi hatte ihn stets begleitet. Danach betätigte er einen Hebel, als plötzlich Schnüre aus Protodermis wie Schlangen auferwachten und sich um seine Arme kreisten, sie einrahmten. Ein lautes Ruckeln tönte durch die Ruine, als sich die Luke wieder schloss und Matau ein Energieblitz durch seinen gesamten Körper fuhr.

„Argh“, kreischte er, bis es wieder aufhörte – und im nächsten Augenblick bewegte er seinen Arm – und stattdessen regte sich eine massive, gepanzerte Hand, in ihrem Griff ein gezacktes Schwert.

„Beim Hikaki!“, Matau war seine Freude nicht abzuerkennen, er lachte wie ein Matoraner beim Lianenschwingen.

„Was diese Waffe wohl kann-alles?“ Er streckte seinen Arm nach vorne, als er sein Schwert durch die Luft stieß und so tat, als ob er gegen eine Horde wilder Vortixx kämpfen würde.

„Nimmt dies, elende Trottel. Moment, was ist -“ Wo gerade noch eine Klinge war, waren jetzt zwei messerscharfe Rotoren, die den gesamten Schutt zur Seite bliesen. Kurz darauf schwenkte Matau seinen Blick zu seinem anderen Arm. Statt einer normalen Hand mit fünf Fingern sah er jedoch nur ein Körperteil, der einer schweren Kanone gleicht.

„Wenn das mal kein Schusshorn ist!“ Matau zielte auf die Decke des Schiffslagers, kniff die Augen zusammen, um diesen einen Punkt zu treffen.

„Wir sehen uns, altes Luftgefährt!“

Knall!

Der Schuss war so laut und heftig, dass Mataus Exo-Turaga zu Boden fiel, der Hoto sich ängstlich im Steuersitz versteckte und die gesamte Schiffsdecke von einem gigantischen Loch durchbrochen war.

„Den ziehe-aus ich nicht mehr.“ Matau richtete sich mit seinem Exo-Turaga wieder auf und verließ die Lagerhalle, stolz und voller Bereitschaft einem Skakdi die Zähne einzuschlagen. Er schwang sein Schwert erneut, als ob er sich mit den Skakdi duellierte – doch vor ihm war gewiss keiner... Es war eher Brander, der völlig erschrocken vor Matau stand und dem beim Anblick des Turaga der Mund aufklappte.

„Das hättest du nicht erwartet, alter Feuerling. Endlich können wir unsere Streitigkeiten nach traditioneller Art schlichten.“

Kapitel 14: Die Elemente kontrollieren

Hahli beobachtete, wie Aodhan, Agni und Brander die nötigsten Sachen zusammenpackten und in ihre Taschen verstauten. Es war alles dabei, von gelben Beeren bis Klingen, die nach und nach in den Beuteln verschwanden. Zu Matau wollte sie kein weiteres Wort mehr sagen – er hatte einfach Spaß daran, mit seinem Exo-Turaga regelrecht zu spielen.

„Diese Kraft! Gigantomatisch!“, freute er sich immer wieder und wedelte mit seinen Rotoren oder piekste Brander mit seinem Kanonenarm. Der hatte jedenfalls seit einigen Stunden nicht mehr mit dem Turaga gesprochen, er war neidisch, dass er nicht auch eine Exo-Maschine gefunden hatte. Wenigstens, Hahli hätte ihm ihren geschenkt, wenn sie denn einen hätte. Diese ganze Sache von unendlicher Energie, Stärke und den Toa-Kräften hat sie ziemlich ruhig gestellt. Sie würde sich am liebsten selber schlagen für diese Fehler, die sie jüngst begangen hatte...

„Hahli, du guckst so traurig?“

Aodhan hatte sie angesprochen, eine Tasche um seine Schulter tragend.

„Ach, es ist nichts!“, erwiderte Hahli, sie wollte jetzt nicht über ihre Probleme sprechen... Es sollte einfach weiter gehen.

„Du weißt, wenn irgendetwas nicht stimmt, du dich allein, verlassen, am Boden fühlst, egal was... Sag's mir einfach.“

Die Toa beschloss, ihm nichts zu entgegnen. Sie hatte nur die Grube vor Augen, das war ihr Ziel...

„Hör mal, ich habe da eine Idee. Ich kann dir beibringen, deine Elemantarkräfte besser zu kontrollieren. Wenn wir an einem Fluss oder See ankommen, kann ich dir ja ein paar meiner Tricks zeigen.“ Er zwinkerte kurz, während beide aufbrachen und Agni, Brander und dem heiteren Matau folgten.

„Na ja, was spricht schon dagegen?“, antwortete Hahli schulterzuckend. Ihre Wanderung führte sie nur durch weitere Passagen voller Bäume, Sträucher und Dickicht... der Boden wurde immer matschiger und die Waldkronen immer dichter, Hahli bekam das Gefühl nicht los, es war schon wieder Nacht geworden.

„Matau hat endlich was zum Amüsieren“, bemerkte Aodhan, als der Turaga einen dicken Ast mit einem Schlag durchschnitt und das Holz vor Branders Füße landete. Hahli sah aus dem Augenwinkel, wie dieser sich ein zorniges Knurren unterdrückte.

„Und Brander etwas zum Aufregen“, war Hahlis Reaktion und Aodhan musste leise lachen. Für den Rest des Weges sagte jedoch keiner der beiden ein weiteres Wort, Aodhan war vorneweg mit Matau unterwegs, während Agni und Brander sich unterhielten. Hahli hörte ihnen nicht wirklich zu, wenn Brander jedoch laut „Vo-Matoraner sind nicht anders als wir!“ schrie, war ihr wieder klar, dass es einer dieser merkwürdigen Themen war. Hahli vertiefte sich in ihre Gedanken... Bilder tauchten auf, Erinnerungen... da sah sie Metru Nui, den Silbernen See und wie die flüssige Protodermis leise gegen die Buchten peitschte. Sie sah Ga-Metru, den Hafen, wo sie früher immer mit Kotu angelte... es war, als ob ihre Seele durch ihre alte Heimat schweben würde, und all ihre Pracht, für die sie berühmt war, genießend anschaute. Sie wollte diese Schönheit zurück und dafür wollte sie schleunigst diese Mission beenden...

Die Toa dachte weiter nach... und eine Kanohi Komau erschien vor ihrem geistigen Auge... Vhisola...

Sie hatte schon längere Zeit nicht überlegt, was mit ihr passiert ist... Hahli glaubte, dass die Matoranerin irgendwie überlebt hatte, wie sie... das Schicksal kann nicht so ungerecht sein, nur weil Hahli eine Toa sein sollte, sollte sie nicht die einzige Überlebende von so vielen Matoranern sein... sie hoffte für alle Flüchtlinge, sie würden am Leben sein und den Kampf, den unermüdlichen Widerstand gegen Dume fortsetzen.

Gerade war die Gruppe an einer Art... steinernen Mauern vorbei getrabt. Sie wirkten wie die Wände einer alten Stadt, oder was auch immer es war.

„Aodhan!“, johlte Matau dann plötzlich. „Mein Hotu fühlt-angezogen sich von dieser Umgebung. Hier muss etwas Besonderes sein...“

„Was macht dich so sicher?“

„Er war es doch, der diesen perfekt-echten Exo-Anzug entdeckte. Seine Fühler sind wert-mehr als Diamantschmuck.“

Hahli entdeckte, wie Mataus Hotu an seinem mechanischen Arm zappelte und herum tollte. Irgendwie fand sie den Käfer schon niedlich... kleine Rahi-Wesen die so zart und weich aussahen, hatten schon immer etwas an sich, dass man sie sofort in die Hand nehmen will und nie wieder loszulassen versucht.

„Vielleicht ist er einfach nur böse auf dich, weil du ihm ein solch schrecklichen Namen gegeben hast!“, gaffte Brander auf einmal dazwischen und verschränkte die Arme. Hahli musste ihm leider zustimmen, Matau hätte sich wirklich etwas besseres einfallen lassen als -

„Feuerrosa ist also ein grottiger Name?“

„Natürlich! Matau, jeder Gadunka erkennt, dass wir Tas rote Rüstungen tragen. Rot ist unser ganzer Stolz. Aber doch nicht rosa! Was soll das für ein Element sein?“

„Gut, ich geb's ja zu. Aber der hat mich mitten in der Nacht aufgeweckt und mit mir Verstecken gespielt, dafür wollte ich ihn bestrafen!“ Hahli lachte kurz auf. Hoffentlich gab es auf diesem langen Höllenmarsch noch einige andere Momente zum Kichern.

* * *

Mehrere Stunden später machte die Truppe einen ersten Halt an einem kleinen Flussstrom. Aodhan verpasste die Gelegenheit nicht und zog Hahli sofort zum Wasser heran.

„Also“, sprach er in der Manier eines ko-matoranischen Lehrers. „Hahli, die Elemente sind die wichtigste Waffe eines Toa. Eisen mag rosten, Protodermis vielleicht brechen – aber deine Elementarkräfte werden nie, ich schwöre dir, niemals von dir weichen. Es sind die Kräfte, die dir einen Lichtblick im schwierigsten Kampf geben.“

Hahli nickte einfach nur und sah einiges Moos und Blätter den Fluss entlang schwimmen – der Herbst würde also wieder kommen. Sie hatte es schon an den etwas kühleren Temperaturen bemerkt, es war längst nicht mehr der heiße Sommer gewesen.

„Beschreibe doch einfach, was du gefühlt hast, als du deine Kräfte zum ersten Mal verwendet hattest.“

Hahli seufzte kurz, während sie überlegte. Eigentlich hätte sie das nicht vergessen können. „Nun, ich habe Metru Nui gesehen... ich sah das Wasser rauschen... und das Meer von Ga-Metru, ich habe mich beim Angeln gesehen, dann waren noch diese Riku-Fische!“

Mit jedem Wort weiteten sich Aodhans Augen mehr aus. Es schien, als ob er sich freuen würde eine so aufmerksame und fleißige Schülerin zu haben.

„Gut, Hahli. Deine Elementarkraft ist nichts Anderes als dein tiefes Verlangen, dein Wunsch eins zu sein mit deiner Heimat. Zusammen geschweißt mit deinem ganz persönlichen Element... du siehst also Metru Nui, dein Zuhause? Du musst wissen, Wasser bedeutet Vergänglichkeit... und Wiederkehr. Schau!“

Er deutete auf den Fluss hinter Hahli, wo gerade die Blätter den Bach hinunter strömten.

„Das Wasser treibt die Dinge davon, es ist ein perfektes Element, um Dinge zu vergessen, auf die du nicht stolz bist. Es verändert seine Umwelt, die Ga-Matoraner sind berüchtigt dafür, ihre Häuser gerne umzugestalten... Aber alles kehrt auch wieder, es gibt keinen Kreislauf, ohne dass Wasser darin fließt.“

Aodhans Worte hallten in Hahlis Kopf wider... Leichtes Vergessen hatte er erwähnt... Die Toa wusste nicht recht, ob sie wirklich sich so schnell an manche Dinge nicht mehr erinnern will oder ob es ihr leicht fallen würde zu vergessen... immerhin... Ihr kleines Missgeschick vor einem Tag, als sie vor Aodhan und den anderen floh, sich mächtig fühlte... bis hierhin hatte sie wenig darüber nachgedacht... Und Veränderung... Hahli mochte ihre Hütte eigentlich nie neu dekorieren... aber hatte sie nicht irgendwann doch das Gefühl gehabt, etwas zu verändern? Eigentlich war sie nicht als risikofreudige Matoranerin bekannt... aber als Dumes Schreckenspläne ans Licht kamen, konnte sie nicht anders, als alles aufs Spiel zu setzen, um ihn zu stürzen...

„Ga-Matoraner sind schwer einschätzbar, Hahli“, Aodhan musste dabei breit lächeln, „man weiß nie, ob sie heute mit dir Angeln wollen oder am nächsten Tag schon wieder etwas komplett anderes tun wollen.“

Hahli senkte ihren Blick zu Boden. Das brauchte sie nicht zu bestätigen, wenn jemand unentschlossen war, dann sie. „Nun denn. Wenn du die Elementarkraft des Wassers beherrschen willst, musst du den Strom in dir spüren. Fühle, wie du atmest und die Protodermis in deinem Körper nicht bebt, schweben tut oder kocht... sie soll fließen. Ja, probier' es!“

Hahli überlegte erst kurz, bevor sie sich an den Flussrand stellte und ihre Hand raus streckte... Wie sie das wieder anstellen sollte... Sie konnte doch gar nicht spüren, geschweige denn nachvollziehen, was ihre Protodermis jetzt tut... Sie musste laut seufzen, ehe sie ihren Arm anspannte... Jetzt sollte eigentlich etwas passieren, irgendwie muss doch vor ihr ein Wasserstrahl erscheinen... nicht?

„Ich mache etwas falsch“, meinte Hahli, doch Aodhan schüttelte den Kopf.

„Nichts ist falsch. Du musst eins sein mit dem Wasser. Du musst es fließen spüren.“

Hahli verdrehte heimlich die Augen... Aodhan gab ihr so seltsame Hinweise, sie hatte keinen Schimmer wie sie das anstellen sollte. Sie dachte nach... und plötzlich... sie sah es! Den Naho-Wasserfall, sie paddelte in einem Kanu durch die Stromschnellen ihrer Heimat, ihre Protodermis war das Meer...

„Hahli, ja!“

Nur durch Aodhans hysterisches Jubeln bemerkte sie erst, dass vor ihr eine Kugel aus Wasser schwebte. Das Wasser, in dieser Form, unter ihrer Herrschaft... Doch zum nächsten Moment... etwas war schief gelaufen... die Blase hatte sich ruckartig aufgelöst und es tropfte zurück in den Fluss. Bevor Aodhan sie aufforderte, es noch einmal zu versuchen, hatte sie ihre Hand bereits wieder gen Fluss gehoben. Und wieder kamen ihr diese Bilder vor Augen, genau dieselben... aber nichts regte sich, nicht ein kleiner Wasserfleck.

„Aodhan, was ist los?“, winselte Hahl. „Ich mach' genau dasselbe wie vorher, aber nichts passiert!“ Sie spannte ihren Arm so sehr an, dass es fast schon schmerzte.

„Hahli, der Kreislauf. Deine Gefühle! Lass sie fließen.“

Die Toa spürte ihr Versagen, merkte, wie sie in jeder Körperzelle verzweifelte... das alles sollte weg, hinfort... sie wollte die Entschlossenheit in ihrem Körper spüren, von Kopf bis Fuß, in jedem Gelenk.

Und wieder schaffte sie nichts. Der Fluss peitschte durch den Urwald, doch sie hatte nicht die geringste Kontrolle über das Wasser. Innerlich wuchs in Hahli die Wut... Sie zornte, knurrte und trat gegen einen anliegenden Baum.

„Hahli, nein! Jeder Toa hat seine Probleme, gedulde dich, bitte!“ Aodhan versuchte sie zu beruhigen, doch schon im nächsten Moment plumpste Hahli zu Boden.

„All dieses Zeugs... Ich werde es nie schaffen...“

„Sag so etwas nicht. Denk' nur daran, dich nie von deinem Hass leiten zu lassen.“

„Aber scheinbar ist es der einzige Weg, meine Kräfte zu bändigen!“

Aodhan musste tief Luft holen.

„Hast du nicht zugehört, Hahli? Wasser ist kein Hass, keine Aggression oder Gewalt. Wenn es kein Wasser gäbe, würden Milliarden von Rahi nicht existieren. Es ist eine Spenderin von Leben, von Frische und neuem Selbstvertrauen. Es ist vielleicht eins der komplexesten Elemente... Aber wer es beherrscht, wird so viele Matoraner, Toa und Turaga glücklich machen, das kannst du dir gar nicht ausmalen.“

Hahli stützte ihren Kopf gegen ihre Hände und versuchte, Aodhan nicht in die Augen zu schauen... Eigentlich war das alles nicht unrecht, was er sagte... Aber er musste verstehen, sie war einfach nicht dazu erschaffen, eine Toa zu sein... sie war nichts mehr, als eine Matoranerin, die an sich selbst verzweifelt und nicht mal im Stande ist, die Tugenden eines Toa zu verinnerlichen.

„Was hat das für einen Sinn, ich bin doch nur -“

„Ich verbiete dir auszusprechen, was immer du auch sagen wolltest! Hahli!“, er fasst sie an den Schultern und schüttelte sie kräftig, als hoffe er dadurch, dass sie endlich seine Botschaft versteht. „Ich will dir etwas zeigen. Agni, kommst du her?“

Nur Bruchteile von Sekunden später hatte sich der zweite Feuer-Toa zu ihnen gesellt und grinste beide mit einem schiefen Lächeln an. Hahli war jedoch jegliche Lust auf einen guten Witz vergangen... was wollte Aodhan ihr denn noch beibringen, jeder vernünftige Lehrmeister hätte sie als hoffnungslos erklärt... umso mehr bewunderte sie sein Durchhaltevermögen.

„Was ist Feuer für dich?“, fragte sie Aodhan. Hahli zuckte die Achseln.

„Ich sehe nur warme Dämpfe und die glühenden Öfen der Maskenschmiede.“

„Genau das war Feuer für mich auch. Die Wärme eines guten Lagerfeuers, wie es Wesen verschiedenster Art und Wohnort zusammen verknüpft und ihnen Wärme und Schutz bietet. Es ist das glimmende Licht im düstersten Tunnel dieser Welt und die Substanz, die die härtesten Mauern nieder schmilzt und getrennte Freunde wieder vereint. Wer auch immer Feuer mit Zerstörung, Folter und Wut verbindet, läuft auf den Wegen Dumes. Wer die Macht dieses Elements nutzen möchte, muss spüren, wie die Protodermis in seinem Körper zum Vulkan wird. Guck zu!“

Er entfernte sich ein wenig von Agni, beugte sich in die Knie und hob beide Arme. Dann drehte er sich einmal um die eigene Achse, sprang in die Lüfte und schoss einen Feuerstrahl auf Agni zu, dass das Glühen sich in Hahlis Augen widerspiegelte. Die Luft war hitzig, Hahli wurde es heiß auf der Stirn, als der Strahl rasend an ihr vorbei flog, direkt auf Agni. Der Toa war indes ebenfalls hoch gesprungen, fuchtelte mit seinen Arm und schlug direkt mit seiner Faust ins Feuer, als dieses ihn gerade treffen wollte... Als Hahli danach sah, was passierte, ließ es sie so unbeschwert fühlen, wie nach einem entspannten Tag beim Fische fangen... Was sie erkannte, dafür war da Wort „Schönheit“ nicht ausreichend... es war mehr als das, umwerfend und bezaubernd... Was gerade noch ein bedrohlicher Feuerstoß war, war gemündet in einem kleinen Regen aus bunten Feuerbällen... in allen möglichen Nuancen kamen sie zu Boden, ob das gelb einer Odina-Banane, dem Grün der saftigsten Waldblätter, dem Blau eines strahlenden Himmels und Feuerfunken so rot wie eine Tulpe im schönsten Blumenbeet... Da schwanden sie, sie Farben des Feuers, rieselten sanft zu Boden und waren im nächsten Moment verschwunden...

„Du denkst vielleicht, ein Feuer-Toa sollte brodelnd wie ein Vulkan sein... und ja, das soll durchaus so sein. Aber aus seinem Schlund soll keine Verwüstung speien... sondern Freundschaft... Vereinigung, Frieden. Hast du gesehen, Hahli? Jedes Element kann durch einen Schattenweg kontrolliert werden... aber den Pfad der Freiheit zu gehen wird den Zauber deiner Elementarkraft entfalten.“

Hahli konnte es nicht übersehen, dass Aodhan sie für die nächste Zeit anstarrte... Erwartete er, dass die Toa eifrig zum Fluss stampft und sich überzeugt fühlt? Nun ja, es hatte sie schon fasziniert und wer weiß, was die Kraft des Wasser anstellen kann... Aber... Sie war noch nicht bereit dafür... der Moment sollte später kommen, an dem sie stolz sagen wird, sie ist eine vollständige Toa...

Je länger sie hier rasteten, desto unangenehmer wurde es... jedes Mal, wenn Hahli zum Fluss blickte, befürchtete sie, dass Aodhan aufspringen würde und sie über ihre Elementarkraft belehrt und sie endlich aufzwingt, seinen Weg zu gehen... Es war schließlich nicht überraschend, dass sie die erste war, die vorschlug weiterzuziehen...

* * *

Die Bäume wurden mit jedem Bio, die die Gruppe ging, überraschenderweise immer kleiner. Hahli hatte gedacht, das Herzstück des Dschungels würde ihnen noch bevorstehen... Aber sie waren scheinbar schon längst daran vorbeigelaufen. Mittlerweile reihten sich zu ihrer Linken und Rechten tote, verdorrte Sträucher und wo Hahli gerade noch die ersten Herbstblätter sah, hatte sie das Gefühl sie wurde in den Sommer zurück katapultiert: Temperaturen, so heiß wie in den Dörfern der Ta-Matoraner. Die Blätter hier hatten eine dicke, klebrige Schutzschicht und die ersten Kakteen waren nicht mehr fern von diesem Pfad.

„Ist das Sand?“, hatte Brander sich gewundert, als das hohe Gras sich mit einem Schritt in goldene Körner gewandelt hatte.

„Ja, die berüchtigte Knochen-Wüste von Odina“, antwortete ihm Agni, als sie aus dem Urwald austraten und Hahlis Füße sich anfühlten, als würden sie auf Lava gehen. Die Wüste also... und auch der Name versprach keine angenehme Reise...

Es vergingen zwei weitere Tage, Hahli hatte sich insgeheim gefreut, dass es hier so gut wie keine Flüsse, geschweige denn einen Tropfen Wasser gab. So konnte Aodhan sie wenigstens nicht ständig damit nerven, ihre Elementarkräfte zu testen und zu üben.

„Jetzt weiß ich, warum sie ihre Verbrecher hier hin schicken“, klagte Brander und wischte sich die schweißnasse Stirn trocken.

„Ich dachte als Feuerling gewöhnt-ist man an solche Hitze“, fragte Matau den Toa.

„Schon, aber nach einem bio-langen Marsch entwöhnt man sich ein wenig an heiße Temperaturen.“ Die Müdigkeit war unüberhörbar, als Brander weiter wie ein schlapper Burnak durch die Wüste stiefelte, Agni ihm hinterher, während Matau immer noch wegen seines Exo-Toa feixte. Aodhan stand auf einem größeren Sandhügel und starrte in die leere Gegend, aber Hahli bezweifelte, dass er hier irgendwas faszinierend fand... Nur Staub und Dust, zwischendurch ein Kaktus, der aussah wie eine riesige, verschrumpelte Bohne. Hahli bekam immer wieder das Gefühl, ihre Rüstung würde in der prallen Sommersonne einfach so schmelzen.

Ein weiterer Tag verging, zumindest tauchten wieder ein paar Bäume auf: Palmen ragten aus den Sandkörnern und ein paar Grasflächen waren auch nicht mehr weit.

„Wenn die Palmen euch Hoffnung schildern, dann steht ihr kurz vor der Grausamkeit der Grube“, sagte Aodhan und wandte sich an seine Gruppe. „Wir sind bald da!“

Die Reaktionen waren eher zurückhaltend. Natürlich munterte es Hahli ein wenig auf, dass es nicht mehr fern war... aber wer drei Tage durch die hitzigste Wüste dieses Universums marschiert, vergisst einfach, wie man sich richtig freuen kann.

„Aodhan, siehst du das?“, hatte Brander dann plötzlich gesagt und hechelte zu ihm nach vorne, zeigte mit dem Finger auf den Horizont.

„Was soll da sein? Ich sehe nur Sand und Palmen“, entgegnete Aodhan, man merkte, er hat jetzt keine Lust mit Brander zu reden, wahrscheinlich war er der Ansicht, der Toa sah wieder eine dieser Gelegenheiten, um blöde Gesprächsthemen aufzureißen.

„Nein, schau doch! Ein Dorf!“

„Ein Dorf?“ Aodhan versuchte etwas zu erkennen, auch Hahli gesellte sich zu ihm. Doch weder sie, noch er erkannten etwas, das so aussah wie eine Ansammlung an Häusern.

„Brander, die Wüste macht dich fertig. Es ist bestimmt nur eine Illusion.“

„Aodhan, warte. Ich sehe es auch!“ Agni schritt zu der Truppe und versuchte Aodhan ebenfalls klar zu machen, was er sah. Dieser wollte gerade etwas erwidern, doch schon im nächsten Moment war Brander den Hügel runter gerutscht und rannte windeseilend dorthin, wo er das Dorf vermutete. Es half nichts, dass seine Mitstreiter nach ihm riefen, oder verzweifelt „Warte!“ kreischten. Dann rannte auch Agni los, bis ihm die anderen drei folgten.

Hahli hatte eigentlich große Mühe zu rennen, dass sie anfing zu keuchen und ihre Lunge sich anfühlte wie ein staubiger Stein. Die Luft war wie unsichtbares Feuer, das sie einatmete.

Und augenblicklich – Hahli war überzeugt, Brander würde sich irren – aber es war genau umgekehrt der Fall. Da war wirklich eine Art Stadt, Häuser aus Sandstein mitten in der Wüste, umgeben von einem Wall aus Palmenblättern.

„Brander, du hattest ja Recht!“, zeigte Aodhan Einsicht, als sie eintraten. Aber etwas stimmte nicht – wo waren die Bewohner, die Wachen am Eingang und die Arbeiter, die wild umher laufen müssten?

Stille beherrschte das Dorf, nicht eine Sache regte sich... und Hahli umfuhr Angst... Was hatte das zu bedeuten? Eine verlassene Siedlung, mitten in der Wüste... Plötzlich kam ihr ein furchteinflößender Gedanke... Hätten die wilden Rahi sie nicht alle auffressen können? Oder die Verbrecher sie alle umbringen?

„Ich habe kein gutes Gefühl hier?“, stotterte Hahli, doch Aodhan schien nicht zu hören. Er ging in eine der Hütten – und wich wieder schreiend zurück.

„Das müsst ihr euch anschauen!“

Alle folgten seiner Stimme und beim Eintreten ließ es Hahli den Magen umkrempeln. Da stand jemand, ein Matoraner, ganz gewöhnlich. Bloß... er war versteinert.

„Absurd“, murmelte Matau und wandte sich von dem Matoraner weg. „Moment“, rief er dann. „Hier sind noch mehr!“ Und tatsächlich: In den anderen Hütten waren überall Matoraner, versteinert...

„Agni, wie lässt sich das erklären?“, fragte Aodhan. Doch der Toa zuckte nur die Schultern.

„Wer weiß, welches fürchterliche Wesen hier sein Unwesen treibt... und die Kraft hat, alle zu versteinern... Wenn es uns eins lehrt, dann, dass unsere letzte Etappe nicht gefahrlos bleibt...“

Kapitel 15: Lügner

Die Wellen rauschten gegen die Bucht und monumentale Steinsäulen ragten aus dem Meer... Kleine, weiße Kristalle spülte die See an und bedeckten den sonst schwarzen Sand... eine Küste, die nicht gerade der perfekte Badestrand war, wurden auch seltsame Korallen und tote Sträucher angespült.

Hahli drehte sich um und sah eine riesige Steilklippe, die nur so von Dunkelheit beherrscht wurde. In ihrer Mitte war ein schwarzes Loch... der Eingang zur Grube. Ja, sie waren da, nach einem langen Weg, durch die Gefahren des Dschungels und der Hitze der Wüste waren sie hier... am anderen Ende von Odina, dieser fürchterlichen Insel... und sie standen jetzt davor, hier einzutreten... in die Grube, wo sich das erste Maskenteil befinden würde.

„Bereit, Hahli?“, hatte Aodhan sie gefragt. Es war das erste Mal, dass er mit ihr sprach, seit diesem Vorfall mit Hahlis Elementarkräften. Sie nickte nur kurz, bevor er eine Flamme in seiner Hand erzeugte und die Truppe eintrat...

„Wie schön, ein natürliches Licht zu haben“, sagte Aodhan dann leicht lächelnd. Wenn er Hahli damit irgendwie beeindrucken oder überzeugen will, dann ist das aber ein ziemlich schlechter Trick.

Sie gingen einen leeren, steinernen Tunnel entlang, hier und da tropfte es ein wenig, aber sonst war hier nichts.

„Bald müsste ein etwas größerer Raum kommen“, flüsterte Aodhan und ehe er seine letzte Silbe aussprach, sah Hahli, wie er durch einen Stein in den besagten Saal stürzte. Sie versuchte, nicht zu kichern, hielt sich die Hand vor dem Mund und war glücklich, dass der Toa es nicht merkte. Der Raum war fast kreisrund und reichte meterhoch, er war beleuchtet von einigen Kristallen, während an den Wänden tausende von größeren Löchern waren. Hahli schaute nach oben und musste stocken: Eine Glaskuppel, die den Blick auf das Meer offenbarte. Und zwischendurch sah sie riesige Takea, dessen Silhouetten passierten. Ihr wurde etwas mulmig zumute, tat ein Schritt zurück, und rempelte dadurch nur Agni an.

„Vorsicht“, murmelte er, ehe er im nächsten Moment auf etwas deutete. Und erst jetzt bemerkte Hahli, dass da jemand die Tür zum nächsten Gang bewachte...

„Willkommen“, sagte er mit einer so listigen Stimme, die sogar die Dumes um Welten überschlug. Es klang, als ob eine Schlange sprechen würde.

Die Gestalt war recht klein, nicht größer als ein Matoraner, bloß trug er einen Rothuka-Rotor am Rücken und hatte den Kopf eines Rahkschi... eine Kolonie-Drohne.

„Mein Name ist Irokk, Wächter der Grube.“ Er verneigte sich ein Stück und kniff seine Augen zusammen, als er die Truppe begutachtete. „Was ist euer Anliegen?“

„Eure Aufmerksamkeit“, sprach Aodhan und trat hervor. „Wir bitten Euch, die Tore für uns zu öffnen, und einen Gefangenen zu sprechen.“

Einen Gefangenen? Hahli wusste von diesem Teil des Plans noch nichts, sollte etwa ein Vertrauter Aodhans hier in der Grube hocken und das Maskenstück für ihn bereit halten? Das klang wirklich abstrus und Hahli hoffte, er dachte sich das nur aus, um in die Grube zu gelangen.

„So sei also Euer Wunsch, Toa?“

„Ich bestätige.“

Irokk schien zu überlegen, schaute in alle Richtungen, als würde er jedes dieser abertausenden von Löchern fixieren. „Liebend gern...“

Hahlis Herz sprang erleichtert in die Höhe... jetzt wäre also fast alles geschafft. Leider musste sie zugeben, dass sie sich zu früh gefreut hatte...

„...nur hat mir Königin Roodaka von Euch erzählt und mir befohlen euch solange zu peinigen, bis eure Protodermis-Atome zerstört sind. Rahi, greift an!“

Ein lautes Beben folgte seinen Worten und Hahli hatte innerlich geflucht. Sie wurden verraten, erneut, an allen Ecken und Enden dieser grauenhaften Insel! Hahli bemerkte, wie die drei Feuer-Toa ihre Waffen zückten, Matau seine Schusswaffe lud. Zögerlich griff sie nach ihrer Armbrust... Hoffentlich würde die Angst sie nicht so zittrig machen, dass sie nicht kämpfen kann... ja, kämpfen... ihre erste Auseinandersetzung stand bevor und sie versuchte nicht sich auszumalen, wie sie vielleicht hätten untergehen können.

Und im nächsten Moment rasten scheinbar hunderte von Rahi-Wesen aus den Löchern, Kane-Ra, Mana-Ko, Gukkos, Gafnas und Burnaks aller Arten rutschten die steilen Wänden hinunter und kamen direkt auf die Toa und den Turaga zu gerannt. Hahli hielt ihre Armbrust so fest wie möglich in der Hand, und als gerade ein Visorak auf sie springen wollte, schoss sie einfach – sie sah nicht hin, wie das Wesen leblos liegen blieb und eine Horde Burnaks es gerade zerstampften. Da kam plötzlich Brander vor sie gehüpft, ballte eine Faust und ein Feuerschuss hielt die Rahi auf, sie winselten, flohen.

Agnis Schwerter klirrten, als er einige Hikaki abwehrte und Aodhan... wo war der gerade? Hahli schaute sich um, versteckte sich hinter Matau, der gerade gefräßige Gukko weg wedelte.

„Tut mir leid, alte Kumpanen“, bedauerte er und schoss in ihre Richtung. Und auf einmal kam ein Gafna auf Hahli zu, noch einmal zielte sie genau, wollte feuern, als - eine Hand hatte sie weggezogen und sie wurde durch das Schlachtfeld getrieben. Sie schaute auf und sah Aodhan, der sie vorbei zerrte und den im Weg stehenden Rahi einen Feuerball zwischen die Augen schlug.

„Was macht du da?“, fragte ihn Hahli. Doch im nächsten Augenblick sah sie, wie er zu der Kolonie-Drohne trabte.

„Du willst deine Mitstreiter im Stich lassen? Lass mich los, Aodhan!“

„HAHLI!“, schrie er sie zurecht. „Sie werden es verstehen, jetzt versuch' nicht, mich aufzuhalten!“

Dann standen sie vor der Drohne, die einen Giftstab in Richtung Aodhan zeigte.

„Verbrenne!“, schrie der Toa und die Drohne wich zur Seite, daraufhin nahm Aodhan seine Schwerter und schlug ihm gegen das Kinn, dass er umfiel und bewusstlos liegen blieb. Aodhan und Hahli rannten schließlich den Tunnel entlang und die Geräusche kämpfender Rahi, das Geschrei und das Klirren der Schwerter wurde immer leiser.

„Sie werden's packen“, flüsterte Aodhan, als sie in einen weiteren Raum eintraten... und die Toa erschraken... wieder stand eine kleine Gestalt vor ihnen, doch wirkte er mehr wie ein Turaga, als ein Rahi... Anstatt einer Kanohi trug er den Kopf eines Vortixx mit zwei kleinen Hörnern und einen Stab mit einer violett leuchtenden Kugel war in einer seiner Hände.

„Einen guten Tag“, begrüßte sie das Wesen. Weder Aodhan, noch Hahli antworteten, waren sie doch von seinem Aussehen erstaunt...

„Mein Name ist Elturagi, fragt nicht nach meiner Geschichte, sie ist zu schrecklich für diese Welt. Genarbt von Lügen und Betrügern... Seid ihr welche?“

Hahli runzelte die Stirn... Warum wollte er das wissen? War er ein Wächter? Was tat er überhaupt hier in diesem Raum, diesem Gang?

„Verzeiht, wir verstehen nicht richtig...“

„Was ist euch unklar? Seid ihr Betrüger?“

Immer noch antwortete keiner der beiden... was sollten sie auch schon sagen? Was nützte es überhaupt mit einem so zimperlichen Wesen zu reden, wenn vieles auf dem Spiel stand?

„Ich denke, wir würden euch nicht betrügen -“

„Oh doch, das könntet ihr. Ich spüre euer Verlangen, in die Grube einzutreten... doch bis dahin müsst ihr euch meinem Test unterziehen...“

Ehe Hahli oder Aodhan etwas einwenden konnten, hatte eine violette Energiekette ihre Arme verbunden... was sollte das alles heißen?

„Ich werde euch zwei Fragen stellen. Jeweils einem von euch Toa. Lügt ihr mich an, wird der andere schmerzende Qualen erleiden... und vielleicht sogar sterben...“

Hahlis Körper wurde von purer Wut erobert... sie wollte sich nicht auf diese Spielchen einlassen, sie wollte in die Grube, dieses Maskenteil holen! Hinter ihnen ringen Agni, Brander und Matau um ihr Überleben und Elturagi stehlt ihnen ihre wertvolle Zeit... nicht zu vergessen, dass sie hierbei auch noch sterben könnten... und dann wäre die ganze Mission, das Schicksal des Universum gescheitert...

Hahli bemerkte, wie Aodhan sich wehren wollte, aber als Elturagi ihm einen kalten Blick zufallen ließ, wagte er es nicht mehr, etwas zu unternehmen.

„Die erste Frage geht an dich, Toa des Wassers... Hast du schon einmal deine Freunde schlecht behandelt?“

Hahli dachte nach – was für eine bescheuerte Frage, sie würde ihren Freunde nie etwas Böses tun... doch sie dachte nach, wenn sie doch etwas Falsches sagt, würde Aodhan vielleicht keinen Kopf mehr haben... Hahli ging ihr ganzes Leben durch, von ihrem ersten Tag auf Metru Nui bis zu ihrem letzten bisher... Weder Vhisola, noch Kotu hatte sie je beleidigt, geschweige denn etwas Hässliches gegen sie unternommen... doch... war da nicht diese eine Moment? Die Erinnerungen kamen in ihr hoch... einmal, auf Metru Nui...

„Nun... irgendwie... ja...“

Elturagi schaute sie an, als wolle er die ganze Geschichte hören. Doch konnte Hahli das erzählen? Sie traute sich nicht... vor Aodhan, das wäre doch einfach... total miserabel, unhöflich... Was würde er über sie denken? Aber sie konnte nicht anders, sie musste es tun...

„Es war auf Metru Nui. Meine gute Freundin Vhisola, ja... wir hatten uns zum Kikanalo-Reiten verabredet... ich wartete dann auf einer Farm in Po-Metru... und sie kam einfach nicht... es war stockfinster, tiefste Nach, als sie mich aufsuchte... ich war natürlich wütend, sie hatte mich völlig vergessen, weil ihr ihre Arbeit wichtiger war... dann gingen wir nach Hause... und ich habe sie stolpern lassen... aus Rache... Sie fiel ins Meer... ich wollte einfach nur Gleichgültigkeit und habe gar nicht bemerkt, dass sie sich in einer Alge verheddert hatte und fast ertrunken wäre... Nur mit Mühe hat sie sich gerettet und ich habe ihr bis heute nicht erzählt, was wirklich geschehen ist... wollte es wie einen Unfall aussehen lassen...“

Hahli senkte den Blick zu Boden... es war so fürchterlich... sie mied Aodhans Blick, der sie emotionslos anstarrte... Doch sie wusste, was er über sie dachte... sie hatte auch ihre schrecklichen Seiten.

„Du hast... die Wahrheit gesagt! Und nun zu dir, Feuer-Toa... Hast du jemals... gestohlen?“

Aodhan schaute ihn ablehnend an.

„Gestohlen? Ich? Niemals!“

Er kicherte kurz... aber dann verging ihm das Lachen wieder schnell...

Hahli spürte einen heftigen Energieblitz, sie zuckte zu Boden, ihr ganzer Körper, voller Schmerz... Wie Millionen von Schwertern fühlte sich dieser Energiestoß an, der ihren Leib vom Inneren her zerstückelte... Und in dem Moment war ihr bewusst... Aodhan war noch viel schlimmer als sie...

„Nein, stopp! Aufhören! Hört auf!“, kreischte er. „Ich erzähle Euch die Wahrheit! Ja, JA! Ich habe gestohlen, also bitte, bitte lasst es!“ Er schien so verzweifelt in seiner Stimme... und Elturagi schien aufzuhören, Hahli lag immer noch gekränkt am Boden... ihre Gliedmaßen waren schwach, sie atmete schwer... Am liebsten wollte sie weg von Aodhan...

„Hört zu. Als ich zum Toa wurde, hatte ich die Aufgabe von Tuyet erhalten, das Geheimnis der vier Maskenteile der Kanohi Vahi sicher zu wahren -“

Hahli wurde unwohl im Magen – er wollte doch nicht tatsächlich sagen, dass etwas mit den vier Vahi-Stücken nicht stimmte?

„Aber es kam der Tag, an dem ich nicht widerstehen konnte. Ich stahl einer der Teile und... ich habe sie verkauft... selbst als ich meinen Fehler erkannt habe, habe ich bis heute nicht herausgefunden, wo das Teil steckt...“

Hahlis Hand formte sich zu einer Faust... er war wirklich viel grässlicher als sie, sie wollte ihm nur noch in seine dreckige Kanohi Fualsi schlagen, wie konnte dieser Tölpel von Toa nur? Hahli rappelte sich, fletschte die Zähne. Sie ignorierte das leise „Tut mir leid“... Er konnte sich dafür nicht entschuldigen.

„Ihr habt... nicht gelogen. Und mit viel Glück lasse ich euch lebend passieren.“ Er verneigte sich und hinter ihm öffnete sich ein steinernes Tor, das den Weg frei gab zur Grube. Die Kette löste sich auf und die Toa traten ohne einen Laut zu sagen herein. Hahlis Wut schäumte nur so, wie würde sie den Rest der Mission mit diesem Toa nur ausstehen?

Kapitel 16: Po-Matoranische Insassen

Als sie eintraten, schaute sich Hahli um. Die beiden Toa liefen dann auf einmal eine hölzerne Treppe entlang und fanden sich auf einem langen Steg wieder... Hahli war schon überwältigt von diesem Anblick... eine riesige Luftblase, mitten im düsteren, von Riku-Fischen beheimateten Meer... und Zellen und Gefängnisse an allen Seiten... die Grube... Wenigstens etwas, das ihren Zorn ein wenig dämmte.

„Halte Ausschau nach Zelle achtundzwanzig“, erklärte ihr Aodhan. „Hör mal, Hahli“, fügte er dann noch an, „das mit dem Maskenteil war wirklich mein allergrößter, wirklich bescheuertster Fehler überhaupt... ich hätte mich dafür freiwillig an Takea verfüttern lassen. Es ist genau das Stück, dessen genauen Ort wir noch nicht kannten... Die ersten drei werden kein Problem sein, nur das vierte wird... schwierig... wegen mir...“

Hahli wollte ihm nicht antworten, sie schaute nur auf die Gefängnisnummern und blickte zwischendurch in die Zellen hinein. Wenn nicht gerade ein lebloser Körper drin lag oder nur zwei quietschgelbe Augen sie anstarrten, lehnten sich die Insassen gegen die modrigen Gitterstäbe, versuchten an ihnen zu rütteln oder gingen in ihren Gefängniszellen hin und her und murmelten etwas vor sich hin... Doch egal, wen sie sah... sie musste immer wieder aufschrecken... denn alle Gefangenen waren Matoraner... Ganz normale, gewöhnliche Bewohner, wie man sie vielleicht spielend auf der Oberfläche erwartet, die kleinen, sanften Körper... hier waren sie alle eingesperrt und Hahli bezweifelte nicht, dass sie hier unter Qualen und Wahnvorstellungen litten, dass ein Leben zwischen Gefängnisstäben das einzige ist, was sie noch kennen... vielleicht wurde ihn die Vorstellung von Harmonie und Frieden schon längst aus dem Leibe geprügelt...

„Sechsundzwanzig. Siebenundzwanzig“, zählte Aodhan die Zellen, bis er schließlich vor der ankam, in der das erste Maskenteil stecken sollte... die Achtundzwanzig...

Im Gegensatz zu all den anderen Zellen hatte diese jedoch keine Stäbe oder lose Holzbretter als Boden – es glich einer Höhle, tief dunkel und verwuchert von Algen und Moos... Wer auch immer hier gefangen war... es durfte kein gewöhnlicher Matoraner sein... oder jemand, der so rebellisch und revolutionär war, dass kein Vortixx und Skakdi der Welt ihn aushalten würde und ihn in die wohl grottigste und schändlichste Zelle des Universums einsperrt... und wer weiß, möglicherweise war hier wirklich ein Vertrauter Aodhans, der das Vahi-Stück bewachte.

„Hier sind wir. Das erste Teil der Kanohi.“ Aodhan atmete einmal tief durch – bald wäre sie geschafft, die erste Aufgabe, das erste Abenteuer fast überstanden.

Die beiden Toa traten in die Höhle und Hahli bemühte sich etwas zu sehen... sie spürte, wie sie auf dem kalten, felsigen Boden lief und mal auf eine Muschel trat und wie diese leicht zersprang. Dann entfachte Aodhan ein kleines Feuer und Hahli bot sich ein noch grausiger Eindruck der Zelle: Rissige Wände, aus dem Boden tropfte eine matschige Flüssigkeit und die hässlichsten Korallen, die die Toa je gesehen hatte türmten sich an den Seiten... sie sahen aus wie das Skelett eines Skakdi...

„Dekar?“, rief Aodhan dann in die Höhle hinein. War Dekar der Hüter dieses ersten Maskenstücks?

Knack!

Hahli wandte sich in das Innere der Zelle... es hörte sich an, als würden sich Felsen bewegen, auf den Boden fallen. Aodhan leuchtete die Wände ab – und zwei rote Augen, direkt auf dem Höhlenwall aufgetaucht, starrten ihn an. Hahli wich erschrocken zur Seite, als im nächsten Moment die Konturen einer Kanohi Kirill erschienen – und dann löste sich der Körper eines Po-Matoraners aus der Wand und trat hervor, seine gesamte Oberfläche war mit Staub und Korallen bedeckt... Doch was viel auffälliger war... er hielt etwas golden schimmerndes in der Hand, als hätte es nie in einer modrigen Höhlenwand gesteckt... das erste Kanohi-Stück der Vahi, der Maske der Zeit... Es sah dreieckig aus und als Hahli sich ihm näherte, spürte sie, wie sie langsamer wurde, wie alles anzuhalten schien, sich kaum bewegte... und dann senkte Dekar seine Arme, die in gelber Rüstung steckten, und die Toa hatte das Gefühl, sie wurde geschleudert... ihr ganzer Körper, wie er ruckartig ins Jetzt versetzt wurde.

„Toa Aodhan“, bemerkte der Po-Matoraner den anwesenden Toa. Seine Stimme war rau und er sprach langsam, zerrte jede Silbe auseinander.

„Dekar, fast fünfzig Jahre verbringst du schon hier dein Leben in der Grube. Mann, was du nicht alles durchgemacht hast, du hast den matoranischen Arbeiterwiderstand auf Odina angeführt! Du bist in die Geschichte dieses Universums eingegangen!“

Dekar antwortete ihm nicht, tat, als hätte er das alles nicht gehört oder als ob es nie so passiert wäre. Er drehte das Maskenteil in seinen Fingern.

„Von den Skakdi in diese miefige Zelle verbannt und von Toa Tuyet auserwählt, das eine Stück der Kanohi Vahi zu behalten.“

Der Po-Matoraner musterte immer noch die Kanohi, vielleicht hatte er ja vergessen, wie sie aussah nach so vielen Jahren in einer Wand.

„Wohl war, Aodhan. Legenden ranken sich um meine Person. Doch bin ich nur ein armer Po-Matoraner... mit einem mächtigen Artefakt in meinen Händen.“ Er warf das eine Teil der Vahi von einer Hand zur anderen. „Es hat mir in gewisser Weise... geholfen...“

Aodhan stutzte. Auch Hahli fühlte sich überrascht von dieser Aussage... nicht, dass es noch mehr Intrigen geben wird...

„Ohne dieses Stück der Vahi, das zwar nichts mehr als ein Viertel ist, aber dennoch die Stärke von hundert Masken hat, wäre ich möglicherweise schon Futter für Takea und Hannah-Krebse. Aber mit diesem Bruchstück habe ich hier überlebt... in diesem Drecksloch... wenigstens eine Sache, die mir noch den Glauben an mein Leben schenkte... ohne es hätte ich sicher nicht mehr meine Arme und Beine...“

„Soll das heißen -“, begann Aodhan. Hahli wusste jedoch mittlerweile genau, was das zu bedeuten hatte...

„Ja, Aodhan... Ich sehe keinen Grund, sie dir zu überreichen. Das Maskenstück ist mein, nur mein!“

„Du bist wahnsinnig! Erinnere dich an die Worte Tuyets! Du bist Teil ihres großen Plans, das Universum zu retten und jeden Sklaven, jeden Gefangenen zu befreien!“

Dekar knurrte, mit seiner tiefen Stimme klang es wie die Ankündigung des sicheren Tods.

„Du willst die Umstände nicht akzeptieren... dann muss ich wohl handeln!“

Auf einmal sprang der Po-Matoraner mit einem Satz auf Aodhan zu, klammerte sich um seinen Hals und schlug mit einem Stein gegen seine Kanohi Fualsi. Er schrie vor Schmerz, versuchte sich loszureißen von Dekar, ihn wegzuschubsen...

Hahli musste handeln. Sie rannte auf den Matoraner zu, packte ihn am Nacken und hielt ihn fest wie einen Burnak-Welpen.

„Zu früh gefreut, Mistbeutel“, entgegnete Hahli und streckte die andere Hand aus, damit Dekar darin das Vahi-Stück reinlegen sollte.

„Mieses Wassermonster!“, fauchte Dekar und mit einem Mal biss er Hahlis Finger, dass sie kreischte und sie Dekar losließ. Dieser versuchte den Eingang zu erreichen, doch Aodhan packte ihn am Fuß, schleuderte ihn wie einen Sandsack und schmiss ihn gegen die hinterste Höhlenwand.

„Brauchst du ein bisschen Wärme, Dekar?“ Aodhan streckte seinen Arm raus und ein Feuerstrahl kam auf den Po-Matoraner zu, dass der Wall in sich einbrach und Dekar an den Rand der Luftblase flog.

Aodhan, und Hahli, die sich von seinem Biss erholte, rannten ihm nach, und als sie ankamen, griff der Feuer-Toa zu seinem Schwert und packte es an Dekars Kehle.

„Das Maskenteil... oder dein Untergang.“

Dekar schaute noch einmal auf das golden schimmernde Bruchteil der Vahi. Abwechselnd betrachtete er dann Hahli und Aodhans Klinge.

„Na los!“, schrie Aodhan, ehe Dekar ihm widerwillig das Stück überreichte. Gerade wollte Aodhan sie ihm aus der Hand schnappen... doch den Toa durchfuhr plötzlich ein Schmerz im Schienbein... Dekar hatte ihn getreten, das Maskenteil an sich genommen und war mit einem Satz aus der Luftblase gesprungen.

Kapitel 17: Felsen-Fische

„Dieser verdammte Mist-Matoraner!“, rief Aodhan ihm hinterher. Aber was tat Hahli? Sie schaute Dekar hinterher, wie er so schnell er konnte schwamm, wie er die Horde riesiger Fische übersah, die einige Meter vor ihm ihre Runden drehten... Es hatte ihr schon einen Schreck eingejagt, als er einfach so geflohen ist... doch war das nicht die absolute Gelegenheit für sie? War das nicht der Moment, wo sie beweisen konnte, dass sie vielleicht doch eine Toa ist? Dass sich ihre Bestimmung nun erfüllt, ihre Maskenkraft ihr Zuhilfe stehen wird und sie diesen Schurken schnappen wird? Das Maskenstück an sich reißen wird und diese Mission erfolgreich beendet?

Eine Frage nach der anderen schoss ihr durch den Kopf – doch sie überlegte nicht lange, sie sprang aus der Luftblase heraus, überhörte Aodhans Versuch, sie aufzuhalten, und schwamm Dekar hinterher. Sie wusste, Po-Matoraner wie er hassten Wasser, er würde also nicht weit kommen und Hahli würde ihn einholen. Die Toa kam immer näher, paddelte mit ihren Armen, Dekar war nur noch einen Satz entfernt... Dann blickte er sich um und sein Entsetzen war ihm ins Gesicht geschrieben. Hahli nahm ihre Waffe, zielte auf seine Brust – und schoss... Ein helles Leuchten nahm ihr das Bild, wie Dekar ohne jegliches Bewusstsein, gelähmt und ohne Kraft zu Boden sank und zwischen den Schatten dieses schwarzen Meeres verschwand. Und vor ihr schwamm das Vahi-Stück, die Freude durchfuhr Hahli, als sie es an sich nahm und jubelnd hin und her schwamm... es war fast geschafft... jetzt müssten sie nur noch Matau, Brander und Agni zur Hilfe kommen... Doch... wenn das so einfach wäre... Hahli hätte laut fluchen können, nie durfte sie auf diesem Abenteuer nur für ein paar Momente ihr Glück genießen, schon würde sich etwas in ihren Weg bahnen... die gigantischen Fische kreisten um sie herum und ihre Fratzen, widerwärtig... ihre Augen waren nur zwei winzige Punkte, ihre Zähne glichen Klingen, ihre Zunge war eine Peitsche aus Feuer und ihre Flossen bestanden aus Felsen... Egal, welche Kreaturen es waren... aber Hahli saß mächtig in der Klemme...

Schnell zog sie ihre Armbrust hervor, doch da kam einer dieser Kreaturen an ihr vorbei gesegelt und riss sie ihr aus der Hand... Was sollte sie jetzt nur tun? Angst, Furcht durchfuhr ihre Atome... Sie wusste, da lag Aodhan gekränkt hinter der Luftblase... und bei seinem Anblick wollte sie es diesen Wesen erst recht zeigen, Aodhan sollte wissen, dass sie eine wahre Heldin ist. Und wenn, dann hatte sie schließlich ihre Fäuste! Hahli schwamm auf einer der Fische zu, wollte ihnen ins Auge schlagen... doch die massive Gesteinsflosse traf sie mitten ins Gesicht, gräuliche Qualen stießen ihr ins Gesicht... und Hahli fühlte, wie alles irgendwie unscharf wurde... waren das überhaupt noch diese Monster... oder nicht doch eher ein Steinkliff... sie wusste es nicht, nur dass ein weiteres Wesen sie genau an derselben Stelle schlug... und sie merkte, wie sie frei wurde und im Meer hin und her trieb... ihre Augen schlossen sich langsam... und bevor sich ihre Lunge mit Wasser füllen würde und sie ertrinken wird, sah sie einen rot-goldenen Fleck... Das... Das war doch Aodhan? Aodhan... ja, er war vielleicht ein Mist-Toa, eine Nervensäge... Bevor Hahli hier zu Grunde gehen wird, wollte sie noch einmal wütend auf ihn sein... Er hat ihr von Anfang an alles verschwiegen, dass sie zur Toa werden wird... dass er in Wirklichkeit ein mieser Verbrecher und Lügner ist und sie wollte sich nicht ausmalen, was er noch für dunkle Geheimnisse hatte...

Hahli...

Ach ja, diese Stimme... Was wollte die jetzt schon wieder...

Hahli... lass es fließen, lass deinen Strom an Gefühlen durch den Körper spülen... spüre, wie sich deine Wut wandelt... sonst wirst du auf den Wegen Dumes wandern...

Ihr kamen diese Worte merkwürdig bekannt vor... nur von wem stammten sie?

Es sind nicht meine Worte, Hahli, ja... Sondern die Aodhans...

Die Stimme hatte Recht... es waren wirklich Aodhans Worte...

Meinst du nicht, er hat dich mehr gelehrt, als dich hintergangen? Warum bewertest du die Dinge und Wesen nach ihren schlechten Seiten... willst du enden wie Dume, willst du das?

Hahli kamen die Bilder hoch... die Elementarkräfte... er wollte sie damit doch gar nicht nerven, nur, dass sie endlich ihre Bestimmung erkennt... er wollte ihr helfen... genauso wie damals, er hat sie aufgemuntert, als sie sich überschätze, überflog... Wenn er nicht wäre... würde sie dann spüren, wie ihre Wut fließt... hinfort fließt und sich diese seltsame Energie in ihr ausbreitet... wie sie das Wasser im Hintergrund rauschen hört und sie sich im Kopf mit Vhisola vereint sah?

Plötzlich wurde alles wieder schärfer... Hahli erkannte wieder die Riesenfische, das Meer... und sie sah ihre ausgefahrene Hand... und sie bewegte sie... und mit ihr kam ein Strudel aus Wasser, sie fühlte und erkannte, wie das Meer nach ihren Befehlen handelt. Sie formte einen Strom um sich und all die Wassermonster mit ihren Steinflossen und Feuerzungen wurden mitgerissen, Hahli hörte sie noch kreischen und jauchzen... und dann, sie breitete ihre Arme aus und der Durchmesser des Strudels wurde immer größer... bis die Wesen weggeschleudert wurden, in alle Richtungen verstreut und sie ängstlich davon schwammen...

Hahli war sich noch gar nicht bewusst, was sie gerade geschafft hatte... ihre Elementarkraft, sie konnte sie kontrollieren... und es fühlte sich so herrlich an, zu wissen, dass dieser Schritt nur einer auf dem Weg zur Freiheit war... Sie griff nach dem im Meer treibenden Maskenteil, steckte es in ihre Tasche und schwamm zurück in die Luftblase, zu Aodhan... Sie hatte ihm einiges zu sagen...

„Aodhan!“, jubelte Hahli... doch halt... sie hatte gerade Unterwasser gesprochen... wie sollte das gehen... sie war dessen hinsichtlich erschrocken... aber als sie das merkwürdige Leuchten von ihrer Kanohi Kaukau aus sah, konnte sie nur noch schmunzeln...

Kapitel 18: Letzte Hindernisse

„Hahli, ich bin so stolz auf dich!“

Sie hatten sich gefühlte Stunden in den Armen gelegen...

„Entschuldige, ich meinte natürlich Toa Hahli...“

Hahli musste laut lachen... es war wohl eine Ewigkeit her seit sich ihr Kichern so frei und unbeschwert angefühlt hatte... Erst als ihnen einfiel, dass Brander, Matau und Agni noch immer kämpfen müssten, eilten sie zurück, aus dem Gefängnistrakt hinaus, in den Raum von Elturagi, wieder durch den Gang, hinein in den Eingangssaal... und da standen sie, die zwei Feuer-Toa und der Turaga in seiner Exo-Rüstung. Alleine, nur umgeben von einer Schar lebloser Rahi und einigen Protodermis-Teilen. Ihre Brustpanzer und Masken hatten einiges an Ruß abbekommen und der Exo-Turaga musste wohl ein paar Kratzer einbüßen.

„Aodhan, Hahli!“

Dann rannten sie alle aufeinander zu und hielten sich in den Armen... und als Hahli das Maskenteil der Kanohi Vahi in die Höhe stieß, mussten alle klatschen, sie jubelten und feierten.

„Jetzt benimmt-komisch sich nur mein Hotu. Hm, seht, wie er wild umher hüpft“, hatte Matau bemerkt und in der Tat war der Käfer seltsam drauf. Er hüpfte aufgeregt, als würde er gleich detonieren und plötzlich – er sprang von Mataus Exo-Arm, rannte das Schlachtfeld entlang, bis hin zum ohnmächtigen Körper der Kolonie-Drohne.

„Was will er bloß, unser putziger Feuerrosa?“, fragte sich Brander mit einem breiten Lächeln. Die Gruppe ging ein paar Schritte auf den Leib der Drohne zu.

„Sieht aus, als wolle er ihn auffressen“, sagte Agni und kicherte kurz – er verstummte jedoch schnell, da sonst niemand mitlachte – im Gegenteil, sie alle waren gebannt von dem, was der Hotu tun würde... und es schaute höchst suspekt aus...

Das Rahi krabbelte in den Mund der Kolonie-Drohne und was folgte, war nichts anderes, als das, was die Truppe schon gewöhnt war: Wenn man sich einmal sicher fühlte, würde sofort etwas den Triumph bremsen...

Die Kolonie-Drohne erwachte wie aus dem nichts, sein Körper schwebte plötzlich in der Luft, seine Arme breiteten sich aus, sein Kopf verwandelte sich zu einem gefräßigen Maul, seine Beine verschmelzten zu einem schlangenartigen Körper... Und als sein Schwanz den Boden berührte, kreischte die Kreatur so laut, dass die Steine von der Decke aufprallten...

„Eine Knochen-Schlange!“, bemerkte Agni, und verdeckte sich sofort die Augen bei ihrem Anblick... „Ihr dürft sie nicht anschauen, oder sie versteinert euch... wie die Matoraner aus dem Dorf!“ Hahli sah, wie Brander und Matau Agni nachtaten und ihre Glubscher verdeckten. Nur Aodhan und Hahli starrten sich noch gegenseitig an.

„Feuerstoß?“

„Wasserstrahl?“

Beide nickten – ehe sie in die Luft sprangen, Aodhan einen Strahl aus Feuer und Hahli eine Wasserwelle auf das Rahi schoss. Sie versuchten nicht ihr in die Augen zu schauen, aber das Geschrei, als heißer Dampf der Schlange Schmerz zufügte, ließ Hahli nicht widerstehen, sich das anzuschauen.

„Siehst du die Decke?“, fragte Hahli Aodhan und deutete auf die Kuppel. Der Toa nickte, während die restlichen Mitstreiter langsam die Hände von ihren Augen nahmen und sich ansahen, was Aodhan und Hahli anrichteten. „Gibst du mir dein Flugbrett, ich habe etwas zu erledigen?“

„Wie kann ich dazu nein sagen?“ Mit einem breiten Grinsen fügte er seine beiden Schwerter zusammen, legte sie auf den Boden und mit einem Tritt flogen sie durch den Saal. Hahli nahm Anlauf, sprang auf das Brett und steuerte es in Richtung der Glaskuppel, die das Meer Odinas hinderte, einzudringen.

„Das wird dein Ende sein, Schlange.“

Hahli schoss mit ihrer Armbrust ein Loch in die Kuppel, sodass ein feiner Wasserstrom entwich. Sie spreizte ihre Finger, um eine größere Wasserkugel anzusammeln, bis sie schließlich einen Wasserball von der Größe ihrer ehemaligen Hütte vor sich schweben hatte. Vorsicht flog sie hinunter, wo gerade auch die anderen beiden Toa und Matau sich am Kampf beteiligten.

„Für Metru Nui!“, schrie Hahli.

„Für den Widerstand!“, ergänzte Brander.

„Möge die Freiheit triumphieren“, es war Agni.

„Damit wir wieder fröhliche Lieder können-singen!“, Matau schoss auf die Schlange, ehe sie zu Boden fiel.

„Für den Frieden!“ Erneut schleuderte Aodhan einen Feuerimpuls gegen das Rahi – und dann gesellte sich Hahli dazu. Mit einer Handbewegung schmiss sie die Kugel auf die sich am Boden wälzende Schlange, sie wurde mitgespült von der Wassermasse und floss den Gang entlang, bis ihr letztes Geschrei verstummt war.

Diesmal hatten es Hahli, Aodhan, Agni, Brander und Matau es aber gezeigt: Diese Insel kann sie nicht aufhalten.

Kapitel 19: Das Ende ist erst der Anfang

Die Sonne neigte sich langsam dem Horizont entgegen und färbte den Himmel in einem satten, kräftigen rot... wenigstens eine Sache, die an Odina schön war... diese herrlichen Sonnenuntergänge.

„Was für ein Anblick“, schwärmte Aodhan und Hahli stimmte ihm nickend zu... Es war geschafft, ihre erste Mission war beendet... das Maskenteil lag auf einem kleinen Felsen, mal wurde es von den Wassermassen umrandet, die am Strand angespült kamen...

„Hahli! Aodhan!“

Die beiden Toa wendeten ihren Blick von dem herrlichen Himmel zu Agni, der gerade auf sie zugepurtet kam, Matau und Brander kamen ihm nach.

„Agni, was ist?“, fragte Aodhan.

Der Toa musste erst laut ausatmen, bevor er antwortete... langes Sprinten hatten ihn schon immer müde gemacht. „Wir haben gerade die Gänge durchsucht... und rate mal... dort gibt es einen direkten Weg nach Metru Nui!“

Hahlis Herz hüpfte ihr bis in den Hals... Metru Nui... so nah von dieser Insel... nur ein einziger Gang... ihre Heimat... der direkte Weg, Dume zu stürzen, ihn zu überraschen und zu hintergehen...

„Ja“, bestätigte Brander, „jetzt haben wir die Wahl. Wir stehen vor einer Weggabelung.“

Aodhan überlegte kurz, doch dann fiel sein Blick auf Hahli.

„Ich denke, wir sollten Hahli die Entscheidung überlassen.“

Ihre Augen weiteten sich verwundert aus – warum gerade sie? „Na ja... es klingt schon verlockend, zu sehen, ob Metru Nui immer noch so schön ist oder ob Dume es nicht schon auseinander genommen hat... aber...“ Sie erblickte das in der Sonne funkelnde und hell glänzende Maskenstück der Kanohi Vahi... noch drei weitere warteten in diesem Universum... darauf gefunden zu werden... und die ultimative Waffe gegen Dume zu haben...

„Es ist nur so, ich finde, ich als Toa bin noch ziemlich unreif, um gegen Dume anzutreten oder nach Metru Nui zu gehen. Toa Tuyet hat uns eine Aufgabe hinterlassen... Und dieser sollten wir nachgehen.“

Der Rest der Gruppe stimmte ihr nickend zu – nur Brander kam auf sie zu und nahm etwas aus seinem Beutel.

„Was ist das?“, fragte Hahli, als der Toa ihr den Artefakt zeigte – es war eine Steinplatte.

„Die wurde dort unten angespült, ich denke, sie wird dir mehr helfen.“

Hahli nahm sie verdutzt an sich – es war eine Botschaft, eine Nachricht, die sie schnell durchlas – und mit jedem Wort hätten ihr Tränen kommen können.

Bewohner dieses Universums! Ich schreibe hier aus dem tiefsten Verlangen, meinen Wunsch und meiner einzigen Bitte an Euch alle in dieser Welt – rettet Metru Nui, rettet dieses Inselparadies, von dem ihr so viele Mythen gehört habt und dessen Schönheit beschrieben wird als ein Goldschatz im schönsten Ozean, dem funkelndsten Diamanten zwischen allen Edelsteinen... Wir sind besessen von einem schrecklichen Virus... Turaga Dume hat die Macht an sich gerissen und jeden Tag müssen hunderte von Matoranern unter seiner Regentschaft leiden... Wie lange soll das noch weitergehen? Jeder, der diese Nachricht liest, bitte – folgt meinem Ruf und steht den Widerständlern von Metru Nui bei, sich das Wort Freiheit wieder zu erkämpfen.
Mit dem Wunsch auf die größtmögliche Hilfe, Vhisola.

Hahli schmiss die Platte zu Boden und vergrub das Gesicht in den Händen – vielleicht war es die Trauer um Metru Nui – doch viel stärker, um einiges größer war ihre Freude darüber, dass Vhisola lebt... sie führte immer noch die Rebellion gegen Dume an und wer weiß, welche Schmerzen und Qualen sie auf dem Inselstaat erleben würde... nur weil sie den Frieden wollte.

„Sie lebt“, schluchzte Hahli und Brander nahm sie in de Arm.

„Bist du dir sicher, dass du Metru Nui nicht wieder besuchen willst?“

Hahli dachte nach... immer wieder kam ihr die Kanohi Vahi vor Augen... und gleichzeitig Vhisola... was war richtig, was würde sie tun? Sie schaute Aodhan an, als erwarte sie, er würde ihr die Entscheidung abnehmen.

„Wir tun das, wonach du verlangst, Hahli“, antwortete er ihr nur.

Tja – was sollte als nächstes anstehen...

„Ich kann dir nur so viel sagen“, fing Brander dann an, „ich und Matau wären durchaus bereit, nach Metru Nui zu reisen und dem Widerstand beizustehen.“

Die Toa überlegte weiter – Brander und Matau würden also gehen – und damit hätte Metru Nui keine schlechten Rebellen auf seiner Seite... „Nun“, sprach Hahli dann, „Es ist sehr verlockend... Vhisola wieder zu sehen, meine beste Freundin... aber... Mann, es war mir noch nie so schwer gefallen... aber ich muss meiner Bestimmung nachgehen und die restlichen drei Maskenteile suchen – das ist meine Leistung im Kampf gegen Dume.“

Sie versuchte so stolz wie möglich zu wirken, obwohl sie sich immer noch sehr unsicher war – Vhisola wieder zu sehen, ihre vertraute Kanohi Komau... doch ihr Schicksal würde das nicht erlauben.

„Ich komme mit dir.“ Hahli spürte Agnis Hand auf ihrer Schulter und sie musste matt lächeln.

„Und ich doch erst recht!“

Aodhan kam zu ihr hergeschritten und fiel ihr um den Arm.

„Wir werden das gemeinsam schaffen!“

„Ja, das werden wir.“

„Dann wäre die Entscheidung gefallen“, erklärte Brander und tätschelte Hahli die Schulter. „Wir beide gehen nach Metru Nui und euch - viel Glück auf eurer Mission auf Artidax.“

„Auch von meiner Seite!“ Matau war immer noch in seinem Exo-Turaga zu Hahli gehumpelt und zwinkerte kurz. „Vorher müssen-fahren wir nach Le-Stelt, ich muss schauen, was mit meinen Freunden, dem Rat der Ältesten ist-passiert.“

„Aber sicher, Matau.“

Für die nächste Stunden verbrachten sie die Zeit mit nichts anderem, als sich ständig in den Armen zu liegen, sich die besten Glückwünsche auszusprechen und noch einmal zu lachen, das Abenteuer, das sie hinter sich haben, zu beleuchten und sich über ihre kleinen Fehler lustig zu machen. Matau und Brander haben die Chance nicht verpasst, über die Architektur von Riesen-Frucht-Häusern zu quatschen, während Agni sich in ein altes Buch vertiefte.

„Wartet!“, rief er dann plötzlich und alle wandten sich ihm zu. „Wir bräuchten noch einen Namen für unser Team.“

„Einen Namen?“, wunderte sich Hahli.

„Aber ja. Alle großen Mannschaften haben einen Namen... die Toa Metru, die Toa Karda und ich könnte noch viele andere nennen...“ Die Truppe überlegte für eine Weile.

„Wie wär's mit 'dem Burnak-Team'?“, schlug Matau vor.

„Nein, zu rahi-mäßig!“, entgegnete Aodhan.

„Den 'Odina-Devastatoren'?“, war Branders Idee.

„Wir wollen doch nicht die Vortixx verrückt machen“, erwiderte Hahli und ein Kichern breitete sich in der Runde aus.

„Hm“, grübelte Agni dann. „Ich hätte da noch eine Idee: Toa Vexa! Ein veraltetes Wort für 'Zeit'. Und da wir auf der Suche nach der Vahi sind, ergibt's sich von selbst.“

Alle nickten ihm zustimmend zu, keiner breitete mehr einen weiteren Vorschlag unter... Toa Vexa... die Mannschaft, die die Maske der Zeit vereinen will und ein Zeitalter des Friedens wieder herstellen will... ja... das waren sie... Helden der Zeit...

Epilog: Vereiste Flüsse

Kopeke rannte so schnell er konnte durch die eisige Wüste Ko-Metrus... sie sollten ihn nicht finden, er wollte nur weg von hier... Er hatte sich ein Boot geschnappt, mit dem er endlich von diesem Höllenloch, das einst seine Heimat war, fliehen konnte...

Sie wussten von seinem Vorhaben... sie hatten ihn enttarnt... Er als Diener Dumes, als sein loyaler Gehilfe... Diese Vorstellung war einfach nur krank... aber er hatte das Spielchen mitgemacht, nur um am Ende doch einer Apokalypse zu entfliehen...

Der Schnee peitschte gegen seine Kanohi, und er hatte Mühe durch die hohe Eissicht zu traben, er hatte das Gefühl, er würde immer langsamer werden... Sein Herz war am pochen, die Angst war das einzige, was ihn noch warm hielt... Absurd eigentlich, dass ein Ko-Matoraner wie er überhaupt frieren konnte... Aber das war gefälligst alles Dumes Schuld, dieses Monster!

Kopeke war sich nicht sicher... aber irgendwie hatte er das Gefühl, etwas wie Hoffnung breitete sich in ihm aus – er war schon mehrere Bio marschiert und sie hatten ihn nicht gekriegt – weder die Vahirak, noch diese schmierigen, kaltblütigen Dunklen Jäger.

Metru Nui hatte sich noch einmal komplett geändert. Kurz nachdem dieses Flüchtlingsboot von Vhisola geentert war, hatte Dume seine Gesetze ein weiteres Mal verschärft: Wer zu seiner Arbeit gehen möchte, musste vor seinem Betrieb kontrolliert werden und jeder, der auch nur so aussah, als würde er etwas gegen Dume planen, wurde verschleppt... Kopeke hatte zugesehen, wie ganz normale Kohlii-Spieler mitten beim Training verhört wurden... danach hatte er sie nie wieder gesehen...

Aber trotzdem gab es den Widerstand, angeführt von Vhisola. Kopeke hatte sich überlegt, mitzumachen, zu kämpfen... Doch Dume entgeht nichts, er würde es doch merken, wenn sein ehemaliger Scheindiener plötzlich die Seiten wechselt... solche Leute sind dann die ersten, die in seinen Kerkern unter dem Kolosseum verschwinden... Oder gepeinigt werden, bis ihnen ihre Maske in tausend Einzelteile zerschlagen wird und ihre leblosen Körper den Aas-Gukkos überreicht werden... Gukkos... ja, Kopeke hatte schon vergessen, wie sich friedlicher Vogelgesang anhörte.

Metru Nuis Straßen waren ein Bombenfeld, Vahirak und Matoraner lieferten sich Schlachten, die jedoch nur darin endeten, dass hilflose Insulaner durchspiest wurden und mit Protodermis überquillt auf den Schlachtfeldern lagen.

Koepeke wollte sich das nicht mehr antun, er wollte fliehen – und auf einmal sah er den Hafen Ko-Metrus. Das Wasser war größtenteils vereist, aber es gab immer noch einen schmalen Wasserweg. Und als er sein kleines Boot sah, rannte er noch schneller, egal, ob er seine Fußgelenke nicht mehr spüren konnte oder er sich anfühlte wie ein Schneeball...

Er glitt förmlich den vereisten Steg entlang, konnte sich gerade noch an einem Pfeiler festhalten und plumpste ins Boot. Er kontrollierte noch einmal, ob er alles in seiner Tasche mitgenommen hatte... obwohl es nicht viel war, lediglich ein paar Getränke und mit Beerensaft übergossene Eiszapfen... Er wollte nichts in seiner Reisetasche haben, was ihn irgendwie an Metru Nui erinnert... und diese Pein, die die Insel mit sich brachte...

Er paddelte ein paar Meter von der Küste entlang... nichts regte sich, kein einziges Geräusch, nicht mal die Konturen eines Vahiraks... er hatte es geschafft... er ist von der Insel geflohen... und er war frei... vorerst...


Gresh18s: "Tales of Time"
Storys: Wiege des Schattens | Schicksals-Insel | Herbst auf Artidax | Tales of Time 4: ??? | Tales of Time 5: ???
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